Heinrich Waldmann: Das Fröuwechen von Engeland (1864)

Das Frauchen von England hat dem Eichsfelde viel Leid zugefügt, aber freilich auch hier viel Leid und zuletzt den Tod selbst gefunden. Auf der Höhe bei Beberstedt floß einst ein Strom, dessen Bett noch zu sehn ist. Das Frauchen von England aber stieg durch eine Öffnung in die Erde und zog den Strom hinab. Bei Reifenstein an der Sonder sieht man noch die Ankersteine aus jener Zeit und dieses ehemalige Kloster selbst steht auf einem unterirdischen Wasser, über dem es an Ketten befestigt ist.

Am bekanntesten ist, was geschah, als des Frauchens Gemahl (Vater, Bruder) erschlagen worden war. Dieser zog nämlich einst mit vielen Schätzen, aber nur einem einzigen Diener durch unsere Gegend. Der Vogt von Bischoffstein, welcher Kunde hiervon erhielt, lauerte ihm auf, erschlug und beraubte ihn. Jammernd meldete das der treue Diener seiner Herrin, kannte aber den Namen des Mörders nicht und wußte auch nur, daß der Ort, wo die Frevelthat geschehen war, sich auf — rode endigte. Da zerstörte sie alle Dörfer, welche diese Endung haben, auch Ezelsbach und Effelder, damals Itrode genannt, bis sie endlich erfuhr, wer ihren Gemahl umgebracht habe. Sie stürmte nun Bischoffstein, ward aber dabei selbst getödtet an der Stelle, welche der Frauenstein heißt. Wuthentbrannt erstiegen nun ihre Schaaren die Feste, hieben Alles nieder und machten sie dem Erdboden gleich.

Vom Frauenstein, denn eigentlich hieß so das Denkmal an jener Stelle, sind jetzt noch Reste vorhanden, die eine Figur und unleserliche Schriftzüge zeigen.

Dieses ist der wesentliche Inhalt der Sage, die man bald mehr bald weniger verändert erzählen hört.[1]

Wie kommt das Frauchen von England zu uns? Der Umstand, daß so viele angeblich von dem Fröuwechen zerstörte Örter im dreißigjährigen Kriege untergegangen sind, führt auf Friedrichs 5. Gemahlin, Jakobs 1. Tochter, die ebenso gut ein Gegenstand der Sage geworden sein kann, wie Athanasius Kircher, der sich 1624 nur kurze Zeit hier aufhielt und, wie er damals von Einigen für einen Zauberer angesehen wurde, so noch als Wettermacher zu Heiligenstadt in einer dunkeln Erinnerung fortlebt. Man kann auch an die Gemahlin und Tochter Albrechts 1. denken, der durch seinen Einfall in Thüringen[2] auch in die Geschichte von Bischoffstein eingreift. Oder endlich das Frauchen ist Freyja, Frouwa. „Sie war einem Manne (keinem Gott, keinem As wenigstens) Namens Odher vermählt, der sie aber verließ und den sie thränenvergießend in der weiten Welt, unter fremden Völkern aufsuchte.“ Grimm S. 281. Wolf, B. 1, 179. — Einige Züge dieser Sage findet man auch in der von Bechstein, Sagensch. des Thüringerl. 2. S. 163, mitgetheilten: die falsche Königin von England auf Tenneberg. — Mahrt, Frau, Walriderske aus England bei Kuhn und Schwarz S. 14. 91. 262.

Heinrich Waldmann
(Quelle: „Eichsfeldische Gebräuche und Sagen“, Heiligenstadt, Schnellpressendruck von C. Brunn & Sohn, 1864. S. 20 – 21)
 

[1] Duval, das Eichsfeld oder histor. romant. Beschreibung ff. S. 368 hat diese und einige andere Sagen ebenfalls, aber ich fürchte, zu sehr ausgeschmückt.

[2] Wolf, Polit. Gesch. des Eichsf. 2. Bd. S. 2.