Advent – Zeit zum Christstollen-Backen (Erinnerungen an Dr. Bach in Lengenfeld unterm Stein) (1993)
Wenn jetzt die ersten Schneeflocken fliegen, der Advent eingezogen und wir in eine vorweihnachtliche Stimmung kommen, fällt mir ein Erlebnis aus meiner Kindheit ein.
Hoher Schnee lag, die Mutter wollte »Christstollen« backen, aber das Mehl war im Hause knapp geworden. Zu dieser Zeit, waren die allermeisten Dorfbewohner Selbstversorger, da sie eine kleine Landwirtschaft hatten. Wöchentlich wurde Korn und Weizen in der Obermühle in Lengenfeld zu Mehl für Brot und Kuchen gemahlen. Auf Grund der Schneeverhältnisse konnte aber der Müllerbursche - wie er genannt wurde - mit Pferd und Wagen zu seiner wöchentlichen Versorgung nicht kommen.
Unsere Mutter sagte daher: »Jungens, ihr müßt mit dem Schlitten nach Lengenfeld und Mehl holen, sonst kann ich keinen »Christstollen« backen. Mein Bruder Otto und ich nahmen den Handschlitten, packten einen Sack Weizen drauf, und bei herrlichem Winterwetter zogen wir mit fröhlichem Herzen in Richtung Lengenfeld.
Kurz hinter der Grotte, am Ortsausgang Struth, überholte uns ein Personenauto auf der engen, mit Schneewänden begrenzten Fahrbahn. Der Fahrer hielt an und fragte uns, wohin wir mit unserem beladenen Schlitten wollen? Wir gaben ihm zu verstehen, zur »Obermühle« nach Lengenfeld. Er stieg aus, lächelte in sich hinein und sagte warmherzig: »Kommt ihr Jungens, wir binden den Schlitten an mein Auto und ihr setzt euch drauf.« Nichts lieber als das. Also, gesagt und getan! Wir waren glücklich, solch einen Helfer gefunden zu haben und wußten gar nicht wie uns geschah. Die Fahrt ging los, und kurz vor dem Wald kam eine hohe Schneewehe, wo der Fahrer mit Karacho durchbrauste.
Plumps, unser Schlitten fiel um und wir beide lagen mit dem Sack im Pulverschnee. Im Rückspiegel die Situation erkannt, hielt der Fahrer wieder an und sagte: »So geht das nicht!« Er packte mit uns den Sack Weizen in den Kofferraum des Wagens, den Schlitten befestigte er mit dem Strick vorn auf dem Kotflügel. Es war übrigens schon ein Auto mit »Stern«. Und wir Jungens durften in seiner Limousine Platz nehmen.
Von all dem völlig überrascht, blickten wir uns gegenseitig glücklich und zufrieden an und waren stolz wie die »Spanier,« in einem solchen Auto fahren zu dürfen.
Ich sehe auch heute noch, den zufriedenen Gesichtsausdruck unseres Helfers, als ausgewachsener Mann, einen solchen Lausbubenstreich zu machen. Vor der Obermühle in Lengenfeld stiegen und luden wir aus, bedankten uns bei unserem hilfsbereiten Gönner. Nach dem Tausch in der Mühle, stapften wir dann frohgemut mit unserem beladenen Schlitten mit Weihnachtsmehl, bergan auf schneeverwehter Straße nach Struth zurück.
Stolz erzählten wir zuhause die erfahrene Hilfsbereitschaft unserer Mutter und den anderen Geschwistern.
Nun will ich Ihnen auch noch verraten, wer dieser hilfsbereite Mensch war. Wir Älteren kennen ihn alle noch! Es war unser verehrter Dr. Heinrich Bach aus Lengenfeld. Dieses Kindheitserlebnis hat mich immer eine bestimmte Hochachtung für diesen Mann empfinden lassen, wo er doch sonst als sehr vorsichtiger und sanfter Mensch bei uns bekannt war. Und dieses Empfinden verspüre ich auch heute noch, zumal er dann später der Hausarzt meiner eigenen Familie wurde.
In dankbarer Erinnerung
Ihr Willi Tasch
(Quelle: „Obereichsfeld-Bote“, Ausgabe vom 3. Dezember 1993 [Nr. 48/93], S. 8)