Dr. Christoph Völker: Von der Mundart des südlichen Eichsfeldes (1941)
In Westfalen und Niedersachsen ist das anders. Dort erfreut sich die plattdeutsche Landessprache seit langem einer ausgezeichneten Literatur, die große Verbreitung gefunden hat. Der Dialekt ist weithin Gemeingut auch der gehobenen Gesellschaftskreise geblieben. Zwar klagt man, besonders seit dem Ende des Weltkrieges, über den Niedergang des Plattdeutschen. Und tatsächlich dringt das Hochdeutsche als Umgangssprache unaufhaltsam in die vorher rein plattdeutschen Gebiete ein. Vor allem deshalb, weil die Eltern, was ja auch in anderen Mundartgebieten zu beklagen ist, immer mehr dazu übergehen, mit ihren Kindern nur noch hochdeutsch zu sprechen. Aber das hindert nicht, daß das Platt gesellschaftsfähig ist und bleibt. Selbst die in der Stadt aufgewachsenen Angehörigen der gebildeten Kreise waren und sind stolz darauf, Platt „küren“ zu können und sprechen es oft. Es ist sogar vor einiger Zeit mehrfach vorgekommen, daß bei Gelegenheit von Heimatfesten eine plattdeutsche Predigt gehalten und eine plattdeutsche Messe während des Hochamtes zum Vortrag gebracht worden ist.
Auf dem Eichsfelde würde ein Geistlicher, der sich unterfinge, in der Mundart zu predigen, rettungslos der Lächerlichkeit verfallen. Ja, hier steht es so, daß selbst dem einfachen Manne, der zeitlebens die Mundart gesprochen hat, unbehaglich wird, wenn er eine dörfliche Respektsperson, den Geistlichen, den Lehrer, den Arzt, Dialekt sprechen hört. Er hat das unwillkürliche Gefühl, daß Dialektsprechen im Munde eines Gebildeten entweder Hohn oder Taktlosigkeit oder sonst was Ungehöriges sei. So sehr ist er dessen entwöhnt und so unlösbar erscheint die Mundart noch mit allerlei Minderwertigkeitskomplexen verhaftet. Als ob die heimische Sprache eine Sache sei, die eigentlich nicht sein sollte, nur gut in der Abgeschiedenheit der ländlichen Familie oder hinter den Kühen und Pferden, beim Kartoffelhacken und Miststreuen, auf dem Schusterschemel und im Fabriksaal. Solche den Dialekt entwürdigenden Vorstellungsreihen beherrschen, soweit ich beurteilen kann, heute noch vielfach die öffentliche Meinung auf dem Eichsfelde. Ich kenne einen Fall, wo es beinahe zu einem ernsten Zerwürfnis zwischen der im Nachbardorf wohnenden Schwiegertochter und der Schwiegermutter kam, weil diese mit dem ihr zum Besuch zugeschickten Enkelkind nur in der dörflichen Mundart sich unterhalten hatte, sodass nach einigen Wochen das Kind – zum Entsetzen der es besuchenden Mutter! – die Mundart gelernt hatte.
Was Wunder, wenn der eichsfeldische Dialekt schon anfängt, ein Museumsstück zu werden, dessen Reste man sammeln muß, um sie vor dem völligen Untergang zu retten! Der Dialekt ist noch da. Aber er verliert zusehends an Ausdruckskraft und Eigenart. Er erfährt oder erleidet mit reizender Schnelligkeit Umformungen, die in einigen Menschenaltern seine äußere Gestalt und seinen inneren Gehalt von Grund auf verändert haben werden.
Und doch wäre der Dialekt der höchsten Wertschätzung aller, die es gut mit der Heimat meinen, wert. Er ist die Sprache unserer Vorfahren seit ungezählten Generationen, unsere Muttersprache, in der die ersten süßen Liebesworte unserer eichsfeldischen Mutter an unser Ohr geklungen sind, in der wir selbst die ersten Laute der menschlichen Sprache lallten, in der unsere sterbenden Eltern und Geschwister mit brechender Stimme ihr letztes Lebewohl uns zuflüsterten. Der Dialekt ist ein Stück Heimat, ebensosehr und fast noch mehr als die Berge und Wälder, die unser Heimatdorf umstehen, als der Kirchturm, der es überragt, als der Bach, der es durchplätschert, als die Menschen, die dort mit uns aufgewachsen sind, als die Häuser, in denen sie wohnen.
