Gibt es einen Bonifatiusgrund in der Faulunger Flur? (1931)
Der Fußweg von Faulungen nach Diedorf – seit einigen Jahren als Fahrweg ausgebaut – geht innerhalb der Faulunger Flur durch ein paßähnliches, zwischen den Mühlberg und den Hainzenberg eingesenktes und rasch zur Höhe hinaufführendes Tal, Fazgrund, mundartlich Faozgruind, genannt. Das um 1820 entstandene Flurbuch von Faulungen hat die Namensform Faciesgrund. Ältere Bezeugungen fehlen bis jetzt.
Als sicher darf angenommen werden, daß der Name von dem Personennamen Bonifatius abgeleitet werden muß. Denn im 16. Jahrhundert, also in der Zeit, als der Ort Faulungen besiedelt wurde, kommt der Vorname Facius, offensichtlich eine Abkürzung von Bonifatius, in der Gegend gar nicht selten vor. Jordan, Chronik der Stadt Mühlhausen Bd. II. S. 3–7, berichtet von den Schandtaten des Facius Große, eines Räuberhauptmanns, der von 1526–30 Stadt und Land unsicher machte.
Wintzingeroda-Knorr, Wüstungen des Eichsfeldes S. 1028, erwähnt aus einer Urkunde von 1605 eine Katharina, Witwe des Facius Völker in Windeberg.
Höppner, Thuringia sacra S. 72, nennt, anscheinend aus dem Wanfrieder Salbuch von 1568, einen Facius Saltzmann in Döringsdorf.
Wintzingeroda kennt gar (a. a. O. 198) einen Flurnamen Faciusgraben bei Niedersachswerfen in der Gegend von Nordhausen.
Die im Flurbuch überlieferte ältere Namensform würde zwar auch einen Rückschluß auf einen Zunamen gestatten. Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge Bd. II. 1. Abt. S. 152 Anm. 3 u. ö., nennt einen Jesuitenpater Peter Facies, der 1625 Rektor des Jesuitenkollegs in Aschaffenburg war und später in den Kollegienhäusern zu Würzburg und Köln weilte. Unter den eichsfeldischen Eigennamen ist mir aber Facies noch nicht begegnet. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, daß ein so lautender Zuname mit dem Faulunger Flurnamen etwas zu tun hat. Im Faulunger Falle wird vielmehr Facies nichts anderes als die mundartliche Verstümmelung von Facius sein, wie ja auch der Volksmund aus Liborius Bories oder Borjes, aus Kommissarius Kommissarjes, aus Gymnasium Gymnasien, aus Vicarius Vicarjes (die letzte Bildung im Sauerland) usw. gemacht hat.
Der Umstand, daß durch den Fazgrund ein alter Fußpfad führt, könnte dazu verleiten, den Namen mit Pfad zusammen zu bringen und als Pfadsgrund zu deuten. Doch muß die Ableitung schon deshalb ausscheiden, weil unter den Faulunger Flurnamen die Fußwege stets Stieg heißen, und das Wort Pfad bei der Namensgebung nirgends herangezogen ist.
Ich nenne beispielsweise die Wegnamen Luhnstieg, Katterstieg, Diedorfer Stieg, Hildebrandshäuser Stieg und aus dem bald nach 1600 entstandenen Magdeburger Jurisdiktionalbuche des Amtes Bischofstein den Lutterstieg (es ist wohl derselbe Fußweg auf der Nordseite des Faulunger Tales, oberhalb des Dorfes, der heute einfach Stieg heißt).
Man kann nach alledem die Frage, ob es in der Faulunger Flur einen Bonifatiusgrund gibt, unbedenklich bejahen. Etwas anders ist es aber, ob der Name sich vom hl. Bonifatius herschreibt. Soweit zu sehen, hat erstmals der Diedorfer Schulze Mots in seiner 1844 angelegten Ortschronik den Namen als ein Überbleibsel bonifatianischen Wirkens auf dem Eichsfelde gedeutet (Mehler, Chronik von Diedorf S. 347).
Wie weit die jetzt gängige mündliche Überlieferung, die sich ebenso ausspricht, zurückgeht, kann niemand sagen. Die Zurückführung eines von Bonifatius abgeleiteten Flurnamens auf den Apostel der Deutschen, ist indes eine so naheliegende Verbindung, daß selbst eine jahrhundertealte Überlieferung in dieser Frage gar keinen Zeugniswert beanspruchen könnte. Auch der Fremde, der nie von der mündlichen Überlieferung gehört hat, wird sofort einen Zusammenhang vermuten. Eine einzige Predigt z. B. könnte eine solche Deutung in Aufnahme gebracht und die heutige mündliche Überlieferung verursacht haben.
Ob der Fazgrund schon im 16. Jahrhundert, als der heutige Ort Faulungen neu entstand, so hieß, steht darin. Das eben genannte Jurisdiktionalbuch nennt eine ganze Reihe Faulunger Flurnamen, diesen nicht. Wäre auch der Name damals schon üblich gewesen, so ist doch von da bis zur Zeit des hl. Bonifatius noch ein weiter Weg.
Viel näher liegt die Annahme, daß die Bezeichnung von einem Träger des Namens Facius kommt, dem das Land im Fazgrund gehörte, oder der sonst in irgendeiner Beziehung zu diesem Flurort stand. Die Annahme empfiehlt sich umso mehr, als ähnliche, mit einem Vornamen zusammengesetzte Bildungen innerhalb der Faulunger Gemarkung mehrfach als Flurnamen erscheinen, z. B. der Petersberg, das Heinrichsthal (der letzte Name schon im Jurisdiktionalbuch, das Tal liegt an der Grenze des Faulunger Feldes in der Lengenfelder Flur), die Matts Dallen (d. i. ein Tälchen, bzw. eine kleine Senke, die nach einem Mattis oder Mathias genannt ist), der Elsbetter- oder Elisabethenstein (die erste Form im Jurisdiktionalbuch, die zweite im Flurbuch, jetzt heißt der Berg schlechthin Stein), der Sieboldsberg (im Jurisdiktionalbuch Sigfridtsberg genannt) u. a. m.
Dr. Christoph Völker
(Quelle: Unser Eichsfeld, Jahrgang 1931, S. 254–256)