Begebenheiten aus der Familiengeschichte Simon aus dem Eichsfelde (1986)
(betreffend die Orte Struth, Lengenfeld, Effelder und Uder – nach Aufzeichnungen, die der Onkel des Einsenders, Werner Simon, hinterlassen hat)
Der Vater der Familie Simon in Struth, Landwirt Josef Simon, stammt aus Lengenfeld unterm Stein. Dorthin ist der erste Simon, ein Schmied Johannes Simon, aus Uder zugezogen und hat sich in Lengenfeld verheiratet. Er war Klosterschmied in Kloster Zella, wo seine Schwester Nonne war. Die Schmiede stand draußen vor dem Klostertor, linker Hand; sie ist später abgebrochen worden.
Die Simons in Effelder gehören nicht derselben Sippe an, vielmehr hießen sie früher „Sim“ und ließen ihren Namen auf Anregung des Landrats in Mühlhausen in Simon umändern. Dagegen gehören die Simons in Struth und Lengenfeld derselben Sippe an. Sie stammen, wie oben gesagt, von Johannes Simon aus Uder. Im Lengenfelder Kirchenbuch aber ist das Geburtsdatum des Johannes Simon anlässlich seiner Heirat und seines Todes nicht eingetragen worden. Er heiratete am 4. Februar 1765 Anna Maria Witzel, die am 29. Juli 1721 in Lengenfeld geboren ist. Man könnte nun annehmen, wie ich es zuerst auch getan habe, daß er älter als seine Frau gewesen sei. Aber das stimmt nicht. Bei seinem Sterbedatum steht: gestorben 30. Juni 1815, 84 Jahre alt. Demnach ist er 1731 geboren, also zehn Jahre jünger als seine Frau gewesen.
Was ergeben nun die Nachforschungen im Kirchenbuch zu Uder? In Uder sind von 1731 bis 1745 elf Kinder getauft, die den Namen oder Beinamen Johannes führen. Die Mädchen sind nicht einbezogen. Im Jahre 1731 sind zwei Johannes oder Johann Simon getauft, von denen einer mit zwei Jahren und 10 Monaten gestorben ist, am 18. April 1734. Wir können wohl annehmen, daß der erste Lengenfelder Johann Simon, gestorben mit 84 Jahren, im Juni geboren ist. Denn beim Lebensalter steht, „84 Jahre alt“. Wäre er wesentlich älter gewesen, dann hätte der Pfarrer auch die Monate mit angegeben.
Wer sind nun die Vorfahren in Uder? In Uder gibt es heute recht viele Simon, desgleichen auch in der näheren Umgebung. Ob sie alle aus Uder stammen, kann nicht nachgewiesen werden. Aber auch in Uder ist der erste Simon zugezogen. Denn das Kirchenbuch zu Uder ist eines der ältesten auf dem Eichsfelde. Es hat sogar den Dreißigjährigen Krieg überdauert, weist also keine Lücken in dieser Zeit auf. Dort ist 1666 der erste Name Simon nachzuweisen. Er heißt Michael und stammt aus der Kölner Gegend (Coloniensis regionis).
Die Stammfolge dieses Michael Simon bis zum ersten Simon in Lengenfeld gebe ich hier in der Übersicht:
- Simon, Michael, (Coloniensis regionis) und Anna Grebenstein, getraut 1. November 1666 in Uder.
- Ihr Sohn: Simon, Johann Georg, geboren um 1668 in Uder, gestorben 7. November 1732 in Uder und Katharina Flucke, geboren um 1669 in Uder, gestorben 26. September 1749 in Uder, getraut am 2. November 1693 in Uder.
- Ihr Sohn: Simon, Joh. Adam, geboren 30. Aug. 1699 in Uder und Anna Maria Köhler, gestorben 5. Mai 1758 in Uder, getraut am 25. Januar 1723 in Uder.
- Ihr Sohn: Simon, Johann, geboren 22. Juni 1731 in Uder.
