Wilhelm Bösche - Erinnerungen an meine Zeit in Lengenfeld unterm Stein (1914) (betreffend das Zigarrengewerbe im Südeichsfeld)
Teil 1: Wie ich Lengenfeld unterm Stein 1914 sah
Am 30. März 1914 um 21.14 Uhr traf ich in Lengenfeld u./St. ein. Ich wurde von einem Kollegen am Bahnhof abgeholt. Es war gut, denn sonst hätte ich den Weg nach Hildebrandshausen eingeschlagen, da ich von einem Ort, der 1750 Einwohner zählte und wo eine große Brücke über hinwegging, nichts sah.
Wie ich am Bahnhofshotel, den Häuser Schwehr und Josef Weidemann vorbei war, sah ich in dem Dämmergrau als erstes Haus das Krankenhaus und dahinter die schöne Kirche, wie ich näher kam. Die Treppe zur Kirche führte von der Straße zur Verlängerung der Kirche und war ein Hindernis für lange Holzfuhren in der Kurve. Die dicken Lindenbäume waren schön und es war auch schön, dass ich einen Teil der Brücke neben der Gemeindeschenke sehen konnte. Den Tanzsaal an der Schenke habe ich als Keller über der Erde angesehen, bis ich um diese herum kam und die andere Seite mit den Treppen sah. Am Vordereingang zur Gaststube hing das Gebirge herab bis auf die untere Straße. In der Backgasse sah ich das alte Spritzenhaus und kam dann bald in mein Logis bei Familie Ernst Hildebrand, wo auch meine Wohnung gemietet war. Die erste Nacht habe ich in Lengenfeld u./St. gut geschlafen, aber mich störte, dass keine Kirchenuhr die Zeit verkündete, wie ich dieses von Süddeutschland her gewohnt war. Im Sommer desselben Jahres bekam die Kirche dann aber auch eine Uhr, wo sich wohl jeder über gefreut hat.
Es war damals noch nicht alles so sauber und schön, wie es hätte sein müssen, wo sich Lengenfeld u./St. als „Sommerfrische“ bezeichnete und die Schule oben auf Bischofstein war. Die Hotels, Gasthäuser, Schlachtereien und Bäckereien, dazu das Krankenhaus, Apotheke und zwei Ärzte passten in den Rahmen, aber die Gemischtwarengeschäfte waren nicht auf der Höhe, sonst wären nicht dreimal in der Woche zwei Händler von Heyerode mit Handwagen aus Mühlhausen i./Thüringen vom Wochenmarkt nach hier gekommen. Sie kauften am Schluss des Marktes alles unverkaufte Gemüse zusammen und verkauften es hier für teure Preise.
Das elektrische Licht ist hier erst nach dem 1. Weltkrieg angelegt worden. Bis dahin standen an der Dorfstraße Petroleumlampen, die vom Gemeindediener an dunklen Abenden angezündet wurden.
Es gab viele einstöckige Häuser, die später aufgestockt worden sind, was zur Verschönerung des Dorfbildes beigetragen hat. Im Laufe der Jahre sind dann an der Bahnhofstraße die Häuser von der „Spitzen“ (Adam Richwien) und dem Krankenhaus bis Josef Weidemann gebaut (worden). Das Krankenhaus ist um fast 2/3 vergrößert (worden). Vom Eingang des Friedhofes bis zum Schloss stand noch kein Gebäude. Auch der Eselweg war noch nicht bebaut. Hinter der Brücke im Oberland war noch nicht gebaut worden. Ein schönes Bild bot die Frieda, wenn im Sommer bis Herbst circa 100 Gänse sich tummelten und am Wasser entlang sich auf der Dorfstraße ausruhten, bis sie abends heimgeholt wurden.
