Wilhelm Ripkes Abschied von Schloss Bischofstein (1963)

Liebe Bischofsteiner!

Diese Aufzeichnungen, unter anderen Bedingungen und Ausblicken als sonst entstanden, verdienen nicht mehr wie in früheren Jahren die ohnehin etwas anspruchsvolle aber populär gewordene Bereich „Bischofsteiner Chronik“, sondern müssten richtiger die Überschrift „Zwischen Ost und West“ oder „Von Ost nach West“ tragen. Denn inzwischen habt Ihr es ja durch meine kurze Mitteilung vom 19.11. (1963) erfahren, dass ich, begleitet von Frau Emmy Mund, bereits Mitte September (1963) Bischofstein verlassen habe, um in die Bundesrepublik überzusiedeln. Zu diesem alle etwaigen Konsequenzen einbeziehenden, nach Konsultation zweier Rechtsanwälte erfolgten Schritt sah ich mich, ganz abgesehen von der seelischen Belastung durch ein freudlos und inhaltsarm gewordenes, in seiner Bewegungsfreiheit eingekerkertes Dasein, vor allem durch die Ausweglosigkeit der wirtschaftlichen Lage Bischofsteins veranlasst oder richtiger: gezwungen, die es mir nicht mehr ermöglicht, die bei dem Alter des 1747 erbauten Schlosses und der Brüchigkeit seines Gemäuers von Jahr zu Jahr anwachsenden Instandsetzungskosten zu finanzieren.

Wie ihr aufgrund meiner früheren Berichte wisst, ist das Schloss seit 12 Jahren mit Ausnahme einiger weniger Räume an die Gewerkschaft verpachtet, die hier ein Erholungsheim für Werktätige ins Leben gerufen hat. Von der bisher an mich gezahlten Jahrespacht wurde jeweils ein bestimmter Betrag zur Bestreitung der allernotwendigsten Reparaturen zurückbehalten. Doch schon seit mehreren Jahren reicht diese Summe nicht mehr aus, die Unkosten zu decken. Ich sah mich daher genötigt, durch Verkauf des sogenannten „Doktorhauses“, einiger Baugrundstücke (damals noch zu dem bisher üblichen Preise von DM 1.50 pro qm, der später auf 8 Pfennig herabgesetzt wurde) sowie sämtlicher Schuleinrichtungen, einschließlich der wissenschaftlichen Sammlungen meine Einnahmequellen zu erweitern. Insgesamt habe ich seit 1950 rund 70.000 DM in das Objekt investiert und dadurch den Weiterbestand Bischofsteine für eine soziale Aufgabe gesichert. Diese Reserven sind aber jetzt restlos erschöpft und auch eine weitere hypothekarische Belastung des Besitzes ist nicht möglich. Aus diesen Schwierigkeiten gibt es meines Erachtens nach bei der gegenwärtigen Lage der Dinge, an deren grundlegende Änderung in absehbarer Zeit ich nicht glaube, keine andere als die mir durch nüchterne Erkenntnis zuteil gewordene Lösung. Ich kann Bischofstein nur erhalten, indem ich es verlasse; so paradox dies auch demjenigen erscheinen mag, der die Verhältnisse nicht kennt. Wäre ich dort geblieben, hätte ich den Besitz vielleicht nicht davor bewahren können, dass er in naher Zukunft dem Schicksal einer Zwangsversteigerung anheim gefallen wäre. Aber niemand wird mir zumuten, so lange auf einem verlorenen Posten auszuharren, bis diese makabre Tragödie über Bischofstein hereingebrochen wäre. Durch meinen und Frau Munds Weggang ist jedoch dieser drohenden Gefahr bis auf Weiteres begegnet: denn aufgrund eines im August 1963 mit der Gewerkschaft abgeschlossenen, erweiterten Pachtvertrages bleibe ich Eigentümer des Besitzes und die Pachtzahlungen laufen weiter; ja sie erhöhen sich sogar, da mehrere Räumlichkeiten frei geworden sind und auch die Kosten für unseren Lebensunterhalt wegfallen, was dem Reparaturkonto zugute kommt. Nach den bisher mit meinem Pächter gemachten Erfahrungen bin ich überzeugt davon, dass er alles tun wird, um die Erhaltung bzw. die Wiederinstandsetzung der übrigens unter staatlichem Denkmalschutz stehenden Baulichkeiten zu gewährleisten.

