Schloß Bischofstein und seine Umgebung - Ein Wanderführer von Walther Fuchs (1991)
Schloß Bischofstein und seine Umgebung
Wanderführer
In einem der schönsten Teil des Obereichsfeldes, dem romantischen Friedatal, liegt idyllisch der Ort Lengenfeld und Stein, eingeschlossen von hohen Bergen, die mit ihrem Laub- und Nadelholzbestand der Landschaft ein besonderes Gepräge verleihen. Über dem Ort, am Südhang des Burgberges, 316 m hoch, liegt das schon 244 Jahre alte ehemalige kurmainzische Schloss Bischofstein, umgehen von einem großen Park, einladend und wie geschaffen für einen schönen und erlebnisreichen Urlaub.
Bei den Wanderungen in die Wälder, über die Berge und durch die anmutigen Täler nach Kloster Zella, Faulungen, Hildebrandshausen, Effelder der Kloster- und Luttermühle und zum Nationalheiligtum des Eichsfeldes, dem Hülfensberg lernen alle Urlauber das schöne Obereichsfeld kennen. Ein besonderes Erlebnis für die Feriengäste sind die Fahrten nach Eisenach auf die Wartburg und in die tausendjährige Kreisstadt Mühlhausen mit ihren historischen Bauwerken. Besonders zu empfehlen sind die Eichsfeldrundfahrten über Leinefelde, Heilbad Heiligenstadt zum Hanstein, der wertvollsten Ruine des Eichsfeldes.
Wer mit offenen Augen in die Natur Lengenfelds und Bischofsteins hinauswandert, dem wird dieses Erlebnis zur bleibenden Erinnerung an das schöne Obereichsfeld. Das von verschiedenartigen Bergkonturen begrenzte Friedatal mit seinen Wäldern, felsigen Kuppen und einsamen Tälern liegt dem Ort so nahe, dass es in kurzer Zeit erreichbar ist.
In diesem Wald- und Bergland findet der Wanderer fast alle Arten von Laub- und Nadelhölzern. Im Gemisch von Rot- und Weißbuchen, Eschen, Eichen, Ahorn sind Linden. Espen und Ulmen, vereinzelt auch Birken und Ebereschen zu finden. Verstreut und in Gruppen stehen im Laubholzbestand junge und uralte Eiben. An den Hängen und in der Nähe der Vorgehölze wächst auch noch der Wacholder. Fichten, Lärchen und Kiefern bilden den geschlossenen Bestand des Nadelwaldes. Tannen sind selten.
Ein Paradies seltener Pflanzen und Kräuter, bedingt durch die Bodenformation (Muschelkalk) und klimatische Einwirkungen, bietet die Flora. An den Waldhängen und auf den Lichtungen findet man schon im zeitigen Frühjahr den Märzenbecher und den Seidelbast mit seinen purpurblauen, duftenden Blüten. Bald danach erscheinen das Leberblümchen, weiße und gelbe Annemonen und das rot- und blaugefärbte Lungenkraut. Kommt der Frühsommer, stehen andere seltene Pflanzen an ihrer Stelle: Aronstab und Maiblumen finden in dichten Scharen, sehr selten und versteckt Salamonsiegel und ganz selten noch die wundervolle Blüten des Frauenschuhs. Oft aber leuchten uns der Türkenbund, die verschiedenen Arten der Knabenkräuter sowie das rote und weiße Waldvöglein und die Fliegenblume entgegen. Im Herbst sind dann alle Wiesenhänge mit den blauen Blüten des Enzians durchwirkt. Alle diese Pflanzen der obereichsfeldischen Flora stehen unter Naturschutz.
Wenn auch der Wildbestand der Wälder und Fluren geringer geworden ist - Hasen sind selten - so begegnet der Wanderer oft noch Rehen. Hier und da schürt der Fuchs im Gelände herum. Ganz selten und dann nur im Westerwald sind die Hirsche. Dafür hat sich das Schwarzwild wieder stark vermehrt. Als Seltenheit unter den Lurcharten finden wir die Geburtshelferkröte, auch Glockenfrosch genannt.
Aber auch der Geologe wird auf dem Obereichsfeld mit seinen guten Aufschlüssen des unteren, mittleren und oberen Muschelkalks viele sehr schöne Arten von Versteinerungen finden.