Nach dem Urteil des Pfarrers von Uder ist es immerhin möglich, daß in dieser Stammfolge ein Irrtum vorliegen kann, weil die Tauf- und Sterbedaten der Kinder nicht beim Trauungsdatum der Eltern stehen. Einwandfrei dagegen ist, daß der Simon aus der Kölner Gegend der Vorfahr der Simons in Uder und Lengenfeld ist, weil der Lengenfelder erste Simon aus Uder stammt. Im Kirchenbuch zu Lengenfeld steht unter Beruf: „faber ex Udra“ (Schmied aus Uder).
Dieser erste Simon in Lengenfeld verheiratete sich 1765 mit Anna Maria Witzel in Lengenfeld. Damals war er Klosterschmied des Benediktinerinnen-Klosters Zella. Mit dieser Anna Maria Witzel hatte er mindestens fünf Kinder, denn der Sohn Thomas, der die väterliche Schmiede übernahm, war das fünfte Kind. Hinsichtlich der äußeren Erscheinung waren die Simons kräftig untersetzt, hellblond und helläugig. Erst nach der Blutmischung mit Katharina Höppner, meiner Großmutter, herrschte der dunkle Typ vor, der aber starke Musikalität mitbrachte.
Vermutlich haben die Simons auch immer in Lengenfeld, nicht in Kloster Zella gewohnt, weil sonst die Eintragungen nicht im Kirchenbuch zu Lengenfeld erfolgt wären, sondern in Kloster Zella, das eine eigene Kirche und eigene Geistliche hatte. Ob das Schmiedehandwerk in Kloster Zella allein ausgeübt worden ist oder auch in Lengenfeld, ist nicht zu ermitteln. Vater bezeichnete eine unterhalb des Hülfensberges gelegene kleine Fachwerkschmiede als die erste selbständige seiner Väter. Ob aber die Selbständigmachung schon durch den ersten Simon bei seinem Eintreffen in Lengenfeld erfolgte oder, was mit mehr Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, im Jahre 1809, als das Kloster aufgelöst (säkularisiert) wurde, ist nicht ganz klar. Allem Anschein nach haben aber die Simons auch nach 1809 noch für das Kloster gearbeitet denn noch heute besorgt mein Vetter Josef Simon in Lengenfeld die Schmiedearbeiten für das Kloster Zella.
Der erste Simon in Lengenfeld erblindete im Alter. Wodurch, ist mir nicht bekannt. Er tastete die Arbeiten seines Sohnes Thomas mit den Händen ab und unterzog sie so einer Nachprüfung. Das berichtete Josef in Lengenfeld. Das Stammhaus, das beim Eisenbahnbau abgebrochen worden ist, lag unter der jetzigen Hochbrücke, hinter der noch vorhandenen Pumpe auf der nördlichen Straßenseite.
Mein Großvater, Johannes Simon, geboren 1801, Sohn des Thomas, hatte um 1850 auch die Gemeindeschenke mit Schlachterei. Letztere betrieb der Sohn Thomas, während die Söhne Anton und Adam in der Schmiede arbeiteten. Aus der Ehe meines Großvaters gingen sechs Kinder hervor: Maria 1831, Marta-Margarete 1826, Adam 1835, Anton 1829, Thomas 1821 und Josef. Maria, die älteste Tochter, verheiratete sich gegen den Willen ihrer Eltern und wurde enterbt. Ihr Bruder Adam brachte ihr heimlich die Kleider und Wäsche nach Hannover. Sie wurde aber glücklich, obwohl sie bald Witwe war. Die zweite Schwester Marta-Margarete war ebenfalls in Hannover verheiratet. Sie soll in dürftigen Verhältnissen gestorben sein.
Der Sohn Anton verheiratete sich nach Bickenriede. Er hinterließ nur zwei Töchter. Thomas blieb unverheiratet. Er hinkte infolge eines Knöchelbruches aus der Kindheit. Ein Nachbarmädchen hatte ihn beim Spiel an den Händen gefaßt und herumgeschwenkt. Dabei war der Fußknöchel gegen ein Stuhlbein geschlagen und zerbrochen (Bericht meines Vaters). Thomas soll meinen Vater zu seinem Erben eingesetzt haben.
