Martin Weinrich (1865 – 1925) Lehrer und Eichsfelder Heimatdichter

Martin Weinrich wurde am 21. Mai 1865 zu Uder geboren. Sein Vater war Zimmermann. Von 1880 – 1885 besuchte er die Präparandie und das Lehrerseminar in Heiligenstadt. Als junger Lehrer zog er nach Dingelstädt. Bis 1892 hat er hier gewirkt. Dann war er in Magdeburg tätig.

26 lange Jahre. Dass Weinrich in der Schule nicht nur seine Pflicht tat, sondern sich förmlich aufopferte, ist bei seiner vornehmen Auffassung des Lehrberufs und seinem frommen Sinn selbstverständlich. Charaktervolle, glaubensstarke Menschen wollte er heranbilden, erziehen, nicht nur wissen vermitteln. Mit der Arbeit in der Schule begnügte er sich noch nicht. Mitten ins Leben, unter die Menschen stellte er sich. Er lachte und weinte mit dem Volke, wurde „ein Apostel der Diaspora.“ So habe ich einen Nachruf überschrieben, den ich dem 20 Jahre älteren Freunde und Gönner in der „Germania“ widmen durfte. Ein Wesenszug Martin Weinrichs war die tätige Liebe, die aus einem lebendigen Glauben und reiner Gotteskindschaft entsprang. Seinen Schülern und der Gemeinde lebte er ein Leben vor, an dem sich alle aufrichten konnten. Es war ihm klar geworden, dass die beste Predigt das Beispiel ist.

Neben der Schule übte der Lehrer – auf die Ehe hatte er verzichtet – eine ausgedehnte karitative Tätigkeit aus. Nichts konnte ihn abschrecken, in die Dachkammern der Ärmsten zu gehen, keine war so hässlich, dass sie Weinrich vom Bett des Hilfsbedürftigen hätte fernhalten können. Er spendete Gaben, die er aus eigenen Mitteln oder mit fremder Hilfe sich verschaffte, und tröstete mit herzlichem Eindringen in Sie Seele des Leidenden. So richtete er Zusammengebrochene, verzweifelte auf. Vinzenzgeist! Seine Geduld war unbegrenzt, widerstand reiste ihn nicht. Manches Herz, das aus Stein zu sein schien, ist an ihm warm und weich geworden. Mancher, der längst mit Gott zu hadern angefangen und den weg zu Christus verlassen hatte, fand durch Weinrich seinen Frieden wieder.

Rührend war die Sorge Weinrichs um seine vielen Patenkinder, rührend aber auch die Anhänglichkeit, mit der sie ihn bis zu seinem Tode über alle Lebensschicksale unterrichteten. Immer wieder erbaten sie seinen väterlichen Rat. So führte er, als er schon lange auf dem Eichsfelde wohnte, noch eine lebhafte Korrespondenz mit seinen Schutzbefohlenen.

Ein aufrichtiger Freund ist Weinrich den Arbeitern gewesen. In ihren Vereinen und Gewerkschaften war er ihnen behilflich. Keinen Weg scheute er, wenn er bilden und praktisch zugreifen konnte. Die Betreuten fühlten seine ehrliche Nächstenliebe und erwiderten sie. Auf ihren Familienfesten durfte der Lehrer nicht fehlen. Wie manches Arbeiterkind hat er aus der Taufe gehoben! Und wie freuten sich die Patenkinder, wenn der 11. November herankam. Vater Weinrich hatte Namenstag. Da trippelten sie mit dem Blumenstrauß in der Hand zu ihm hin. Um die lange Tafel saßen die kleinen Plappermäuler, von dem guten Onkel selbst bewirtet. Vielen Waisen ist er ein treuer Vormund gewesen. Er blieb ihnen Führer, bis sie allein durchs Leben gehen konnten. Die Durchsicht der hinterlassenen Briefe ist ergreifend. Da dankt z. B. ein Mädchen in Österreich, dass nie die leitende Hand eines sorgenden Vaters gefühlt hat, Martin Weinrich dafür, dass er ihm Liebe schenkte und es auf den Weg zu Gott brachte, wo es nun so glücklich sei.

Weinrich ging auf im Dienste für andere, dachte an sich immer zuletzt. Als 52 jähriger Mann musste er eines schweren Nerven- und Herzleidens wegen schon in den Ruhestand treten. Er kehrte in die eichsfeldische Heimat zurück, vor dem Abbruch des Weltkrieges war es, als er in Heiligenstadt Wohnung nahm. Er rastete nicht; denn auch hier wuchs die soziale, Not. Hielt ihn seine Krankheit nicht zurück, so arbeitete er nach alter Diaspora-Gewohnheit im Dienste der Mitmenschen. Seine Neigung führte ihn auch hier in den Vinzenzverein, wo er eine segensreiche Tätigkeit entfaltete. Die Not der Ruhestandsbeamten und Kleinrentner ließ ihn nicht los. Er wurde den schuldlos verarmten ein treuer Ratgeber und Helfer. Man wurde auf den seltsamen, edlen Mann überall aufmerksam und berief ihn in mehrere Ausschüsse, die nach dem Kriege ins Leben treten mussten, weil die Not viele zu verschlingen drohte.

