Franz Nitschmann (1845 – 1916) - Abteilungsbaumeister der Kanonenbahn und Ehrenbürger der Stadt Eschwege

Am 19. September wurde auf dem Alten Zwölf-AposteI-Kirchhof in Schöneberg, tief betrauert von den Seinen und zahlreichen Freunden, der Wirkliche Geheime Oberbaurat Franz Nitschmann zur letzten Ruhe bestattet. Zur Erholung im Harz weilend, wurde er auf das Krankenlager geworfen und erlag am 14. September in Wernigerode am Harz seinem schweren Leiden. Mit ihm ist ein prächtiger Mensch, ein hervorragend tüchtiger Fachmann, ein verdienstvoller Beamter dahingegangen, dessen Wirken in der preußischen Staatseisenbahnverwaltung unvergessen bleiben wird.

Nitschmann wurde geboren in Ginthieden im Kreis Königsberg i. Pr. am 23. Januar 1845. Ostern 1864 verließ er mit dem Zeugnis der Reife das Gymnasium, um sich dein Studium des Baufaches zu widmen. Nach der Ausbildung als Baueleve und Ablegung der Feldmesserprüfung bezog er im Herbst 1865 die Bauakademie in Berlin und legte am 7. Dezember 1867 die Bauführerprüfung ab.

Hiernach war er bei Brücken- und Tunnelbauten auf der Eifelbahn und der Berlin-Lehrter-Bahn und anderen Bauausführungen tätig. Am 29. Juni 1873 wurde er zum Baumeister ernannt, nachdem er als Bester in dem Prüfungsjahr die Baumeisterprüfung bestanden hatte. Ein Reisestipendium, das ihm aus diesem Anlass gewährt wurde, benutzte er zu einer Studienreise nach Österreich, Süddeutschland, Belgien und Holland. Als Baumeister bot sich ihm bald Gelegenheit zu erfolgreichem Wirken. Er wurde zunächst mit den Vorarbeiten für den Bau der Strecke Nordhausen – Wetzlar der Berlin-Koblenzer-Bahn betraut und leitete dann als Abteilungsbaumeister den Bau dieser Strecke. Seine Tätigkeit in dieser Stellung fand die vollste Anerkennung seiner vorgesetzten Behörde. Die Stadt Eschwege, die der Sitz seiner Bauabteilung war, ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger.

Vor eine neue, wichtige Aufgabe wurde er gestellt, als er im Jahre 1880 der Eisenbahndirektion in Magdeburg überwiesen wurde, um die Entwurfbearbeitung für den Umbau des Bahnhofes Halle zu übernehmen. Am 1. April 1881 wurde er als Abteilungsbaumeister mit der Leitung der Bauausführung betraut; daneben wurde ihm später noch die Verwaltung der Bauinspektion Köthen-Leipzig übertragen. Seine gediegenen Fachkenntnisse, die Erfahrungen, die er in der vorangegangenen Stellung sich erworben hatte, eine große Geschäftsgewandtheit und eine frische Schaffensfreudigkeit ließen ihn das schwierige und verantwortungsvolle Werk glänzend durchführen. Zehn Jahre lang beschäftigte ihn dieser Bau; er rechnete sie zu den befriedigendsten seines Lebens. Sie trugen ihm das Zeugnis einer Arbeitskraft von hervorragender Befähigung ein.

Von 1890 bis 1892 war er als ständiger Hilfsarbeiter beim Betriebsamt Wittenberge-Leipzig in Magdeburg tätig und wurde von dort zum 1. April 1893 in das Technische Eisenbahnbureau des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten berufen, zu dessen Vorstand er 1895 bestellt wurde. 1898 wurde ihm der Charakter als Geheimer Baurat verliehen, im Jahre darauf wurde er zum Vortragenden Rat ernannt. Als solcher hat er viele Jahre hindurch insbesondere die bautechnischen Angelegenheiten der Eisenbahndirektionsbezirke Breslau und Kattowitz bearbeitet und erfolgreich gefördert.

Mit großer Liebe und Gründlichkeit versenkte er sich in die ihm vorgelegten Entwürfe und ruhte nicht, bis eine befriedigende Lösung gefunden war. Seine reichen Erfahrungen im Bau und Betrieb gestatteten ihm dabei ein sicheres Urteil. So kamen unter seiner dauernden Einwirkung zustande die Umbauten der Bahnhöfe Brieg, Görlitz, Sagan, Liegnitz, Gleiwitz, Myslowitz, Ratibor, Kandrzin, die Eisenbahnanlagen der Umschlagstelle Kosel-Hufen, die Güterumgehungsbahn Oppeln-Brockau, der Ausbau des oberschlesischen Bahnnetzes und manches andere. Aber auch auf anderen Gebieten wurde seine stets eindringende und sachkundige Mitarbeit sehr geschätzt.

