Hans Demme - Das Fräubchen von England (Sagen des Eichsfeldes V, 1965)
Sagen des Eichsfeldes (V)* – Das Fräubchen von England
Nordwestlich von Lengenfeld unterm Stein erhebt sich der 402 m hohe Schloßberg mit seinem stark vorspringenden Fels. Hier stand einst ein Schloß, das bereits vor 1150 erbaut worden war und sich im Besitz der Landgrafen von Thüringen befand.¹ Es hieß wahrscheinlich in Anlehnung an seinen markanten Standort schlicht Schloß bzw. Burg Stein. 1326 erwarb der Erzbischof von Mainz den Besitz und wandelte ihn in ein kurfürstliches Amt mit Vogtei um.² 1409 trägt das Schloß erstmals den Namen „Bischofstein“.³
Über die Zerstörung des Schlosses Bischofstein berichtet folgende Sage:
DAS FRÄUBCHEN VON ENGLAND
„Der König von England kam, von seinem Diener Erich begleitet, aufs Eichsfeld. Auf der Reise über dasselbe wurde er von der Nacht überrascht. Da sah er in der Ferne ein Licht; er ritt dem Scheine nach und kam in das Dorf Flinsberg. Das Haus, aus dem so spät noch Lichtschein fiel, war das Haus des Küsters, der gerade das Tauffest seines Kindes feierte. Er klopfte an die Türe. Der Küster fragte nach dem Begehr des Fremden, und als er hörte, daß dieser sich verirrt habe, lud er ihn in sein Haus ein, ohne zu wissen, wer der späte Gast sei. Der König ließ sich auch nicht lange bitten, trat in das kleine Haus ein, setzte sich mit an den gedeckten Tisch und fühlte sich in dem fremden Kreise recht behaglich. Niemand von den Gästen ahnte, wer der Fremdling wohl sei.
Unter den Gästen befand sich aber auch der Ritter vom Bischofstein, ein böser, geldgieriger Mann, der gar bald bemerkte, daß der Fremde kostbaren Schmuck aus Gold und Edelsteinen trug. Das machte ihn ganz begehrlich, und seine Habsucht schmiedete einen finsteren Plan. Er erkundigte sich im Gespräch so beiläufig nach der Zeit, wann der Fremde am anderen Morgen aufbrechen werde. Als er alles erfahren hatte, was er wissen wollte, auch den Weg wußte, den der König reiten würde, nahm er bald Abschied, holte einige Knechte herbei und legte sich mit ihnen bei Ascherode wohl vermummt in einen Hinterhalt. Als der Erwartete am andern Morgen herankam, stürzte der Raubritter mit seinen Knechten aus dem Versteck, sie überwältigten den Fremden und töteten ihn. Der Diener Erich wandte, als er seinen Herrn stürzen sah, eiligst sein Roß und floh von dannen. Der Bischofsteiner und seine Reisigen verfolgten den flüchtigen Knappen eine Weile, sie ließen aber bald ab, da sie die Habsucht antrieb, nach den erbeuteten Schätzen zu suchen und sie zu prüfen. Sie plünderten den Leichnam aus, warfen ihn dann in einen Brunnen, der am Wege lag, und zogen jubelnd zum festen Bischofstein.
Der treue Diener Erich kam nach tagelangem Ritt und einer Fahrt über das Meer zurück nach England. Dort suchte er die Königin auf und berichtete ihr, was Furchtbares geschehen war. Die Königin, als sie vom Tode ihres geliebten Mannes erfuhr, weinte und klagte zunächst gar sehr. Aber bald drängte der Gedanke, ihren Gatten zu rächen, alle anderen Gefühle zurück. Sie versammelte ein Heer von Rittern, fuhr über das Meer und gelangte, von dem Knappen Erich geführt, endlich aufs Eichsfeld. Erich wußte zwar ungefähr, aber nicht mehr genau die Stelle, wo der König umgebracht worden war. Er wußte auch nicht das Dorf zu nennen, erinnerte sich nur, daß es auf ‚rode‘ geendet hatte.
