Vermutungen zum Frauenstein von Pfarrer Aloys Höppner (aus: „Die Germaramark“, 1932)

Wie de Wieber nach’s Regemant hotten.

„Nenuphar, die weiße Blume,
Birgt sich gern in Nacht und Schweigen;
Nur des Himmels treuen Sternen
Wagt sie schüchtern sich zu zeigen.“
Weber: Dreizehnlinden.

Zu Mythe und Sage, zum Geheimnisvollen zieht es den Germanen wie den Ägypter zur Sphinx. Auch in die Germaramark schlug die weiße Blume ihre Wurzeln: auf ihren Weihern und Quelltiefen wiegt sich Nymphäa, die Seerose; um ihre Burgtrümmer und Baumriesen, um ihre Grenz- und Mordsteine rankt sich ein Immergrün: das Moos und der Eppich der Sage. Schüchtern zwar, doch lebensfreudig drängt sich diese zum Lichte, mögen auch die Historiker, verschanzt hinter toten Pergamenten, ihr Rankengewirr immer wieder grausam zerreißen. Leicht wird das den gestrengen Herren zuweilen, wenn der Import, die Kopie wie auf der Egelsburg, beim Frankenkönig Dagobert, bei Aureus und Justinus unverkennbar oder der Literaten Einwirkung nachzuweisen ist. Wo indes der Eingeborenen Stimme unverfälscht durch ein Jahrtausend dringt, dort beißt auch der verknöchertste Hyperkritiker auf Granit. So war es auf dem Hülfensberge. Als der Eichsfelder durch bald wissenschaftlich verbrämte, bald ironisch verätzte Argumente – „Bonifatius steckte einen der ihn belagernden Heiden in den andern“ – zum Schweigen gebracht war, sprang der Hesse in die Bresche, und die uralte, bodenständige Überlieferung stellte sich im wesentlichen als echt heraus. Wie wird nun vor dem Forum der Geschichte eine andere südeichsfeldische Sage bestehen, die vom „Wiebchen vun England“? Bis zu dieser britischen Kriemhilde, zu jener Zeit, „wö de Wieber nach’s Regemant hotten“, wie es eine greise Faulungerin ausdrückte, ist die Geschichtsforschung der Germaramark noch nicht ernstlich vorgedrungen. Denn zu grotesk wollte es erscheinen, daß eine Ausländerin derart in deutschen Landen wüten könnte, und von den englischen Prinzessinnen, der zweiten Frau Heinrichs des Löwen, (die erste hieß Clementia), des Winterkönigs Friedrich von der Pfalz und des Königs Richard Löwenherz, der durch Deutschland flüchten mußte, war keine über das Eichsfeld gekommen oder auf der Walstatt geblieben. An der Prinzessin scheiterte die Kombinationsgabe der Forscher. Die historische Entfernung soll deshalb aus der Sage selbst versucht werden.

Den Weg zeigt uns ein altes, in Lengenfeld mündlich überliefertes Volkslied, das Karl Duval i. J. 1846 vorfand und in seinem „Eichsfeld“ wiedergegeben hat:

Der Vogt der Burg Stein tötet das Fräubchen mit einer silbernen, kaum erbsengroßen Kugel, die er (mit der Armbrust?) von der Burg aus entsendet – oder nach Faulunger Tradition beim Frauenstein mit einem Pfeile, den er auf die mit drei Kutschen vorüberfahrende Engländerin abschnellt. Es werden viele Dörfer zerstört, vor allem die Rode-Dörfer, die erst in der letzten Siedelungsperiode (800–1200) entstanden waren. Der Rachezug bewegt sich in der Sage von Kalteneber, Flinsberg, Ascherode über Lengenfeld, Kesselsrode, Grünrode und endigt vor Wendehausen. Das sind die Grenzdörfer zwischen Thüringen und dem chattischen Teile der Germaramark, der Windischen Mark. Woher dieser Name? Man unterschied im Mittelalter nach Arnold „Wanderungen und Siedelungen deutscher Stämme“ das Winterfeld = ager hiemalis, das Sommerfeld oder den Windischtacker und den alius ager. – Die Windische Gasse in Heiligenstadt wäre demnach die auf der Sommerseite liegende Gasse und hätte mit den Wenden nichts gemein. – Die Windische Mark könnte nur von einem nordwärts wohnenden Herrscher so benannt worden sein, das wären die Grafen von Nordheim, die sie tatsächlich im 12. Jhdt. inne hatten und an die Thüringer Landgrafen vererbten. Welchen kriegerischen Verwicklungen dieses Jahrhunderts ist nun der Zug der englischen Amazone einzugliedern?

