Thomas Hagedorn – Lehrer, Organist, Chordirigent und Komponist (1871 – 1926)

Thomas Hagedorn – Lehrer, Organist, Chordirigent und Komponist

Der Komponist Thomas Hagedorn (1871–1926) gilt als einer der bedeutendsten Musiker des Eichsfeldes, dessen Weg vom kleinen Taldorf Hildebrandshausen über das Heiligenstädter Lehrerseminar bis in das musikalische Zentrum Leipzig führte. In seinen Werken vereinen sich die strenge Schule der Regensburger Kirchenmusik mit der ästhetischen Reife seiner dortigen Wirkungsjahre, in denen er in Leipzig-Lindenau als Lehrer sowie als Organist und Chorleiter an der Liebfrauenkirche tätig war. Da sich Hagedorns Todestag am 2. November dieses Jahres zum 100. Mal jährt, erinnert der Wiederabdruck eines zeitgenössischen Nachrufs aus dem „Eichsfelder Volksblatt“ an sein Lebenswerk.[1] In diesem Text würdigt Augustin Apel das Schaffen eines Weggefährten, dessen Werk von kirchenmusikalischen Großformen wie der „Gralsmesse“ bis hin zu volkstümlichen Liedern reicht und dabei stets tief in der klanglichen Tradition seiner Heimat verwurzelt blieb.

Dem Zeitgenossen Augustin Apel konnte bei seiner Würdigung nicht bekannt sein, dass die einfache Melodie „Der kleine Trompeter“ später eine so große Bedeutung haben würde.[2]

Oliver Krebs, im April 2026


Ein biographisch-literarisches Lorbeerreis, auf sein frisches, allzu frühes Grab gelegt von Freundeshand

Thomas Hagedorn stammt aus dem großen wohlhabenden Dorfe Hildebrandshausen, das im äußersten Süden des Eichsfeldes gelegen ist, aber politisch dem Kreise Mühlhausen zugehört. Hier wurde er am 13. Februar 1871 als Sohn des Gastwirtes und Kaufmannes Heinrich Hagedorn geboren. Er besuchte die Dorfschule, die damals der tüchtige Lehrer und vortreffliche Organist Grundmann leitete. Dieser machte die Eltern auf die glückliche geistige Veranlagung und auf das besondere musikalische Talent des Knaben aufmerksam. Dessen Wunsch, Lehrer zu werden, kam dem Rat des Lehrers entgegen, und so durfte dieser dem kleinen Thomas vom 13. Lebensjahre ab Klavier- und Violinunterricht geben, war aber ganz erstaunt über die Erfolge; denn, wie er später des öfteren erzählte, war ihm so etwas von leichtem Erfassen und Verstehen, von andauerndem Fleiß und sicheren Können noch nie vorgekommen. — Starke Einwirkung auf das musikalische Empfinden des Knaben hatte das damals im Dorfe noch in Spinnstube, Gasthaus und auf Straßen eifrig gepflegte wirkliche Volkslied. Dann kam der Jüngling nach Heiligenstadt, wo er von 1885–1891 die Präparandie[3] und das Lehrerseminar besuchte, das er im Herbst 1891 mit gutem Reifezeugnis verließ. Hier war ihm besonders in der Musik eine neue Welt aufgegangen; Seminar und Stadt boten viel Anregung und Gelegenheit zur Weiterbildung; groß und schnell waren die Fortschritte besonders im Klavierspiel; so durfte er bald als Begleiter und Solist in Seminarkonzerten auftreten; das Spiel der 2. Rhapsodie von Liszt war ihm später eine der liebsten Jugenderinnerungen. In jene Tage, wo dem jungen Feuerkopf der Himmel noch voller Geigen hing, fielen die ersten Selbstgestaltungen in Form von Klavierstücken und Liedern; so wurde Hagedorn der Liebling seiner Lehrer und Mitschüler. — Nach seiner Entlassung wirkte Hagedorn vom Oktober 1891 bis April 1893 als Lehrer und Organist in Liebenwerda, von April 1893 bis dahin 1900 in gleicher Eigenschaft und als Chordirigent in Helbra bei Eisleben, von da ab in gleichen Ämtern an der katholischen Volksschule und an der Liebfrauenkirche zu Leipzig-Lindenau. Hatte der junge Lehrer als Musiker in seinen ersten Stellungen bedeutende Anregungen erhalten durch den Genuß musikalischer Leistungen von Chören und Künstlern aller Arten in mehreren Großstädten, so freute er sich unendlich, als er seine Anstellung nach Leipzig erhielt, der Stadt mit weltberühmten Musikpflegestätten (Konservatorium, Gewandhaus, Thomanerkirche), wo Männer wie Bach und Mendelssohn die Unsterblichkeit empfangen und verteilt hatten, wo Professoren, Künstler und Chöre tagtäglich Vollendetes lehrten und schufen. Hier war Hagedorn an rechten Quellen; hier schöpfte er reichlich für Geist und Gemüt für Übung, Können und Darstellung. Denn in der Musik ist hören, viel mustergültiges Hören, das erste und fortwährend Nötige. Doch vernachlässigte Hagedorn seinen Lehrerberuf keineswegs; dafür sorgte seine ernste tiefinnerliche Berufsauffassung, der gutkatholische Sinn, das beste Erbteil des Vaterhauses, und das treffliche Vorbild eines braven katholischen Lehrers in Leipzig, der zugleich in hoher musikalischer Begabung Vollendetes als Dirigent des Kirchenchores an St. Trinitatis bot: Hugo Löbmann[4], der sich den Doktortitel unter Professor Riemanns[5] Leitung an der Universität erwarb. Das alles gab dem Streben Hagedorns unablässig Anregungen, aber auch ästhetische Läuterung und ganz bestimmte Richtung; zugleich drängte aber die starke musikalische Schaffenskraft, die sich schon in vielen Veröffentlichungen glücklich gezeigt hatte und die durch stetig erneute Belobigungen angespornt wurde, aus dem stärksten katholischen kirchenmusikalischen Brunnen Deutschlands zu trinken: Hagedorn besuchte 1895 die Kirchenmusikschule zu Regensburg.[6] Hier wies ihm der hochbegabte Musikforscher und Dirigent, Direktor Dr. [Franz Xaver] Haberl die rechten Wege; Professor [Michael] Haller, der geistreiche und doch als Mensch so gütige Künstler, führte ihn in die Geheimnisse des Kontrapunktes ein und zeigte ihm die praktischen Griffe für einen katholischen Kirchenmusikkomponisten, während ihm die Aufführungen der klassischen Vokalkompositionen durch den weltberühmten Domchor ein lebendiges Bilderbuch aller Jahrhunderte seit den Tagen des frühen Mittelalters aufschlugen.

