Einiges über die Flurnamen von Struth (1937)
Wenn man bei gelegentlichen Besuchen in das Heimatdörfchen zurückkehrt, werden Gedanken mit den Dorfgenossen ausgetauscht. Mein Interesse gilt vorwiegend geschichtlichen Dingen des Dorfes. Leider werde ich größtenteils enttäuscht, denn die Leute, auch die älteren, wissen einem so wenig zu sagen, die jüngeren meist noch weniger. Hinzu kommt, dass die Gemarkung des Dorfes Struth seit einigen Jahren verkoppelt worden ist. Dabei sind ehemals geschlossene Gewanne zerrissen und mancher Weg und Steg beseitigt und durch bessere ersetzt worden, meist allerdings zum Vorteil der Flur und zur besseren Bearbeitung.
Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß es heute noch schwerer als früher ist, aus Flur- und Wegenamen die sinnfällige Bedeutung derselben zu erkennen. Alte und bekannte Namen sind in ihrer Bedeutung überdeckt oder umgedeutet. Diese Umdeutung geschieht, wie ich beobachtet habe, größtenteils durch die Kinder.
Da heißt jemand im Dorf: Brambartels Andres. Der Vater dieses Andres hieß Bartholomäus Brand. Aus Brond wurde hier Bram, weil dieses leichter zu sprechen ist.
Der Hauptweg führt von Struth nach Mühlhausen. Die Ländereien an diesem Wege heißen: „Am Mäuschen Waje“ (am Mühlhäuser Wege), aber die Straße für sich heißt: Eigenrieder Chaussee. Doch zum Namen: aus „mälüser Waje“ ist „mäuscher Wag“ geworden. Und dies mäuscher (sprich Mäuscher) klingt nun tatsächlich wie Milchweg. Die Kinder, die in dem Wort den Stamm nicht mehr erkennen können, sagen Milchweg, weil auf diesem Wege Tag für Tag der Milchwagen nach Mühlhausen fährt und der Fahrer heißt auch: Mäuscher. Dies Beispiel aus jüngster Zeit soll beweisen, wie schwierig es ist, aus Flurnamen die ursprüngliche Bedeutung, die meist nur mündlich überliefert worden ist, zu erkennen.
Der Landgraben wird meist als Flurgrenze angesehen. In Wirklichkeit ist er aber eine Landwehr der Stadt Mühlhausen. Ich erinnere mich noch, dass wir Jungens uns benachteiligt fühlten, wenn wir hörten, daß noch drei Fuß Breite diesseits des Landgrabens zu Dörna gehören sollten. Wir meinten, die Grenze müsse mitten durch den Landgraben gehen. Von der Eigenrieder Flur liegt ein Teil diesseits des Grabens, also auf dem Eichsfelde. Weil nun überall die Meinung von einer Grenze besteht, sucht man nach den Gründen für den Eigenrieder Besitz auf dem Eichsfeld, obwohl in Dörna und Bickenriede die Verhältnisse ähnlich liegen. Wo man keine Gründe kennt, werden solche gesucht, aber zuweilen mit merkwürdigem Erfolg. Und ich habe von durchaus ernsthaften Männern die merkwürdigsten Geschichten gehört.
Die Finkensohle ist nicht erklärt. Es ist ein feuchtes Wiesengebiet und könnte auch Finkensodn heißen. Im Dorfsprachgebrauch aber gibt es „Sodn“ nicht. Zu diesen Wiesen führt der Dieteweg. Aber den Namen Diete gibt es auch nicht.
„Am Stege“ ist ein Durchbruch durch den Landgraben in der östlichen Verlängerung des Kirchberges. Die Pfaffenecke war ehemals Kirchenland und die Einkünfte daraus standen dem Geistlichen für bestimmte priesterliche Funktionen zu, ähnlich wie heute noch das Pfarrbrot von einigen Hufenhöfen eingesammelt wird und der Organist für die Abhaltung der Maiandacht bei den Einwohnern des Dorfes Eier sammeln darf.
Die achtzehn Gelängen stellen ein Breitenmaß dar. Sie liegen an der Straße nach Bickenriede. 1 Rute Breite = 1 Striegel, 2 Ruten Breite = 1 Sottel, 4 Ruten Breite = 1 Gelänge. Die achtzehn Gelängen sind also eine Breite von rund 324 m. Die breite Läiden ist ein steiniger, unfruchtbarer Hang.
