Vom Auseinandergehn und frohen Wiedersehen

Irgendwo in einem eichsfeldischen Dorfe steht am Kirchrain ein Heldenmal. Der Herbstsonne müder Strahl glitzert über die zwei weißen Marmorplatten, auf welchen in goldenen Lettern in langen Reihen Namen stehen, Namen von reifen, werterhalten Männern und Namen von jugendfrohen Jünglingen in buntem Gemisch, aber Namen aller, die das gleiche Schicksal trafen: Gefallene Helden.

Oft, wenn ich morgens an dem Ehrenstein dort am Kirchrain vorübergehe, steht auf grauem Sockel eine farbenfrohe Geranie oder eine weiß- oder rotglühende Topfrose und dann weiß ich, dass an einen aus den Reihen, deren Namen dort in Marmor eingegraben sind, im liebevollen, schmerzlichem Erinnern ein treues Herz dachte, sei es nun ein Gedenken an bedeutungsvolle Familienerinnerungstage, wie Geburts- oder Namenstag, Trauungstag oder ist es eine Weihgabe als schmerzdurchbohrten Herzen einer trauernden Gattin, Mutter oder Braut als Erinnerung an jenen Tag, an welchem der liebe Gatte, Sohn oder Bräutigam sein letztes, das Herzblut gab auf blutrauchendem Kampfesfelde fern, fern der Heimat im feindlichem Land …

Und dann kann ich nicht anders … Sinnend muss ich das Auge schweifen lassen über den Gedenkstein und seine Umgebung und in die Vergangenheit, Und ich lasse das Auge über die zahlreichen Inschriften gleiten und die Namen alle, sie kommen mir so vertraut und verwandt vor, denn ach, es sind ja alle Anwohner nur eines eichsfeldischen Dörfchens.

Und mir ist es, als müßte ich die Frage richten an diesen und jenen: Weißt du noch? Und wieder ist‘s als käme die gleiche Frage an mich, irgendwo her, ganz aus weiter Ferne, irgendwo her.

Und dann geht ein Erinnern an vergangene Zeiten, an frohe Kindertage, an Jugendspiel und Kindererlebnisse wie ein feines Geistergewebe, ein Klingen und Singen und … Trauern.

Ja weißt Du noch? … Wie hier am Kirchrain uns sausende Schlitten zu Tal brachten, wie Schneebälle durch die Luft sausten, wie wir im heißen Sommertag am Lochborn „haschen“ spielten, wie wir auf gleicher Schulbank Lebenskunst und Lebensweisheit schöpften? Wo wir dort im nahen Kirchlein, in dessen Schatten wir euch das Gedenk errichteten, das weiße Himmelsbrot aus des greisen Dorfpfarrers Händen empfingen? Wo wir im bunten Ministrantenröcklein Gotteswagen waren, im Weihrauchdufte am Altare knieten? Weißt Du noch: Hest soll mein Taufbund immer stehen!? …

O ihr toten Helden alle: Euer Schicksal ist besiegelt. Und, es musste kommen, wie es kam, Gottes Rat hatte gesprochen, noch ehe wir alle in der Wiege lagen. Und ihr alle, des hege ich die frohe Zuversicht, trugt geborgen im Herzen ein frohes Kindererinnern und nahm euch das harte Leben auch manches Stück, Im Schlachtendonner habt ihr es wiedergefunden . . .

Und wie es mir ergeht beim Anblick eures Grabsteines, um wie viel mehr bewegen sich die Gedanken derer, die euch näher standen, eines Mütterleins altersgrau, eurer Gattin schmerzbewegt eurer Bräute Liebezart im gleichen, unaussprechlichen Erinnern …

So lange die Welt besteht und so lange sie bestehen wird und Adamskinder ihre tränensatten Gefilde bewohnen, singt die Menschheit zwei alle und ewig neue Lieder. Das eine vom Auseinandergehen und das andere vom Wiedersehen. Und ist es euch nicht gesungen in namenlos schmerzlichen Rhythmen und Akkorden, das Lied der Trennung? … Und habt ihr es nicht empfunden in letzter weher Scheidestunde, als euch das Herze brach fürs Vaterland?

Fast dünkt es mich Sünde, an diesen alten Wunden zu rühren, ans Herz zu greifen allen, die es angeht, und geht es uns nicht alle an, wenn, ja wenn nicht ein Lied noch wäre, das vom frohen Wiedersehen …

Und da läuten die Glocken vom nahen Turme gerade, Trauerklang bricht sich an den Heimatbergen ringsum. Wieder hat ein Menschenherz aufgehört zu schlagen.

Nicht mehr so harmonisch wie vor zehn Jahren schwingen die Töne im Äther. Auch sie, die drei Geschwister auf hohem Turm haben ihre Leid- und Klagestunden. Mußte nicht Schwester Konkordia in höchster Vaterlandsnot, nachdem sie so manchem Todestränen weinte, dem sie als Wiegenkind frohes Taufgeläute gab, herabsteigen? Ist nicht auch ihr im harten Kampfgetümmel das Herz gebrochen? Und vergebens haben bis jetzt die zwei Schwestern hinuntergeschaut zum nahen Bahnhof, ob sie nicht wiederkehrt.

Wie klang auch da ein Lied vom jämmerlichen Auseinandergehen. Und doch, die Glockenklage wird ein Ende nehmen. Eines geschickten Meisters Hand wird dem zertrümmerten kalten Erze Formen und Wohlklang geben und ein fühlend Herz, ein Stück seines eigenen Ich’s hineinlegen und lorbeergeschmückt wird sie zurückkommen und die Glockenschwestern werden ein frohes Willkomm der Auferstandenen läuten …

Und darum: Warum so bange Du zagend Menschenherz? Auch Dir wird wieder das ewig alte und ewig neue Lied gesungen werden vom frohen Wiedersehn.

Wie gut, dass Engel ein solches Lied zu singen wissen. Was wäre ohne dies klangvolle Lied ohne Laute das Leben, was ein Grabhügel im Friedhof am Allerseelen, was das graue Sandsteingebilde irgendwo in einem eichsfeldischen Dörfchen am Kirchrain, was Glockenklage vom Turm? …

Getrost, so wie eines geschickten Meisters Hand der zertrümmerten Glocke nach harten Kriegsstürmen Gebilde und Klang zurückgibt und ein Stück seines Ich’s hineinlegt, so wird ein Altmeister über den Wolken den zerschlagenen Menschenleibern alte, alle, Formen, Leben, Lieder und Glorie geben an seinem Tag, und jubelnd werden Menschenzungen und Glockenklänge sich vereinen in einem frohen Liede: Vom frohen Wiedersehen.

Adam Richwien
(Quelle: undatierter Zeitungsbeitrag aus dem literarischen Nachlass Adam Richwiens, Medium unbekannt, Veröffentlichungszeitraum 1925 – 1928)