Vom „Rain“ bis zum „Schingeleich“ – Rund um die Struther Flurnamen (1940)
Die rund 765 Hektar umfassende Struther Gemarkung hat eine Reihe eigenartiger, aber auch schwer zu deutender Flurnamen aufzuweisen. Die Dorfalten wissen einem darüber wenig zu sagen, und die jüngeren Leute beschäftigen sich schon gar nicht mit solchen angeblich „veralteten“ Dingen. Hinzu kommt, dass die Gemarkung des Dorfes Struth seit mehreren Jahren verkoppelt worden ist. Dabei sind ehemals geschlossene Gewanne zerrissen und mancher Steg und Weg beseitigt und durch bessere ersetzt worden, meist zum Vorteil der Ländereien und ihrer Bearbeitung. Alte und bekannte Flurnamen sind somit überdeckt und umgedeutet worden.
Wenn es infolgedessen auch schwierig ist, einen Streifzug durch die Struther Flurnamen zu unternehmen, so ist es doch ebenso interessant und dankbar; denn viele Namen haben uns aus der Dorfgeschichte und der engeren Heimat vieles zu sagen.
Da ist zunächst der „Rain“, die höchste Erhebung und geologische Verwerfung der Flur und des Landkreises überhaupt (517 Meter ü. d. M.). Er ist eine Fortsetzung des Struther Kirchberges, die sich bis nach Wachstedt hin erstreckt. Die Ländereien rechts und links der Straße Mühlhausen – Effelder mit dem „Rain“ heißen „auf“ und „unter dem Rain“. Einen herrlichen Ausblick hat man von hier aus nach Hessen und auf der anderen Seite nach dem Harz mit dem Brocken. –
Drüben liegt rechterhand der Wilhelmswald an der Flurgrenze Büttstedt – Anrode. Hier heißt die Flur „vor den Anröder Tannen“. Hinter diesen liegt der „Spitalsgraben“ (mundartlich: Spaltaolsgraben). Früher führte hier ein Weg nach Kloster Anrode, das zur Zeit Napoleons Spital gewesen ist. –
„Die Sättlinge“ sind der Breite nach von sattelartigen Mulden durchzogen. Der Name aber kommt von „Sottel“, also einer bestimmten Breite. Man hört auch noch den bäuerlichen Ausdruck: „Ich habe einen Sottel breit gepflügt“. –
Der Jakobsweg verläuft in Richtung Bickenriede – Annaberg. Er wurde früher als Zurichteweg von Bickenriede nach dem Wallfahrtsort Annaberg benutzt. Heute findet die Annen-Oktav in Struth (St. Jakob) statt und die Woche nennt sich im Volksmund Jokstagswoche. –
„Die breite Laiden“ erinnert uns an ein leidenartiges, steinreiches und unfruchtbares Gelände. –
Unweit hiervon liegen „die achtzehn Gelängen“ an der Bickenrieder Straße. Sie stellen ein Breitenmaß dar. 1 Rute Breite = 1 Striegel, 2 Ruten Breite = 1 Sottel, 4 Ruten Breite = 1 Gelänge. Die achtzehn Gelänge sind also eine Breite von ca. 324 Meter. –
Ein benachbarter Flurstrich heißt „Pfaffenecke“, ein ehemaliges Kirchenland. Die Einkünfte hieraus standen für bestimmte pfarrliche Funktionen innerhalb der Kirchengemeinde (Pfarrbrot) zur Verfügung. Auch sollen hier früher bösartige Grenzstreitigkeiten zwischen Bickenriedern und Struthern ausgetragen worden sein, wobei einmal ein Pfarrherr erschlagen wurde. –
„Vor’m Stege“ ist ein früherer Durchbruch (Schlag) über den Landgraben an der Ostseite des Kirchberges. –
Die unter dem Kirchberg liegende „Finkensohle“ (auch Finkensode) ist nicht erklärt. Man vermutete hier einen früher eingegangenen Ort, jedoch fehlen hierfür alle Anhaltspunkte. Der Flurteil erstreckt sich etwa 800 bis 1000 Schritte südöstlich von Struth bis zur Westseite des Mühlhäuser Landgrabens, bezw. bis zur Grenze der Wüstung „Tiefenthal“. Der Name wird von „feuchter Wiese“ hergeleitet.