Die Sättlinge sind ihrer Bedeutung nach auch nicht mehr bekannt. Im Flurbuch heißen sie „Sättlinge“. Der Breite nach sind sie sattelartig von tiefen Mulden oder Gräben durchzogen und wirken sattelartig. Der Name kommt aber von Sottel, also einer bestimmten Breite. Zuweilen gebraucht ein Bauer noch den Ausdruck: „Ich habe einen Sottel breit gepflügt“, ohne ihn jedoch mit diesem Flurnamen in Verbindung zu bringen.
Der Joksweg verläuft in Richtung Bickenriede-Annaberg. In früheren Jahren war er wohl der kürzeste Weg von Bickenriede zum Wallfahrtsort Annaberg. Die St. Annen-Oktav wird heute, nach Aufhebung des Annaberges, in Struth (St. Jakob!) abgehalten, aber das Dorf spricht nur von Jokstagswoche.
An der Flurgrenze von Büttstedt-Anrode liegt der Wilhelmswald, laut Flurbuch. Aber im Dorfe sagt jedermann: Vor den Anröder Tannen. Hinter diesen liegt der Spitalsgraben. Im Dorfe heißt er Spaktaols Graben. Man wird also an Specktal erinnert. Wir Kinder deuteten es nach dem feuchten, speckigen Boden. Daß dieser Weg aber nach Anrode führt, das in napoleonischer Zeit Spital gewesen ist, weiß kaum jemand.
Die Bezeichnung Kutte kommt in verschiedener Form als Flurbezeichnung vor: „Auf der Kutte“, „in der Lehmkutte“, „vor der Ochsenkutte“. Jedesmal ist in der entsprechenden Flur eine Bodensenkung vorhanden. Vermutlich sind es Erdsenkungen, nach denen man die Umgebung bezeichnet hat. Der Rain ist eine geologische Verwerfung, Fortsetzung des Kirchberges, der sich bis nach Wachstedt hin erstreckt.
Der Saurasen, erster Teil des Fußwegs nach Kloster Zella, wird im Dorf gedeutet als ehemaliger Hüteplatz für die Schweine. Der Löwenzahn heißt aber in Struther Mundart: Sulputzin, also Saubüschel. Ebenso heißen die Struther nach ihrem Dorfspitznamen, wie jedes Dorf einen hat, Strither Suiputzn. Ich vermute, daß auch der Weg nach dem üppig auftretenden Löwenzahn seinen Namen hat und nicht nach der Schweinehut.
Am Zellwege liegt die Teufelsnase, ein kleiner, vorspringender Fels, an den sich allerlei der üblichen kleinen Geschichten vom betrogenen Teufel anknüpfen. Nicht weit davon entfernt liegt das Schulmeisters Loch. Anscheinend vom Wasser ausgewaschen oder auch eine Erdsenkung. Vielleicht hat sie der Schulmeister einmal zuerst entdeckt. Sie lag unter dem Wurzelwerk eines großen Baumes und jeder mutige Junge von uns musste einmal in dieser Höhle gewesen sein.
Hinter den Gärten, an der Westseite des Dorfes liegt das Schildchen. Der Name weist auf eine ehemalige Tafel hin. Es hatte früher die Form eines Schildchens (Dreiecks) und kann auch daher seinen Namen haben.
Die Heiligen Länder gehörten mit den Geteilten, Streckers Garten und Lehmkutten zu den sogenannten Gerechtigkeiten. Gewisse Hufenhöfe oder auch nur Höfe hatten von diesen aufgeteilten Ländereien je ein kleines Stück bekommen. Da es meist guter Boden ist, kann es auch Krautland gewesen sein und zu diesem Zweck aufgeteilt worden sein.
Am Feldborn deutet auf den noch zu meiner Kindheit vorhandenen tiefen Ziehbrunnen hin, der mit dem Scheunen-Anger- und Schulborn (Ziehbrunnen) in trockenen Zeiten das Trinkwasser lieferte. An den heiligen Ländern stand früher der Heiligenstock. Es war einer von den vier Bildstöcken der Evangelisten, die heute vor der Kirche stehen. Er stand am Steig, der früher nach Katharinenberg, dem Wallfahrtsort, führte (Katherstieg). Im Dorf hieß er kurz Heiligenstock. Heute bezeichnet man mit Heiligenstock (Häujenstock) den Bildstock weiter hinten an der Lengenfelder Straße, genannt die Grotte. Hier liegt also eine Verlagerung der Bedeutung und des Ortes vor.