Auch nebenamtlich ist er vielfach tätig gewesen. Längere Zeit war er nichtständiges Mitglied des Patentamts, 18 Jahre lang hat er dem Technischen Oberprüfungsamt angehört. Ganz besondere Befriedigung aber gewährten ihm die Vorträge, die er fast 20 Jahre hindurch an der Universität Berlin über den Betrieb der Eisenbahnen gehalten hat. Viele der heute in der preußischen Staatseisenbahnverwaltung stehenden höheren Beamten werden sich gern der klaren und anschaulichen Art erinnern, in der er sie in das vielgestaltige Gebiet des Eisenbahnbetriebes einzuführen wusste. Mit Freuden werden manche auch zurückdenken an die Besichtigungen und Studienreisen, die er an seine Vorträge anzuschließen pflegte. Bei ihnen offenbarte sich besonders das Interesse, das er der Sache und seinen Hörern entgegenbrachte. Seine frohe, gesellige Natur aber wusste diese vielfacher Belehrung gewidmeten Fahrten mit einer herzlichen Fröhlichkeit zu umkleiden. Es war ihm daher auch schmerzlich, als er sich seiner geschwächten Gesundheit wegen im Jahre 1913 genötigt sah, auf die Fortführung der Vorlesungen ebenso wie auf die Tätigkeit im Technischen Oberprüfungsamt zu verzichten, um seine Kräfte ganz seinem Hauptamt zu widmen.

Aber auch diesem sollte er nicht lange mehr erhalten bleiben. Zum 1. April 1914 erbat er die Entlassung aus dem Staatsdienst, die ihm unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Oberbaurat mit dem Range eines Rates erster Klasse gewährt wurde. Sein Interesse aber an dem Fache, dem er mit ganzer Seele anhing, und an seinem früheren Wirkungskreis blieb bis in seine letzten Tage unvermindert bestehen.

Das glückliche Familienleben, das ihn mit den Seinen verband, war in den letzten Jahren von Schicksalschlägen nicht verschont geblieben. Seinen Schwiegersohn, der ihm sehr nahe stand, sah er im kräftigen Mannesalter einer schweren Krankheit zum Opfer fallen.

Besonders hart aber traf es ihn, als der zweite von seinen drei Söhnen, die sämtlich als Offiziere im Felde standen, in den heißen Kämpfen in den Argonnen schwer verwundet wurde und in langen Wochen banger Sorge um sein Schicksal nichts über ihn zu erfahren war, bis die Todesnachricht alle Hoffnung vernichtete. Die Gemütserregungen dieser schweren Zeit mögen nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung seiner Krankheit geblieben sein. Dem nach einem arbeitsreichen Leben nun Heimgegangenen ist in dem weiten Kreise seiner älteren und jüngeren Freunde ein ehrenvolles und treues Andenken gesichert.

Autor: Hoogen, Berlin
(Quelle: „Zentralblatt der Bauverwaltung“ vom 7. Oktober 1916, S. 535-536)

Nachtrag:

Der Bahndamm selbst wurde zwischen Schwebda und Grebendorf in den Jahren 1877 und 1878 aufgeschüttet und der Einschnitt vor der Ortslage von Grebendorf ausgehoben. Dabei wurden mehr als 100 Polen und Schlesier eingesetzt. Der erste Abteilungsbaumeister zwischen Eschwege und dem Entenberg-Tunnel bei Lengenfeld unterm Stein hieß Nitschmann, der aus Königsberg in Ostpreußen kam, aber dann nach Eschwege umsiedelte und dort auch die Orts-Bürgerrechte bekam.

Am 20. Sep­tem­ber 1916 verstarb in Friedenau bei Berlin im 72. Lebensjahr der Geheime Oberbaurat Franz Nitschmann, der als Regierungsbaumeister in Eschwege tätig war und von dort aus den Bau des Teilabschnitts der Kanonenbahn zwischen Eschwege bis etwa zum Entenberg-Tunnel hinter Lengenfeld in Richtung Leinefelde geleitet hatte. Nitschmann besaß die Ehrenbürgerwürde der Stadt Eschwege.