Die Schampanjusbuche bei Lengenfeld (1926)

Vor kurzer Zeit brachten die Eichsfelder Zeitungen die Nachricht, daß die alte Schampanjusbuche bei Lengenfeld das Opfer eines gemeinen Bubenstreichs geworden sei. An einem Sonntagabend bemerkten nämlich Einwohner am Waldesrande einen hellen Feuerschein. Man machte sich sofort auf den Weg, um den Brand zu löschen. Aber wie groß war das Erstaunen, als die Einwohner die Schampanjusbuche in hellen Flammen fanden. Trotz der größten Mühe konnte der Brand nicht mehr gelöscht werden, denn die dürren Äste des Baumes boten dem Feuer reichliche Nahrung. Am anderen Morgen bot sich den Blicken ein trauriger Anblick dar. Wo einst die grünen Äste der gewaltigen Buche ihre süßen Weisen rauschten, war jetzt nur noch eine wüste Trümmerstätte. Durch diese Unvorsichtigkeit wurde eines der ältesten Naturdenkmäler des Eichsfeldes zerstört. Den Namen Schampanjusbuche hat der Baum durch folgende Begebenheit erhalten.

Es war ungefähr vor einem Jahrtausend. Riesige Urwälder bedeckten noch Eichsfelds Fluren und Lengenfeld war damals erst ein höchst unbedeutender Ort. Zu dieser Zeit lag in der Nähe von Struth das Rittergut Zoigthe. Der Besitzer desselben war ein gutmütiger Mann. Jeder Arme, der an seine Tür anklopfte, wurde reich beschenkt. Für diese guten Taten segnete Gott aber auch die Familie, denn der Wohlstand derselben vermehrte sich von Tag zu Tag. Doch wie im Leben immer die Rosen neben den Dornen blühn, so sollte auch diese Familie nicht gänzlich von beiden verschont bleiben.

Beachta, die einzige Tochter des Gutsherrn, war einst mit dem Förster in den nahen Wald gegangen. In kindlicher Freude besah sie sich alle Blumen und Sträucher und der Förster hatte nicht Zeit genug, ihr alle Sehenswürdigkeiten zu erklären. In eifrigem Gespräche waren beide auf der Wolfskutte angelangt. Um einen Augenblick zu rasten, ließen sie sich in das grüne Gras nieder. Plötzlich aber hielt der Förster inne, denn ein Gegenstand nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Aus dem Dickicht trat nämlich ein gieriger Wolf. Mit dumpfem Geheul stürzte er sich auf das wehrlose Kind, ergriff dasselbe mit seinen Klauen und zerfleischte es fürchterlich. Der Förster, der sofort die schreckliche Lage erfaßt hatte, ergriff seinen Speer und tötete mit einem wohlgezielten Wurf die Bestie.

Dann wandte er sich zu dem Kind, um die Wunden notdürftig zu verbinden. Nachdem er diese Arbeit erledigt hatte, nahm er die Unglückliche auf seine Arme und eilte mit schnellen Schritten nach der elterlichen Wohnung. Hier angekommen schickte man sofort zum Arzt in der nahen Stadt. Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten, sondern er kam sofort, um das Elend des armen Kindes zu lindern. Doch so sehr er sich auch bemühte, es trat keine Besserung ein. Nach einigen Tagen fiel Beachta in ein heftiges Fieber. Da erst erinnerte sich der Gutsherr seines Bruders, der in der Stadt wohnte und mit ihm in Feindschaft lebte. Schnell befahl er einem Knecht zu seinem Bruder zu reiten, und den Schampanjusmann, denn so wurde er überall genannt, zu bitten, dem Feinde zu helfen.

Der Knecht machte sich auch sofort auf den Weg, um seine Botschaft auszurichten. Am Hause des Kräutermannes angelangt, ergriff er den großen Klöppel und ließ denselben mehrere male auf die starke Eichentür niederfallen. Plötzlich öffnet sich knarrend die Tür und ein alter Mann trat heraus, um die Botschaft in Empfang zu nehmen. Als der Kräutermann von der Not des Kindes gehört hatte, vergaß er den alten Groll und versprach dem Knecht, bald in der Wohnung seines Bruders zu erscheinen. Dann nahm er fünf Knöchelchen, warf sie in die Höhe und betrachtete dann sorgfältig die Lage derselben. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht und er rief dem eintretenden Weibe freudig entgegen: „Mistel und Krötenherz.“ Das Weib untersuchte nun den Arzneischatz. Die Mistel wurde bald entdeckt, jedoch das Herz der Kröte war nirgends zu finden.

Der Kräutermann machte sich nun auf den Weg, um eins der gewünschten Tiere zu suchen. Lange war seine Arbeit vergebens, bis er endlich am Fuße des Stuffenberges eine Kröte entdeckte. Freudig nahm er jetzt sogleich seinen Weg in den nahen Hochwald, um auf kurzem Wege zu dem Hof seines Bruders zu gelangen. Die Dunkelheit war inzwischen hereingebrochen und der Kräutermann hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. Trotzdem aber faßte er sich Mut und setzte seinen Weg fort. Mehrere Stunden mochte er wohl schon im Walde gewandert sein und noch immer hatte er das Ziel seiner Reise nicht erreicht. Zum ersten Male befiel ihn eine unheimliche Angst, denn mit jedem Augenblick faßte der Gedanke, daß er sich verirrt habe mehr Raum. Verzweifelt ließ er sich auf einen Baumstamm nieder, um den kommenden Morgen abzuwarten. Plötzlich schrak er zusammen, denn der Wächter in Effelder verkündete die Mitternachtsstunde. Jetzt dachte er an das arme Kind seines Bruders, welches vielleicht in bitterem Schmerze auf seine Ankunft wartete. Dieser Gedanke gab ihm Mut, er erhob sich und setzte mit schnellen Schritten seinen Weg fort. Er mochte wohl noch keine viertel Stunde gewandert sein, als ihm plötzlich ein Licht entgegen schimmerte. In der Hoffnung, den Hof seines Bruders erreicht zu haben, schritt er rasch auf dasselbe zu. Doch der Kräutermann hatte sich geirrt, denn anstatt das Haus seines Bruders erreicht zu haben, stand er vor einem hellen Schlosse. Wächterlärm scholl aus den Gemächern, denn die Bischofsteiner und verschiedene andere Ritter der Umgebung feierten ihre Feste. Trotzdem aber faßte sich der Kräutermann Mut und pochte heftig gegen das eisenbeschlagene Burgtor. Doch niemand schien ihn zu hören. Endlich, nachdem er schon lange gewartet hatte, öffnete sich knarrend der Torflügel, und ein Diener fragte mürrisch nach seinem Begehr. Der erschöpfte Wanderer bat flehentlich um Obdach während der Nacht. Der Diener hatte kaum die Bitte vernommen, als er auch schon den Hofhund ihm nachsetzen ließ. Dieser zerfleischte den Verirrten fürchterlich.

Bis zur Schampanjusbuche vermochte sich der Arme noch zu schleppen, wo er sich in das Gras niederließ. Nur noch wenige Minuten hatte der Kräutermann zu leben, dann kam der Tod, breitete seinen schwarzen Schleier über dem Alten aus und führte ihn hinüber in die bessere Heimat.

Seit dieser Zeit aber nennt das Volk den Baum die Schampanjusbuche.

Autor: H. Sch.
(Quelle: Hülfensberg-Glocken, Beilage zum Bonifatiusboten, Ausgabe vom 27.06.1926)