Lengenfeld unterm Stein am Ende des 2. Weltkrieges

Lengenfeld/Stein (Pfarramt)

Berichtsdatum: 1. Mai 1945
Verfasser: Pfarrer Johannes Krebs
Quelle: KommissariatsA Heiligenstadt: H 9.

Zum Schreiben vom 19. April 1945 teile ich ergebenst mit, daß unser Dorf am 3. April 1945 kampflos von den Amerikanern besetzt [wurde]. Wir hatten dabei keinen Toten zu beklagen und haben auch keine Schäden an der Kirche, am Pfarrhaus und [an] den Häusern erlitten.399
Am 7. April 1945400 wurde Lengenfeld/Stein mit einigen Granaten beschossen, die leichte Schäden am Dach der Pfarrei und einigen Häusern im Dorf anrichteten. Vier deutsche Soldaten401, die in den Wäldern nördlich unseres Ortes tot aufgefunden [worden] waren, habe ich auf unserem Friedhof begraben.

PS: Gegen die Wiederernennung unseres Herrn Bürgermeisters Müller habe ich nichts einzuwenden.

Lengenfeld/Stein (Bürgermeisteramt)

Berichtsdatum: 25. Juni 1946
Verfasser: Bürgermeister Peter Lorenz
Quelle: StadtA Heiligenstadt: S. 444 und KommissariatsA Heiligenstadt: H 203, Seite 74 und 75. Druck: Teilabdruck in: Eichsfelder Heimatstimmen 25 (1981), Seite

1) Wirtschaftliche Verhältnisse:
Das Bild von den Zuständen in Lengenfeld/Stein während der letzten Wochen des Hitlerregimes und danach wird kaum anders aussehen als sonstwo auf dem Eichsfelde. Auf allen Gebieten der Wirtschaft war das letzte für Hitlers Kriegsmaschine herausgepreßt worden. Die Landwirtschaft, die Industrie, der Handel, der Verkehr, das Handwerk, die Verwaltung [und] die menschliche Arbeitskraft hatten die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht nur erreicht, sondern vielfach längst überschritten. Die wertvollsten Arbeitskräfte standen bei der Wehrmacht. Kriegsgefangene und ausländische Zivilarbeiter konnten die entsprechenden Lücken nicht ausfüllen und verschwanden völlig von ihren Arbeitsplätzen mit dem Näherrücken der Front. Die Felder warteten auf ihre Bestellung. Für die Zugmaschinen fehlte der Treibstoff; künstlicher Dünger kam nicht heran. Amerikanische Flieger störten nach Kräften den Verkehr. Die dringendsten benötigten Waren blieben aus. Immer mehr Fäden der Wirtschaft zerrissen. Es herrschte empfindlichster Mangel an allem, nur nicht an Geld. Die Gemeindewirtschaft mit 30 Bauernhöfen, 40 Geschäften und Gaststätten, vier Fabriken, 30 Handwerkstätten, insgesamt 420 Haushaltungen mit 1.750 Einwohnern nebst 249 Evakuierten und Flüchtlingen trieb einer katastrophalen Isolierung zu.

Diese erreichte ihren Höhepunkt mit der Besetzung des Ortes durch amerikanische Truppen am 4. April 1945. Alles wirtschaftliche Leben stand für kurze Zeit völlig still. Die Ausgehzeit wurde stark eingeschränkt. Niemand durfte sein Feld betreten [und] ins Nachbardorf gehen. Die Eisenbahn fuhr gar nicht. Die kleinsten Straßenbrücken waren gesprengt. Es kam nichts ins Dorf herein, aber auch nichts hinaus, keine Lebensmittel, keine Ware. Jeder Haushalt wurde „autark". Erst allmählich kehrte wieder Leben ein.

Die Ausgehbeschränkungen wurden gelockert, schließlich aufgehoben. Der Bauer durfte aufs Feld, der Geschäftsmann ins Nachbardorf gehen. Jeder ging nicht ohne Hoffnung an den Aufbau seiner Wirtschaft. Für die Felder war es höchste Zeit.