Wanderung zum Schlossberg
In einer halbstündigen Wanderung vom Bischofstein aus über die Bahnstrecke erreichen wir am Schlossteich vorbei auf einem leicht ansteigenden Waldweg das Plateau des Schlossberges, 402 m hoch. Hier stand die feste kurmainzische Burg „Stein“, ab 1409 „Bischofstein“ genannt. Wenigen Überreste von Mauerwerk und Gewölben erinnern an die einstigen Beherrscher des Friedatales. Von der nach Süden gelegenen steil abfallenden Felswand hat man einen herrlichen Ausblick in das Friedatal. Unten liegt Lengenfeld u./Stein, südöstlich Faulungen, eingebettet in einem engen Talkessel und umgeben von den Bergzügen des „Faulunger Steins“ und der „Pfaffenköpfe“ mit der alten Wallburg, die „Spindelsburg“. Südlich liegt Hildebrandshausen. Westlich sieht man Geismar mit dem Hülfensberg, 444 m hoch. Nach dieser einzigartigen Schau soll man nicht versäumen, das hinter dem Schlossberg gelegene Bilztal (dieser Name ist abgeleitet von dem Namen des einstigen Besitzer „von Bülzingsleben“) zu durchwandern. Am Hang entlang findet man dann auf stillen Waldwegen die seltenen Eiben in ganzen Gruppen. Hat man dann den Berghang erreicht, bietet sich erneut die Sicht ins Bilztal, östlich schauen wir ins Effeldertal mit dem Walperbühl, einem Bergkegel, 450 m hoch. Auf einem bequemen Waldweg erreichen wir in einer viertel Stunde wieder Bischofstein.
Wanderung nach Kloster Zella
Oberhalb Lengenfelds beim Sägewerk zweigt links die Straße nach Struth ab. Auf ihr etwa 4 km entlang wandernd erreicht man das ehemalige Kloster Zella. Still und erhaben grüßt es den Wanderer auf der Landstraße. Seine altersgrauen Mauern, teils noch aus der Gründerzeit um 1100, beeindrucken uns tief. Dicht hinter dem Kloster entspringt die „Frieda“ dem Berginnern. Links die Straße verlassend, gelangen wir auf den Eingangsweg zum ehemaligen Kloster.
Kloster Zella oder Kloster „Friedensspring“, wie es nach dem Flüsslein, das in der Nähe des Klosters entspringt, benannt ist, wurde um 1100 als Doppelkloster gegründet. Die älteste noch vorhandene Urkunde von 1213 bezeichnet das Kloster als Frauenkloster. Alles andere urkundliche Material wurde bei dem großen Mühlhäuser Brand im Zellschen Hof, wohin im Dreißigjährigen Krieg ein Teil der Nonnen mit Klosterschatz und Urkunden geflüchtet waren, vernichtet. Torhaus und Kirche sind die letzten Zeugen aus der Entstehungsgeschichte. Die übrigen Klostergebäude sind in Fachwerk ausgeführt, von denen die ältesten seit 1603 stehen. Nur die Grundmauern, Keller und Gewölbe geben noch ein Bild davon, wie das Kloster bei seiner Erbauung eingerichtet gewesen sein muss.
Nachdem das Königreich Preußen im Jahre 1802 das Mainzische Eichsfeld in Besitz genommen und der Reichsdeputationshauptschluss in Regensburg 1803 die Säkularisation der Klöster festgelegt hatte, wurde im Jahre 1811 das Kloster aufgelöst und der gesamte Besitz verkauft und bis 1945 als Rittergut genutzt. Im Zuge der Bodenreform wurde es im November 1945 enteignet und vom Land Thüringen der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen 1948 übereignet. Die Kirchenleitung beauftragte das Evangelische Hilfswerk, in Kloster Zella ein Altersheim einzurichten. Die ersten Heimbewohner kamen am 15. Juli 1949.
Wanderung nach Großbartloff - Klostermühle - Luttermühle - Effelder
Mit dem Zug fahren wir 7.37 Uhr von Lengenfeld unterm Stein nach Großbartloff - Ankunft 7.50 Uhr.
Großbartloff gehörte schon 1294 zu Kurmainz und wurde zu diesem Zeitpunkt Bartdorf genannt. Schon um 1500 besaß dieses Dorf eine eigene Brauerei und mehrere Mühlen. Valentin Degenhard aus Frieda begründete 1680 hier die Raschmacherei, aus der sich 1711 die südeichsfeldische Raschmacherzunft entwickelte, die bis 1809 bestand. Im Jahre 1870 ging die Wollspinnerei ganz ein. An Valentin Degenhard erinnert ein Gedenkstein in der Mitte des Dorfes.