Landgraf Ludwig der Eiserne von Thüringen, Sohn der jüngeren Hedwig von Gudensberg, der Enkelin Heinrichs des Feisten von Nordheim, hatte bereits auf Seiten Barbarossas gegen den Mainzer Erzbischof Konrad von Wittelsbach gekämpft und im Auftrage des Kaisers, dessen Halbschwester Jutta ihm angetraut war, im Jahre 1165 die Schlösser Rusteberg und Harburg zerstört. Des Eisernen Sohn Ludwig der Milde setzte den Kampf gegen den Erzbischof Konrad fort und führte auch, als Heinrich der Löwe auf dem 5. Römerzuge dem Kaiser die Hilfe verweigert hatte, die Hessen und Thüringer gegen den welfischen Vetter seines Vaters nach Weißensee.

Gertrud, die Mutter des Löwen, war die einzige Tochter der Kaiserin Richenza, also gleichfalls eine Enkelin „Heinrichs, der fett war.“ (Chronik des Erfurter Petersklosters).

[Stammbaum / Genealogische Darstellung]

  • Ahnengeneration:
    • Heinrich der Fette von Nordheim († 1101 in Friesland)
    • verheiratet mit: Gertrud von Braunschweig (Tochter Ekberts des Älteren, Markgrafen von Meißen)
  • Zweig A (Welfen / Kaiserhaus):
    • Kinder von Heinrich dem Fetten & Gertrud v. Braunschweig:
      • Richenza
        • verheiratet mit: Kaiser Lothar v. Suplinburg (1125–37)
        • Tochter: Gertrud
          • verheiratet mit: Heinrich der Stolze († 1139)
          • Sohn: Heinrich der Löwe († 1195)
            • verheiratet mit: Mathilde, Tochter Heinrichs II., König von England
  • Zweig B (Ludowinger / Landgrafen v. Thüringen):
    • Kinder von Heinrich dem Fetten & Gertrud v. Braunschweig:
      • Hedwig die Ältere
        • verheiratet mit: Giso der Jüngere v. Gudensberg
        • Tochter: Hedwig die Jüngere
          • verheiratet mit: Landgraf Ludwig I (1130–40)
          • Sohn: Ludwig der Eiserne (1140–72)
            • verheiratet mit: Jutta, Halbschwester Barbarossas
            • Sohn: Ludwig der Milde (1172–90)

Heinrich der Löwe, 1179 auf den Reichstagen zu Würzburg und Gelnhausen in die Acht getan, versammelte ein großes Heer und stieß „auf dem Eichsfelde“ mit Landgraf Ludwig, dessen Bruder Hermann und Herzog Bernhard von Anhalt zusammen. Während der Schlacht zog der Anhalter ab nach Mühlhausen. Der Kampf war überaus blutig. Das Heer der Thüringer schmolz auf 400 Mann zusammen. „Doch Ludwig und Hermann fochten weiter und führten lauter tötliche Streiche, bis sie vom Fechten entkräftet zu Boden fielen, die Waffen fallen ließen und sich gefangen gaben. Der Sieger zündete Mühlhausen an und verheerte alle Orte bis zu den Hessen“. (Teuthorn, Historie der Hessen III. Bd. 226, Annales Bosonienses in Eccardi corp. hist. T. 1 p. 1019, Chronicon Peganiense in Menkenii Script. rerum Germ. T. 3 p. 146, Anonymus Saxo apud eundem T. 3 p. 111).

G. Grandaur, Chronik von Sankt Peter zu Erfurt, (Leipzig, Dunker), nennt Weißensee als Schlachtort des 14. Mai 1180 und verweist wie Teuthorn auf die ausführliche Darstellung in der Pegauer Klosterchronik. Dambergers Geschichte des Mittelalters läßt das Treffen von Weißensee am 15. Mai sich fortsetzen bis Mühlhausen und weiterhin.

