Der Klausner von „Zella-Friedensspring“ (1926)
Die Buben und Mädels von Lengenfeld kennen das „Altvaterloch“ bei Kloster Zella. Leises Grauen überrieselt die Zaghafteren beim Betreten der dunklen Felsenspalte, mutigere Buben werfen Steine in die gähnende Tiefe und alle lauschen angestrengt auf das Niederfallen derselben in unbestimmter Ferne. Nichts regt sich als die Kronen der hohen Buchen und Tannen des Walddomes — langsam und überbedächtig setzt ein Feuersalamander mit klotzigen Augen seine ungeschickten Füße voreinander. Unbekümmert um die vielen kleinen Menschlein zieht er seine Straße und verschwindet im Dunkel der Höhle.
Die „Klausnerhöhle“ oder das „Altvaterloch“ wird die natürliche Felsspalte bei Kloster Zella geheißen. Der Name deutet ihre einstige Bestimmung. Weit zurück müssen wir unsere Schritte lenken, bis hin ins früheste Mittelalter, als die Sendboten des Christentums auch in unserer engeren Heimat Klöster gründeten, um nun den alten Klausner bei „Zella Friedensspring“ kennen zu lernen.
Das erste Grauen des Morgens erschien über den stolzen Felsen des „Steins“ und der „Klosterschranne“, die mit ihrem südwestlichen Angesichte hinausschauen in das weite Friedatal bis hin zum alten trauten Hülfensberge und zu den im Morgenlicht erglänzenden Felspartien der „Goburg“ und der Silberklippen. Ein lieblicher Purpurschein des fernen Ostens widerstrahlte an den Gipfeln der Tannen und Buchen des weiten Dünberges. Nun klärte die Sonne immer freundlicher ihre Erstlingsstrahlen und spiegelte sich wiederholt in dem kristallhellen Wasser der Frieda.
Endlich fanden sich ihre Strahlen auch in die tiefen Rinnen der Berge, huschten von Baum zu Baum, weckten die gefiederten Schläfer, öffneten den lieblichen Blumenkindern des Waldes die taufrischen Äuglein, beschienen ein liebliches Bild.
Ein alter Klausner tritt aus seiner stillen, friedlichen Felsenzelle. Er ist ein Greis hoch in Jahren, eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung mit hoher Stirn und silberweißem Bart. Tiefe Runen hat die Zeit in sein Gesicht geschnitten, es sind Merkmale schwerer Erlebnisse. Gottes Friede ist über sein ganzes Wesen ausgegossen. Ein schwarzes talarähnliches Gewand umschließt seine Glieder, das mit einem Strick um die Lenden gegürtet ist. Feierlichen Schrittes ist er herausgetreten, begrüßt mit einem Blick nach oben den neuen Tag. Seine Hände falten sich zu kurzem Morgengebet, dann aber ergreifen sie den Strick, des vor der Zelle auf einem einfachen Gestell angebrachten Glöckleins und hell und froh schallt es hinaus in den Gottesmorgen, mischt sich mit dem Gesang der Vöglein, hallt wider von dichtstämmigen Buchen und Tannen, von den nackten Felspartien der umliegenden Berge. Die letzten Klänge sind verhallt, ein milder Ost hat sie auf seine Schwingen genommen und hinausgetragen in weite Ferne. Einige aber sind auch hinabgestiegen, die Glöcknerin des Klosters „Zella Friedaspring“ zu mahnen, ein Gleiches zu tun. Und nun wird es auch da unten lebendig. Die Töchter des hl. Benedikt beginnen ihr Tagewerk. Deutlich dringen die Laute des erwachenden Lebens herauf zum sinnenden Greis. Altersmüde hat er sich auf der rohgezimmerten Bank vor seiner Felsenwohnung niedergelassen.
Es rufen die Glocken der Klosterkirche zum hl. Meßopfer, es künden ihre Klänge den Verlauf der hl. Wandlung. Der Greis kann ihr im Geiste folgen.