Welches Chaos Hitler hinterlassen hat, bekamen wir eigentlich erst ab Juli 1945 zu spüren. Selbst an allen lebensnotwendigen Dingen großen Mangel leidend, mußte die Gemeinde seither zur Linderung noch größerer Not in den Städten und in schwerer heimgesuchten Gebieten der russischen Besatzungszone in Deutschland sowie für die Bedürfnisse der Roten Armee abliefern: vier Pferde, 70 Kühe, 40 Schweine, 2.000 Liter Getreide, 60 Zentner Futtermittel, 110.000 Liter Milch und 30.000 Lier. Außerdem für die russische Ortsbesatzung: 21 Tonnen Fleischwaren, 50 Zentner Brote, fünf Tonnen Kartoffeln, 2.000 Liter Milch, 10.000 Eier, zwei Millionen Zigarren, 200 Stück Küchengeschirr und Küchenwäsche, 30 Radios, 80 Stück Möbel und Teppiche. Die russischen Razzien entführten wertvolle Arbeitskräfte. Befehle zur Sonntagsarbeit, Einbringung der nassen Ernte zum Trocknen in leeren Wirtschaftsräumen und zum Nachtdrusch lösten sich in überstürzender Hast ab, ohne die Lage zu bessern. Noch 14 Tage vor der Besetzung hatte die unerbittliche NSDAP 30 Zentner Bekleidung aus der Bevölkerung herausgepreßt. Ersatz gab es nicht. Der Mangel an Schuhen, besonders für Kinder, nahm in vielen Fällen katastrophale Formen an. Die Handwerker hatten kein Rohmaterial und mußten zuerst für die russischen Soldaten arbeiten. Wäre der Winter 1945/1946 nicht so milde gewesen, hätte die Not unüberwindliche Ausmaße angenommen, denn der Mangel an Brennmaterial erreichte, da die Eisenbahn bis Januar 1946 nicht fuhr, seinen tiefsten Punkt. Es mußte tief in unsere Waldbestände gegriffen werden, um jedem Haushalt nur einen geringen Bruchteil der Brennholzmenge zubilligen zu können, die der russischen Ortsbesatzung gewährt werden mußte. Die wirtschaftliche Trennung von dem hessischen Nachbarn durch die nahe russisch-amerikanische Zonengrenze steigerte die allgemeine Notlage. Bei allen Vorteilen für die Zukunft wirkte sich zunächst auch die Aufteilung der Güter Keudelstein und Grieß im Zuge der Bodenreform sehr nachteilig aus, denn beide belieferten Lengenfeld/Stein mit Zuchtvieh, Frühkartoffeln und Gemüse. Der oft unvermutete Wechsel nahezu aller Voraussetzungen für einen planmäßigen Wiederaufbau der Gemeindewirtschaft stellt ihre Verwaltung vor Probleme von geschichtlicher Einmaligkeit.

2) Politische Verhältnisse:
Am 4. April 1945, 16 Uhr 45 Minuten, rückten die ersten Amerikaner in Lengenfeld/Stein ein. Der Bürgermeister [Franz] Müller401 übergab das Dorf den Siegern. Bis Juli 1945 stand es unter ihrer Gewalt. Neun Häuser der Bahnhofstraße mußten für sie freigemacht werden. Abgesehen von einigen Eigentumsverletzungen sind keine Schikanen vorgekommen. Das änderte sich mit der Übernahme der öffentlichen Gewalt durch die Russen am 5. Juli 1945. Trotz reichlicher Belieferung mit allem Lebensnotwendigen durch die Gemeinde gingen sie oft auf eigene Faust in die Häuser und forderten Milch, Eier, Wurst, Speck, Brot und Schnaps; störten in mehreren Fällen die Weihnachtsfeiern, belästigten Hochzeitsgäste, schlugen völlig grundlos auf friedliche Bürger ein und verletzten manche nicht unerheblich. Die Person eines gewissen Nikolai wird den Lengenfeldern noch lange in unangenehmster Erinnerung bleiben. Die schwerste Belastung brachten jedoch die russischen Razzien, durch die im ganzen völlig wahllos acht Männer ihren Familien plötzlich entrissen wurden, diese in der größten Sorge zurücklassend. Heute noch sind zwei von ihnen nicht wieder heimgekehrt. Ihre Familien haben nicht die geringste Nachricht. Diese Umstände haben zur Förderung der politischen Entwicklungsfreiheit nicht beigetragen. Als erste und stärkste Partei hat die CDU heute 100 Mitglieder, die SED 65. Die Mitgliederzahl der freien Gewerkschaften beträgt 120. Es bestehen folgende Ausschüsse: 1. Wohnungsausschuß, 2. Frauenausschuß, 3. Gegenseitige Bauern-hilfe, 4. Antifa-Ausschuß und 5. Kreisüberwachungsausschuß.