Kein ärgerer Zwist als Verwandtenzwist. Daher die Erbitterung, mit der in der Schlacht bei Weißensee und auf dem Eichsfelde (Teuthorn) gestritten wurde und die nachfolgende Verheerung des Eichsfeldes. Vierzig Jahre zuvor erst war die Landschaft an der Werra mit der Windischen Mark durch die 1148 verstorbene Hedwig die Jüngere, die Tochter der Gräfin Hedwig von Nordheim und Gisos des Jüngeren an die Ludowinger gekommen. Das nördlich angrenzende Gebiet der ausgestorbenen Grafen von Nordheim und Katlenburg, unter anderem Gieboldehausen und Umgebung hatte Heinrich der Löwe von seiner Mutter Gertrud, der Enkelin Heinrichs „der fett war“ geerbt. Am heftigsten mag der Kampf um die von den Welfen oder Gisonen erbaute Burg Stein getobt haben, wie 60 Jahre später auch Herzog Otto I. von Braunschweig, dessen Tochter Helena mit der hl. Elisabeth Sohn Hermann II. vermählt war, nach dessen Tode (1242) die Landschaft an der Werra überfiel, Eschwege erstürmte und im Jahre 1256 Herzog Albrecht von Braunschweig, der Elisabeth, Sophie von Brabants einzige Tochter, geehelicht hatte, bei Ausbruch des Thüringer Erbfolgekrieges sofort die von Gottschalk von Plesse für das Erzstift Mainz bewachte Burg Stein im Sturm nahm und bis 1264 besetzt hielt.

Hier hatten einst die sächsischen Ludolfinger und dann die Billunger herrscht, deren letzter Herzog Magnus i. J. 1106 gestorben war. Ihr Erbe hatten die Welfen angetreten, deren mächtigsten Sproß, Heinrich den Löwen, die Erfurter Peterschronik „einen Mann nennt, wie Deutschland keinen größeren hatte“. Hier war ursächsischer Boden. In den „Mühlhäuser Heimatblättern“ 9/30 zieht Dr. Karl Siegmar von Galera (Halle) die Grenze des alten Thüringer Königreiches (3.–6. Jhdt.) von Gerstungen, Hörschel, Mihla, Wanfried über den Mühlhäuser Landgraben, Eigenrieden, Sollstedt, Eichsfelder Tor, Elende, Schiedungen, Ellrich. In dem westlichen Landgraben sieht er die Gaugrenze des um Mühlhausen liegenden Westgaues. Die Wallburg bei Bickenriede hält er für sächsisch wie auch die Runsburg, das „Runibergun“ des Mönchs Widukind, wo sich wie auf dem Stuffenberge aus einer heidnischen Kultstätte eine Wallfahrtskirche, Elende, entwickelte.

Wie kamen nun die Engländer aufs Eichsfeld? Bereits im Jahre 1115 hatte der sächsische Kaiser Heinrich V. zu Mainz mit Mathilde, der Tochter König Heinrichs I. von England die Ehe geschlossen. Mathilde, eine Tochter des englischen Königs Heinrich II. reichte Heinrich dem Löwen die Hand zum ehelichen Bunde. In die Verbannung nach England schickte der Fürstentag zu Erfurt im Jahre 1181 den Löwen, nachdem dieser die gefangenen Landgrafen in Freiheit gesetzt hatte. Die Vermutung ist also gegeben, daß ein englischer Verwandter Heinrichs des Löwen im Mai 1180 über das Eichsfeld reiste und bei Ascherode ermordet wurde oder nach dem Lengenfelder Volkslied das Welfenheer befehligte, in Gefangenschaft des Steiner Vogts geriet und in dessen Burgverließ enthauptet wurde:

„Im wilden Kriegestanze
Da hatt’ sie ihn verloren.
Hoch schwang sie ihre Lanze
Dem Rosse um die Ohren …
O Erich, treuer Diener,
Wo ist der Feldherr dein,
Den ich so liebe hatte?
Schon blinkt der Mondenschein
Herab hier auf die Toten,
Die all erschlagen sind.“

Der Engländer wird gefangen durch Flinsberg zum Stein geführt und dort, während die Gattin den Sturmangriff vorbereitet, enthauptet. Der Küster von Flinsberg hört beim Metteläuten den Burgvogt zum gefesselten Ritter sagen:

„Dort auf dem Bischoffsteine,
Da sitzt ihr hoch und fest.
Man sagt vom Bischoffsteine,
Es sei ein Teufelsnest.“