Wie mir gesagt wurde, hatte damals die Gemeindevertretung schon beschlossen, die Frieda einzuengen und an der Straße Bäume zu pflanzen, so sollten auch jedes Jahr 100 Meter der Straße gepflastert werden. Leider hatten die Schulzen kein Interesse an dem Beschluss und er blieb nur ein Traum. –
Wilhelm Bösche
(Quelle: Undatiertes Manuskript im Familiennachlass)
Teil 2: Das Lengenfelder Zigarrengewerbe
Im Jahre 1878 gründete der Zigarr-Fachmann Albert Dathmann in Leipzig, Nordstraße, eine Zigarrenfabrik, die er, wegen hohen Alters, 1911 an seinen Buchhalter, Herrn Petrasch, verkaufte. Ab 1. Januar 1912 wurde die Firma mit der Firma Vernhalen & Schmidt in Leipzig, Ludwigstraße 1, Inhaber Herr Karl Schuster, verschmolzen und zu einem größeren Unternehmen ausgebaut. Die Herstellung der Zigarren wurde nach dem Eichsfeld verlegt, aber das Sortieren der Zigarren wurde in der Zentrale in Leipzig getätigt.
Nach Hildebrandshausen kam 1912 die erste Filiale, da die Firma J. Neumann, Berlin ihren Betrieb dort stillgelegt hatte, um in Schlesien arbeiten zu lassen. Sämtliches Inventar wurde übernommen und blieb in Hildebrandshausen.
Im Jahre 1912 wurden noch die Filialen Heyerode, Struth und Holungen übernommen. Bei den Bauern Hosbach in Hildebrandshausen konnten passende Arbeitsräume gemietet und dort die Filiale Hildebrandshausen II eröffnet werden. Dort arbeitete auch ein Teil der Zigarrenmacher von Lengenfeld. Diese veranlassten die Firma, diese Filiale nach Lengenfeld zu legen.
Es wurde zuerst im Saale der Gemeindeschenke gearbeitet und da Herr Heinrich Hardegen an seinen alten Tanzsaal einen Arbeitsraum anbaute, konnte der Betrieb dorthin verlegt werden. Der Meister war Herr Kraus, der bei Schuhmachermeister Herrn Fischer wohnte. Herr Kraus wurde Ende März 1914 zur Filiale Heyerode versetzt. An seine Stelle kam Meister Bösche aus Mannheim, der bei Herrn Ernst Hildebrand wohnte.
Im August 1914 kam der Krieg, wo die Meister zu den Fahnen gerufen wurden. So musste Ersatz von körperbehinderten, älteren oder kränklichen Fachkräften als Meister beschafft werden. Die Filialen Lengenfeld und Hildebrandshausen wurden von Herrn Bösche geleitet, bis Herr Geißler, von Struth nach Lengenfeld versetzt, die Filiale Hildebrandshausen übernahm. Der Betrieb in Struth wurde geräumt, da die Besitzung verkauft worden war.
Die Belieferung der Filialen mit Tabak wurde von Leipzig aus erledigt. So wurden die angefertigten Zigarren in Versandkisten verpackt und als Bahn-Frachtgut nach Leipzig in den Sortierbetrieb gesandt. Es durfte damals noch Heimarbeit für Zigarrenroller und auch Einlageripper ausgegeben werden. So konnte manche Mutter sich einige Notgroschen verdienen, denn in der Zeit rechnete man noch mit dem Pfennig. Erst die Geldentwertung bis November 1923 hat uns von dieser Übung befreit. Wenn die Lohngelder in Leipzig bei der Post eingezahlt wurden, dauerte es bis 8 Tage, bis sie an den Filialleiter ausgezahlt wurden und da hatte der Betrag jeden Wert verloren. Um diesem abzuhelfen, fuhr Herr Bösche jede Woche einmal zur Bank nach Mühlhausen, hob den Lohnbetrag ab und brachte ihn per Fahrrad am gleichen Tage an die Filialen in Diedorf, Faulungen, Hildebrandshausen und Lengenfeld.
Seit 1920 ging eine kleine Umstellung um Geschäft vor sich. Die große Konkurrenz zwang die Firma 1920, eine Umstellung vorzunehmen und auch mehr zur besseren Fabrikation überzugehen. So wurde Herr Bösche Obermeister und hatte die Filialen zu beaufsichtigen. Den Betrieb in Lengenfeld übernahm Herr Karl Riese aus Hildebrandshausen bis 1932, wo er nach Faulungen an die Stelle des kranken Meisters versetzt wurde. An seine Stelle kam der Sohn Richardt von Herrn Bösche.
