Mutterängste (Erinnerungen an den 2. Weltkrieg in Struth) (1993)

Wenn ich am abendlichen Bildschirm bei den Tagesnachrichten Meldungen über die täglichen Kämpfe im Kriegsgebiet des ehemaligen Jugoslawien – direkt vor unserer europäischen Haustür – sehe und höre, fallen mir Erlebnisse an die letzten Tage des II. Weltkrieges ein.

Es war Donnerstag nach Ostern 1945, die Amerikaner waren einen Tag vorher mit starken Panzertruppen einen ganzen Tag durch Struth gerollt und hatten das Dorf eingenommen. Auf der Reichsstraße 249 hatten deutsche Soldaten noch Panzersperren im »Kringel« aufgebaut. Diese Sperren wollte man umgehen, daher der Umweg über Struth, um Mühlhausen einzunehmen. Rings um Struth in nordöstlicher Richtung (Kirchberg, Dörnaer Wald, Bickenrieder- und Küllstedterstraße) standen Geschütze und Panzer dicht nebeneinander aufgereiht, alle in Schußrichtung Mühlhausen.

Dieses Massenaufgebot von Kriegsmaterial wollten meine Freunde und ich (15- und 16-jährig) uns am Vormittag dieses Tages ganz nahe und von oben betrachten. Keine Gefahr ahnend und kennend, bestiegen wir den Kirchturm der Struther Kirche bis in die Spitze. Wir schauten uns diese gefährliche, aber auch uns imponierende Militärmaschinerie von oben aus den Schalllöchern an und waren über so viel konzentriertes Kriegsmaterial dicht vor unserem Dorf überwältigt. Es überschritt unsere kindlich-jugendlichen Vorstellungen!

Im gleichen Moment flog ein Aufklärungsflugzeug der Amerikaner nur einige Meter entfernt in gleicher Höhe von uns am Kirchturm vorbei. Ganz deutlich konnten wir den Piloten erkennen, aber auch er hatte zu uns neugierigen Blickkontakt. Aber wir ahnten nichts Böses. Das Flugzeug landete auf dem »Schildchen« bei der Feldscheune, wo auch Militär auf den Feldern war. Einige Minuten später rochen wir Zigarettenrauch, der zu uns im Kirchturm aufstieg. Zunächst wunderten wir uns, woher dieser Rauch kam? Doch plötzlich, auf ganz leisen Sohlen waren drei schwer bewaffnete amerikanische Soldaten vor uns im Kirchturm. Das Herz war uns allen in die Hose gerutscht. Doch einer von diesen sprach sehr gut Deutsch und redete mit uns. Der Pilot des Flugzeuges hatte uns gesehen und dies sofort am Boden gemeldet. Die Amerikaner waren der Meinung, im Kirchturm hätten sich Späher der deutschen Wehrmacht eingenistet. Daher wollte man sich überzeugen, was im Kirchturm los war.

Der deutschsprechende Amerikaner sagte sinngemäß zu uns: »Boys, ihr habt euch in eine lebensgefährliche Situation gebracht. Auf den Kirchturm sind Geschütze und MG’s gerichtet. Im kleinsten Verdachtsmoment hätten die euch durchlöchert.« Mit schlotternden Knien verließen wir mit den Amerikanern den Kirchturm. Es waren anscheinend ein paar gutgläubige und menschenfreundliche Soldaten, die uns unsere jugendliche naive Neugier glaubten und sofort laufen ließen. Die deutschen Sprachkenntnisse des Amerikaners haben uns sicher vor dem Schlimmsten bewahrt. Es hätte für uns und unsere Eltern böse ausgehen können. Doch Jugend kennt keine Gefahr!

In unseren Elternhäusern haben wir wohlweislich hiervon nichts erzählt, erst lange nachdem der Krieg vorbei war. Doch der Kriegstag war noch nicht um. Es sollte noch schlimmer kommen.

In Richtung Küllstedt tobten noch schwere Kämpfe. Es war ein regnerischer Nachmittag. Vor unserem Haus (bei der Kirche) standen große amerikanische Lastwagen. Laufend wurden gefangengenommene deutsche Soldaten gebracht und auf die Lastwagen verladen. Dicht an dicht saßen und standen sie auf den Fahrzeugen. Wieder trieb mich jugendliche Neugier oder Abenteuerlust hinaus zu den Militärlastern. Ich weiß noch wie heute, einen grauen Gummiregenmantel hatte ich an und eine dunkelblaue Skischildmütze als Kopfbedeckung. Um die Laster standen bewaffnete amerikanische Soldaten. Sie hielten mich scheinbar auch für einen deutschen Soldaten, denn plötzlich schnappten mich zwei kräftige farbige Soldaten und beförderten mich kleines »Kerlchen« zu den anderen auf den Lastwagen. Wie eine Fügung des Himmels, stand im gleichen Augenblick meine Mutter im Hoftor und erkannte die schreckliche Stituation. In ihrer Angst und Verzweiflung brachte sie den Mut auf, kam auf den Lastwagen gesprungen und riß mich förmlich herunter.

Es geschah alles in Sekundenschnelle, und ich wußte gar nicht wie mir geschah. Die amerikanischen Soldaten aber auch nicht, sie waren anscheinend so überrascht und überrumpelt. Meine Mutter rief in Todesängsten einige Male ganz laut: »Das ist mein Junge, das ist mein Kind, er ist kein Soldat.« Zu mir sagte sie ganz bestimmt: »Marsch, mach dich rein ins Haus.« Ob die Amerikaner die Worte meiner Mutter verstanden haben, weiß ich nicht. Sicherlich aber die todesmutigen aber auch ängstlichen Gesten einer Mutter, wenn ihr Kind in Gefahr ist. Die bewaffneten Amerikaner ließen dies alles geschehen. Sie legten keine Hand an und krümmten meiner Mutter kein Haar.

Wo nimmt aber eine Mutter in solch einem Moment der Gefahr den Mut her? Wir waren 5 Jungens! Vier davon waren bei der Wehrmacht. Einer davon schon in Rußland gefallen! Und ich der einzige, der noch gesund zu Hause war, befindet sich plötzlich in Lebensgefahr! Vielleicht daher die Kraft und den Mut? Viele dieser Menschen mußten in den letzten Kriegs- und Nachkriegswirren ihr Leben noch lassen. Zwei Tage später flammten die Kriegshandlungen nochmals kurzfristig auf, und unser Heimatdorf wurde zum Großteil in Schutt und Asche gelegt. Dieses traurige Drama zum Kriegsende in Struth ist den Älteren noch in aufrüttelnder Erinnerung. Dachten und sagten wir doch nach Kriegsende: »Nie wieder Krieg.« Aber was ist aus diesem Vorsatz geworden?! Oft muß ich daher beim abendlichen Fernsehen über Krieg und Not an dieses Erlebnis und besonders an meine Mutter denken.

Willi Tasch
(Quelle: „Obereichsfeld-Bote“, Ausgabe vom 10. Dezember 1993 [Nr. 49/93], S. 7 – 8)