Geschichte der St.-Georgs-Kapelle der Burg Stein

(Nachtrag zur Chronik von Lambert Rummel)

Wir wussten bisher noch sehr wenig über die St.-Georgs-Kapelle. Sie wurde im Dreißigjährigen Kriege beschädigt und danach abgetragen. Seit dieser Zeit bestand dieselbe nur in Erinnerung und wurde in Urkunden und der heimatforschenden Literatur nur am Rande genannt. Nur die wenigen Eintragungen in den Kirchenbüchern der Pfarrei Lengenfeld unterm Stein gaben uns einige Hinweise. Es bestanden bisher über sie viele Zweifel und Meinungsverschiedenheiten. Sogar unter unseren größten Heimatforschern, Kanonikus Wolf und v. Wintzingerode – „wo“ sie gestanden haben solle. Wolf verlegt dieselbe in die eigentliche Burg, dagegen v. Wintzingerode außerhalb der Burg, in das Gelände der Burg Stein.

Der letzte Amtsvogt vom Bischofstein, Ferdinand Holzkorn, hat am Ende des 17. Jahrhunderts die letzten Mauerreste einen Schuh hoch über der Erde ausgraben lassen. Diese leider nur so kurz gefasste Niederschrift ohne Angabe des genauen Standorts beweist aber doch durch die Ausgrabung, dass es keine Burgkapelle gewesen sein konnte, welche in einem Raum der Burg als sogenannte Schlosskapelle gelegen haben könnte. Es muss demnach eine Kapelle gewesen sein, die frei im Erdreich gestanden hat. Amtsvogt Philipp Falk (genannt von 1581 bis 1617) hat uns die Beschreibung der derzeitigen Burg Stein hinterlassen. Er beschrieb sämtliche Gebäude und ihre Räume, er erwärmte Pferdeställe und Holzschuppen, sogar eine „wüste Stuben“ im Dachgeschoss des Amtsgebäudes – genannt die Nonnenstuben. Hätte die Kapelle innerhalb der Burg gelegen, so würde Philipp Falk dieselbe auch verzeichnet haben.

Nach unserem neueren Forschen, durch Bekanntwerden neuerer Urkunden und mit Vergleichen der neuaufgefundenen Grenzregulierungskarte von 1583 bekommen wir nun ein sicheres Bild, wo die Georgs-Kapelle einst gestanden hat; welche kirchliche Bedeutung dieselbe seit ihrer Erbauung – die mutmaßlich um 1200 erfolgte – für das obere Friedatal hatte. Ihre Stifter und Erbauer müssen schon die derzeitigen Ritter der Burg Stein gewesen sein.

Schon 1269 wird ein Pfarrer der Burg Stein, Siegfried v. Herzingerode, als ein Zeuge aufgeführt (Unser Eichsfeld 1930 S. 44). Wo ein Pfarrer war, da war doch sicher auch eine Kirche, oder in diesem Falle eine Burgkapelle. Und dieses kann nur die St.-Georgs-Kapelle gewesen sein, wo genannter Pfarrer Siegfried v. Herzingerode amtierte. Es war noch die Grenzperiode der Ritterzeit, St. Georg war ihr Schutzpatron, ihr Symbol und Vorbild. Die Ritter dieser Zeit weihten ihre Kapellen St. Georg.

