Der Hülfensberg im Eichsfelde. Seine falschen Ansprüche und seine wirkliche Bedeutung (1911) Nachtrag von Dr. Klemens Löffler
Am 5. September 1909 hat Pfarrer Osburg aus Bickenriede in der Versammlung des Vereins für eichsfeldische Heimatkunde zu Geismar einen Vortrag über „die Fällung der Donnereiche auf dem Hülfensberge bei Geismar (Eichsfeld)“ gehalten und dann in der „Eichsfeldia“ 1909 Nr. 221–229 (28. September bis 7. Oktober 1909) veröffentlicht.
Da der Vortrag auch als Broschüre erscheinen sollte und ich darauf rechnete, daß er dann mit Nachweisen versehen und überarbeitet vorliegen würde, habe ich damals nicht geantwortet. Diese Broschüre ist aber meines Wissens ausgeblieben. Ich benutze daher die Gelegenheit, die mir hier geboten wird, zu einigen Gegenbemerkungen.
Ein Herr L. G. hat in der „Germania“ (1909 Nr. 215) berichtet, der Vortrag sei „sehr aufklärend“ gewesen und habe „ganz entschieden“ die Streitfrage ihrer Lösung einen guten Schritt näher gebracht.
Ich kann in das Lob leider nicht einstimmen. Die Arbeiten von Wolf und Waldmann und die meinige haben zum mindesten das Ergebnis gehabt, daß sie nach Möglichkeit festgestellt haben, wann die einzelnen „Ueberlieferungen“ über den Hülfensberg aufgekommen sind und wie sich die maßgebenden Quellen zu den Ansprüchen des Wallfahrtsortes stellen. Mit diesen Feststellungen hätte sich ein Kritiker, der ernst genommen werden will, in erster Linie auseinanderzusetzen gehabt. Ich habe darauf bereits in der „Eichsfeldia“ vom 4. September 1909 aufmerksam gemacht, aber da scheint es für den Vortrag schon zu spät gewesen zu sein.
Wie der Vortrag in der „Eichsfeldia“ veröffentlicht ist, kann ich ihn nur für ein Musterbild jener unwissenschaftlichen Apologetik halten, die es fertig bringt, ein klares Quellenzeugnis durch Drehen und Deuteln in sein Gegenteil zu verwandeln, der es ein leichtes ist, Widersprüche zu harmonisieren, die Geschehenes ungeschehen und Ungeschehenes geschehen sein läßt, und die unbequeme Tatsachen, die zu dem voreingenommenen Standpunkte nicht passen wollen, einfach verschweigt, sodaß die Hörer und Leser getäuscht werden.
Man könnte wohl verlangen, daß sich einer der über eine ziemlich verwickelte historische Frage urteilen will, vorher mit den Grundbegriffen der historischen Methode bekannt macht. Hätte der Vortragende das getan, so würde er schwerlich Willibald, den Anonymus von Utrecht, Otloh, Pfister, die Konversationslexika von Brockhaus und Herder usw. friedlich nebeneinander zitiert haben, als wenn die eine „Quelle“ so viel zu bedeuten hat, wie die andere. Und er und seine Anhänger würden auch nicht immer wieder mit dem Einwande kommen: „Wenn man etwas nicht beweisen kann durch fehlende ältere Urkunden (gemeint Quellen), so folgt noch lange nicht, daß es falsch ist.“ Methodisch richtig muß es heißen: „so folgt, daß gar kein Grund vorliegt, es zu behaupten.“
Aber was der Grammatik recht ist, warum soll das der Historie nicht billig sein? Wenn, wie mir Herr L. G. in der „Eichsfeldia“ 1909 Nr. 170 entgegen gehalten hat, über sprachgeschichtliche Fragen auch Leute urteilen, die niemals in ihrem Leben eine Grammatik gesehen haben, so ist es ganz in der Ordnung, daß historische Fragen von solchen „gelöst“ werden, die weder wissen, was eine Quelle, noch was eine Urkunde ist und z. B. von der „ältesten Urkunde von Willibald“ reden.