Das war von entscheidendem Einflusse auf das nun folgende kirchenmusikalische Schaffen Hagedorns. Von Regensburg kam der Fünfundzwanzigjährige voller Tatkraft und Schaffenslust an Orgelbank, Dirigentenpult und Schreibtisch zurück, um nach und nach zum Meister in allem diesem zu werden. In Leipzig trieb Hagedorn weiter fleißig musikalische Studien, besonders im Instrumentieren bei anerkannten Meistern; er wurde hauptsächlich Chorkomponist. Sämtliche Werke wurden von der Kritik günstig aufgenommen und erfuhren dadurch weiteste Verbreitung Im März d. J. umfaßte das Verzeichnis der gedruckten Werke ein halbes Hundert, während die Einzelnummern weit über 100 Teile aufwiesen, da manches Opus aus mehreren Heften besteht. Die gute Schulung im strengen Kontrapunkt zu Regensburg gab den Formen eine klassische Abrundung und den Stimmen einen naturgemäßen Fluß; der Reichtum an sangschönen Motiven des Chorals (des wirklichen gregorianischen Chorals) verlieh selbst seinen weltlichen Werken eine Originalität, die manchmal zunächst etwas herb, ja fremd klingt, dann aber immer mehr zum Wohllaut wird und allen seinen Kompositionen hohen musikalischen Wert verleiht und damit lange Dauer, ja Klassizität. Von seinen Männerchören sind z. B. zu erwähnen:

  • op. 16. 1. Ein Vöglein singt im Walde. 2. So einer war auch er. 3. Vagans scholasticus. —
  • op. 17. 1. Morgengebet. 2. Das Glück (nach einem Eichsf. Volksliede). 3. Untreue. —
  • op. 26. 1. Reiterlied. 2. Nun wird es Nacht. (8st.). —
  • op. 27. 1. Zur Trauung. 2. Zur Hochzeit. —
  • op. 36. a) Requiem. b) Auf ferne Gräber.

