Zeitungsmeldungen zum Jubiläum und Weggang des Pfarrers Nikolaus Großheim in Lengenfeld unterm Stein (1893 und 1902)
Lengenfeld, 7. April. Unsere Gemeinde beging am 4. d. M. ein erhabendes und seltenes Fest. Es waren an diesem Tage 25 Jahre verflossen, daß unser hochw. Herr Pfarrer Großheim in unserem Orte als Seelsorger segensreich wirkte. Die ganze Zeit seiner priesterlichen Wirksamkeit gehörte derselbe zunächst als Kaplan, dann als Pfarrer der Gemeinde an. Die innige Theilnahme der Gemeinde an diesem Jubelfeste zeigte, daß er sich die Liebe und Anhänglichkeit derselben im höchsten Maße erworben hat. Am Vorabende des Festes bewegte sich unter den Klängen fröhlicher Musik ein prächtiger Fackelzug durch die illuminirte Hauptstraße unseres Ortеs nach dem Pfarrhause hin. Die Gesangvereine von Lengenfeld und von der Filiale Faulungen wetteiferten mit einander, der Freude der beiden Gemeinden in passend gewählten und sauber vorgetragenen Liedern Ausdruck zu geben. Schulkinder begrüßten den treuen Jubilar durch sinnvolle Gedichte, und eines derselben überreichte dabei den silbernen Ehrenkranz. Darauf ergiff der Herr Schulze Steinwachs, welcher vor 25 Jahren den Jubilar von Heiligenstadt abholte, das Wort, um im Namen der Gemeinde die Gefühle der tiefsten Dankbarkeit und die innigsten Wünsche für die Zukunft auszusprechen. Tief bewegt sprach der Herr Pfarrer der Gemeinde für die Ovation seinen herzlichsten Dank aus und versicherte, daß seine mit Segen begleitete 25jährige Wirksamkeit ihn mit Freude und Genugthuung erfülle. Im Namen der Filiale Faulungen richtete der Herr Lehrer Fick eine Ansprache an den Jubilar. Dieser Vorfeier folgte am Tage des Festes selbst die kirchliche Feier. Der Krieger- und Schützenverein, sowie die Schuljugend mit ihren Lehrern geleiteten den Jubelpriester unter den Klängen der Festmusik zur prächtig geschmückten Kirche, woselbst ein feierliches Hochamt mit Tedeum abgehalten wurde. Die genannten Vereine führten den Jubilar nach dem Gottesdienste zur Pfarrei zurück. Lange noch wird dieser schöne Tag den Gemeinden Lengenfeld und Faulungen in der freudigsten Erinnerung bleiben. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, nach ferneren 25 Jahren den goldenen Kranz auf seinem Haupte zu tragen.
(Quelle: Eichsfeldia, 15. April 1893)
Lengenfeld, 31. Jan. Wie wir hören, hat unser Herr Pfarrer Großheim auf seinen besonderen Wunsch die erledigte Pfarrei Bischofferode unter dem 21. Januar cr. vom hochw. Hrn. Bischof erhalten. Möge Gottes Segen in seinem neuen Wirkungskreise ihn begleiten. Inniger Dank folgt ihm nach, da in die Zeit seiner Wirksamkeit die Erbauung unserer Kirche fällt. Ein treues Andenken werden ihm auch besonders diejenigen bewahren, denen er in schwerer Krankheit ein Berater und Helfer war.
(Eichsfeldia, 1. Februar 1902)
Lengenfeld, 1902
Anfang April.
Aus Anlass des Wegganges von Pfarrer Großheim aus Lengenfeld kam es zu tumultarischen Auftritten, so dass verstärkte Polizei eingesetzt werden musste. Die Volkswut richtete sich gegen den Einwohner Sch., dem man die Schuld an der Versetzung des beliebten Seelsorgers glaubte beimessen zu müssen. Gruppen von Demonstranten zogen die Dorfstraße auf und nieder, randalierten vor dem Hause Sch.-s und warfen sämtliche Fensterscheiben ein. In einer Zeitungsmeldung hieß es:“ ... Sch., der sich bedroht fühlte, gab einige Schreckschüsse ab, worauf der Pöbel sich zerstreute.“
Die Fulda-Werra-Zeitung vom 7. April schrieb: „In Lengenfeld war es gestern und heute ruhig. Der Einzug des neuen Pfarrers verlief wider Erwarten ohne Störung. Das ständige Verweilen der Gendarmerie hat die aufgeregte Menge wieder zur Besinnung gebracht. Wie Eisenbahnpassagiere erzählten, ist am Sonnabend eine halbe Kompagnie Soldaten in Lengenfeld einquartiert worden (was jedoch nicht der Wahrheit entspricht. der Verf.). Gegen 13 der Tumultanten ist Anzeige wegen Landfriedensbruchs, Zusammenrottung, Bedrohung... groben Unfug usw. erfolgt.“
(Quelle: Unveröffentlichte Ortschronik von Anton Fick)
Lengenfeld, 2. April. Auswärtige Blätter lassen sich von schweren Ausschreitungen hierselbst berichten. Es soll gestern Abend – wir citieren nach der „Nordhäuser Zeitung“ – zu Tumulten zwischen zwei Parteien, von denen die eine für, die andere gegen den Ortspfarrer Stellung nahm, gekommen sein. Uns liegen nähere Nachrichten hierüber noch nicht vor. Wir bezweifeln indessen aus Gründen den so bedrohlich geschilderten Charakter der „Tumulte“.