Leuten, die der Sache ganz ahnungslos gegenüberstehen, kann man auch (wie Herr L. G.) ohne Schaden immer wieder sagen, daß die „Urkunden, die das Dunkel über die Wirksamkeit des hl. Bonifatius auf dem Hülfensberge zu lichten vermochten, ... sicher in der Zeit, als man alles Geschichtliche mit Gleichgültigkeit betrachtete, verloren gegangen“ seien. Denn solche Leute werden sich ja nicht die Mühe machen, sich zu überzeugen, daß aus dem Mittelalter mehr als zwanzig Urkunden über den Hülfensberg erhalten sind, in denen vom hl. Bonifatius auch nicht die Silbe steht. Lichtet das denn nicht auch das Dunkel?
Ein harter Bissen, den die Verteidiger der eichsfeldischen Ansprüche niemals verdauen werden, ist mein Nachweis (vergl. Jg. 6 S. 165), daß der Jesuit Müller, obwohl Eichsfelder und genauer Kenner des Hülfensberges und obwohl er alles sagen wollte, was er wußte, 1651 die Fällung der Donnereiche nicht auf den Hülfensberg verlegte, sondern die Ansicht billigte, daß sie in Hessen geschehen sei. In dem Vortrage ist diese außerordentlich wichtige Tatsache nicht einmal erwähnt. Bequemer kann man es sich nicht machen.
Für jeden, der überhaupt in solchen Dingen urteilsfähig ist, sollte es endlich feststehen, daß die Geschichte von dem Götzen Stuffo und die von der Donnereiche sehr verschiedene Dinge sind, die scharf auseinander gehalten werden müssen. Der Vortragende findet es für seine Absichten zweckmäßiger, sie wieder in eins zu vermengen. Daß dieselben „Quellen“, denen wir den Stuffo verdanken, die Fällung der Donnereiche nach Hessen verlegen, kümmert ihn nicht.
Der erste Abschnitt („Ueberlieferungen des Hülfensberges“) bringt weder neues Material noch beweist er etwas. Ich finde in den Punkten, auf die es ankommt, nur kühne und unbeweisbare Behauptungen. Was die Jesuiten 1583 in ihrem Stücke „Der hl. Bonifatius auf dem Hülfensberge“ aufgeführt haben, wer kann das wissen? Wahrscheinlich die „Fällung“ des Stuffo. 1576 kannten sie nicht einmal diesen, sondern wußten nur von Karl d. Gr. Von der Donnereiche auf dem Hülfensberge aber wußten sie (vgl. Jg. 6 S. 165) vor 1695 (auf Seite 165 ist der Druckfehler 1694 in 1695 zu verbessern) nichts.
Die Schlüsse des Verfassers auf den Inhalt des Stückes, aus der Malerei in der Hülfensbergkirche, aus dem Eichenstücke in der Decke der Kirche stehen in unlösbarem Widerspruche zu allen Urkunden, zu den Schriften der Jesuiten und besonders zu dem Buche Müllers von 1671. Nur auf gedankenlose Hörer und Leser kann, beiläufig bemerkt, die Behauptung wirken, in der Kirche sei nicht viel Platz zum Malen. Wieviel darstellbare Momente gibt es denn in der Geschichte des Heiligen? Freilich, für Herrn O. ist ja der wortreiche, panegyrische, historisch wertlose Anonymus von Utrecht eine Hauptquelle, und da ist ja von „vielen Götterbäumen“ die Rede. Alle diese „Fällungen“ kann man allerdings in der kleinen Kirche nicht abbilden. Das Eichenstück mag man für eine Erinnerung an eine hölzerne Kapelle halten. Und Herr O. mag auch an den Bericht Willibalds, daß Bonifatius eine hölzerne Kapelle gebaut hat, „erinnern“. Aber was ist das für eine Logik, daß er dann so tut, als müßte diese Kapelle, weil er „erinnert“, auf dem Hülfensberge gestanden haben. Andere hölzerne Kirchen hat es wohl nicht gegeben? Bonifatius hatte wohl ein Patent darauf? Die Kirchenbehörde hätte ruhig aus dem Spiel bleiben können. Wenn Herr O. die Geschichte des heiligen Hauses von Loretto, der Reliquien der heiligen drei Könige, des Grabtuches von Turin, des Wunderblutes von Wilsnack usw. kennt, muß er wissen, daß trotz Kirchenbehörden genug Betrügereien möglich gewesen sind. Kennt er sie aber nicht, dann tut er gut, mit seinem Urteile nicht so vorne zu sein.