Da zerstörte das ‚Fräubchen von England‘ alle Dörfer der Gegend, die auf ‚rode‘ endigten. So auch Ascherode und Roderode, welche seit der Zeit wüst liegen. Endlich erfuhr aber die Königin doch, wer der Mörder war, und sie rückte mit ihrer Ritterschar gegen den Bischofstein.
Der Vogt vom Bischofstein lachte nur über das Fräubchen von England und ihre Anstrengungen, seine feste Burg zu erstürmen; denn die Mauern und Türme seiner Festung waren sehr stark. Aber bald staunte er über die Kühnheit der fremden Frau. Alle Kugeln, die man nach ihr schoß, prallten an der Kriegsfrau ab. Da erfuhr der Vogt durch einen Verräter, daß der silberne Schuppenpanzer, den die Heldin trug, gefeit sei und daß er nur mit einer Silberkugel, so groß wie eine Erbse durchbohrt werden könne. Da goß man auf dem Bischofstein schnell kleine Silberkugeln, lud sie und richtete sie auf das Herz der Königin. Schon die erste Kugel traf und durchbohrte das Herz der Frau, daß sie lautlos zu Boden fiel. Da war nun bei ihren Rittern und Knappen viel Jammern und Weinen, und sie sammelten sich um den teuren Leichnam und begruben ihn mit großen Ehren. Dann setzten sie einen Denkstein, der noch bis vor hundert Jahren zu sehen war und nannten den Ort Frauenruh. Dann aber stürmten alle in wilder Wut die Höhe hinan, eroberten die Burg, hieben alle nieder, stürzten die Mauern ein und rollten die Steine ins Tal.“⁴
Diese schöne Sage hat in der Gegend um den Bischofstein, wenn auch in vielen Abwandlungen, weite Verbreitung gefunden. Was kann zu ihrem historischen Kern gesagt werden, und wie ist sie zu deuten?
Nach Augustin Apel wurde das Schloß im Dreißigjährigen Krieg zerstört und erst 1747 auf Geheiß des Mainzer Kurfürsten das jetzige Schloß Bischofstein durch den Baumeister Heinemann aus Dingelstädt errichtet. Als Baumaterial dienten zum Teil die Steine des alten Gebäudes.⁵
Die Zerstörung der Dörfer Ascherode und Roderode im Dreißigjährigen Krieg kann angenommen werden. Wolf-Löffler führen Ascherode als ein Vorwerk von Bernterode, Kreis Heiligenstadt, an (es hat sich demnach als Dorf nicht weiterentwickelt) und bezeichnen Roderode (Ruterode) als Wüstung.⁶
Dem tragischen Tod des in der Sage erwähnten Königspaares muß eine Historie⁷ zugrunde liegen. Natürlich handelt es sich nicht um den König von England und seine Gemahlin, diese waren niemals auf dem Eichsfeld. Wahrscheinlich haben Fantasie und Unbildung des Volkes einen vornehmen ausländischen Kriegsmann zum „König“ werden lassen. Gleiches gilt für das „Fräubchen“.⁸ In jenen Zeiten war es nicht ungewöhnlich, daß sich bei Kriegsleuten auch Frauen aufhielten.⁹
Zum Nachdenken regt der einzige Personenname an, der in der Sage genannt wird: Erich, der treue Diener. Erich (Erik) nannten sich mehrere schwedische bzw. dänische Könige.¹⁰ Es liegt nahe, daß der erwähnte Diener Schwede oder Däne war. Daraus kann man eventuell auf die Herkunft seines Herrn schließen. Kriegsleute aus beiden Ländern hielten sich damals auf dem Eichsfeld auf.¹¹
Auch Überfälle auf einzelne Reisende oder kleine Gruppen von Söldnern waren an der Tagesordnung. Genannt sei hier nur der „Schmied von Niederorschel“.¹² Über eine Mordtat des Ritters vom Bischofstein ist nichts belegt.
