Harte, böse Zeiten (1993) (2. Weltkrieg in Faulungen)
Harte, böse Zeiten brachten die Kriegs- und Nachkriegsjahre wohl über ganz Europa. Auch über unseren kleinen Ort raste die Kriegsfurie vehement hinweg und die Opfer des grausamen Völkermordens, sie liegen in vielen Ländern der Erde und in den Tiefen der Weltmeere!
1939 wird Faulungen zwischen 750 bis 800 Einwohner gezählt haben. Nach einer vorsichtigen Nachberechnung (also nur inoffiziell) der Einberufungen zum Kriegsdienst und der Nachfolgeorganisationen (z. B. Todt) - ohne den Volkssturm - sind über 190 bis 200 Männer und Knaben in den Kriegsjahren einberufen worden.
52 Soldaten fielen, wurden vermißt, bzw. starben in der Gefangenschaft, ohne daß eine Nachricht ihre Angehörigen erreichte.
Ein Kamerad starb während der Ausbildung, drei weitere durch Unfälle in der Nähe der Front und fünf jüngere Jugendliche (2) und Familienväter nach dem Kriegsende in den Gefangenenlagern in Frankreich, Polen und Rußland an den Folgen der wohl schrecklichen Gefangenschaft an Unterernährung und Mißhandlungen. Elf Kriegsteilnehmer erlitten sehr schwere Verwundungen und Erfrierungen.
Die Opfer und Leiden, die Trauer um all die Lieben - seien es nun Ehemänner, Väter, Verlobte, Freunde und Söhne -, sie waren unendlich und sind nicht zu beschreiben.
Als nun am 4. April 1945, genau am »Weißen Sonntag« während des Festgottesdienstes, die ersten amerikanischen Panzer in unsere Dorfstraße aus Richtung Eigenrieden rollten und die weißen Tücher endlich für den ersehnten Frieden wehten, tobten in der Nachbargemeinde Struth heftige Gefechte mit sich verteidigenden Einheiten der deutschen Wehrmacht. Hier gab es sehr viele Opfer unter der Zivilbevölkerung und auch unter den Soldaten. Der »Sieger« des umstrittenen Waffenganges, so kurz vor dem Ende des II. Weltkrieges, die amerikanische Einheit, soll nicht ganz nach der »Genfer Konvention« verfahren worden sein.
Am 5. Juli 1945 ist dann - lt. Vereinbarung von Jalta - die sowjetische Besatzungsmacht von Katharinenberg her kommend den Nußgrund herunter in unser Tal gezogen (wie berichtet wurde, mit kleinen »Panjewagen«. Welch ein armes Bild, von solch einer siegreichen »glorreichen« Armee). Nach und nach kamen dann die ersten Heimkehrer wieder in ihr Heimatdorf zurück und ein jeder freute sich über das Wiedersehen.
Eine richtige Völkerwanderung setzte ein und wer einen »Bollerwagen« oder ähnliches beschaffen konnte bzw. selbst zimmerte, zog es nach West, Süd oder Nord, je nachdem, wo er damals zu Hause war vor den Bombenangriffen. Wie viele Menschen sind in diesen Zeiten durch Faulungen gezogen. Seien es nun Soldaten, die wieder nach Hause wollten oder Zivilisten, die es weit umher verschlagen hatte im Laufe der Kriegswirren, und die dann wieder auf der Flucht waren. Als die Russen nun die Grenze dicht gezogen hatten, wurde es für viele ein Wagnis. Nach dem Tagebuch des verdienstvollen Chronisten von Lengenfeld/Stein, Herrn Walther Fuchs, sind allein im Grenzabschnitt Hildebrandshausen/Doringsdorf von den unberechenbaren sowjetischen Posten vierzehn Grenzgänger erschossen worden.
Ich selbst bin am 23. Dezember 1945, nach langem Lazarett-Aufenthalt, in Gießen entlassen worden und habe dann die neue Grenze in Deutschland - mitten im Vaterland -, mit allerlei gemischten Gefühlen auf der Coburg überschritten, und ich bin in einem Tag nach Hause getippelt. Es wurde davon berichtet, daß in Lengenfeld am Ortseingang ein russischer Schlagbaum sein sollte. So habe ich einen großen Bogen unterhalb von Schloß »Bischofstein« gezogen - und prompt sah ich den Schlagbaum in der Schloßstraße unterhalb von Dr. Bach. Da wäre ich beinahe in eine Falle gelaufen. Über den Lengenfelder Sportplatz habe ich dann nach Hause gefunden.
In den Sommermonaten 1945 kamen dann viele »Ehemalige« aus den West-Zonen in Wanfried an. Da konnte es schon sein, daß sich gute Freunde gar nicht mehr kannten, so verändert waren sie geworden im Laufe der sechs bis sieben Jahre. So ein richtiger »Landwehr-Mann« mit 35 bis 40 Jahren, dazu im verblichenen Feldgrau der Uniform, sieht dann gleich um einige Jahre älter aus. Jedenfalls war es im Monat Juli/August 1945. Da standen auch zwei ältere »Landser« am Bahnhof in Wanfried und schauten fragend hoch zur »Plesse«. Wie kommt man über die Grenze - und dann wieder heim nach Faulungen? Da fragt der eine den anderen: »Kamerad, nimmste mich mehd eber de Kräeinze«, (er hatte seinen alten »Kumpel« sofort wiedererkannt). Antwort des anderen lautete: »Nee, doas mach ich nitt, ich gehh ganz aelleine!«
Nun spricht der andere ziemlich laut und deutlich: »Du bist ein richtiges Kamel, freiher heste met mich Skaot gespeehlt, und jetzt witt Düh mich nitt mehi kenne«! Nach diesem kurzen Disput fiel dann der Groschen, der andere staunte nicht schlecht und die alten Knaben fielen sich um den Hals und diesmal gingen sie gemeinsam heim!
Die letzten deutschen Kriegsgefangenen kamen wohl 1950/51 aus Rußland zurück. Viele Frauen und Mütter hofften und warteten vergebens weiter. Ihr Glaube an die Wiederkehr der Lieben war oft unerschütterlich, bis auch ihnen der Tod die Erlösung brachte. Im Himmel ist dann das Wiedersehen!
Autor: FF
(Quelle: „Obereichsfeld-Bote“, Ausgabe vom 3. Dezember 1993 [Nr. 48/93], S. 8)