(Quelle: Eichsfeldia, 4. April 1902)
Lengenfeld u. St., 9. April. In den öffentlichen Blättern sind über den Weggang des Herrn Pfarrers Großheim von hier Dinge verbreitet worden, welche die Meinung auftauchen ließen, als sei ein gemeingefährlicher Aufruhr in Scene gesetzt worden. Wir erhalten über die geschehenen Vorfälle folgenden Bericht: Nachdem bekannt geworden war, daß der Herr Pfarrer Großheim seine bisherige Pfarrei verlassen werde, hatten sich mehrere Bewohner zum Bahnhofe begeben, wo bald eine große Menge, zum großen Teil Frauen und Kinder, sich einfand. Herr Johann Wehenkel beging die Unvorsichtigkeit, zu reden und ein Hoch auf den scheidenden Pfarrer auszubringen, wodurch eine gewiße Erregung in die Menge getragen wurde. Um dieselbe Zeit wurden auch die Möbel- und die anderen mit der Habe des Pfarrers beladenen Wagen fortgeschafft. – Die Menge begab sich vom Bahnhof zur Pfarrei, bekränzte die Wagen und begleitete sie dann unter vielfachem Lärm. Bei der Ueberfahrt über die Friedabrücke verlor ein Pferd infolge des angestrengten Ziehens zwei Eisen. Während es nun beschlagen wurde, mußte der Wagen halten und zum Unglück gerade vor dem Hause des Händlers Joh. Schade, der als der Hauptfeind des Pfarrers Gr. angesehen wird. Als die Menge des Schade, der am Fenster stand, ansichtig wurde, fing sie an, denselben zu beschimpfen, ihm zu drohen, ließ den Pfarrer Gr. hochleben tc. – Zehn Personen, wahrscheinlich die Hauptschreiter, wurden zur Anzeige wegen Aufwiegelung, Bedrohung und groben Unfugs gebracht. – Als der Wagen dann weiterfuhr, verlief sich die Menge. Am Abend des Tages nun soll es Freibier gegeben haben bei dem Gastwirt Hugo Richard am Bahnhof – angeblich weil er Namenstag hatte; ob das Freibier von anderer Seite stammte, weiß man nicht. Kurz, es zogen eine Menge junger Leute hinauf zum Bahnhof, trank sich in eine gewisse Aufregung, und als der letzte Zug ankam und einige Lengenfelder sowie zwei Gendarmen, die von unserm Gendarm telegraphisch herbeigerufen waren, ausstiegen, wurden sie von der Menge lärmend empfangen und ins Dorf begleitet. Wegen der Dunkelheit konnten die Gendarmen niemanden erkennen. Vor dem Hause des p. Schade versammelten sich dann – geschützt durch die Dunkelheit, sodaß die Gendarmen nichts ausrichten konnten – verschiedene Burschen, beschimpften den p. Schade, warfen mit Steinen gegen das Haus und die Fenster, um dann, wenn ein Gendarm sich blicken ließ, schnell Reißaus zu nehmen. Am folgenden Abende wiederholte sich der Krawall, aber es war lange nicht so schlimm, es hatte fast nichts zu bedeuten. Jetzt, nachdem schon verschiedene Strafmandate, à 15 Mk., verhängt sind, merkt man nichts mehr vom Lärm. Bei dem Einzuge des Herrn Pfarrers Kirchner kam vorher noch eine Scene mit einem jungen Burschen vor, der am Bahnhof bei dem Empfange rauchte. Im großen und ganzen ist es j. zt ganz still geworden. Vielleicht wäre der ganze Krawall nicht vorgekommen, wenn Pf. Gr. in aller Stille, ohne daß es das Volk wußte, fortgefahren wäre. Schlimmere Excesse sind wahrscheinlich durch die Anwesenheit der Gendarmen, sowie durch die Strafverfügungen verhütet. Die Menge bestand außer einigen wenigen fast nur aus Arbeitern, resp. solchen, die schon in dieser und in der nächsten Woche in die Fremde ziehen.