Der nächstältere Bruder meines Vaters, Adam, war in jungen Jahren ein Witzbold, der durch manch derben Streich seine Eltern in große Verlegenheit brachte. In seinem Beruf war er tüchtig, baute eigene Erfindungen aus wie Kartoffelquetsche, Grude und Rübenschneider. Er hinterließ zwölf gesunde Söhne und eine Tochter. Zwei Söhne, Adolf und der schon erwähnte Vetter Josef üben heute noch das Schmiedehandwerk in Lengenfeld aus.
Aus seiner Kindheit berichtete Vater oft, daß seine Mutter in jungen Ehejahren in der Schmiede helfen mußte. Abends stand sie dann, die Wäsche waschend, mit einem Fuß auf der Kinderwiege. Als er fünf Jahre alt war, besichtigte er an der Hand seines Bruders Adam das im Jahre 1848 von den Struthern verwüstete Kloster Zella.
Durch die Schmiede und Gastwirtschaft bestanden rege Geschäftsbeziehungen nach Mühlhausen. Ein besonderes Ereignis bedeutete für meinen Vater, wenn er mit dem Fuhrwerk mit nach Mühlhausen fahren durfte. Der Weg, den alle Dörfer bis hin zur Werra benutzen mußten, führte damals durch den Buchborn und war sehr schwierig. Seine Mutter war um 1810 wintertags mit ihrer Mutter in Mühlhausen gewesen. Auf dem Rückwege hatte schwerer Schneefall eingesetzt. Infolgedessen verfehlten die beiden den Weg. Sie irrten bis tief in die Nacht hinein vor dem Walde herum, bis sie gegen Mitternacht, oft tief im Schnee versinkend, in der Schäferei auf dem Annaberg aufgenommen wurden.
Nach seiner Schulentlassung kam mein Vater durch Vermittlung seines Bruders Thomas, der auch Wolle kammte, in die Schmiedelehre nach Geestemünde. Zur Hinfahrt benutzten sie einen kleinen Esel, den sie in Treffurt gekauft hatten. Aber da sie ihn unterwegs mit Buchweizen gefütterten hatten, wurde er krank, und die Reise mußte per Bahn fortgesetzt werden. Der Esel wurde in das Hundeabteil gesteckt und schrie fürchterlich, was den Schrecken, aber auch das Ergötzen der Mitreisenden erregte. In Geestemünde erlebte Vater eine stürmische Seefahrt, die er mit mehreren Kameraden unternahm. Er sagte darüber später oft: „Den Jungen dort machte das fast nichts aus, aber ich war das noch nicht gewöhnt. Eigentlich war es schön, aber ich hatte das Gefühl, daß wir jeden Augenblick, wenn wir in ein Wellental gerieten, in die Tiefe gerissen würden, so stark war der Seegang“.
Nach einem Jahr mußte Vater zurück, weil seine Mutter krank wurde und auch starb. Sein Vater hatte in jüngeren Jahren durch den Hufschlag eines Pferdes ein Auge verloren. War er an sich schon ein ruhiger Mann, der allerdings keinen Widerspruch von seinen Kindern duldete, so wurde er nach dem Tode seiner Frau erst recht ruhig. Diese soll aber sehr lebhaft gewesen sein.
Vor und nach seiner Militärzeit arbeitete mein Vater vorwiegend als Schmiedegeselle, zum Teil auch in Großbartloff. Er diente als Artillerist in Erfurt und Magdeburg, machte auch die Feldzüge mit. 1864 lag er als Mobiltruppe in Tennstedt. 1866 wurde er bei Königgrätz durch ein abfliegendes Hufeisen verletzt und bekam in Magdeburg am Ende des Krieges die Cholera, von der er aber bald genas.