Der Kunstliebhaber sollte nicht versäumen, einen Blick in die Kirche zu werfen, deren Turm die Jahreszahl 1551 trägt und in seiner Bauart einzigartig auf dem Eichsfelde ist. Im Dorf selbst finden wir schöne alte Bauernhäuser in Fachwerk und mit stattlichen Torbögen. Wir verlassen Großbartloff und wandern auf der Landstraße rund 400 m. Dort biegen wir rechts ostwärts auf einen Weg ab und erreichen, nachdem weiteren 500 m die Klostermühle, die zu einer herrlichen Erholungsstätte mit Gastwirtschaftsbetrieb ausgebaut ist. Diese Mühle gehörte als Bannmühle zu dem ehemaligen Benediktinerinnnkloster - Zella. Nach einer ausgiebigen Erfrischung in der Klostermühle besuchen wir noch das Erholungszentrum Luttergrund, ein wahres Urlauberparadies, mit der Luttermühle, die nach ganz modernen gastronomischen Gesichtspunkten ausgebaut wurde.
Nach einer erholsamen Rast führt uns eine gut ausgebaute Landstraße in südöstlicher Richtung nach dem zwei Kilometer entfernten Effelder, das mit seiner Höhenlage von 460 m neben Struth das höchstgelegene Dorf des Eichsfeldes ist. Urkundlich wird das Dorf „Effeldra“ schon 1280 genannt. Damals verkaufte der Graf Albrecht von Gleichenstein das Dorf an das Kloster Zella, bei dem es bis zur Säkularisation im Jahre 1802 verblieb. Da die Kirche am höchsten Punkt des Dorfes steht, hat man von ihrer Umgebung aus entzückende Rundblicke über das Obereichsfeld und die angrenzenden Höhen. Ein Besuch in der Kirche, dem „Eichsfelder Dom“ - Baujahr 1893 - mit seiner reichen Innenausstattung, lohnt sich.
Nachdem wir uns in einer Gaststätte erquickt haben, wandern wir auf dem Bartloffer Stieg in nordwestlicher Richtung und erreichen nach 1,5 km den Haltepunkt Effelder. Dort nehmen wir den Spätnachmittagszug und fahren um 17.01 Uhr wieder nach Lengenfeld unterm Stein zurück.
Wanderung nach Faulungen
Jedem Urlaubsgast empfehlen wir eine Wanderung nach Faulungen. Oberhalb Lengenfelds, dort wo bei dem Sägewerk am Ausgang des Dorfes die Straße nach rechts in südöstlicher Richtung abzweigt, erreichen wir nach einer Wanderung von 3 km an der neugestalteten Untermühle vorbei, mit einem herrlichen Blick auf den Zellaer Grund das romantisch gelegene Dorf Faulungen. Schön hebt sich die Kirche gegen die steilen Felsen des Faulunger „Steins“ ab, auf dem ehemals eine Wallburg stand. Wunderbare Fachwerkhäuser geben in ihrer jahrhundertealten Bauweise ein besonderes Gepräge. In der Kirche, die 1753 erbaut worden ist, entdecken wir noch einige altgotische Figuren als Reste eines Flügelaltares.
Wanderung zum Hülfensberg
1. Wandervorschlag: Wir fahren mit dem Auto nach Geismar bis zur I. Station des Stationsweges (4 km). Von dort gehen wir den Stationsweg zum Hülfensberg hinauf. In Geismar sind Wegweiser zum Hülfensberg angebracht.
2. Wandervorschlag: Wir fahren von Lengenfeld aus in Richtung Geismar bis zur Kreuzung an der Lutterbrücke (2,1 km). Dort biegen wir links ab und fahren durch Döringsdorf bis zum Parkplatz vor Bebendorf unterhalb des Hülfensberges. Von dort gehen wir zu Fuß zum Hülfensberg. In Döringsdorf ist der Weg zum Hülfensberg beschildert.