Auf derselben Höhe steht der Schluß aus dem Namen „Bonifatiuskapelle“. Daß im Mittelalter Bonifatius nicht genannt wird, kümmert Herrn O. und seine Hörer nicht und wann der Name aufgekommen ist, das tut nichts zur Sache. Und weil der Titel „zum hl. Erlöser“ in die Karolingerzeit zurückgeht, deshalb ist Karl d. Gr. auf dem Hülfensberge gewesen!
Eine heidnische Kultstätte wird der Hülfensberg ja wohl gewesen sein. Aber Herr O. weiß es ganz genau. Leider hat er nur das Mißgeschick gehabt, daß er seinen Namenserklärungen nicht den deutschen Namen Donar, sondern den Namen „Thor“ zu Grunde gelegt hat. So hieß der Gott bei den Skandinaviern! Bleibt also nur der Nachweis nachzuholen, daß die Bewohner des „Thorensdorfes“, der Thormühle und des Thorentales Skandinavier waren. Schwer fällt er gewiß nicht bei Leuten, die auch sonst keine Schwierigkeiten kennen. Daß man Geismar und Geisleden auch anders ableiten kann, als von den Ziegen, davon sagt man lieber gar nichts, da ja doch die Ziegen so schön zu dem „Thor“ passen.
„Der Name Bonifatiusbrunnen kann nur davon herkommen, daß der Brunnen früher Sotbrunnen = Taufbrunnen des hl. Bonifatius hieß.“ Also hat Bonifatius hier getauft. Ja die Logik! Gegenfragen: 1) Heißt Sotbrunnen überhaupt Taufbrunnen, und „soten noch 1400“ taufen, wie Herr L. G. sagt? Wo steht das denn? Heißt nicht vielleicht sot weiter nichts wie Brunnen? 2) Seit wann gibt es den Namen Bonifatiusbrunnen? Doch wohl, seit es den Stuffo gibt! Und nicht älter sind auch die „Erinnerungen und Denkmale an den hl. Bonifatius“ in der Werragegend. Ueber den sonderbaren Brauch, den Weg, den ein „großer Mann“ gezogen ist, mit Steinen zu bezeichnen — so muß man doch wohl die Erklärung der Bonifatiussteine verstehen? — würde man gern noch Genaueres erfahren.
Vielleicht schenkt uns Herr O. auch noch eine deutsche Mythologie, zumal da die Gelehrten und Fachleute davon doch so wenig wissen. Seine Erklärung des Stuffo ist so prächtig gelungen, daß es ein Frevel wäre, wenn ich mich daran vergreifen wollte: „Die alten Deutschen hatten überall ihre Götter; hinter jedem Busch, der etwas Merkwürdiges an sich hatte, sahen sie eine Gottheit. Die vielen Namen hätten sie nicht alle behalten können; da nannten sie einfach nach der Gegend ihren Gott: Der Talgott so und so, der Berggott, und als die Bedeutung des Namens Stauf (Felsberg) verloren ging, blieb Stauf allein stehen.“ — also (!) ist dieser Stuffo eben kein anderer als der Gott Thor.