Welch eine ergreifende Wirkung dieser Chor im Rahmen einer stimmungsvollen Gedächtnisfeier ausüben kann, das haben alle Lehrer des Eichsfeldes erfahren, als bei der Enthüllung der Gedächtnistafel für die gefallenen Zöglinge des Lehrerseminars zu Heiligenstadt[7] der damalige Seminarmusiklehrer [Augustin] Apel gerade diesen Chor zur Darstellung ausgewählt hatte. Von den gemischten Chören sind hervorzuheben:

  • op. 28. a) Ave Maria; b) ein Gleiches für Solostimme, Chor, Violine und Orgel. —
  • op. 31. a) Kreuzhymnus. b) Wer mein Jünger sein will. —
  • op. 32. Lateinische Gesänge, 26 Hymnen und Motetten für 3–6 Stimmen. —
  • op. 34. Drei Gesänge für Kriegsandachten.
  • op. 39 Marienlieder (12 f. gem. Chor).
  • op. 43. Sieben Weihnachtsgesänge.

Andere Lieder und Kompositionen sind z. B.

  • op. 1. Mazurka für Klavier
  • op. Marsch und Lied: „Mein Eichsfeld“, ferner Kinderlieder für Schule und Haus, Weihnachtslieder, Melodramen usw.

Zu den größeren Kompositionen sind zu rechnen: Das Oratorium „St. Benno“, Uraufführung im Manuskript 1902, von der Fachkritik glänzend beurteilt. — Die sieben Worte Jesu am Kreuze. Geistl. Kantate für Soli, Chor, Streichquartett, und Orgel. op. 38.

Die Monatshefte für katholische Kirchenmusik schrieben: „Ein empfehlendes Chorwerk für Kirchenchöre mittlerer Größe. Die Chöre sind recht wirksam gesetzt und in ihren harmonischen Bewegungen recht vornehm.“ Leipziger Kirchenblatt: „eine Musik, die auf ernster, gefühlswarmer Versenkung in den erhabenen Stoff beruht, weiß mit bescheidenen Mitteln tiefen Eindruck hervorzurufen.“

In der „Gralsmesse,“ Missa solemnis für sechs ungleiche Stimmen, hatte er sich die herrliche Aufgabe gestellt, die Themen, die Richard Wagner aus den gregorianischen Choral für seinen Parzival verwendet hatte, (Abendmahls-, Grals- und Glaubensmotiv) für die Verherrlichung der katholischen Meßfeier zu verwerten. Er schuf eine sechsstimmige Messe a capella in kontrapunktischem Stile der Alten mit reicher Abwechselung in Stimmenzahl und Zusammensetzung, an homophonen und polyphonen Stellen, leicht an Sangbarkeit, da das diatonische Prinzip des Chorals festgehalten ist; es war eine schwere Aufgabe, die jedoch glänzend gelöst wurde. Die Messe bietet eine wertvolle Bereicherung unserer kirchlichen Musikliteratur. Sie wurde am 21. Januar 1925 im Dom zu Regensburg uraufgeführt vom Domkapellmeister [Franz Xaver] Engelhart, der die überaus günstige Wirkung dem Komponisten brieflich mitteilte. Hohes Lob zollten deutsche und schweizerische Blätter, auch Siegfried Wagner-Bayreuth, der Sohn des großen Richard Wagner. Erfolgreiche Erstaufführungen von Männerchören vermittelte u. a. der Leipziger Lehrergesangverein unter Leitung des berühmten Dirigenten Hans Sitt; ferner haben der Universitäts-Kirchenchor, der Domchor u. a. erstklassige Vereinigungen eine Hagendornsche Komposition in ihr Repertoire aufgenommen. Großer Erfolg war auch der „Neuen deutschen Singmesse“ beschieden, die im Auftrage des Musikausschusses vom Ortskomitee eigens für den Katholikentag in Stuttgart 1925 komponiert war; hier erzielte sie beim Pontifikalamte im Freien, das der päpstliche Nuntius Pacelli[8] zelebrierte, die nachhaltigsten Eindrücke und wurde von der gesamten Presse, endlich im „Festblatt,“ und vom Dirigenten, dem Rektor Sauter, gebührend gelobt.