Am 1. August 1945 trat Bürgermeister Peter Lorenz sein Amt in dieser überaus schweren Zeit an.

Eine besondere Sorge der Gemeinde ist die Erziehung ihrer Jugend. Von den planmäßigen vier Lehrkräften wurden drei wegen ehemaliger Zugehörigkeit zur NSDAP aus dem Amt entlassen. Der Unterrichtsbetrieb wird seit 1. September 1945 nur notdürftig aufrecht erhalten. Die Zahl der Schulkinder beträgt 301 in sechs aufsteigenden Klassen. Seit Eröffnung der Schule sind nur die vier ersten Jahrgänge ohne Unterbrechung schulisch betreut worden. Für den fünften und sechsten Jahrgang wurde ab 1. Mai 1946 eine Lehrkraft eingestellt. Der siebte und achte Jahrgang sind seit 15. März 1946 gänzlich ohne Unterricht.

Von der Sequestration404 wurden zwei Personen betroffen; von der Bodenreform das Grießsche Gut mit 50 Hektar. Sein Besitzer war Ortsgruppenleiter der NSDAP und ist aus dem Kriege noch nicht zurückgekehrt. Seine Frau mußte mit vier kleinen Kindern Heim und Hof verlassen.

3) Soziale Verhältnisse:
Zu Anfang des Berichtsjahres [1946] zählte Lengenfeld/Stein 551 Evakuierte und Flüchtlinge. Davon zogen 520 Personen wieder in ihre alte Heimat ab, 200 Flüchtlinge kamen hinzu. Die Zahl der hier durchziehenden Deutschen (entlassene Soldaten und Flüchtlinge), die beherbergt und beköstigt wurden, dürfte mit 8.000 Personen nicht zu hoch bemessen sein. Für sie alle hat Lengenfeld/Stein jede erdenkliche Möglichkeit zur Linderung der Not ausgeschöpft. An freiwilligen Geldspenden wurden 2.000 Reichsmark gesammelt, an Lebensmitteln 50 Zentner. Die Sammlung für die „Thüringen-Aktion"405 erbrachte 6.000 Reichsmark. 2.500 Kinder von Flüchtlingen und Evakuierten erhielten zusätzlich warme Kost in Privathäusern. Zu Weihnachten veranstaltete die Gemeinde für über 300 Evakuierte und Flüchtlinge im Saale der Gemeindeschenke eine Weihnachtsfeier mit warmer Mahlzeit aus freiwilligen Spenden. Für das zerstörte Struth spendete sie Kleider und Wäsche im Wert von 1.000 Reichsmark. Das Elisabeth-Krankenhaus hat insgesamt 300 Personen unentgeltlich verpflegt und ärztlich betreut. Der Kindergartenbetrieb wurde seit der amerikanischen Besatzung aus Mitteln der Kirche aufrechterhalten. Um mittellos gewordenen Menschen etwas Einkommen zu verschaffen, erhielten sie Arbeit für die Gemeinde. Sie hat der sozialen Fürsorge aus öffentlichen und privaten Mitteln insgesamt 300 Reichsmark zur Verfügung gestellt. Der Wert an Sachleistungen läßt sich bei dem heutigen Mangel nicht beziffern. Die Betreuung der neu eintreffenden Umsiedler stellt die fast verzehrte soziale Leistungskraft der Gemeinde vor unerhörte Aufgaben.