Auf die Erzählung von Karl d. Gr. nochmals einzugehn, lohnt sich nicht. Es bleibt bei dem, was auf S. 167 f. meines Aufsatzes gesagt ist, und ich kann mich bloß wundern, daß Herr O. immer noch der Meinung ist, Karl d. Gr. habe den „Anstoß zur Namensumänderung“ gegeben. Da wird wohl nicht zu helfen sein.
Ganz verfehlt ist der angebliche Beweis, daß das eichsfeldische Geismar zum alten Hessen gehört habe. Die späteren Grenzstreitigkeiten (nach 1247!) tun nichts zur Sache, und es kommt auch nichts darauf an, was man später für hessisch und was für thüringisch hielt. Maßgebend für die alte Namensgrenze sind die Urkunden und die Sprachgrenze. Danach ist, von Aelteren abgesehen, die Grenze gezogen von Dobenecker in seinen thüringischen Regesten, von Hertel und Regel in dem Sammelwerke „Thüringen“, herausgegeben von Regel (Bd. 1. 2. 1892–95), in dem Sammelwerke „Hessische Landes- und Volkskunde“ 1904–1907 und neuestens bei W. Killmer „Hessen und das Reich im frühen Mittelalter“, Kassel 1910, wo man auch Karten findet. Von der Germarmark steht es urkundlich ganz zweifellos fest, daß sie thüringisch war. Und das ist es, worum es sich hier handelt. Herr O. bezieht sein Wissen aus dem Konversationslexikon (!) und dem Buche von Pfister, das ihm zufällig in seinen Kram paßt. Sonst hat es noch keiner ernst genommen. Charakteristisch für seinen wissenschaftlichen Standpunkt ist es, daß er einen Artikel von vier Zeilen in Herders Konversationslexikon für einen Fortschritt ansieht und ihm gegenüber (Eichsfeldia 1909, Nr. 189) meine Arbeit für einen Rückschritt! Dabei stammen die vier Worte, in denen der Fortschritt steckt, wahrscheinlich von einem Eichsfelder, nämlich Herrn Gregor Reinhold in Freiburg.
Sehr hübsch ist, was den Hessen und ihrem Geismar entgegengehalten wird. Sie haben — obwohl in Fritzlar eine berühmte Schule war — keine Silbe gefunden, um die Großtat des Bonifatius zu preisen. Auf dem Eichsfelde ist das anders. Da ist „kaum in dem fünf Stunden vom Hülfensberge entfernten Heiligenstadt eine solche Schule gegründet, da wird schon in Prosa und in Liedern der hl. Bonifatius und der Hülfensberg gefeiert.“ Ei, ei! Wo ist die Prosa und wo sind die Lieder? Im Mittelalter waren wohl die Heiligenstädter Analphabeten? Und vor den Jesuiten gab es wohl keine Schule? Daß sich vor 1695 von der Eichenfällung keine Silbe auf dem Eichsfelde findet, davon schweigt man lieber. Und ebenso wäre es den Hörern nicht zuträglich gewesen, wenn an dieser Stelle etwas darüber verlautet hätte, daß Wigand Gerstenberg für 1493 den Volksglauben in Geismar bei Fritzlar bezeugt. Herr O. mag daraus folgern, was er will, für die Geschichte des Hülfensberges, wie er sie haben möchte, kann dabei nichts gutes herauskommen. Entweder war der hessische Volksglaube richtig, dann ist es nichts mit den Ansprüchen des Hülfensberges, oder er war falsch, dann ist auf den Volksglauben überhaupt nichts zu geben. Und der eichsfeldische ist doch erst 200 Jahre später bezeugt!