Die Sage verbindet vier besondere Ereignisse:
- die Ermordung eines vornehmen Ausländers,
- die Zerstörung der Dörfer Ascherode und Roderode,
- die Tötung der Gemahlin des Herren,
- die Zerstörung der Burg.
Die Person des Dieners bekräftigt die Annahme, daß dem ersten und dritten Ereignis eine Historie zugrunde liegt. Eine Verbindung zum vierten Ereignis drängt sich als Abrundung derselben auf, kann aber ebenso wie das zweite Ereignis im Laufe der mündlichen Überlieferung vom Volk zu einem einheitlichen Ganzen, eben dieser Sage, verwoben worden sein.
Hans Demme
(Quelle: Eichsfelder Heimathefte 1965, Heft 5, S. 297–300)
Fußnoten:
* Beachte die Einführung zu den Sagen, in: EHh, Heft 1/1965, S. 51 f.
¹ Wolf-Löffler, Politische Geschichte des Eichsfeldes, Duderstadt 1921, S. 132.
² Walter Prochaska, Zur Geschichte der Windischen Mark beim Bischofstein, in: EHh, Heft 1/1962, S. 13.
³ Wolf-Löffler, a. a. O.
⁴ Nacherzählung nach C. Duval von Franz Hunstock, in: Walter Prochaska, Eichsfelder Heimatbuch, Heiligenstadt 1956, S. 125 f.
Vgl. dazu: 1. Carl Duval, Das Eichsfeld, Heiligenstadt 1923, S. 154 ff.; 2. Heinrich Waldmann, Eichsfeldische Bräuche und Sagen, in: Programm des Königlichen katholischen Gymnasiums zu Heiligenstadt für das Jahr 1864, Heiligenstadt, S. 20 f.
⁵ Augustin Apel, Kreuz und quer durchs Eichsfeld, Heiligenstadt 1930, S. 149.
⁶ Wolf-Löffler, a. a. O., S. 114 und 115.
⁷ Historie = Geschichte, Begebenheit, Erzählung.
⁸ Fräubchen = junge Frau vornehmer Herkunft.
H. Waldmann deutet in der Verbindung mit der Zerstörung vieler eichsfeldischen Dörfer im Dreißigjährigen Krieg auf die Gemahlin Friedrichs V. (Winterkönig genannt) hin. Demnach könnte Elisabeth, eine Tochter Jakobs I. von England, als „Fräubchen“ Sagengestalt geworden sein.
⁹ Darüber schrieb Hans Jakob Grimmelshausen u. a. wenn auch in anderem Sinne, als es in unserer Sage zum Ausdruck kommt in seinem „Trutz Simplex“, wovon B. Brecht die Anregung zu seiner „Mutter Courage...“ nahm.
„Um sich von der ungeheuren Menschenmasse einen Begriff zu machen, die zu jenen Zeiten in einem solchen Lager Raum fand, muß man wissen, daß sich bei dem damaligen Wallensteinischen Heer wenigstens fünfzehntausend Weiber befanden...“ Zitiert in: Karl Friedrich Beckers Weltgeschichte, Berlin 1830, 9. Teil, S. 101.
¹⁰ Meyers Handlexikon, Leipzig 1883, Bd. 1, S. 586.
¹¹ Vgl. Philipp Knieb, Der Dreißigjährige Krieg und das Eichsfeld, in: Unser Eichsfeld, Heiligenstadt 1911, Heft I-IV.
¹² Ebenda.
Man darf solche Aktionen einheimischer Bauern und Handwerker nicht schlechthin mit „räuberischen Überfällen“ abtun. „Es widerspricht einfach der historischen Wahrheit und läuft außerdem auf eine Verhöhnung der gequälten Menschen hinaus, die dazu noch aus Notwehr handelten, wenn der westdeutsche Historiker Justus Hashagen behauptet, schon damals wäre das Elend durch die Irregulären und Partisanen heillos verschlimmert worden.“ Zitiert in: Max Steinmetz, Deutschland 1476–1648, Berlin 1965, S. 361 f.