Am 24. Februar 1868 verheiratete er sich in Struth mit Rosina Richardt, der ältesten von zwei Töchtern des Landwirts Anton Richardt. Bis zum Kriege 1870 etwa handelte er auf den Inseln Usedom und Wollin mit Kurzwaren, teils arbeitete er zu Hause in der Landwirtschaft seines Schwiegervaters, bis er diese selbst übernahm. Er selbst erzählte aus dieser Zeit, daß er als erster begann, das Getreide, namentlich das Wintergetreide, mit der Sense zu mähen, während es in Struth üblich war, daß mehrere Frauen mit der Sichel an die Arbeit gingen. Diese Frauen arbeiteten sehr fix und vor allem sehr sauber, was man von seinen ersten Versuchen nicht sagen konnte. Daher fiel von den Vorübergehenden manches spitze Wort. Im Dorfe wurde Vater genannt: „Kläin Anton sin Schwegersohn“. Erst als er die Landwirtschaft übernommen und ein kleines Ladengeschäft eingerichtet hatte, wurde er Simon genannt.
Als erster Reservist wurde er auch 1870 aus dem Dorfe zum Kriege einberufen. Er war gerade dabei, den Straßengraben vor dem Hause zu überdecken, als ihm der Schulze, es war der Schmied Stude, im Schurzfell die Order überbrachte. Den Krieg machte er bis zum Ende in der Artillerie-Munitionskolonne mit. Ausführlich erzählte er uns Kindern oft aus der Belagerung von Paris, wo er in einem kleinen Städtchen einquartiert lag. Daraus möchte ich erwähnen: die langweiligen, geraden Straßen in Frankreich, den schönen Wein, daß die Männer nicht zur Kirche gingen, sondern sogar Weihnachten Dung fuhren.
Nach dem Kriege begannen bald die sogenannten Gründerjahre, in denen auch die Kanonenbahn gebaut wurde. Hierfür fuhr Vater mit mehreren Gespannen Steine vom Rode zum Bahnbau und verdiente dabei gut. Da er außerdem etwa zweitausend Taler mit in die Ehe gebracht hatte, kaufte er viel Land, zweimal eine geschlossene Hufe. Außerdem kaufte er später das Grundstück Nr. 20, in dem er auch später die Gastwirtschaft einrichtete, wie er auch unser Elternhaus umbaute, das vorher zweiteilig gewesen war. In der Chronik von Struth steht, daß Josef Simon als einziger zwei Grundstücke besitzt. Insgesamt hat Vater in Struth sechs Häuser gebaut, die aber später verkauft wurden.
Aus der Ehe mit Rosina Richardt gingen sechs Kinder hervor. Dorothea und Anna verheirateten sich nach Hildesheim. Amalie blieb unverheiratet, starb mit zwanzig Jahren an Hüftgelenkentzündung. Von den Kindern dieser Ehe leben allein noch Maria und Josef. Die erste Frau Rosina starb 1884.
Am 2. August 1886 heiratete Vater zum zweiten Male und zwar unsere Mutter Berta Helbing, geboren am 11. Mai 1861, Tochter des Landmannes und Webers Mathäus Helbing. Aus dieser Ehe gingen neun Kinder hervor, von denen die älteste Tochter Ida mit 18 Jahren an Lungenentzündung starb.
Mein Vater, Josef Simon, war eine tatkräftige, unternehmungslustige Persönlichkeit, ungebrochen bis in sein hohes Alter hinein. Er neigte zu Zornesausbrüchen bei denen es jeder möglichst mied, seinen Weg zu kreuzen. Er war und blieb im Dorfe Struth ein Fremder, der auch nie die Sprachmerkmale der Struther annahm, mehr gefürchtet als geliebt, zum Teil auch gehaßt und geschmäht. Die Mutter war als Ehefrau zu stark, zu herb in ihrem Wesen, als daß sie sich hätte anschmiegen können. Dabei liebte sie den Frieden über alles. Unbeugsames Gerechtigkeitsgefühl war ihr eigen, mit den Struthern durchaus im Frieden lebend, mehr beliebt als der Vater. Sie besaß nicht den Unternehmungsgeist wie ihr Mann, doch war sie mehr ausdauernd, körperlich auch sehr kräftig und beweglich. Der Vater war 1,78 m groß, die Mutter etwa 1,65 m groß. Während die Mutter wenig politisch interessiert war und von der Zeitung nur den unterhaltenden Teil las, begeisterte sich der Vater für Bismarck und Friedrich III.