Die Zeugenhandlung dieses Pfarrers Siegfried 1269 fand schon vor der ersten .käuflichen Erwerbung der Burg Stein durch den Erzbischof Gerhard von Mainz statt. Die Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz waren demnach auch nicht die Stifter und Patronatsherrn der St.-Georgs-Kapelle. Schon 1139 wird ein Ritter Poppo von Stein urkundlich genannt. Die Annahme, dass Siegfried von Herzingerode ein Pfarrer von Lengenfeld gewesen sein könnte, kann aus folgenden Gründen nicht infrage kommen: Lengenfeld unterm Stein ist ein Dorf der zweiten Siedlungsperiode und scheint erst um 1300 erbaut zu sein und zwar von den Bewohnern der aufgegebenen Siedlungen Gotzrode, Clyvenrode, Amschrode, Stadt zum Stein und den Gaiberichsiedlungen. Die erste Kirche von Lengenfeld kann erst um 1300 in Stil und Anlage einer „Wehrkirche“ unter dem Patronat des uralten St. Cyriaksklosters zu Eschwege erbaut sein. Sie war durch heute noch sichtbare Gräben – der alte Graben, der rote Graben nach Westen und durch die Vertiefung des Hasenborns nach Osten geschützt.

Noch heute wird der steil nach Norden abfallende Buntsandsteinfels, auf welchem unsere Kirche steht, von älteren Leuten „die Cyriaksburg“ genannt. Die Lokalforscher Lengenfelds haben den Vornamen Cyriakus in den Gemeinde- und Kirchenakten bis jetzt noch nie gefunden! Ebenso wissen wir aus den Lengenfelder Kirchenakten, dass die Besetzung der Pfarrerstellen vor 1527 durch das Cyriakuskloster zu Eschwege erfolgte. Der lutherisch gewordene Landgraf Philipp von Hessen zwang die Nonnen des Cyriakusklosters 1527 zur Alblegung ihrer Ordenskleider und zog das Vermögen des Klosters ein. Die Patronatsrechte des Klosters gingen erst später durch Verhandlungen an den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz über. Aus dieser früheren Zeit finden wir keinerlei abhängige Verbindung zwischen der Georgs-Kapelle und der Kirche von Lengenfeld. In einer Urkunde des Keudelarchivs wird 1440 schon auf die Kapelle St. Georg und die Kirche von Lengenfeld hingewiesen. Darin heißt es u. a.: Erzbischof Dietrich von Mainz belohnt die von Keudels mit einem Burglehen über der „Kapellen“, „item ein Hoff über dem Teiche zum Stein, ein Hoff und eine Mühlen und Hüttenstätte auf dem ‚Kirchhoff’ zu Lengenfeld“.

Eine alte Urkunde über die Georgs-Kapelle zeigt uns ein Einkommen für die Kapelle selbst. Im Saalbuch von Bischofstein, Seite 315, finden wir folgende Eintragung: „8 Morgen Land beim Frauenstein gelegen, zinsen der St.-Georgs-Kapelle auf Bischofstein […]“ usw.

Vergleicht man nun die Grenzregulierungskarte von 1583, so finden wir die St.-Georgs-Kapelle „außerhalb“ der früheren Burg, im früheren Burggelände, welches sich von der Burg bis zu einem Bischofsteiner Vorwerk erstreckte. Dieses lag zwischen dem Schlossteich und dem heutigen Bahnübergang – da, wo noch heute der alte Brunnen in der Weide steht.

Zwischen diesem Vorwerk und dem Gelände der Stadt zum Stein hat der Kartenzeichner die Georgs-Kapelle eingezeichnet, etwa da, wo die Viehtränke in der heutigen Schlossweide steht.

Der Zeichner hat dieselbe als halbwüst ohne Dach gezeichnet und „Neu Kirch“ dabei geschrieben. Warum „Neu Kirch“ statt St.-Georgs-Kapelle? Dieses gibt zu denken. – Die Georgs-Kapelle muss in den Wirren der Reformation beschädigt worden sein. In dieser Zeit kannte man das Wort Toleranz noch nicht, nur Hass und Feindschaft der Religionsgemeinschaften gegen- und untereinander. (Hierzu vergl. man Knieb: „Kirchengeschichte des Eichsfeldes“; Mehler: „Reformation und Bauernkrieg auf dem Eichsfelde“ – Unser Eichsfeld 1928 Jahrg. XXIII).