„Am Mühlhäuser Wege“ (Mäuschen Waje), nennen sich die Äcker an der Mühlhäuser Landstraße in Richtung Eigenrieden. –
Der Sälzerweg führte von Eigenrieden über die Höhe nach Lengenfeld unterm Stein. Er kann von Langensalza seinen Namen haben. Wahrscheinlicher ist aber die Deutung als nächster Weg von Allendorf über das Senkchen nach Mühlhausen, auf dem früher das Salz befördert wurde. –
Steiner-Wald (Stenner-Waje) benennt sich der Flurteil, welcher im Osten durch den Landgraben, im Süden durch das „Güldene Holz“ und durch die sich von der Mühlhausen – Wanfrieder Straße in Richtung Faulungen abzweigende Straße begrenzt wird. Die große Fläche heißt in ihrer Verlängerung auch „auf dem Rode“ und erstreckt sich bis fast nach Struth hin. Es handelt sich hier um eine später gerodete Waldfläche, die früher ein Reichslehen war. Da im Struther Sprachgebrauch der Ausdruck „Wald“ nicht vorkommt, wurde aus „Steiner-Wald“ = Steiner Weg (Stenner Waje). Schließlich ist der Ausdruck ganz erklärlich, denn Steine gibt es hier in Hülle und Fülle und von Wald ist nichts zu sehen. Eine wüste Ortsstätte konnte auch hier nicht festgestellt werden.
Unweit des „Stenner-Wajes“ und des Sälzerweges gibt es auch eine „Ausgespanne“. Die Fuhrleute, die früher von Allendorf nach Mühlhausen wollten, brauchten meist Vorspann bis auf die Höhe. Dort wurde dann die Vorspann entlassen, also ausgespannt. –
Die Ländereien nördlich vom Buchbornsweg heißen Seelgerät oder Seelengerät (Gerät zur Rettung der Seelen). Mit einer Rodung von Kloster Zella (Zellgerödt) hat der Name nichts gemein, sondern bedeutet eine Messstiftung für arme Seelen. –
Hinter den Gärten, an der Westseite des Dorfes, liegt das Schildchen. Der Name kommt von einer früheren Tafel (Schild), die eine dreieckige Form hatte. –
Die „Heiligen Länder“ waren mit den „Geteilten Streckers Gärten und Lehmkuhlen“ die sogenannten Gerechtigkeiten früherer Hufenhöfe. –
Hier stand früher „der Heiligenstock“, ein Bildstock von den vier Bildstöcken der Evangelisten, die heute noch vor der Kirche stehen. Der Heiligenstock stand am Steig nach Katharinenberg (genannt: Katherstieg). –
„Am Feldborn“ nannten sich früher auch die Äcker im „Höschen“ (hinter den Höfen). In meiner Kindheit war hier ein tiefer Ziehbrunnen, der mit dem Scheunen-, Anger- und Schulborn (Ziehbrunnen) in trockenen Zeiten das Trinkwasser spendete. –
Die Flurbezeichnung „Kutte“ kommt in verschiedenen Formen vor: Ochsenkutte – Lehmenkutte – auf der Kutte. In jedem Falle ist eine entsprechende Bodensenkung zu finden.
Schließlich seien noch genannt: „Saurasen“ und „Schingeleich“. Ersteren deutete man nach der früheren Schweinehut. Kann aber auch vom Struther Spitznamen „Strüther Suipuzen“ (Saubüschel –Löwenzahn) herrühren. „Auf dem Schingeleich“ nennt sich die höchste Stelle des Kirchberges mit den bekannten stattlichen Linden, die vor über einem Jahrhundert gepflügt wurden und weithin sichtbar sind.
Diese Aufzeichnungen erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und beweisen, wie schwierig und unsicher es ist, Flurnamen zu deuten, die sich nicht eindeutig aus ihrer Form und Lagen ergeben! –
Vinzenz Hoppe
(Quelle: „Mühlhäuser Anzeiger“, Ausgabe vom 03.08.1940)