Ein froher Schimmer fliegt über sein Gesicht. — Sein Werk! Mögen die guten Nonnen und ihr rühriger Abt weiter geistige und leibliche Nöte der Mitmenschen lindern. Sie sollen die Wunden heilen, die er geschlagen, er der einst gefürchteste mächtige Ritter Tastan, der Räuber und Wegelagerer, der Schrecken seiner Zeit. Gut, daß die fleißigen Nonnen die Bauern den Pflug führen lehren, die Felder zu bestellen, die er verwüstet, daß sie den Armen helfen ihre Häuser aufzubauen, die er in blinder Zerstörungswut zu einem Raub der Flammen machte. Er hat gefehlt, ja, aber er hat auch versucht wieder gut zu machen, was er Böses getan. Darum baute er den Töchtern des hl. Benedikt das Kloster hier in stiller Waldestiefe, schenkte alles Geraubte den Geschädigten und verzichtete für sich auf alles, verließ alle Bequemlichkeit, gönnte sich nicht einmal eine Wohnung in einfachster Klosterzelle, sondern stieg hinauf in eine armselige Felsenhöhle. Einfachste Kost ließ er sich gleich einem Bettler an der Klosterpforte geben. Den Trank holte sich der Greis an der aus der am Abhange des Berges hervorsprudelnden Quelle. Den Tag über sammelte er heilkräftige Kräuter oder flocht niedliche Körbchen. Am Abend saß er oft vor der Hütte und spielte die Harfe, bis das Abendrot verglommen war. — Gern stieg man, ob alt oder jung, hinauf zum frommen Vater in seiner Höhle. Keiner aber kehrte zurück, der nicht gerührt und gebessert wurde und mit neuer Kraft an sein Tagewerk ging.
Wohl klangen die Glocken „seines Klosters“ voller und mächtiger als sein bescheidenes Glöcklein, aber man hörte gern sein Morgen- und Abendläuten und andächtig faltete der rauhe Bauersmann seine schwielige Hand bei ihrem Klang.
Wie ein Stern lichter Höhe leuchtete oft noch in der Nacht sein Höhenlicht weit hinaus, dem einsamen Wanderer Trost zu spenden. Man wußte den alten Klausner noch wach im Gebet oder in stiller Betrachtung vor dem einfachen Bilde des Gekreuzigten. Die Schatten vom Felsen aber um so schwärzer die nächtliche Stille, je lieblicher der Vollmond sein Licht hinaussandte über den schlummernden Wald. Nur ein Waldkauz, der mit neugierigem Auge den „sonderbaren Alten“ eine Weile durch das kleine Fenster beobachtet hatte, zerriß die Ruhe der Nacht mit lautem Geschrei, um in der Tiefe des Eichenforstes zu verschwinden.
Es reichte ein Tag dem andern die Hand im Büßersleben des frommen Einsiedlers, bis die Rechte, die so oft das Glöcklein geläutet hatte, erschlafft den Dienst versagte. Da stiegen besorgte Klosterschwestern hinauf und fanden ihn, das Haupt geneigt wie in süßem Schlummer, ledig alles Erdenleides in Gottes Frieden. Der Todesengel hatte mit der Palme der ewigen Ruhe seine Stirne berührt.
Man trug ihn hinab, um ihm auf dem Klosterfriedhof seine letzte Stätte zu bereiten. Der Klang „seines Glöckleins“ gab ihm das Geleite. Nun ruht er unter hohen Buchen und Tannen, in seinem Wald, den er so geliebt hat, einst als stolzer Ritter und später als bescheidener Einsiedler.
Viele Jahre sind darüber vergangen, harte Stürme sind über die Kronen der Waldriesen dahin gefahren, wilde Horden haben im Bauernkriege und später im Dreißigjährigen Kriege die Mauern des ehrwürdigen Benediktinerinnenklosters umtost, rohe Fäuste haben Meßkannen und Weihbronnen zerschlagen und geraubt, wüster Sang und tobendes Geschrei haben die geweihten Stätten umhallt, gierige Flammen die Dachstühle verzehrt.
Und die Klosterurkunden, die man vor den wilden Mordbrennern im Zellschen Hofe in Mühlhausen in Sicherheit wähnte, sind dort im Jahre 1649 beim Brande ein Raub der Flammen geworden. „Daher kann weder die Zeit der Stiftung, noch der Stifter von Kloster Zella mit Bestimmtheit angegeben werden“. Die alten geistlichen Jungfrauen erzählten den jüngeren die Sage vom Gründer desselben, vom Ritter Tastan und seinem Büßerleben als Einsiedler und so ist sie bis auf unsere Tage gekommen.
Christel Kellner
(Quelle: Hülfensberg-Glocken, Beilage zum Bonifatiusboten, Ausgabe vom 30.05.1926)