Diese schrecklichen Zustände des 16. Jahrhunderts lösten dann auch zu Anfang des 17. Jahrhunderts den Dreißigjährigen Krieg aus. Auch in unserem Südeichsfelde wurde in dieser Zeit nach dem Grundsatz regiert: „Wer regiert, bestimmt die Religion“. Der Adel setzte in seinen Gerichtsdörfern Prädikanten ein, so die von Keudel in Hildebrandshausen, die von Hanstein in Großtöpfer und die von Berlepsch in Heyerode.

Wie waren nun die politischen und religiösen Verhältnisse zu Ende des 16. Jahrhunderts in Lengenfeld und Bischofstein? Die Einwohner Lengenfelds waren katholisch geblieben. Ihr Pfarrer Josef Drisseler (1550 bis 1603) stand deshalb in hohem Ansehen beim erzbischöflichen Stuhl in Mainz. Dieses beweist, dass der Erzbischof den Pfarrer Drisseler beauftragte, die lutherischen Prädikanten aus den Kirchen Heyerode und Hildebrandshausen zu verweisen. Der bischöflich-mainzer Amtsvogt Philipp Falk war nicht nur politisch sondern auch religiös ein Gegner Drisselers und darüber hinaus der ganzen katholisch gebliebenen Geistlichkeit des Eichsfeldes. Hören wir, was Wolf Löffler in der „Politischen Geschichte des Eichsfeldes“, Seite 218, über Philipp Falk schreibt:

„Der erste Landessteuerfuß ist von Philipp Falk – Vogt auf Bischofstein – am Ende des 16. Jahrhunderts oder gegen Anfang des 17. Jahrhunderts, wie ich mutmaße, gemacht worden, mit dem die Geistlichkeit am allerwenigsten zufrieden war, weil Falk als Kalvinist aus Abneigung gegen den Klerus ihrem Stande zu viel aufgebürdet hätte.“

Trotzdem Falk Kalvinist war, blieb er unentbehrlicher, unabkömmlicher Beamter des Mainzerstuhls bis 1617.

Nun lesen wir in den Pfarrakten der damaligen protestantischen Kirche Divi Blasi Mühlhausen folgende Eintragung: Der Amtsvogt Philipp Falk auf Bischofstein wurde am Sonntag (22.9.1594) mit Ottilie verw. Schwellenberg geborene Reinhardt zum ersten Mal aufgeboten. Die Trauung des Paares fand jedoch in der Georgs-Kapelle auf Bischofstein statt.

Leider können wir aus diesen Pfarrakten von Divi Blasi nicht in Erfahrung bringen, welcher Pfarrer das Paar in der Georgs-Kapelle getraut hat. Nach Lage der zeitlichen gespannten Zustände hat sie der katholische Pfarrer Drisseler wohl nicht getraut. Wir finden auch nichts über diese „Standestrauung“ in den Lengenfelder katholischen Pfarrakten, obwohl spätere Trauungen von Bischofsteiner Amtsvögten verzeichnet sind.

Ich nehme vielmehr an, dass die verwitwete Ottilie Schwellenberg geborene Reinhardt (deren Vater und erster Mann beide Mühlhäuser Ratsherren und protestantisch waren) sich an ihrem Wohnort in der Kirche Divi Blasi hat aufbieten lassen müssen. Falk hat sich dann in der inzwischen nun wieder hergestellten Kapelle 1594 mit der verw. Ottilie Schwellenberg durch einen kalvinistischen (reformierten) Prädikanten trauen lassen.

Amtsvogt Philipp Falk kam 1581 in den Dienst des Mainzerstuhles. Nach der Grenzregulierungskarte war die Kapelle 1583 noch halbwüst, 1594 ließ sich Falk darin trauen. Also musste die Georgs-Kapelle wieder hergestellt sein. Anlässlich einer Firmungs- und Visitationsreise weihte dann am 11.5.1611 der Mainzer Weihbischof Kornelius Gobelius, Bischof von Askalon, auf der alten Burg Stein die St.-Georgs-Kapelle wieder auf ihren alten Titel. Im genannten Jahr grassierte auf dem Eichsfeld die Pest, der auch Bischof Gobelius bei seinem Aufenthalt in Heiligenstadt zum Opfer fiel.