Da die Eichsfelder Schlacht für die Welfen siegreich verlief, ist diese Darstellung der Sage unwahrscheinlich und die erste Version vorzuziehen. Anderorts wird das Fräubchen direkt als Heerführerin bezeichnet, und so lernen wir auch den Ort der Schlacht kennen. In Struth wird tradiert, im Tippengraben zwischen Eigenrieden und Faulungen hätte das „Wiebchen vun England“ eine Schlacht geschlagen. Diese bedeutsame Struther Ueberlieferung stellt die Verbindung zwischen Sage und Geschichte her, wenn damit auch die Teilnahme der Engländerin an der Schlacht noch nicht bewiesen ist. Schlacht und Verheerungszüge der Welfen fielen zeitlich zusammen. Das Fräubchen wird sich den sengenden und brennenden Truppen des Löwen angeschlossen haben. Durch die zur Mythe neigende Volksseele aber klang alles übertönend das Motiv der Gattentreue und Gattenrache. Feldherrin, Harnisch und silberne Kugel waren bald erfunden.

Vom Tippengraben, durch den die Struther zum Treffurter Töpfer gingen, ist es nicht weit zur Zellaer Klosterschranne, durch deren Schlucht das flüchtige Wiebchen nach Aussage des alten Lengenfelder Mittelmüllers hinabstürmte. Nach Faulunger Sage war es eine Zellaer Nonne, die auf der Flucht vor einem Ritter die Klosterschranne hinabsprang. Scharfloher Überlieferung läßt das Fräubchen bei der Hagemühle hoch zu Roß halten und, da es von einer Kugel getroffen noch Lebenszeichen von sich gibt, von der herbeieilenden Hagemüllerin mit dem Waschbrett erschlagen werden. (Mit dem Mangelholz bewaffnet stürmte anno 1848 auch eine Wachstedter Frau den anrückenden Martinsfeldern entgegen.) Hier bei der Hagemühle, der ehemaligen Wasserschöpfstelle der Burg Stein (Eselsweg), endet der Rachezug der Engländerin. Nach der Erzählung des Mittelmüllers Hannpeter Hahn sprengte das Wiebchen auf riesigem Roß (Wotans Roß), vom Vogt verfolgt, über den Kamm des Burgberges, des Walberbühls, durch den Zellaer Wald hinab die Klosterschranne, durch Lengenfeld bis an die Hageliete, wo das Streitroß mit geborstenen Eingeweiden zusammenbrach. Bis etwa 1870 stand dort auf Luhnhansens Grundstück ein Totenmal, Frauenruhe oder Frauenstein genannt. Drei Morgen Land „beim Frauenstein“, heute zur Meierei – 1795 noch Goldenes Kreuz geschrieben – gehörig und im Grundbuch so aufgeführt, zinsten der Georgskapelle in der Stadt Stein. (Salbuch S. 315). Am Sockel des Grabsteins lag eine Blydenkugel. Blydenhof heißt noch in Mühlhausen die Laube, in der die Wurfmaschinen aufbewahrt wurden. Die Steinkugel war damals die Hauptwaffe, mit der man Burgen brach. Im Jahre 1212 eroberte König Otto Langensalza mit jenem Dreiarm, der auch Tribock genannt wurde, dem teuflischen Werkzeug, das damals zum ersten Male in Anwendung kam. Grandaur a. a. O. S. 72.

Den Frauenstein, der zuletzt als Trittstein diente, setzte Pfarrer Großheim 1884 in die Kirchhofsmauer. Der Sockel desselben mit den Fußlinien des Gekreuzigten fand sich 1929 unter der Diele der alten Schmiede, wie der Zimmermeister Busse schon früher angegeben hatte. Die WurfkugeI liegt auf dem Nebengehöft.

Die einreihige Grabschrift des Frauensteins „Obiit ... Zahl ... Jutta von ...“ sowie das Kreuzigungsrelief mit zwei primitiven Wappenschildern gehören dem 13. oder 14. Jahrhundert an. Die Heergesellen des Fräubchens scheinen ihrer Herrin nur ein schlichtes Monument – Stein und WurfkugeI – gesetzt zu haben. Das Epitaph in seiner jetzigen Gestalt dürfte 80 Jahre später errichtet sein, als wieder ein Welfe, Herzog Albrecht von Braunschweig, diesmal mit dem Tribock an die Tore der Feste Stein pochte. Der Name Juditha, zusammengezogen Jutta, war in den verwandten Häusern der Staufen und Welfen gebräuchlich. (Mutter und Stiefschwester des Rotbarts.) Es könnte auch das Grabmal einer Vogtfrau sein, die am hier einsetzenden, noch heute gepflasterten Burgwege verunglückte oder aus einer ihrer drei Kutschen herausgeschossen wurde, doch darüber schweigen die im 14. Jhdt. schon reichlicher fließenden Quellen, schweigt auch die Sage.