Symbolisch sind die Grabstätten. Der Vater starb nach einem wechselvollen Leben ganz friedlich, mit 81 Jahren. Aber er ruht am Wege, im Grabe seiner ersten Frau. Die Mutter mit ihrer starken Natur wurde im 67. Lebensjahr von einem Motorrad tödlich angefahren, mitten aus frischem Frühlingswetter heraus. Sie sagte mir bei meinem letzten Besuchen oft: „Ich bete immer, daß mich der liebe Gott nicht lange krank sein läßt“. Sie ruht inmitten von Struthern, nicht am Wege, sondern da, wo es stiller ist.
Das Geburtshaus der Simons war das Haus Struth Nr. 19 und hieß früher Schulhanshaus. Woher der Name stammt, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Vielleicht war ein Vorfahr Dorfschulmeister, der neben seiner Arbeit die Dorfkinder unterrichtete. Besitzer des Hauses vor meinem Vater war Anton Richardt, genannt „Klein Anton“. Dieser, Schwiegervater meines Vaters, soll ein sehr friedliebender Mensch gewesen sein, der sich aber von anderen leicht ausnutzen ließ. Er hatte noch eine Schwester, die mit auf dem Hofe lebte unter dem Namen „di ale Paote“. Wenn ich nicht irre, gehörte ihr die Hälfte des Vermögens, also des Grundstücks, das ursprünglich geteilt war. Es war also ein Doppelgehöft, wie es in Struth noch drei gibt. In der Mitte des Hauses war die Toreinfahrt.
„Klein Anton“ war in erster Ehe verheiratet mit Annemarie Völker aus Struth, mit der er zwei Töchter hatte. Die erstere, Rosina, heiratete meinen Vater, die zweite, Dorothea, einen Koch aus Lengenfeld. In zweiter Ehe heiratete Klein Anton eine Katharina Hahn aus Lengenfeld, geborene Fick, mit der er aber keine Kinder hatte. Diese Frau soll sehr unwirtschaftlich gewesen sein. Nach ihrem Tode mußte ihr Mann die Hälfte ihres Vermögens wieder zurückzahlen. Da sie aber den größten Teil ihres Vermögens schon verbraucht hatte, kam ihr Mann in große Schwierigkeiten. An sie erinnert das Himmelbett unseres Vaters. In das Bettgestell, das zur Mitgift gehört hatte, waren die Buchstaben C.F. (= Catharina Fick) eingeschnitzt.
Mein Großvater war Mathäus Helbing. Von seiner Familie ist nicht sehr viel bekannt. Jedenfalls hieß er in Struth der „Fansterhans Mathes“. Sein Vater war Johann Philipp Helbing, Schwiegersohn des Glasers Johann Beck. Es könnte also daher der Name Fensterhans kommen. Der Urgroßvater meines Großvaters hieß aber auch Johannes. Kann man annehmen, daß zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Struth schon ein Glaser Existenzmöglichkeiten hatte? Es ist allerdings bekannt, daß um diese Zeit die Raschmacherei (Tuchweberei) auf dem Eichsfeld von Großbartloff her stark verbreitet war. Und so wäre mit Rücksicht auf einen gewissen Wohlstand ein Glaser denkbar. Da nun Onkel Aloys Helbing berichtet, daß sein Großvater Tagelöhner im Kloster gewesen sei, wird wohl der erste Helbing doch Glaser und der Urheber des Namens sein.
Im übrigen kann man annehmen, daß die Struther mehr oder weniger fast alle im Kloster tätig waren, teils als Abgeltung übriggebliebener Frondienste, weil die Ländereien erblich geworden waren, teils auch, weil die armen Struther ohne den auch so kümmerlichen Verdienst im Kloster nicht leben zu können meinten. Durch die Tuchweberei bevölkerte sich das Eichsfeld sehr schnell, weil es im kurfürstlichen Mainz guten Absatz für die Waren gab. Als aber das Eichsfeld 1803 preußisch geworden war, waren die Grenzen nach Mainz hin versperrt und auch die Grenzen gegen die alten preußischen Provinzen nicht offen. Daher entstanden richtige Hungerjahre, in denen auf dem Eichsfelde sicher Hunderte an Hunger gestorben sind. Und die Armut hat lange angehalten. Ein Tagelöhner auf meines Vaters Hof erzählte mir, wie sie als Jungen mit ihren Taschenmessern den Schmutz im Keller nach kleinen Kartoffeln durchsucht hätten. Die kleinen Kartoffeln hätten sie dann durchgeschnitten und am Ofen gebraten, aber noch halb roh gierig verschlungen. Allerdings war das wohl die ärmste Familie im Dorf. Sie hatten Lehmfußböden statt Dielen und die zerbrochenen Scheiben mit Papier verklebt.