Daß metae = fines ist, ad metas also in das Gebiet, oder in Willibalds Art übersetzt, in die Gefilde heißt, versteht sich nach dem ganzen Zusammenhange und bei der Art, wie sich Willibald auszudrücken pflegt, tatsächlich auch jetzt noch von selbst, und Herr O. wird es nicht wegdisputieren. Fines war dem Biographen zu gewöhnlich, deshalb ersetzte er es durch metae. Außerdem weist er mit dem „obsessas antea“ auf die frühere Anwesenheit des Bonifatius in Hessen zurück. Es ist also einfach zu verstehen: „nach Hessen, wo er schon früher gewesen war.“ Dazu kommt noch der von mir (S. 133) betonte Grund, an dem ich festhalte: Bonifatius kam von Westen, Willibald hätte sich also ganz unverständlich ausgedrückt, wenn er die Ostgrenze Hessens gemeint hätte.
Wie kommt es denn auch, daß die Uebersetzer die Stelle immer richtig verstanden haben? Haben sie dem Hülfensberge einen Stoß versetzen wollen? Aber den kannten sie ja gar nicht. Der „Fortschritt“ datiert ja erst von Herders Konversationslexikon an.
Herr O. hat sich, wie er sagt, eine „Auskunft von der Universität Halle“ verschafft. Seit wann erteilen die Universitäten solche Auskünfte? Meint er vielleicht damit, er hat von einem Studenten „das Wörterbedeutungsbuch“ (!) nachschlagen lassen?
Auf die Spitze treibt den Unsinn Herr L. G., wenn er meint, meta, Ziel treffe ebenfalls zu, da Thüringen das Ziel des Bonifatius gewesen sei. Ich nehme zu seinen Gunsten an, dass er den Willibald noch nicht in der Hand gehabt hat.
Auf alle Umstände, die „nur auf den Hülfensberg passen“ gehe ich nicht ein. Das sind Phantastereien, die in den kurzen Quellenbericht hineinspintisiert werden. Einzelnes habe ich schon früher verspotten müssen.
Mit souveräner Verachtung aller neueren Forschungen ist der letzte Abschnitt gearbeitet, in dem der Vortragende vorgibt zu beweisen, daß Bonifatius erst später, nach der Missionstätigkeit in Thüringen und der Gründung Ohrdrufs, nach Fritzlar und Amöneburg gekommen sei. Er schließt sich da an Seiters (1845) an, der aber schon 1846 von Rettberg widerlegt worden ist. Seitdem hat kein ernsthafter Forscher die Behauptung wiederholt, das Amanaburg, wo Bonifatius 722 eine klösterliche Niederlassung gründete, sei Hammelburg, nach Amöneburg sei er erst neun Jahre später gekommen. Aber für das Eichsfeld ist wohl diese verfehlte und veraltete Konstruktion auch im Jahre 1909 noch gut genug? Die Quelle berichtet: Bonifatius kam nach Amöneburg, gründete dort eine bescheidene Niederlassung (cella) und bekehrte dann auch die Hessen an der Grenze der Sachsen (iuxta fines Saxonum Hessorum populum). Damit ist Niederhessen gemeint im Gegensatze zur amöneburger Gegend, nicht Hessen überhaupt. Jene cella erweiterte er später, als er wieder in Hessen tätig war, zu einem Kloster (monasterium). Die Schwierigkeiten, die Herr O. nach Seiters heraussucht, bestehn also nicht. Und Hamuloburg oder Hamalunburg und Hamanaburch oder Amanaburch sind selbstverständlich nicht dasselbe.
Was soll dann nun der Hülfensberg davon haben, daß Herr O. die Geschichte des Bonifatius auf den Standpunkt von Seiters zurückzuschrauben versucht? Er will damit angeblich zeigen, daß Bonifatius nicht von Westen, sondern von Süden kam. Es lohnt sich nicht, daran noch weitere Worte zu verschwenden.
