Eichsfelder Zustände im großen Kriege - Ein Zeitbild von Archivrat Dr. G. Liebe, Kgl. Archivar in Magdeburg (1906/1907)

Kriege von langer Dauer pflegen neben dem wirtschaftlichen auch den sittlichen Zustand der Bevölkerung schädlich zu beeinflussen. Die Lockerung der rechtlichen und sozialen Verhältnisse vermehrt die Zahl der Deklassierten und eine unabweisliche Folge langer Kriegszeiten ist stets eine Zunahme der Kriminalistik und des Landstreichertums. Am stärksten hat sich dieser Einfluss immer in den von Soldheeren geführten Kriegen geltend gemacht, wo die schwache Disziplin jenen Elementen aus den Heeren selbst Zuzug verschaffte.

Der Weinbau auf dem Eichsfelde (1904)

Das Eichsfeld ist nicht so stiefmütterlich von der Natur behandelt, wie die meisten oberflächlichen Beobachter und flüchtigen Besucher dieses Landstriches behaupten. Die Ergiebigkeit seines Bodens konnte selbst in einer Zeit, die wenig Mittel zur Förderung der Fruchtbarkeit kannte, mit jedem anderen Gebiete rivalisieren; das beweist die Tatsache, dass im Mittelalter bis in die neuere Zeit auf dem gesamten Eichsfelde in nicht unbeträchtlichem Umfange Weinbau getrieben wurde.

Erinnerungen an das Hochwasserunglück vom 11. Juli 1906 in Helmsdorf (1956)

In diesem Jahre sind am 11. Juli 50 Jahre verflossen, da mein Heimat Helmsdorf von dem verheerendsten Hochwasser dieses Jahrhunderts betroffen wurde. Wer es miterlebt hat, wird diesen Tag mit seinen Schrecken nie vergessen. Nach einem schwülen Vormittag kündigte gegen 1 Uhr nachmittags starkes Donnerrollen das Herannahen eines schweren Gewitters an. Über der Hollau, dem auf einem Höhenzug östlich von Küllstedt zwischen dem Tal der Luhne und dem Tal des Mestelbaches gelegenen Walde, türmten sich gefahrdrohende schwarze Wolkenmassen.

Ein Tag des Schreckens für Katharinenberg im Jahre 1525 (1928)

Vierhundertmal hat sich das Zeitenrad seit jenem Tage um ein Jahr gedreht, aber noch sind die Zeichen jener Schreckenszeit lebendig in unserer alten Kirchenruine.

Die Kriegsteilnehmer Effelders am Freiheits-Feldzuge 1813 (1939)

Effelder wurde mit dem Eichsfelde 1802 preußisch, aber schon 1806 westfälisch. In der preußischen Zeit mögen wohl einige Effeldersche den preußischen Soldatenrock getragen haben, jedoch bekannt ist davon nichts. Von denen jedoch, die als westfälische Soldaten von Effelder im Heere Napoleons am Zuge nach Russland teilnahmen, sind noch einige Beweise, wenn auch spärlich, auf uns gekommen. Es sind folgende:

Der Mauerpfefferkranz an den Giebeln der eichsfeldischen Höhen-Dörfer und anderes Brauchtum um den Johannistag (1940)

Um Johanni leuchten unter den Häusergiebeln in den Dörfern des oberen Eichsfeldes gelbgrüne Kränze hervor. Betrachten wir uns diese eigenartigen Kränze genauer, so stellen wir fest, dass sie aus blühendem Mauerpfeffer gewunden sind. Wir haben es hier mit einem uralten Brauch zu tun, der im Hessischen noch weiterverbreitet und höchstwahrscheinlich ein Überbleibsel aus dem Brauchtum der Sommersonnenwende ist. Man glaubt heute noch, dass die Häuser, an denen ein Johanniskranz hängt, vor Blitzschlag bewahrt werden.

Zur Einweihung der neuen Kirchenorgel in Struth (1933)

Der morgige Sonntag bedeutet für unsere Gemeinde einen Freudentag. In einem besonderen Festakt wird nachmittags um 3 Uhr die neue Orgel eingeweiht. Durch die große Opferfreudigkeit unserer Bevölkerung ist es gelungen, dieses prachtvolle Orgelwerk zu beschaffen. Aus kleinen und kleinsten Quellen flossen die Gaben, bis eine namhafte Summe den Kirchenvorstand ermutigte, die Beschaffung der neuen Orgel in die Wege zu leiten. Das alte Werk wurde am 16. Juni d. J. abgebrochen.

Der Hülfensberg (1925)

Solang‘ der Hülfensberg geehrt,
solang‘ zu ihm die Pilger zieh'n.
Solange wird des Eichsfelds Kraft,
sein Ruhm, sein Stolz, sein Glaube blüh‘n.

Dr. Iseke

Mit diesen Worten beschließt der Dichter des Eichsfeldes sein Gedicht – über unsere alte Wallfahrtsstätte, den Hülfensberg, das Wahrzeichen unserer schönen Heimat, unseres Glaubens, unserer völkischen Eigenart und Zusammengehörigkeit.

Wie die heidnischen Gebräuche unserer Vorfahren durch entsprechende christliche verdrängt wurden, und so das Volk in den Geist der Kirche eingeführt wurde (1930)

„Sehr amüsant!“, entgegnete ich Frau Martha, der ich das Wegegeleit von W. nach G. geben durfte. „Warum finden Sie das so höchst komisch?“, erwiderte die scheinbar in ihrer Ehre verletzte Frau. Haben Sie noch nie in Erfahrung gebracht, dass Schafe zur Rechten Unglück bedeuten?“ Kaum gesagt, war sie in eiligen Schritten um die Herde herumstolziert und freudetrunken rang es sich von Ihren Lippen: „So, nun bin ich gewiss, dass Schafe zur Linken – tun Freude winken!“ –

Die Schicksale des Äbtissinnenstuhles aus dem vormaligen Kloster Zella (1934)

Im Halbdunkel der unteren Empore, des sog. Mannhauses der Struther Pfarrkirche, leicht an die schadhafte westliche Turmwand gelehnt, fristet der alte Äbtissinnenstuhl aus Zella ein wenig beachtliches Dasein. Einsam und verlassen steht er wochentags da. Niemand sucht hier Platz, weil die hohe wuchtige Brüstung den Blick zum Altar verwehrt. Nur des Sonntags öffnet sich knarrend die kleine Tür, um ernste Männer einzulassen. Ein gütiges Geschick bewahrte den Chorstuhl vor der Vernichtung.

Inhalt abgleichen