Ein Vorfahr meiner Mutter ist Fuhrmann gewesen, der mit eigener Wagenkolonne bis Mainz fuhr. Es waren meist Zweiradwagen, weil die auf den schlechten Wegen besser voran kamen. Auf solch einer Fahrt soll er gestorben sein. Da aber in jedem größeren Dorf ein Totenzoll für seine Leiche entrichtet werden mußte, so soll die ganze Habe drauf gegangen sein. Er hinterließ eine junge Witwe, die nicht schreiben konnte. Deshalb sei sie auch um ihr Gut gebracht worden. Bei diesen Fahrten war sein Verwandter, der spätere reiche Schmerbauch, als Karrenjunge dabei. Dieser wurde durch dies Fuhrwesen später reich. Wie weit aber dieser Schmerbauch mit jenem zu tun hat, der wegen seiner Teilnahme am Klostersturm nach Amerika fliehen mußte, ist mir nicht ganz klar.
Die Aufregung von 1848 und der Klostersturm hatten drei Ursachen:
- Die Struther hatten in früheren Jahren immer das Recht gehabt, in den benachbarten Waldungen, die früher dem Bischof oder dem Kloster gehört hatte, ihr Vieh zu weiden sowie Gras, Fallaub und Fallholz zu sammeln. Nach der Säkularisation 1809 waren diese Rechte nach und nach beseitigt oder abgelöst worden. Das hatte begreiflicherweise den Unmut der Struther hervorgerufen, denn sie schoben die Schuld nicht den Urhebern, dem Staat zu, sondern dem Besitzer des Klosters Zella.
- Als preußische Amtsvorsteher fungierten im Kloster Zella meistens die jeweiligen Besitzer oder Pächter. Diese zogen sich durch manche unverstandene Maßnahme den Haß der Struther zu.
- Als die Aufruhrwelle auch zum Eichsfeld kam, tat neben den aufrührerischen Reden des Schmerbauch der Alkohol das Nötige dazu, um die Struther zur Unvernunft hinzureißen.
Vaters erster Schwiegervater, „Klein Anton“, hat über diese Tage berichtet, daß dessen Vater mit einem Knüppel vor seinen erwachsenen Söhnen stand und keinen zur Tür hinausließ, als der wilde Haufen zum Kloster ziehen wollte und die Straße beherrschte. Das Ende der Aufregung war viel Leid. Mancher Struther hat Jahre im Zuchthaus gesessen.
Mein Großvater Helbing, geboren 1831, war ein gerechter, aber starrköpfiger Mann, von kräftiger Statur und aufrechten Ganges bis in sein hohes Alter hinein. Er selber erzählte Folgendes: Der Lehrer Gatzenmeyer habe oft seinen Vater, Philipp Helbing, angehalten, er solle seinen Sohn Mathäus Lehrer werden lassen. Er brauche jährlich nur zwölf Taler aufzuwenden. Aber das konnte der Vater nicht. Der war bekanntlich Weber. In seinen besten Jahren war Mathäus Helbing Dorfschulze. Aber da dauernd Mißhelligkeiten zwischen ihm und dem Amtsvorsteher (Keuthahn?) bestanden, erreichte es letzterer, daß der Schulze abgesetzt wurde. Trotzdem war er bis in sein hohes Alter hinein in mancherlei Gemeindeämtern.