Im Dreißigjährigen Krieg wurden Burg und St.-Georgs-Kapelle wieder zerstört. Diese zerstörte Burg Stein war in dieser Zeit immer noch Sitz des Gerichts. Auch in der St.-Georgs-Kapelle wurde durch Pfarrer Adam Heitrich, Lengenfeld, der Kirchendienst weiter aufrecht erhalten, wie folgende Aufzeichnungen im Lengenfelder Kirchenbuch besagen:

„Anno 1693, 5. Oktober habe ein unächtig Kind getauft in der Kapelle St. Georgi ufm Bischofstein, so von einer Malefizperson gebohren der Vatter wurde dazu benannt – der Scharfrichter aus der Vogtei ein Ehemann. Dies Kind hat H. Amtsvogt Magt Margaretha aus der Tauf gehoben. Anno 1695 den 5. August ist auf dem Amtshause Bischofstein in der Gefangenschaft ein unächtig Kind als Söhnlein gebohren von Margaretha Kobold aus der Fulung gebürtig, zu welchem Kinder der Vatter Hans Griesh aus dem Lüneburger Lande von ermelter Person denomiert. Dies Kind ist in der Schloßkapelle St. Georgi getauft worden. Darzu Gefattern sind gestanden Jakob Kobold jun., Joseph Witzel und Maria Hedderich.“
Weiter lesen wir aus den Lengenfelder Pfarrakten:

„Am 11. Dezember bewilligt der Churfürst Lothar Franz dem Pfarrer und Schuldiener in Lengenfeld für Abhaltung des Gottesdienstes in der St.-Georgs-Kapelle von 1700 ab
a) dem Pfarrer 2 Malter Scheite und 2 Schock Reisig aus den Churfürstlichen Waldungen
b) dem Schuldiener 4 Schock Reisig.
1708 wurde in der Kapelle St. Georgi der Amtsvogt Karl Heinrich Helm durch Pfarrer Adam Heitrich getraut.“

Dieses war wohl die letzte urkundlich überlieferte kirchliche Amtshandlung in der alten freistehenden St.-Georgs-Kapelle auf Burg Bischofstein.

In den folgenden Jahren wurden Burg und Kapelle abgetragen. Zwischen 1740 bis 1747 wurde das neue Amtsgebäude Schloss Bischofstein (jetzt FDGB-Ferienheim) fertiggestellt und die St.-Georgs-Kapelle wurde mit in dieses „Schloß“ verlegt und hier die alte St.-Georgs-Tradition übernommen und weitergeführt bis 1803, der Okkupation durch Preußen.

Zu Ende des 17. Jahrhunderts ging die Verwaltung des Amtes Greifenstein mit den Dörfern Kella, Pfaffschwende, Rüstungen und Sickerode an den Bischofstein über. Seit dieser Zeit treten unter den beständigen Ausgaben des Amtsvogtes von Bischofstein folgende Ausgabeposten auf: Den Wallfahrtsleuten in der Bittwoche 16 gl, zur Speisung der Geistlichen und Kirchendiener 3 Thl. 8 gl – am St.-Georgs-Tage (Patron vom Bischofstein) nach der Prozession aus dem herrschaftlichen acrariv den Geistlichen ein Mahl gegeben 5 gl.

Bei der Okkupation befanden sich auch folgende Inventarien zur St.-Georgs-Kapelle gehörig: 1 silberner Kelch mit Patene – 1 tragbarer Altar – 1 altes Messbuch – 2 schlechte Messgewänder – 2 massive Leuchter – 2 zinnerne Messleuchter – 1 Hand- und Beierschelle.

Lambert Rummel
(Quelle: Lengenfelder Echo, August-Ausgabe 1959)