In Lengenfeld war schon eine Entrippmaschine aufgestellt mit einer Stundenleistung von 35 kg. Da aber alle Filialen mit fertigen Einlagen beliefert werden mussten, wurde eine größere Maschine mit einer Stundenleistung von 60 kg beschafft.
Ende der 1920er Jahre wurden elf Filialen auf dem Eichsfeld und Umgegend beschäftigt. Es war bei 11 Filialbetrieben nicht praktisch, den Rohtabak in Leipzig zu lagern, denn es waren unnütze Transportkosten, da 90 % der Tabake aus dem Westen kamen.
So wurde zuerst ein Zoll-Lager in Heiligenstadt eingerichtet (jetzt Landhandel) und für Lengenfeld ein Lastkraftwagen und ein Personenwagen mit Anhänger (für den Transport zwischen den Filialen) gekauft.
Allerdings war Heiligenstadt von Lengenfeld aus bei schlechtem Wetter schlecht zu erreichen und die Größe des Lagers nicht ausreichend. Auch weil in Lengenfeld sämtliche Einlage für die Filialen entrippt und auch mit Maschinen getrocknet wurden, lag das Lager nicht gelegen und da in Eschwege ein großes Zoll-Lager gemietet werden konnte, wurde dieses geändert. Dieses Lager war 30 m lang, 15 m breit und 5 m hoch. In demselben konnten 1500 Ballen unter Zollverschluss lagern. Das Lager wurde fast jeden Monat mit drei bis vier Ladungen aus Amsterdam, Hamburg oder Bremen, Schwedt a./Oder oder Mannheim wieder aufgefüllt. Außerdem hatten wir ohne Zollverschlüsse noch einen schönen Raum, wo die verzollten Ballen eingelegt wurden, bis die drei Autofuhren nach Lengenfeld abgeholt waren.
Jede Woche wurden circa 80 Ballen verzollt und mit den Lastkraftwagen der Firma zum Lager Lengenfeld gebracht. Der größte Teil der Ballen ging in den Einlage-Zurichtebetrieb, wo er alsbald gefluchtet und behandelt wurde. Im Allgemeinen wurden monatlich drei Waggon Tabak unter Zollverschluss gebracht, denn so viel Tabak wurde auch verzollt und nach Lengenfeld gefahren.
Sobald die Rippen der Blätter weich waren, wurde je 100, 200 oder 300 kg gut gemischter Einlagetabak an die Entrippmaschine gebracht und entrippt. Mittels Blasvorrichtung wurde die fertige Einlage nach dem Bodenraum in eine 9 m lange Trockentrommel geleitet. Die Stundenleistung der Maschinen war nach Beschaffenheit des Tabaks 50 – 60 kg. Bis Ende der Woche standen die Versandsäcke mit je 25 kg für den Versand bereit. Montagsabends traf meistens eine große Waggonladung mit leeren Kisten vom Sortierbetrieb Leipzig in Lengenfeld ein. Aus dieser wurden die Tabakkisten für die Filialen entnommen und an das Tabaklager gefahren, wo die Ballen Rohtabak und Säcke Einlage für die betreffende Filiale zugeladen wurden.
Von den Filialen wurden je die vollen Versandkisten zu dem Waggon am Bahnhof Lengenfeld gebracht, denn nach Abmachung mit dem Verkehrsamt wurde der Waggon von der Firma für den Zigarrenversand nach Leipzig wieder benutzt und waren 31 (?) Stunden für das Ent- und Beladen des Waggons festgelegt. Da die Filialbetriebe von Lengenfeld entfernt lagen und die Witterungsverhältnisse im Sommer und Winter nicht immer günstig waren, war es manchmal schwer, die Ladezeit einzuhalten, doch es wurde geschafft.