Wirtschaftlich gesehen sind also die Helbings in die üblichen kleinen Verhältnissen Struths einzureihen. Wirklich großer Besitz hat sich längere Zeit in keiner Familie gehalten, denn durch die Realteilungen wurden die Geschwister mit Land abgefunden, oder die in die Fremde ziehenden Geschwister bekamen Geld, während aber die Schulden im Dorfe verblieben. Mein Großvater hatte sieben Kinder: Albert, Bertha, Anna, Emma, Aloys, Josef und Rosina. Albert starb als Schuljunge, Bertha war unsere Mutter, Anna wurde Frau Aloys Fritsch, Emma Frau August Gries, Aloys lebt in Struth, Josef lebt im Sauerland, und Rosina ist Frau Karl Ruhland geworden.
Die Nachkommen des Josef Simon in Struth, geb. 4. Februar 1843, aus erster Ehe mit Rosina Richardt, Tochter des Landwirts Anton Richardt und der Annemarie Völker aus Struth.
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Adolf Simon, als Kind gestorben
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Dorothea Simon, geb. 25. Mai 1869, gest. 13. November 1903 in Hildesheim verh. mit Gottfried Köthe aus Struth. Kinder: a) Maria Köthe geb. 17. Februar 1895 in Hildesheim verh. mit Friedrich Gunkel, Tapetendrucker Kinder: Anna, Heinrich, Johannes, Robert b) Anna Köthe geb. 19. Februar 1899 in Hildesheim
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Anna Simon geb. 2. Juli 1874, gest. 13. März 1902 in Hildesheim verh. mit Aloys Richter, Stadtbauführer aus Struth. Kinder: a) Maria Richter geb. 28. Mai 1899 in Hildesheim verh. mit Heinrich Koch, Oberkellner Kind: Kurt, geb. 27. Januar 1921 b) Bernward Richter, geb. 26. Januar 1901, gest. 17. August 1905
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Amalie Simon, geb. 11. Juni 1872, gest. in Struth, nicht verh.
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Maria Simon, geb. 13. August 1878 in Struth, verh. mit Eduard Gries, Schmiedemeister aus Struth. Kinder: a) Josef Gries, geb. 11. Januar 1899 in Struth, Schmied verh. mit Pauline Urbach aus Horsmar. Kinder: Ilse und Karl b) Paul Gries, Elektro Ing., geb. 25. September 1900 in Struth verh. mit Margarete Bieniek Gleiwitz O.S. Kind: Marianne, geb. 1. Februar 1934 c) August Gries, geb. 28. März 1902 in Struth, verunglückt 16. Dezember 1920 d) Berta Gries, Köchin, geb. 13. Januar 1904 in Struth e) Christoph Gries, Schneider, geb. 26. Juli 1905 in Struth verh. mit Klara Kleps. Kind: Eveline f) Otto Gries, Schmiedemeister, geb. 1. Juli 1907 in Struth g) Heinrich Gries, Kaufmann, geb. 15. April 1909 in Helmsdorf h) Anna Gries, Köchin, geb. 23. April 1911 in Helmsdorf i) Albert Gries, Bäcker, geb. 23. März 1913 in Helmsdorf k) Dorothea Gries, Säuglingspflegerin, geb. 26. Februar 1915 in Helmsdorf l) Hermann Gries, Schmied, geb. 7. September 1917 in Helmsdorf m) Regina Gries, Schneiderin, geb. 7. September 1917 in Helmsdorf n) Oskar Gries, Bäcker, geb. 27. September 1920 in Helmsdorf
- Josef Simon, Bauer, geb. 12. August 1880 in Struth, verh. mit Josepha Schmerbauch, Tochter des Aloys Schmerbauch und der Margarete Gries. Kinder: a) Anna Simon, geb. 22. Mai 1911 in Struth b) Arthur Simon, Maler, geb. 6. Januar 1915 in Struth c) Aloys Simon, Schriftsetzer, geb. 24. Januar 1917 in Struth; gest. am 6. April 1946 in Luidinowo (Rußland) als Kriegsgefangener d) Emma Simon, geb. 13. Dezember 1919 in Struth e) Bruno Simon, geb. 6. April 1924 in Struth
Die Nachkommen aus der zweiten Ehe mit Berta Helbing, geb. 11. Mai 1861, Tochter des Landmanns und Webers Mathäus Helbing. (Getraut am 2. August 1886 in Struth).