(Quelle: Eichsfeldia, 11. April 1902)
Lengenfeld u. St., 11. April. In meinem Bericht über die Vorkommnisse bei dem Fortgange des Herrn Pfarrers Großheim wollen einige eine gewisse Animosität gegen diesen entdecken. Dieselbe hat mir fern gelegen. Ich wollte nur objektiv den Sachverhalt vorführen. Jedenfalls wird die Gemeinde Lengenfeld nie der großen und weitgehenden Verdienste vergessen, welche der geschiedene hochw. Herr Pfarrer sich um die Gemeinde und speciell um die Restaurierung unserer Kirche erworben hat. Und daß die Gemeinde Lengenfeld einen guten kirchlichen Standpunkt einnimmt, das hat sie bei dem Einzuge ihres jetzigen Herrn Pfarrers Kirchner bewiesen. Sie hat demselben als Gesandten der Kirche volles Vertrauen entgegengebracht und es wird sicherlich niemand dem freundlichen Wesen des neuen Pfarrers sein Herz verschließen. Das sind gewiß Anzeichen kirchlichen Geistes. Man bedauert hier lebhaft die Ereignisse, welche das Ansehen unseres Dorfes zu schädigen geeignet erschienen, zumal die Berichte in einigen Zeitungen sehr gefärbt waren. Es ist und bleibt – was nochmals festgestellt sei – die Veranlassung der Ausschreitung der unheilvolle Zufall, daß der Möbelwagen vor dem Hause des Händlers Schade infolge des vorerwähnten Unfalles halten mußte. Bereits am zweiten Abend waren wirklich aufregende Scenen nicht mehr vorhanden. Es war damals schon nichts anderes mehr als ein Nachgeplänkel seitens einiger leicht erregbarer Excedenten. – Außerdem teilt uns Herr Gastwirt Hugo Richard mit, daß er das Freibier, wovon unser Bericht letzthin sprach, lediglich seines Namenstages wegen gespendet habe. Niemand anderer habe mit dieser Sache etwas zu thun. Wir bringen auch dieses gen zur Kenntnis unserer Leser.
(Quelle: Eichsfeldia, 13. April 1902)
Bischofferode, 7. Febr. Wie schon gestern gemeldet wurde, ist unser alter Herr Pfarrer Nikolaus Großheim Montag abend 8.30 Uhr sanft im Herrn entschlafen. Noch am letzten Dienstag hatte er sich trotz starker Erkältung in den Beichtstuhl begeben, um seiner Gewohnheit gemäß seinen lieben Pfarrkindern schon mehrere Tage vor dem Herz Jesu-Freitag Gelegenheit zur hl. Beichte zu geben. Des Abends mußte er sich zu Bett begeben, bekam Lungen- und Rippenfellentzündung, infolge deren er schon nach sechs Tagen starb. Geboren am 5. Oktober 1843 in Steinheuterode, wurde er Ostern 1868 zum Priester geweiht, wirkte dann bis 1902 in Lengenfeld, als unermüdlicher Seelsorger zunächst in der Kulturkampfzeit als Kaplan und darauf als Pfarrer. Volle 24 Jahre mußte er die mühsamen Wege nach dem Filialorte Faulungen machen, bei Wind und Wetter. Sonntags 2 Aemter und Predigten und Nachmittagsgottesdienst halten, eine Arbeit, deren Schwere nur der voll begreift, der sie selbst mitgemacht hat. Auch fiel in seine Lengenfelder Tätigkeit der Neubau der schönen gothischen Pfarrkirche, um deren innere und äußere Gestaltung er sich bleibende Verdienste erworben hat. Wiederum sind es fast 15 Jahre, in denen er sich hier als unser Pfarrer so schlicht und geräuschlos, aber um so segensreicher betätigte. Als unverdrossener Beichtvater, als eifriger Verkünder des Wortes Gottes, als Freund der Schule, als väterlicher Freund seiner Holunger Kapläne. Stets sind wir ihm dankbar für die Ausschmückung des Kirchhofes, für Schaffung der lieblichen Grottenanlage, für energische Verfechtung des Pfarrhausumbaues, nicht zuletzt für die Einführung der sonntäglichen Frühmesse. Anspruchslos für sich, hatte er stets eine milde Hand für die Dürftigen und ein gastfreundliches Haus für seine geistlichen Amtsbrüder. Gott möge ihm ein überreicher Belohner sein!
(Quelle: Eichsfeldia, 8. Februar 1917)