Der markanteste Bergkegel im Obereichsfeld, gleich, wo du in die Landschaft hineinschaust, das ist der Hülfensberg. Immer wieder wird dein Auge auf ihm haften bleiben. Von jeder Seite des Aufstieges erkennt man, daß hier in ältester Vorzeit die Kultstätte der Germanen lag, die hier ihre Sonnenwendfeste feierten. Hier soll nach einer Überlieferung Bonifatius im Jahre 724 eine Donaeiche gefällt haben. Auf diesem 444 m hohen Bergkegel fand man bei Erdarbeiten im Jahre 1860 vorgeschichtliche Begräbnisstellen und Urnen. Aus dieser heidnischen Kultstätte wurde bald eine christliche. Der Hülfensberg erhielt ein Gotteshaus als erste Pfarrkirche dieser Gegend. Anlass zu großen Wallfahrten gab das „Hülfenskreuz“, dass aus dem 11. Jahrhundert stammt und das interessanteste Bildwerk des Eichsfeldes ist. Als die Wallfahrten zunahmen, wurde um 1360 eine neue Kirche an den älteren Teil angebaut. 1890 wurde diese Kirche vollkommen restauriert und 1903 die Bonifatiuskapelle errichtet.
Ja, lieber Wanderer, es ist schon ein Erleben, wenn du diesen 444 m hohen Bergkegel erstiegen hast, um vielleicht dort zu beten oder Ausschau zu halten in unsere wunderschöne deutsche Landschaft. Gen Osten erblickst du das obere Friedatal mit seinen vielen Seitentälern. Ganz in der Ferne leuchten die roten Dächer von Lengenfeld und Bischofstein im hellen Sonnenlicht. Rechts siehst du die Keudelskuppe. Leider wurde das darunter liegende Gut Keudelstein, das im Jahre 1669 erbaut worden ist, als „Störobjekt an der Grenze“ in den fünfziger Jahren abgerissen. Links ragt am Horizont über den Bergen die ins Auge fallende gotische Kirche von Effelder, auch „Eichsfelder Dom“ genannt, empor.
Am nördlichen Aussichtspunkt steht das Dr. Konrad Martin Kreuz. Im Jahre 1933 hatten die Eichsfelder zu Ehren des Bischofs von Paderborn Dr. Konrad Martin, der am 12. Mai 1812 in Geismar geboren wurde, ein weithin sichtbares Kreuz errichtet. Wegen seines angegriffenen Zustandes musste es im Frühjahr 1990 demontiert werden. Bereits am 12. Oktober 1990 wurde es wieder in neuer Stahlkonstruktion aufgestellt und am 11. Mai 1991 unter Teilnahme von 6 000 Eichsfeldern aus der Heimat und aus der Fremde eingeweiht.
Von diesem Ausblick haben wir eine herrliche Sicht in die „Eichsfelder Schweiz“. In der Runde zählen wir sechzehn Dörfer auf den Höhen und in den Tälern mit den Burgruinen Greifenstein und Gleichenstein.
Mit dem „Lug - ins - Land“ auf der Westseite des Bergplateaus offenbart sich unseren Augen ein Blick, bei dem man Stunden verweilen könnte, um all das Schöne zu erfassen. Im Südosten reiht sich an den Thüringer Wald mit dem Inselsberg die Rhön an. Im Westen erblicken wir die hessischen Berge bis hin zum Meißner mit seinen 749 m. Im Vordergrund von Südosten kommend zieht sich das silberne Band der Werra entlang, umgeben von anmutigen Bergeshöhen. Wir schauen alte Städtchen, wie Wanfried und Eschwege mit seinem markanten Leuchtturm und viele Dörfer, die eingebettet in den Tälern oder an den Ufern der Werra liegen.
Jeder Urlauber und Feriengast und jeder Fremde, der einmal das Obereichsfeld mit seinen herrlich bewaldeten Bergen und seinen lieblichen Tälern, mit seinen alten Burgen, Schlössern, Klöstern und Kapellen erlebt und den Hülfensberg, das „Nationalheiligtum des Eichsfeldes“ aufgesucht hat, wird mit unserem Heimatdichter Hermann Iseke aus dankbarem Herzen sagen:
„Bist du gewandert durch die Welt,
Auf jedem Weg und Pfade,
Schlugst auf in Nord und Süd den Zelt,
An Alp und Meergestade:
Hast Du mein Eichsfeld nicht geseh’n
Mit seinen burggekrönten Höh’n
Und kreuzfidelen Sassen,
Dein Rühmen magst du lassen!
Dort wo die junge Leine fließt,
Die Unstrut wallt zu Tale,
Der Hülfensberg die Werra grüßt,
Der Ohmberg seine Hahle,
Die Wipper flutet durch die Au:
Landauf, landab welch feine Schau
Auf Tal und Hügelketten
Und schmucke Siedelstätten.“
(Hermann Iseke)
Walther Fuchs
Lengenfeld unterm Stein - Bischofstein, den 31. Mai 1991