Allerdings habe ich von der mit der Gewerkschaft getroffenen Neuregelung in materieller Beziehung nichts, da die Pachteinnahmen auf ein Sperrkonto überwiesen werden, das weder mir noch – nach meinem Tode – dem Erben Dr. Walter Marseille zugänglich ist. Daran kann ich nichts ändern; denn so sind eben die geltenden Bestimmungen in einem kommunistischen Staat. Zwar besteht sowohl für mich wie für Frau Mund die Möglichkeit, Bischofstein zu besuchen und in diesem Falle von dem Sperrkonto einen Betrag von je 15 DM täglich zur Bestreitung der Aufenthaltskosten abzuheben; aber es fragt sich, ob diese Vergünstigung auch ehemaligen Bewohnern der 5-km-Sperrzone gewährt wird, woran ich jedoch eigentlich nicht zweifle, da mir behördlicherseits immer wieder versichert worden ist, dass ich mich infolge meines überall bekannten langjährigen Widerstandes gegen das Hitlerregime allgemein eines uneingeschränkten Ansehens erfreue. Aber wie dem auch sei: bisher hat sich weder bei Frau Mund noch bei mir der Wunsch gemeldet, in die dortige Welt der inneren Vereinsamung und geistigen Isolierung, der Sperren und Schranken auch nur vorübergehend zurückzukehren. Schon längst hat Bischofstein für mich sein Gesicht verloren, sein Blut und sein Herz, seine Seele und seinen Geist. Darum ist mir auch der Abschied nicht so schwer geworden, wie ich erwartet hatte, obgleich es mir 44 Jahre lang äußerlich und innerlich die verlorengegangene Heimat wiedergeschenkt hat. Mein Entschluss, wegzuziehen, stand schon Ende 1962 fest. Am 15.12.(1962) reichte ich bei der zuständigen Behörde des Kreises Mühlhausen ein entsprechendes Gesuch ein und bat für mich sowie für Frau Mund um Genehmigung der Übersiedlung nach Westdeutschland, wobei ich mich auf mein hohes Alter und meine Pflegebedürftigkeit (seit 5 Jahren Inhaber eines Schwerbeschädigtenausweises infolge mehrfacher Operationen) sowie auf die Tatsache berief, dass sowohl meine wie auch Frau Munds sämtliche nächsten Blutsverwandten im Westen leben. Durch unsere langanhaltende Krankheit am Ausgang des Winters waren die Verhandlungen mit den Mühlhäuser Behörden ins Stocken geraten und zogen sich 8 Monate hin. Erst Ende Juli kam zunächst die fernmündliche Mitteilung, dass unser Antrag genehmigt worden sei. Nun erst begannen die zeitraubenden, nervenzermürbenden Arbeiten des Sichtens und Ordnens und Verpackens, die Aufstellung und Einreichung eines genauen Verzeichnisses aller einzelnen Teile des Umzugsgutes, das wir mitzunehmen beabsichtigten (bei Büchern: Angabe des Titels, des Verfassers, des Verlages, des Erscheinungsjahres). Diese Liste musste nach Erfurt eingereicht werden, von wo aus auch die Genehmigung erfolgte, was verhältnismäßig schnell geschah, da nichts beanstandet worden war. Noch vor Abschluss der Verhandlungen mit einem Mühlhäuser Spediteur wegen des Transports unserer Habseligkeiten – zunächst bis nach Wanfried – wurde vom Zollamt geprüft, ob sich in unserem Umzugsgut nicht vielleicht irgendetwas befand, das nicht auf der Liste verzeichnet war. Nachdem auch diese Prüfung erfolgreich überstanden war, begannen die unserseits von Frau Mund mit einem Vertreter des Bürgermeisteramtes geführten Besprechungen betreffs der Übernahme der Verwaltung Bischofsteins durch die Gemeindevertretung sowie die Überführung meines restlichen Bankguthabens auf ein Sperrkonto der Notenbank.

Was sich sonst vor der Genehmigung einer Übersiedlung erfahrungsgemäß als besonders retardierender Faktor erweist: Die in Berlin von der Zentralverwaltung der Polizei erfolgende Ausstellung von Umsiedlungspässen, ging in unserem Falle auch viel schneller vonstatten, als wir erwartet hatten: Bereits Ende August wurden wir darüber informiert, dass unsere Pässe eingetroffen wären und in Mühlhausen abgeholt werden müssten, d. h., dass unserer Ausreise nichts mehr im Wege stände. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass sämtliche Behörden, mit denen wir zu tun hatten, sich uns gegenüber besonders zuvorkommend gezeigt haben und die mit ihnen geführten Verhandlungen stets in sachlicher Weise verlaufen sind. Wenige Tage vor unserem Weggang kamen zwei Vertreter des Kreisrates sowie der Lengenfelder Bürgermeister zu uns, um sich zu verabschieden, versicherten uns ihrer gemeinsam anzustrebenden Bemühungen zur Erhaltung Bischofsteins als eines Wahrzeichens der Eichsfelder Heimat und fanden freundliche Worte der Anerkennung auch für meine bisher immer darauf bedacht gewesene Tätigkeit. Nachdem wir alle für die Ausreise erforderlichen Dokumente, Genehmigungen, Bescheinigungen, Unbedenklichkeitsbescheide des Finanzamtes, Gutachten des Kreisarztes, Grundbuchauszüge u. a. beisammen hatten, kam die Stunde des Abschieds heran, des Abschieds von den Menschen, die uns nahestanden, die jahrelang durch ein gleiches oder ähnliches Schicksal mit uns verbunden gewesen, des Abschieds vom Hause mit den vertrauten Räumen, ihrer Weite und Herrlichkeit, der wuchtigen Treppe, den Türen und Kammern, den Ecken und Gängen; von der Landschaft, die ein Teil war von uns wie wir von ihr, die schweigend zu uns sprach, die uns enteinsamte, weil wir ihr unsere Freude und unser Leid anvertrauen durften. Vieles von unserm Hab und Gut haben wir zurückgelassen, verkauft, verschenkt; denn wir hatten ja im Westen noch keine dauernde Bleibe in Aussicht. Doch als so manche Lengenfelder, Abschied nehmend und um ein Andenken an „unser“ und „ihr“ Bischofstein bittend, heraufkamen, waren wir glücklich, uns ihnen gegenüber erkenntlich zeigen zu können für uns erwiesene Dienste und Gefälligkeiten in langen Jahren gemeinsamen Erlebens.