Ganz neuerdings ist nun Herrn O. noch eine „interessante Entdeckung“ gelungen. Wenigstens verkündigt das ein geschäftiger Zeitungskorrespondent in einem Artikel vom 28. April 1911. Der „genannte Pfarrer“ hat aber leider keineswegs das Beil gefunden, mit dem Bonifatius die Eiche fällte, und ebensowenig eine notariell beglaubigte Bescheinigung, daß er es auf dem Hülfensberge getan hat, sondern er hat „festgestellt“, daß die Skelette, die man unter dem Chor der Hülfensbergkirche fand, unter den Fundamenten der alten Kapelle aus dem 11. Jahrhundert (der 1889 abgerissenen Bonifatiuskapelle) gelegen haben, also schon vor dem Bau derselben dort beerdigt sein müssen.
Was folgt nun aus dieser „Entdeckung“? Meiner Ansicht nach weiter nichts, als daß der Hülfensberg in alter Zeit ein Begräbnisplatz war. Für Leute, die „forschen“ und „entdecken“ und „Streitfragen lösen“, ehe sie das höchst notwendige und unentbehrliche Studium der Logik mit Erfolg betrieben haben, heißt die Folgerung anders, nämlich „daß der Hülfensberg also schon vor dem 11. Jahrhundert eine christliche Kultusstätte gewesen ist und wahrscheinlich schon damals eine Kapelle — sicherlich die vermutete hölzerne Bonifatiuskapelle — getragen haben wird.“ Man beachte die prachtvolle Steigerung von wahrscheinlich zu sicherlich in demselben Satze.
Daß der Hülfensberg wahrscheinlich eine alte christliche und vorher heidnische Kultstätte ist, das hat auch vor dieser „Entdeckung“ kein Mensch bestritten.
Das ist es, was ich gegen die neueste Verteidigung der mit Unrecht so genannten eichsfeldischen Tradition hier sagen kann. Wollte man auf alle Einzelheiten ausführlich antworten, so könnte man ein ziemlich umfangreiches Büchlein daraus machen. Aber dazu habe ich weder Zeit noch Lust.
Daß ich Herrn O. und seine Zuhörer und Leser überzeuge, glaube ich jetzt nicht mehr. Als ich meine im vorigen Jahrgang des „Heimatland“ veröffentlichte Arbeit schrieb, hatte ich allerdings diese Hoffnung noch. Wer einen so kritik- und urteilslosen Vortrag „tief durchdacht“ finden, mit größter Spannung „anhören“, mit „brausendem Beifall“ lohnen und die vorgebrachten „Beweise“ „klipp und klar“ finden kann, der ist im beneidenswerten Besitz eines Glaubens, der noch ganz andere Berge versetzen kann als eine „Tendenzschrift“ wie meinen Aufsatz.
Mit der Anerkennung, die ich bei Fachleuten und bei Laien, die bereit sind, in historischen Fragen den gesunden Menschenverstand vor den Glauben zu setzen, gefunden habe, bin ich ganz zufrieden. Ich verweise auf den Aufsatz von Monsignore Schwarz in der „Germania“, den die „Eichsfeldia“ in loyaler Weise abgedruckt hat (1909 Nr. 217). Und der neueste und beste Biograph des Bonifatius, den auch Herr O. mehrfach zitiert, Professor Schnürer in Freiburg, hat meine Darlegung für ebenso übersichtlich wie überzeugend und zeitgemäß erklärt und ihr in allen wesentlichen Punkten zugestimmt.
Damit nehme ich einstweilen vom Hülfensberge Abschied. Solange man nichts Neues vorbringt, sondern mit ebensoviel Eifer wie Kritiklosigkeit das Alte hin und herwälzt, halte ich weitere Erörterungen für zwecklos.
Dr. Klemens Löffler
(Quelle: Heimatland. Illustrierte Blätter für die Heimatkunde des Kreises Grafschaft Hohenstein, des Eichsfeldes und der angrenzenden Gebiete, 7. Jahrgang, Nr. 18, 15. Juni 1911, S. 137–141)