Der Sälzerweg führte von Eigenrieden über die Höhe nach Lengenfeld. Er kann seinen Namen haben von Langensalza oder auch daher, weil auf ihm das Salz von Allendorf über das Senkchen nach Mühlhausen transportiert wurde. In seiner Verlängerung nach Westen heißt er Buchbornsweg, in früheren Jahren viel benutzt.
Oben auf der Höhe, innerhalb der Struther Flur, heißt noch heute eine Stelle: Ausgespanne. Die Fuhrleute, die von Lengenfeld und den umliegenden Dörfern nach Mühlhausen wollten, brauchten meist Vorspann bis auf die Höhe. Dort wurde dann die Vorspann entlassen, also ausgespannt. Mein Vater hat mir aber oft erzählt, wie schwierig der Buchbornsweg, oder kurz Buchborn genannt, für die Fuhrleute war, namentlich im Winter.
Die Ländereien nördlich von diesem Wege heißen Seelengerät oder kurz Seelgerät. Sie haben nichts mit Zellgerödt, also Rodung von Zella zu tun, sondern sind eine Messtiftung für arme Seelen. In vielen Gemeinden des Eichsfeldes findet sich der Flurname. Südlich von diesem Wege war noch im vorigen Jahrhundert der größte Teil nicht unter dem Pflug, sondern Weideland. Der ehemalige Rodsweg, der sich fast halbkreisförmig von Süden bis Südwesten um Struth zog, von der Eigenrieder Grenze bis zur Trifft, war die Hutgrenze. Und der Name Trifft deutet auf das Viehtreiben hin.
Dieses sogenannte neue Rodeland, das Rode, tritt urkundlich schon vor Jahrhunderten auf unter dem Namen Steinerwald, der zwischen Eigenrieden, Struth und Diedorf lag, ein Reichslehen, dem Kaiser gehörig. Dieser Wald, später gerodet, heißt heute in seinem nördlichen Teil nur Rode. Während alle Wege eindeutig von den Flurteilen zum Dorf hingerichtet lagen, waren alle die Wege, die hinter dieser Hutgrenze lagen, nur über die Trifft oder die Eigenrieder Grenze zu erreichen, also auf Umwegen. Das beweist, dass der Steinerwald, die Ochsenkutte und das Rode im Vergleich zur übrigen Struther Flur neues Land sind. Mit ihrer Erschließung wurden aber nicht gleichzeitig auch genügend Wege angelegt, so daß diese Ländereien allein schon wegen ihrer weiten Zufahrtswege geringer in ihrem Wert waren. Aber andererseits waren die Bauern so dickköpfig, daß sie sich nicht zu neuen Wegen einigen konnten, die dem einen zwar Opfer auferlegten, der gesamten Flur aber wesentlich günstigere Bedingungen schafften.
Im Struther Sprachgebrauch fehlt der Ausdruck Wald ganz. Man kennt nur den Ausdruck Holz. Daher sagen auch die Struther, nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen zum Flurteil „Im Steinerwalde“ nur „Stenner Waje“. Aus Wald wird Weg. Schließlich ist der Ausdruck einleuchtend, denn Steine gibt es dort reichlich und von Wald ist nichts zu sehen. Also wurde aus Wald Weg.
Diese kurzen Aufzeichnungen mögen andeuten, wie schwierig und unsicher es ist, Flurnamen zu deuten, die sich nicht eindeutig aus ihrer Lage und Gestalt ergeben. Es ist mir nicht möglich gewesen, eine Reihe anderer Namen, die vielleicht in anderen Fluren oder in anderem Zusammenhang leicht erkennbar sind, zu deuten:
- Trippenberg, Tippengraben, steiniger, unfruchtbarer Strich, Graben.
- Hahnenbazen, ansteigendes Gelände dicht beim Dorf, an der ehemaligen Hutgrenze, sicher also vor dem Walde. Hahnenbalz?
- Haitinger. Hügeliges Gelände. Ein Kohlskopf heißt auch Heit.
- Flockwiese, dicht vor dem Dorf, auf der sich die Abwässer des Oberdorfes verlaufen.
- Finkensohle, feuchte Wiesen.
- Dieteweg, Richtung nach Eigenrieden.
- Schingeleich, liegt auf der Höhe des Kirchberges, unter den bekannten Linden, die weithin zu sehen sind.
- Finstertal, an der Haulunger Grenze gelegen, abseits, einsam.
- Fuchstor, Dorfausgang.
Vielleicht weiß ein Leser bessere Auskunft, ich wäre für Hinweise dankbar.
Werner Simon
(Quelle: „Unser Eichsfeld“ (Jahrgang 32), 1937, S. 43 – 47)