Als Diaspora-Katholik war Martin Weinrich auch ein begeisterter Zentrumsmann geworden. Er blieb es bis zum Tode und gehörte zuletzt noch dem Lokalvorstande an.

Mit jeder Herzensfaser hing er an der Heimat. Schon früher hatte Weinrich gelegentlich Verse geschrieben. Nach der Übersiedlung nach Heiligenstadt brachte er auf Drängen kleine Geschichtchen, die sich im eichsfeldischen Volksleben einmal zugetragen haben oder schön erfunden sind, in mundartliche Reime. Zuerst erschienen die Schnurren in der „Eichsfeldia“. Sie fanden großen Anklang und kamen in Buchform heraus. Martin Weinrich war plötzlich ein populärer Mann geworden. Seine „Därre Hozel un driege Quitschen“ wurden gern gelesen und erlebten mehrere Auflagen. „Wäns mant wohr äs“ kam hinzu. In allen Eichsfelder Vereinen und bei festlichen Gelegenheiten auf dem Eichsfelde selbst werden die fröhlichen Geschichtchen in Reimen vorgetragen. Man könnte glauben, der Verfasser sei einer der lustigsten Menschen gewesen. Gewiss, er ließ den Kopf nicht hängen, war froh wie alle wahrhaft frommen Menschen, doch sein Erfolg war nur deshalb möglich, weil er selbst im eichsfeldischen Dorfleben wurzelte und außerdem ein feines Gehör für die Erzählungen der Mitmenschen hatte. Er konnte sie belauschen und aus anscheinend wertlosen Scherzen Kabinettstückchen mit richtig angebrachter Pointe formen.

Martin Weinrich war ein bescheidener Mensch und hat nie nach Ruhm gestrebt, aber auch nicht an das Seziermesser der Kritik zu denken brauchen. Er wollte mit seinem Schreiben den Landsleuten nur ein bisschen Freude bringen. Und das ist ihm gelungen, wir nehmen mit Dank auch die letzten Gaben entgegen, die in diesem Bändchen zusammengetragen sind. Es ist davon abgesehen worden, Erklärungen beizufügen und Lautangaben zu machen. Man kennt sie aus den beiden vorhergegangenen Bändchen. Der Eichsfelder kommt aber auch ohne sie aus, und der Nicht-Eichsfelder weiß mit ihnen nicht viel anzufangen.

Noch manches hatten wir von Martin Weinrich erwartet. Die gelegentlich geschriebenen Prosaskizzen waren Spiegelbilder seiner Gemütstiefe und Herzensgröße. Zu früh ist uns der Mann mit der großen Seele gestorben. Wochenlang lag er im Krankenhause und doch traf uns am Abend des 15. August 1925 die Nachricht vom Tode des edlen Menschenfreundes wie ein Stich ins Herz. Als wir ihn begruben, hatte sogar der Sommerhimmel ein Trauergewand angelegt. Prälat Heddergott, der selbst nach 27-jährigem Schaffen in der Diaspora aufs Eichsfeld zurückkehrte, nahm in einer herzlichen Grabrede den Schleier von dem bescheidenen Wirken des Dialektdichters und Menschen Weinrich. Wir wussten, dass wir der Erde einen Vollkommenen übergeben hatten. In der Trauerrede wurde gesagt: „Weinrich erreichte mehr, als er selbst zu hoffen gewagt hatte. Man kann ihn den ersten Eichsfelder Dialektdichter von Bedeutung nennen. In seine Gedichte goss er wie der Glockengießer von Breslau Liebe und Glauben. Wie schön hat er das in den „Heimatglocken“ getan! Er lässt einen in die Fremde gegangenen Eichsfelder, der draußen den Glauben verloren bat, durch die Heimatglocken zurückrufen: „Willeime, kumm heime!“ Schließlich kehrt er wieder und die Glocken im Kirchlein läuten freudig: „Willeime, kumm heime!“ – In dem schlichten Wesen des Verstorbenen lag seine Größe. Er bestimmte in seinem Testament, dass ihm nur ein einfaches Kreuz auf das Grab gesetzt werden dürfe. Auf der Vorderseite müsse es die Inschrift tragen: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe!“ Die Rückseite aber solle den Schluss des letzten Verses seines Gedichtes „D’rheimen“ erhalten:

„Wänn ändlich mol d'r Härrgott kimmt
Un minne Seele zu sich nimmt,
Min Lieb uff unserm Kärchhobb ruht,
Dann äs jo alles, alles gud:
D‘rheimen äs d‘rheimen!“

Ein Denkmal aus eichsfeldischem Muschelkalk schmückt die Ruhestätte Weinrichs. Das schönste Denkmal hat sich unser Landsmann selbst gebaut. es steht in lebendigen Menschenherzen und ist festgehalten in Werken voll Güte und Liebe.

Karl Löffelholz
Heiligenstadt, Pfingsten 1928
(Quelle:
„Korn un Sprie, Spaß muß si“, Heiligenstadt: Cordier, 1928)

Gedruckte Werke:

  • „Därre Hozel un driege Quitschen“, Heiligenstadt: Cordier, 1924.
  • „Wänn’s mant wohr äs“, Heiligenstadt: Cordier, 1924.
  • „Korn un Sprie, Spaß muß si“, Heiligenstadt: Cordier, 1928 (posthum herausgegeben von Karl Löffelholz)