Von Dummheiten und Krisenkommunikation - Kurzfassung

Hinweis: Im Lengenfelder Echo, Juni-Ausgabe 2026, ist aus Platzgründen diese Kurzfassung des ursprünglichen Beitrags erschienen.

Kommentar von Stefan Barsuhn

Am 16. Mai erreichen mich die Vorwürfe „verbale[r] sexualisierte[r] Grenzverletzungen“ gegen Pfarrer Bolle auch in Australien. Als klar ist, dass ihm kein Missbrauch, sondern salopp gesagt „schlechtes Benehmen“ vorgeworfen wird, fange ich an mir Fragen zu stellen. Einerseits Pfarrer Bolle, der die kalkulierte Provokation seit Jahrzehnten atmet, und in der heutigen Welt einfach damit rechnen musste, dass irgendwann ein digitaler Beweis auftaucht. Andererseits das Bistum, das ihn doch genau wie wir kennt und nun den betroffenen Bischof samt Jugendamt und Medien-Entourage nach Struth schickt. Und dann sind da noch diese „finanziellen Unregelmäßigkeiten“, die der TA nur eine Randnotiz wert sind.

Ich frage also nach: Das Bistum, Pfarrer Förter und dessen Vorgänger, Generalvikar Trost, antworten mir, Pfarrer Bolle möchte sich nicht äußern. In Bezug auf die eigene Kenntnis rudern Förter und Trost plötzlich zurück: Förter bestreitet, dass er laut TA „nicht überrascht“ war, räumt aber ein, dass Bolles Stil „mehrfachen Anlass zur Kritik“ gegeben habe. Trost möchte die von der TA erwähnten „Kenntnisse von grenzverletzendem Verhalten“ doch nicht gehabt haben. Und das Bistum klärt auf, es habe zuvor nur Kenntnisse von „für einen Priester unangemessene[m] Verhalten (z.B. sexistische Witze)“ gehabt.

Auf das Ausmaß der „finanziellen Unregelmäßigkeiten“ gehen Bistum und Generalvikar jedoch detailliert ein: Demnach fehlt bereits im Frühjahr 2023 erstmals nachweislich Geld – etwa bei Kollekten oder den Spenden für Messintentionen und Beerdigungen. Der Verdacht fällt auf Bolle und erhärtet sich im Juni. Die Angelegenheit wird nach Erfurt gemeldet, im Spätsommer 2023 gibt es Gespräche. Bolle erhält Auflagen: Vier-Augen-Prinzip, verschlossene Beutel und Umschläge im Umgang mit Geldern. Außerdem gleicht er den fehlenden Betrag aus, betont jedoch, dass dies kein Schuldeingeständnis sei. Die Gemeinde erfährt nichts. Strafanzeige wird nicht erstattet, auch nicht gegen Unbekannt.

Laut Bistum hält sich Bolle danach an die Auflagen, und doch will der Bischof ihn im Herbst 2025 auf einmal versetzen – ausdrücklich vor dem Hintergrund dieser Vorfälle. Bolle lehnt ab. Um Weihnachten herum eskaliert die Angelegenheit dann weiter: Bolle habe „gegen die Auflage[n]“ verstoßen. Am 22. Januar wird er nach Erfurt zitiert, zu einem Krisentreffen mit Generalvikar und Bischof. Er spricht laut Bistum von der „größte[n] Dummheit, die ich machen konnte“ – und stimmt seiner Versetzung schließlich zu. Der Gemeinde wird es am 9. März als „Wunsch nach Veränderung“ und „gesundheitliche Vorsorge“ dargestellt. Vom fehlenden Geld weiter kein Wort.

Wer sich nun zwischen Bolle und Bistum entscheiden möchte, darf sich stattdessen auch über beide ärgern, oder sollte zumindest nicht vorschnell urteilen.

Denn es ist zumindest ungewöhnlich, dass mir das Bistum derart ausführlich auf meine Fragen zum Geld antwortet. Ich bin mir sicher, dass Kalkül dahintersteckt: Fokus auf die Fehler anderer, damit die eigenen nicht auffallen. Doch die Versäumnisse des Bistums wiegen schwer: Mindestens alle fünf Jahre müssen Priester laut Bistum an einer Fortbildung zur Prävention teilnehmen. Bolle tat dies von 2016 bis 2026 zehn Jahre lang nicht. Das Bistum belässt es bei „Aufforderungen“, erklärt mir aber gleichzeitig, dass [s]exueller Missbrauch [...] bereits bei anzüglichen Bemerkungen […] gegenüber […] Jugendlichen“ beginne, auch wenn dies nicht strafbar sei. Wenn man so enge Maßstäbe ansetzt, darf ein Priester mit Bolles Risikoprofil nicht mit Jugendlichen arbeiten. Erst recht nicht, wenn er verpflichtende Schulungen versäumt. Lässt das Bistum ihn dennoch, hat das im Jahr 2026 enorme Sprengkraft. Die Details über Pfarrer Bolle verkommen so zum reinen Ablenkungsmanöver, denn einen Hinweis auf Selbstkritik suche ich in der langen Antwort des Bistums vergebens.

Das Risiko der Entlarvung ist zwar größer geworden, die Krisenbewältigungdafür professioneller, aber die Methode ist nach wie vor die Gleiche: Brisante Themen werden intern geklärt, solange es geht („Grenzverletzungen“) oder es der eigenen Agenda dient („Unregelmäßigkeiten“).

Ich bin enttäuscht, wie sicher die meisten, die sich für unsere Gemeinde engagieren – oder überhaupt noch in die Kirche gehen. Von Pfarrer Bolle. Aber auch vom Bistum.

Der Autor engagiert sich seit über 30 Jahren ehrenamtlich für unsere (Pfarr-)Gemeinde. Er lebt heute an der Gold Coast in Australien.