Sehr schmerzlich war für mich die unvermeidliche Notwendigkeit, mich fast von meiner ganzen, über 2.000 Bände umfassenden Bibliothek zu trennen, die nicht weniger als 9 Regale und 3 Bücherschränke füllte. Ich habe sie an einen mir empfohlenen Erfurter Antiquar und Buchhändler verkauft. So kamen sie wenigstens in fachkundige Hände und blieben erhalten. Nur etwa 200 Bände, die ich nicht missen wollte, haben die Leise über die Grenze angetreten und gut überstanden. Von den antiken Möbeln habe ich die zwei prächtigsten Stücke: 1 Kommode und 1 zweitürigen Wäscheschrank, beide reich mit Intarsien verziert, als Umzugsgut hinüberschaffen lassen. Dank dem immer bereiten Entgegenkommen Wolfi von Scharfenbergs sind sie in Wanfried untergestellt, befinden sich aber einstweilen noch in der Lattenumkleidung, mit der sie unser Lengenfelder Zimmermann: Meister Andreas Busse vorschriftsmäßig versehen, und vor Beschädigungen geschützt hat. Ich habe die Absicht, diese Möbel zu verkaufen, und würde mich freuen, wenn vielleicht einer der ehemaligen Kameraden sie als Erinnerung an Bischofstein erwerben würde. Denn ich zweifle nicht daran, dass ein Kenner und Liebhaber solcher Zierden jedes Museums bei ihrem Anblick keinen Augenblick zögern würde, seine gefüllte Brieftasche zu zücken und einen kapitalen Scheck auf den Tisch zu legen.

Am Tage vor unserer Abreise nahmen wir uns eine Taxe und machten eine letzte Rundfahrt durch das Eichsfelder Land: über Großbartloff, die Spitzmühle mit dem Wasserfall, den Westerwald, Wachstedt, das „Klüschen“, Martinfeld, Bernterode, Lutter, Uder, Heiligenstadt, Geisleden und nochmals durch Großbartloff nach Hause zurück. War der aufschäumende und sich verflüchtigende Inhalt unserer letzten Flasche Sekt, die wir an jenem Abend tranken, vielleicht ein Sinnbild alles Entstehenden, sich WandeInden und Vergehenden?

Am Morgen des folgenden Tages stand der Wagen, der uns nach Gotha zum Interzonenzug bringen sollte, auf dem Schlosshof vor dem Portal mit dem Wappen, das wir zum letzten Mal grüßten. Dann fuhren wir langsam zum Tore hinaus, begleitet von Abschied winkenden Händen. Es war der 13. September und dazu noch ein Freitag. Daten also, die von vielen als unglückverheißend beargwöhnt werden, was uns aber nicht anfocht, da wir durch abergläubisches Zwangsdenken nicht belastet sind, woran auch die schwarze Katze, die uns bei der Ausfahrt aus Lengenfeld über den Weg lief, nichts zu ändern vermochte. Denn irgendwie waren wir von der Hoffnung erfüllt, ja von der Zuversicht getragen, das Schicksal werde uns gnädig sein.

Von Gotha brachte uns der Interzonenzug bis Bebra, wo Annchen von Scharfenberg uns abholte und nach dem Kalkhof fuhr. Am folgenden Tage machte Wolfi mit uns einen kleinen Ausflug nach der mit dem Auto in wenigen Minuten erreichbaren verhängnisvollen Zonengrenze, deren stacheldurchsetzter Zaun doch im letzten und tiefsten nichts anderes ist als Monument und Ausdruck der Angst vor der Freiheit. Aber über das traurige Gebilde hinweg sahen wir – gleichsam versöhnend – das nur wenige tausend Meter entfernte, in strahlendem Sonnenschein liegende Bischofstein vor uns, auch mit bloßem Auge gut erkennbar. Da kam mir der Gedanke: Ist das noch Wirklichkeit, ist das noch Gegenwart oder ist Bischofstein, jetzt für uns unerreichbar, zum Mythos geworden, der nur noch in der Erinnerung weiterlebt?“

Dr. Wilhelm Ripke
(Quelle: „Bischofsteiner Chronik“, Januar 1964, Seite 1-4)