November

Spätherbst ist’s. Novemberstürme brausen über die frisch gepflügten braunen Erdschollen der leeren Felder. Am Erker meiner Wohnung klappert der Schiefer. Im nahen Buchenwalde braust und heult es, als ziehe nach alter heimatlicher Sage der wilde Jäger durch Wälder und Felsschluchten.

Eine eigenartige Wandlung ist in der Natur eingetreten. Bäume und Sträucher hatte der Herbst prächtig gefärbt und gekleidet, wie Lenz und Sommer es nicht vermochten. Wenn auch graue schwere Sturmwolken daherjagen, so kann ich nicht widerstehen, den Wald in seiner Zauberpracht aus unmittelbarer Nähe zu bewundern. Es zieht mich hinaus in diese Schöpfung, die bald in tiefen Schlaf und graue Trauer versinkt.

Kaum hundert Meter von meiner Wohnung entfernt fängt der Wald an. Ich bin von Kindheit auf mit ihm verwachsen und bekannt. Stundenlang halbe ich ihn schon als Kind durchwandert. Da ging es barfuß über Wurzeln und Steingeröll, über Moose und Laub, um Reisig zu sammeln oder Laub zu Streuzwecken zu holen. Ich bin mit ihm vertraut, habe dem leisen Raunen seiner Baumwipfel gelauscht, ihn ächzen und knarren gehört im Sturmwind, sah, wie von Jahr zu Jahr das junge Unterholz zu Bäumen heranwuchs, und wie mancher alte Baum wieder gefällt wurde. Dichte Bestände sind lichter geworden, junger Samen wächst heran, manche seltene Blume, die mich Jahr um Jahr an ihrem alten Standplatz erfreute, ist verschwunden oder noch seltener geworden. Selten ist die Hohltaube geworden und wenig hört man noch den Pirol rufen, und auch die Anzahl der Haselmäuse ist im Abnehmen begriffen.

Während ich früher die steilsten Felspfade mit Vorliebe benutzte, steige ich heute auf sacht ansteigendem Wege zur Höhe empor. Der Weg führt durch Stangenholz, dichten Samenbestand, Hochwald und unter schroffen Felsenhängen zum Plateau des Gaiberichs Der Waldboden ist mit einer dicken Schicht neu gefallenen Laubes bedeckt. Zwischen rotbraunen und goldigen Buchenblättern liegen helle, zackige Ahorn- und grüne Eschenblätter, vereinzelt wechseln Eichen- und Ulmenlaub den bunten Laubteppich. Unbarmherzig rüttelt und zupft der brausende Sturm am Geäst und lässt tausende und abertausende Blätter zur Erde fallen, bis er auch das letzte Blättchen grausam und wild vom Baume reißt, damit der Waldboden eine warme Winterdecke für die Wurzel seiner Art wird. Jedes Blatt gibt sein Leiben her für die Erhaltung seiner Art. Erst spendet es Wärme, dann, wenn es durch Fäulnis zu neuem Humus wird, bildet es die Düngung.

Auf der verwitterten Bank, hoch oben auf einem Felsvorsprung, ruhe ich aus. Tief unter mir liegt mein Heimatdorf, über mir jagen geschwind düstere Wolken dahin, und rings um mich rauscht der Wind in den Baumwipfeln und singt dem sterbenden Herbst ein uraltes Scheidelied. Novemberstimmung – Totenmonat – Allerseelentag. Drüben, unten im Tale, leuchten die hellen Grabsteine des Dorffriedhofes. Dort ruhen die Vorfahren des lebenden Dorfgeschlechtes, dort ruhen die Väter und Großväter, die ehemals hier wandelten und die Äcker bestellten. Dort ruhen die Mütter, die uns mit Liebe umgaben. „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe! Amen.“

Eine wehmütige Stimmung beschleicht mich, und da muss ich auch an die denken, die aus unserer Dorfheimat in zwei furchtbaren Kriegen fern der Heimat in fremder Erde ruhen, und über deren Gräbern auch der Novembersturm weht, und vielleicht auch ein letztes bescheidenes Herbstwildblümchen unserer Dorfheimat blüht. Möge es uns und den nachfolgenden Generationen unserer Dorfheimat und allen Völkern der Erde vergönnt sein, im Frieden zu leben.

Der Ruf eines Eichelhähers weckt mich aus der Versunkenheit meiner stillen Betrachtung. Noch einmal lasse ich meine Blicke über das liebliche Tal der Frieda schweifen. Dann trete ich den Heimweg an. Lautlos schreite ich über den weichen Moosteppich der Waldwege. Wie ein grünes Laubendach breiten sich die Äste der alten Fichten über die herrlichen Pfade des Gaiberichs. Auf dem kargen Boden einer Waldblöße blüht die Silberdistel (Eberwurz), und samenvolle Königskerzen recken sich schnurgerade zwischen verblühtem Johanniskraut und wollig behangenen Weidenröschenstauden empor. Auf einer Waldwiese, wo noch der blaue Enzian blüht, verhalte ich den Schritt und genieße einen wunderbaren, herrlichen Ausblick über das Tal. Zwischen Plesse und Dünberg, an dessen Grunde das idyllische Dörfchen Hildebrandshausen liegt. In der Ferne grüßt der Hülfensberg mit der Turmspitze der Wallfahrtskirche. Rechts davon reihen sich die Berge des Rosoppe- und unteren Friedatales an.

Nach kurzem Verweilen führt mich der Weg wieder durch den Laubwald hinab ins heimische Friedatal. Dort, zwischen den silbergrauen Buchenstämmen liest ein altes Mütterchen Reisig. Reischen um Reischen hebt sie auf. Dann bindet sie alles auf einen Tragkorb. Ich bin ihr beim Aufheben ihrer Last behilflich. „Gott lohn es“, sagte sie und schreitet dann mit ihrer Last auf dem Rücken, in der Hand einen Aststock als Stütze benutzend, langsam ihren Weg weiter. Ja, wertlos erscheinendes Reisig – und doch werden sich die alten, abgearbeiteten Hände des Mütterchens an wärmespendender, knisternder Flamme erwärmen.

Auf dem am Waldrande vorbeiführenden Feldwege steht ein älterer Mann und während seine Ziege das letzte Grün am Wegrande rupft, schaut er den Wildgänsen zu, welche kreischend in keilförmiger Flugordnung hoch über dem Dorfe nach Süden fliegen. Auf einem dürren Ast einer am Waldsaume stehenden Traubeneiche bäumt ein Bussard, und schackernd streicht eine Elster an mir vorbei.

Getragen von tiefstem Glücksgefühl beende ich nach kurzer Wegstrecke meine Wanderung. Auch der Spätherbst hat wie jede andere Jahreszeit besondere Schönheiten. Überall bietet auch er mit seinen letzten verblühenden Herrlichkeiten ungehobene Freudenschätze.

Heinrich Richwien
(Quelle: Lengenfelder Echo 11/1957)