Nicht Sage klingt demnach aus dem Wiebchen-von-England-Liede, sondern lautere Historie, und wir stehen hier am Eselswege an einem Denkmal von historischem Wert, von eminenter Bedeutung für die thüringisch-welfisch-englische Geschichte. Sinnend schaute der Wanderer von ehedem von der Landstraße hinauf zum sagenumwobenen Stein am Ackerrain, auf die wuchtige Steinkugel, die zwischen Waldessaum und Wiesental lag, als wäre sie eben vom Bischoffstein herabgeschleudert worden. Wie die Engländerin der Sage nach bei der „halben Frau“ oberhalb Geismar von Pferden zerrissen wurde, so riß man auch an der Hageliete ein Heimatjuwel auseinander, das Grabmal der Jutta von England.


Am Frauenstein

Im Westen starrt dunkle Wolkenwand,
Ein Grabmal raget am Wegesrand,
Eine Kugel am Sockel, viel Zentner schwer,
Als wär sie geflogen vom Bischoffstein her
Auf den Frauenstein
Am blühenden Rain.


In der Ferne leise es rauscht und klingt
Wie Wasser, das über das Mühlrad springt,
Auf der Engelswiese Zikadensang,
Vorbei zieht ein Wandrer im raschen Gang,
Hebt zu grüßen die Hand Sie,
die Ruhe dort fand.


In uralten Zeiten von Engelland her
kam ein Fräubchen gefahren über das Meer,
Zu rächen den Gatten den ihr zur Qual
Traf der Bischofsteiner mit mordendem Stahl,
Setzt’ Ramme und Bohr
An Mauer und Tor.


Ausbrachen die Steiner mit Übermacht,
Das Fräubchen flüchtet durch Nebel und Nacht,
Brescht durch der Jungfräulein von Zelle Wald;
Auf der Klosterschranne gähnet ein Spalt,
Das Normannenroß
Bäumt riesengroß.


Und springt hinab in den finsteren Schlund,
Reißt am zackigen Felsen die Flanke wund,
Stürmt talwärts weiter durch Lengenfeld,
Da zerbarst das Gekröse, der Renner fällt
Bei der Liete am Hag,
Es graute der Tag.


Aus dem Bilstal sprengte der Voigt in Eil
Und legt auf den Bogen den silbernen Pfeil,
Durch die Brünne drang klirrend das Todesgeschoß,
Das Fräubchen sank neben dem treuen Roß
In den blumigen Klee
Wie ein weidwundes Reh.


Der Grausame band an des Hengstes Schweif
Den Leichnam, zerriß ihn im wilden Schleif
Durch Ascherode bis in die Au,
Von alters heißen „die halbe Frau“. –
Nun wahre dich Vogt!
Bald verglimmt auch dein Docht.


Die Knappen stürmten hinauf zum Stein,
Zerbrachen die Feste beim Abendschein,
Begruben die Herrin auf hohem Roß
An sonniger Hald’, wo ihr Herzblut floß;
Bis zur „Mühle im Hag“
Scholl die Totentklag’.


Von Gattenminne ein hohes Lied
Sang der Grabstein, den aus dem Fels man hieb,
Das schwerste Geschoß, von der Blyde geschnellt,
Den Grabhügel zierte im einsamen Feld. –
Die Wolkenwand sinkt,
Der Abendstern blinkt. –


Nun brauset, ihr Wälder, im nächtlichen Chor!
Der Frauen Sterbelied rauschet empor!
Zur Gruft die Dolden sich neigen im Wind,
Die Friedawellen gleiten geschwind
Und murmeln im Lauf:
Herr! nimm sie auf.
 

Aloys Höppner
(Quelle: "Die Germaramark. Ihre Siedlungen und Geschichte. Heiligenstadt: Brunn'sche Buchdruckerei, 1932, S. 127 - 134)