Zahlreiche Manuskripte kirchlichen und weltlichen Charakters harren noch, wie mir der Verfasser selbst im März dieses Jahres schrieb, der Veröffentlichung. Hagedorn hat in den letzten Jahren viel durch Krankheit gelitten; nun hat er ausgerungen von allem irdischen Weh und ist eingereiht in den „Gemischten Chor“ der himmlischen Geister; denn wer so viel getan hat zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Nächsten, wer in hunderten von Kirchen und Kapellen, die Betrübten getröstet, die Jubelnden zu Gott geführt hat, dem werden menschliche Mängel verziehen, wenn er eintreten will in die reine Seligkeit des Himmels. Hagedorn hatte viel Talente empfangen; hat aber auch fleißig mit ihnen gewuchert. Gottes Hand hat ihn sicherlich geführt zum rechten Ort für das Studium katholischer Kirchenmusik: nach Regensburg, damit er im Strudel einer modernen Großstadt nicht verloren gehe; denn diese Gefahr droht dem leicht erregbaren Gefühl eines begabten Musikers besonders; Hagedorn hatte das Glück, von den kleinlichen Gesichtspunkten des engen Dorflebens einer Eichsfelder Kleinstadt entrückt zu sein, wo immer noch der alte Schaden weiterfrißt, daß der Sicherhebende mit scheelen, neidischen oder mißgünstigen Augen betrachtet, ja zuweilen mit Hervorkramen von familiären oder persönlichen Mängeln niedergeschlagen wird. In einer Großstadt kümmert man sich um das Kleinliche nicht; da gilt nur das Können, die Leistung des öffentlich Auftretenden, das Talent, — und das hat sich in Hagedorn durchgerungen: seine Werke gehören der Zukunft, dem deutschen Volke, sein Name der Musikgeschichte. Ehre seinem Andenken!


Fußnoten

[1] Apel, Augustin: Ein biographisch-literarisches Lorbeerreis, auf sein frisches, allzu frühes Grab gelegt von Freundeshand. In: Eichfelder Volksblatt vom 11.11.1926.

[2] Anhalt, Peter: Ein Hildebrandshäuser komponierte die Melodie des Liedes „Der kleine Trompeter“. EHZ 62 (2018), S. 221 f.; vgl. Opfermann, Bernhard: Gestalten des Eichsfeldes. Ein biographisches Lexikon. 2. erweiterte und bearbeitete Auflage. Heiligenstadt 1999, S. 129.

[3] Eine Präparandenanstalt (oder Präparandenschule) war vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die untere Stufe der Volksschullehrerausbildung. Sie bereitete auf den Besuch der Lehrerseminare vor, woraus sich auch die Bezeichnung Präparand (lateinisch Vorzubereitender) für die Schüler dieser Einrichtung ableitet. Die Ausbildung begann unmittelbar nach dem Ende der Volks- beziehungsweise der Mittelschule.

[4] Dr. Hugo Löbmann (1864-1945), gebürtig aus Schirgiswalde, stammte wie Hagedorn aus einem katholischen Elternhaus und war Lehrer sowie Organist in Leipzig; später war er Schuldirektor, Schulinspektor und Verfasser musikalischer Fachliteratur.

[5] Prof. Hugo Riemann (1849-1919), Musiktheoretiker und -historiker.

[6] Diese war auch auf dem Eichsfeld bekannt; vgl. Anhalt, Peter: Eichsfelder Absolventen der Kirchenmusikschule in Regensburg. Leben und Werk von Karl Wüstefeld, Georg Henkel und Hugo Hartmann. In: EJb 25 (2017), S. 211-240.

[7] Sie wurde 1923 eingeweiht, 1935 an das Heimatmuseum übergeben und gilt seitdem als verschollen.

[8] Eugenio Pacelli war von 1920 bis 1929 als Apostolischer Nuntius in Deutschland tätig. In dieser Funktion nahm er am 64. Deutschen Katholikentag teil, der vom 27. bis 31. August 1925 in Stuttgart stattfand. Dort zelebrierte er am Sonntag, den 30. August 1925, das Pontifikalamt auf dem Schlossplatz vor rund 100.000 Menschen – genau bei diesem Anlass kam Hagedorns „Neue deutsche Singmesse“ zur Aufführung. Pacelli wurde später, im Jahr 1939, als Pius XII. zum Papst gewählt.