4) Besondere Vorkommnisse:
Für alle Zukunft wird sich die Gemeinde Lengenfeld/Stein an die Ereignisse um den 4. April 1945 dankbar erinnern. Die amerikanischen Kampftruppen hatten die Linie Eisenach-Eschwege überschritten und waren im beständigen Vorrücken nach Osten.

Am 27. März 1945 trafen 400 Kriegsgefangene, englische Offiziere aus Spangenberg406 unter deutscher Bewachung hier ein, um Rast zu machen. Da sie mit den Amerikanern laufend in Funkverbindung standen, waren sie über den Verlauf der Kriegshandlungen bestens unterrichtet und verweigerten daher den Weitermarsch nach Osten. Die Dächer ihrer Unterkünfte (Gemeindeschenke und Schule) bemalten sie mit großen Kalkbuchstaben POW407, um sie den amerikanischen Fliegern kenntlich zu machen.

Am 4. April 1945 mittags begaben sich drei von ihnen mit weißer Flagge zur Plesse, westlich des nahen Hildebrandshausen, wo ein Gefecht der Amerikaner mit deutschen Nachhut-Streifen im Gange war. Kurz darauf kamen sie mit den zwei ersten Amerikanern die Bahnhofstraße herab ins Dorf, gefolgt von motorisierter Infanterie.

Die Freude der Engländer war unbeschreiblich. Sie vertauschten ihre Rollen mit der deutschen Begleitung. Alles vollzog sich fast friedensmäßig. Nur in den Wäldern rings um Lengenfeld/Stein ging der Krieg weiter und verdichtete sich bei Struth zu einer größeren Kampfhandlung, bei der eine Anzahl amerikanischer Panzer auf der Strecke blieb. Die Rauchsäulen des brennenden Nachbardorfes quollen wie aus einem Vulkan über dem Walberbühl zum Frühlingshimmel empor. Obwohl aus der Dorfmitte amerikanische Geschütze hinüber feuerten, fiel kein deutscher Schuß als Antwort hierher.

Erst am 6. April 1945 abends sandte von Schwobfeld her eine abziehende SS-Batterie vier Sprenggranaten. Sie richteten wunderbarerweise nicht den geringsten Schaden an. Auch die sicher vorgesehene Sprengung der Eisenbahnbrücke unterblieb. So ist Lengenfeld/Stein ohne eine Spur von Verwüstung aus diesem Kriege geblieben. Anlaß genug, dem Lenker der Schlachten für alle Zeiten dankbar zu sein.

  • 399 Nach Fritze: Kriegstage, Seite 193, wurde Lengenfeld/Stein erst am 4. April 1945 besetzt. Vergleiche den sich anschließenden Bericht von Bürgermeister Peter Lorenz vom 25. Juni 1946.
  • 400 Andere Quellen sprechen vom 8. April 1945. Freundliche Mitteilung von Eduard Fritze, Wachstedt. vom 13. März 2003.
  • 401 Georg Rauch (geboren 17. April 1899). Berthold Werneburg (geboren 13. Juli 1904), Günther Rienhardt (geboren 11. März 1918) und Rudolf Kaufmann (geboren 17. März 1927). Als gemeinsames Sterbedatum gilt der 7. April 1945. Siehe Fritze: Kriegstage. Seite 217.
  • 402 Abgedruckt wurde lediglich der Punkt 4) Besondere Vorkommnisse.
  • 403 Nach Kramann: Gesundheitswesen, Seite 290.
  • 404 Beschlagnahme, Zwangsverwaltung.
  • 405 Vergleiche John: 1945-1952/1, Seite 178 und 179.
  • 406 Stadt im kurhessischen Bergland. Hier war von Oktober 1939 bis 1945 ein deutsches Lager für kriegsgefangene Offiziere (Oflag IX A).
  • 407 Prisoner of war bedeutet in der Übertragung Kriegsgefangener.

Quelle: Kriegsende und Neubeginn im Landkreis Eichsfeld 1945/1946. Beiträge aus den Archiven im Landkreis Eichsfeld. Eine zeitgenössische Dokumentation. Heilbad Heiligenstadt: Eichsfeld-Verlag 2010