So gingen die Jahre bei gutem Geschäftsgang dahin, bis 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach. Es wurden die Autos beschlagnahmt und so waren wir auf die Launen und Geldgier der zugelassenen Kraftfahrbetriebe angewiesen und da ging es ohne Ärger und Aufregung selten ab, aber der Transport wurde doch geschafft. Im Kriege wurden die Tabake zugeteilt und da unser Tabakbestand groß war, brauchten wir im Zoll-Lager nicht mehr einlagern, reichten auch mit dem Tabakbestand über Kriegsende hinaus. Mit Ende des Krieges wurde das Zoll-Lager in Eschwege aufgegeben und die Tabake in das Lager Lengenfeld übernommen.
Im Kriege riss eine Luftmine die Hälfte der Fabrik in Leipzig. In den Kellern blieb eine Monatsanfertigung der schönsten Zigarren, da sie ja für den menschlichen Genuss nicht mehr zu gebrauchen waren. Kurz vor dem Kriege waren die beiden Chefs gestorben und auch die neuen Verhältnisse gestatteten es nicht, weiter im Großen zu arbeiten. Es blieben nur drei Filialen bestehen.
Diese erhalten den Tabak von der Zentrale in Leipzig und senden auch die Zigarren zum Sortierbetrieb in Leipzig zurück. Die Leitung der Firma liegt in den Händen zweier älterer Fachleute und die Angestellten und Arbeiter sind zu 90 % über 20 Jahre bei der Firma tätig. Die Firma war dafür in Leipzig bekannt, dass ein Wechsel von älteren Angestellten und Arbeitern bei ihr selten war.
Wilhelm Bösche
(Quelle: Undatiertes Manuskript im Familiennachlass)
Teil 3: Die Lehre
Es war in den 1920er Jahren, da wo der Schlossermeister aus Lehna in der alten Schmiede beim alten Buchbinder Heinrich die Motor- und Fahrräder reparierte.
Kamen da an einem heißen Sommertag zwei Herren mit einem 350er Motorrad angeschoben. Sie schwitzten so stark, dass nicht nur ihr Hemd, sondern auch ihr Jackett nass war. Der Meister fragte nach ihrem Begehr und wie sie dann erzählten, dass ihr Motorrad auf der Lutterbrücke gestreikt habe und sie das schwere Rad die 3 Kilometer geschoben hätten, sagte er: „Das werden wir gleich haben!“
Der eine Herr war Monteur und er wollte mit dem anderen in unserem Nachbarort ein Geschäft im Verkauf von Fahrrädern, Zentrifugen und Fahrradreparatur eröffnen. Die beiden Herren sahen dem Meister mit großem Interesse zu, wie er die wichtigsten Teile abmontierte, prüfte und alles wieder zusammenbaute. Weil der Hof so stark abschüssig ist, schwang sich der Meister auf die Maschine und rollte zur Dorfstraße, aber der Motor sprang hierbei nicht an.
Jetzt schoben die drei Männer die Maschine im Eiltempo bis zur Bahnbrücke und selbst auf dem leichteren Rückwege war der Motor noch nicht angesprungen. Nun wurde der gleiche Versuch bis zur Gede und zurück unternommen, aber einen Erfolg gab es nicht. Der Meister sah in der Werkstatt alle Teile nochmals nach und baute alles wieder ein. Er sagte nun, wenn bis zur Dorfstraße der Motor nicht anspringt, dann müssen wir die Maschine auf den Kirchberg schieben, um in flottem Lauf vom Berge den Motor einschalten zu können. Bei der Kirche schwang sich der Meister auf die Maschine, aber er hatte auch bei der Talfahrt kein Glück.
An der Werkstatt angekommen, war der sonst tüchtige Meister ratlos. Er fragte die Herren, ob sie auch Benzin im Tank hätten und stellte auch gleich fest, dass kein Tropfen Benzin vorhanden war. So war der Schweiß umsonst geflossen. Für alle war es aber eine Lehre, dass man vorweg richtig überlegen soll.
Wilhelm Bösche
(Quelle: Undatiertes Manuskript im Familiennachlass)
Anmerkung:
Für die Übersendung des Materials bedanken wir uns recht herzlich bei Herrn Frank Oberthür aus Lengenfeld unterm Stein.