Gedicht: Zur Vernichtung der sagenumwobenen Schlappanjesbuche (1926)
Zur Vernichtung der sagenumwobenen Schlappanjesbuche
im Walde Walperbiel zwischen Lengenfeld und Effelder
(Die verlorene Wette)
Bei frohem Gelag und Viertel-Skat,
In gemütlicher Tafelrunde
Halten heute lange guten Rat
Zu mitternächtlicher Stunde
Die Honoratioren der Gemeinde.
— Vergessen den Gebrauch der Reime.
Anheimelnd ist’s im Hotel G.
Im ersten Haus am Orte,
Doch heute gruselt’s selbst Herrn D.
Ob der gehörten Worte.
Gespensterreden viel und bös
Beherzte Männer machts nervös.
„Ich bin verwegen, wie Ihr wißt,
Manch Strauß hab ich bestanden,
Doch heute möcht ich sicher nicht,
Noch in dem Walde landen.“
So spricht der Schalk, den Schnurrbart dreh’nd
Mit leichtem Blick die Rund’ beseh‘nd.
„Nicht ganz so schlimm, Herr D.
Ist’s in den hiesigen Wäldern,
Die wen’gen armen Les’holz — D . . .
Sind längst in ihren Federn.“
Entgegnet drauf der Grünrock flink
Wobei er keck den Eich’stock schwingt.
„Auch ich bin furchtsam nicht,
Was soll die Wette gelten.
Sind’s auch grad hundert Liter nicht
„Zu feig“ laßt mich nicht schelten.
Doch Ihr sagt’s zu, ich stell mich zur Verfügung
Erbitt’ mir Beil und Eichenstock und nun wie heißt die Losung?“
„Du gehst, so sprach Herr D.
Zu seinem T. Kameraden,
Jetzt hin zu der Effelder’sch’n Höh
Und holst im Nebelschwaden
Von der Schlappenjesbuche-Stamm
Ein Stück, so groß wie’n Ziegenlamm.“
Die elfte Stunde naht heran
Herr T. verließ die Runde,
Doch kurz darauf der Grünrock nahm
Die Flinte — pfiff dem Hunde.
Herr D. geleitet ihn zur Linde —
Was führen Böses sie im Schilde?
Herr T. stapft sorglos nach dem Ziel,
Was kümmert ihn der Sagen viel.
Bis jetzt hat der Schlappanjesmann,
Der in der Buch’ soll wohnen,
Noch niemand was zu leid getan,
Er wird auch ihn jetzt schonen.
Der Forstmann, mit Wald und Wegen
Vertraut, erreicht’s zuerst, faßt Posto,
Was macht er sich aus Regen.
Da naht der Freche, er hebt das Beil
Und läßt es niedersausen —
— Ein Blitz, ein Donner — durch Mark und Bein
Und T. ergreift das Grausen.
Im schnellsten Lauf die Flur durcheilt,
Stürzt in den Teich bis an den Leib,
Erblickt noch Licht im Orte,
Dorthin gewandt, find’t er nur wen’ge Worte.
Ein warmes Bett, die Deck bis über die Ohren,
Trotz Kühnheit, Mut — die Wette war verloren.
Und nun, mein lieber Schlappanjesbaum
Nach hundertjähr’gem Odem,
Verruchte Rohling’ zerstört den Traum
Jetzt liegst du tot am Boden.
Konnt’st Blitz und Donner jetzt du senden
Bestrafen diese Bubenhände!
Dann wäre jener Schrecken nicht, die hundert L. gewonnen,
Du ständest jetzt im Sonnenlicht, dem ew’gen Tod entronnen.
Wieviel Geschlechter sahst du schon
Wieviel hätt’st noch gesehen,
Dem Wandrer bleibt — den Stumpf zu seh’n
Zu klein jedoch für deinen Thron.
— Naturdenkmal für immer hin,
Nie wieder zu ersetzen —
Ich bitt’ Euch Landsleut inniglich
Sie mehr und mehr zu schätzen.
Autor: F. W.
(Quelle: Hülfensberg-Glocken,
Beilage zum Bonifatiusboten,
Ausgabe vom 30.05.1926)