Obereichsfelder Osterbrauchtum

In den Dörfern des Obereichsfeldes sind noch manche Osterbräuche erhalten, die von den germanischen Vorfahren überliefert sind. Den Namen des Osterfestes bringt man in Zusammenhang mit Ostara oder Ostera, einer altgermanischen Gottheit, deren Fest in die Zeit des Frühlingsanfanges fiel. Ihr zu Ehren zündete man auf den höchsten Erhebungen der Ortslage Feuer an, die heutigen Osterfeuer. Mit dem Kult der Ostara ist auch der Name Osterberg vereinbar, der in vielen Ortschaften noch zu finden ist.

Die hohe Obrigkeit stand früher diesen angeblich heidnischen Sitten recht missgünstig gegenüber, und eine polizeiliche Anzeige aus der Mitte des 18. Jahrhunderts bekräftigt dieses. Die Osterfeuer wurden aus einem Feuerstein geschlagen, und damit wurde symbolisch angedeutet, wie draußen die Natur gleichsam zu neuem Leben entspringt.

Vielerorts wurde das Osterfest eingeleitet mit gemeinsamen Sonntagsspaziergängen der Dorfgemeinschaft. Es muss ein farbenfrohes Bild gewesen sein, wenn die Eichsfelder Frauen im Faltenrock, Mieder und Spitzenhäubchen und die Männer im Schoßrock oder Leinwandkittel in den jungen Frühling hinauszogen. Beliebt waren dabei die schönsten Liebeslieder, wie „Ein Fähnrich zog zu Kriege“; „Es wollt ein Mädchen früh aufsteh’n“; „Die Reise nach Jütland“ u. a. Kein Wunder, wenn sich gerade in dieser Zeit so manches Herz zum Herzen fand. In Struth ging man gewöhnlich bis zum Jürgenstag „Vor den Hain“, einer Waldwiese vor dem Dörnaer Wald. Hier stand besonders ein Spiel der Burschen und Mädchen, das sogenannte „Dietenhertenlaufen“ in hohem Ansehen.

Eine besondere Heilkraft schreibt man auch dem auf Ostern geschöpften Wasser zu. Bei den Kindern lebt noch die Sage fort von den versunkenen Glocken. Deshalb wird auch heute noch in den meisten obereichsfeldischen Dörfern die Glockenstimme ersetzt durch die Dorfbuben. Vom Gründonnerstagmittag bis Ostersamstagmittag durchziehen sie die Dorfstraßen mit hölzernen Lärminstrumenten, den sogenannten „Klappern“ oder „Schnarren“ und singen im Sprechchor: „Hört ihr Herren und Damen, die Glocke hat zwölf geschlagen“. Die Patenkinder holen sich bei ihren Paten die „roten Eier“. Auch die Jugend, die am Peterstag (22. Februar) das sogenannte „Nistel“ besorgte, stellt sich jetzt ein, um die Ostereier abzuholen.

Die zu Ostern aus der Schule Entlassenen haben schon lange vor Ostern die ausgeschlagenen Eierschalen sorgfältig gesammelt, und diese werden in langen bunten Eier ketten zu Ostern an aufgestellten Tannen im Dorf aufgehängt. Vielerorts wurde früher auch das „Flurreiten“ oder „Osterreiten“ abgehalten mit dem Zweck, draußen in der Gemarkung einmal festzustellen, ob die Grenzsteine auch noch unverrückt an ihrer Stelle standen. Es sei schließlich noch erwähnt, dass bei den Osterbräuchen in früherer Zeit auch grober Unfug durch die Jugend getrieben wurde. Solche Straftaten wurden 1714 geahndet mit einer Strafe von 10 Gulden und 1779 sogar mit einer Zuchthausstrafe von vier Wochen.

Bei diesen beiden Tagen spricht man auch von wichtigen Jahresterminen. Wenn man von zwei Hauptjahreszeiten berichtet, so beginnt hier die Sommerzeit, die zu Michaelis durch die Winterzeit abgelöst wird. Der Sieg des Frühlings ist nun endgültig entschieden, und die Häuser werden mit frischem Grün (oftmals Birkengrün) geschmückt. Hierdurch wird ein altes Fruchtbarkeitssymbol angedeutet.

Schon ab Ostern war früher die Dorfschenke abends länger geöffnet (1681), und vereinzelt wird schon das Vieh auf die Weide getrieben. Meist erfolgt aber der erste Austrieb erst an Walpurgis und zwar auf die Brachfelder, denn Wiesen, Äcker und junge Holzschläge sind nun „gehegt“ für Mensch und Vieh. Das tägliche Glockenläuten, das im Winter der Dorfhirte besorgt, muss nun nach der Reihe von der „Commune“ (Gemeinde) verrichtet werden (Anno 1732). Neues Auferstehen und eine neue Lebensordnung bringt so die Osterzeit.

Vinzenz Hoppe (1940)