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Ida Simon, geb. 1887 in Struth, gest. 20. September 1903.
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Christoph Simon, Lehrer, geb. 23. Mai 1888 in Struth, verh. 15. September 1913 mit Maria Kowalkowski, geb. 4. Mai 1896 in Dirschau. Kinder: a) Johannes Simon, geb. 14. August 1914 in Dirschau, Lehrer b) Magdalene Simon, geb. 24. März 1916 in Dirschau c) Brunhilde Simon, geb. 14. Januar 1918 in Dirschau d) Hubert Simon, geb. 11. August 1919 in Struth e) Siegfried Simon, geb. 19. April 1921 in Struth
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Otto Simon, Reichsbahnsekretär, geb. 26. Oktober 1889 in Struth, verh. 1. Januar 1928 mit Margarete Schulz, geb. 27. April 1899. Kind: a) Herbert Simon, geb. 13. Februar 1929 in Mühlhausen
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Aloys Simon, Polizeihauptwachtmeister, geb. 29. Juni 1891 in Struth, verh. mit Gertrud Dick, geb. 29. Februar 1896. Kinder: a) Theresia Simon, geb. 17. Januar 1922 in Köln b) Günther Simon, geb. 11. April 1925 in Köln c) Ulrich Simon, geb. 28. Januar 1929 in Köln
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Albert Simon, Bauer, geb. 5. März 1893 in Struth, gest. 9. Februar 1969, verh. 6. November 1922 mit Anna Ruhland aus Büttstedt, geb. 13. April 1896. Kinder: a) Siegfried Simon, geb. 31. März 1926 in Struth b) Rita Simon, geb. 15. Januar 1930 in Struth c) Albert Werner Simon, geb. 20. Januar 1935 in Struth
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Ottilie Simon, geb. 9. Dezember 1894 in Struth, verh. 17. Mai 1920 mit Landwirt und Fleischer Ferd. Stude, Sohn des Landwirts Joh. Stude und der Kath. Hahn. Kinder: a) Angela Stude, geb. 6. März 1921 in Struth b) Zita Stude, geb. 27. April 1922 in Struth c) Günther Stude, geb. 21. Oktober 1925 in Struth d) Erika Stude, geb. 10. Januar 1928 in Struth e) Robert Stude, geb. 27. Februar 1940 in Struth
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Arthur Simon, Landwirt, geb. 25. September 1897 in Struth, verh. am 28. Mai 1922 mit Martha Hoche, geb. 18. September 1902, Tochter des Bahnwärters Selmar Hoche und der Ottilie Otto, Nordhausen. Kinder: a) Wolfgang Simon, geb. 13. September 1925 in Nordhausen b) Jutta Simon, geb. 31. August 1929 in Nordhausen c) Peter Simon, geb. 25. Mai 1941 in Eigenrieden
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Werner Simon, Rektor, geb. 18. Februar 1900 in Struth, verh. 26. Dezember 1934 mit Olga Zieseniß, Tochter des Stadtinspektors Wilh. Zieseniß und der Adelgunde Brender, geb. 13. Januar 1904. Kind: a) Ingeborg Simon, geb. 27. Juli 1938 in Nordhausen
- Olga Simon, geb. 22. September 1901 in Struth, verh. 19. Mai 1934 mit Dipl. Ingenieur Alfred Flakus, geb. 23. Dezember 1901, Sohn des Materialienverwalters Flakus und der Maria Meißner.
Herbert Simon (1986), Hospitalbach 11 7407 Rottenburg (Neckar) 1
(Quelle: „Der Eisenbahner-Genealoge. Mitteilungen der Gruppe Familien- und Wappenkunde im Bundesbahn-Sozialwerk“. Jahrgang 13, Band 3 / Folge 2, Dezember 1986, S. 110–121)
Anmerkung der Redaktion: Wir bringen diesen Beitrag, um zu zeigen, wie interessante Details aus dem Werdegang einer Familie, die es sich in der Familiengeschichtsschreibung immer zu dokumentieren lohnt, eine Chronik lebendig und kurzweilig, das heißt lebensnah gestalten können.