Der Dialekt ist eine Sprache, an der viele Jahrhunderte geformt und geprägt haben, er ist beherrscht von besonderen Gesetzen und Regeln, des Studiums und der Erforschung ebenso wert wie irgendeine Fremdsprache.
Der Dialekt wurzelt tiefer im mütterlichen Boden des Volkstums als das Hochdeutsche. Er spiegelt unmittelbarer das natürliche Fühlen und Empfinden des einfachen Mannes, sein Glauben und Hoffen, sein Temperament und seinen Humor, sein scharfes Beobachten und herzhaftes Zupacken, seine kindliche Treuherzigkeit und ränkevolle Schläue, seine Urväterweisheit und seine hausbackene Lebenserfahrung, kurzum seine „Weltanschauung“, das Wort in seinem ursprünglichen Sinne genommen als Anschauung von den Dingen und Begebenheiten, als Rückwirkung von äußeren Einflüssen und inneren Erlebnissen.
Unter Berufung auf Weißgerber und Schmidt-Rohr stellt Fritz Stroh fest: „Mit der Muttersprache empfängt der Einzelne seine Erkenntnis- und Wertformen als fertige Ordnungen und geprägte Erfahrungen seiner Gruppe. Er holt aus ihr bereits vorhandene, von der Gruppe hineingelegte und überlieferte Wertgehalte heraus. Mit der Spracherlernung übernimmt der Mensch das Weltbild, das in den Begriffen und Denkformen seiner Muttersprache niedergelegt ist. Damit gelangt er unbewußt in den Besitz der Erfahrungen, die von unzähligen Geschlechtern in diese Sprache niedergelegt wurden... Mit der Spracherlernung übernimmt der Mensch aber auch zugleich ebenso unmerklich und unbewusst die Wertungsgewohnheiten seiner Muttersprache, wird durch sie in die Wertwelt der Gemeinschaft hineingeformt, hineingenormt.“¹) Dasselbe gilt von der Mundart. Sie bezeugt nicht nur, sondern sie formt und erhält auch die seelische Eigenart des Eichsfelder Volksschlags, sein Temperament, den Rhythmus seines Wesens, seine Wertungsgewohnheiten, sein Weltbild. „Die Mundart prägt das Volkstum, auch das landschaftliche“, liest man bei Adolf Bach²).
Was der eichsfeldischen Mundart dringend zu wünschen wäre, ist die Schaffung einer hochstehenden mundartlichen Literatur, die auf dem Eichsfelde nicht weniger gelesen würde wie in Westfalen etwa die Bücher von Augustin Wibbelt und Karl Wagenfeld oder in Niedersachsen die von Fritz Reuter und Klaus Groth. Die Vertreter der eichsfeldischen mundartlichen Dichtung müssen das Anfangs-Stadium aller Dialektdichtung überwinden, wo der Dialekt nur für gut befunden wird, volkstümlichen Schnurren und Späßen die rechte Würze – manchmal müßte man sagen, den rechten Stallgeruch – zu geben. Die eichsfeldischen Dialektschriftsteller müssen lernen, ernste Stoffe zu gestalten und ihre Dichtungen in das Gewand einer quellfrischen, lebensechten, ihren ganzen Reichtum offenbarenden Mundart zu kleiden. Von einer solchen eichsfeldischen Literatur sind allerdings erst schwache Spuren zu erkennen. Man muß schon sagen, daß manche gedruckte Proben unserer heimatlichen Mundart anmuten wie schlecht übersetztes Hochdeutsch. Oder soll man lieber sagen, wie ein in den Dialekt gezwängtes schlechtes Hochdeutsch?
Es sei auf folgendes aufmerksam gemacht: Fast völlig fremd ist der Mundart der Kausalsatz mit weil. Die Hauptsätze werden auch bei kausalem Zusammenhang einfach aneinander gereiht, höchstfalls verbunden mit drim (= darum). Z. B. Ich waor gaster krank. Ich kunn nit kumm. Statt: Weil ich gestern krank war, konnte ich nicht kommen. Überhaupt sind Konjunktional- und Relativsätze selten. Z. B. A ging in’s Hüs, wahrenddam fing’s aon se rainen, statt: Während er ins Haus ging, fing es an zu regnen. Oder: Ergaster han ich’s Korn gesäit, hitte get’s schuint uff, statt: Das Korn, das ich vorgestern gesät habe, geht heute schon auf. Die Steigerungsform des sog. Elativs zur Bezeichnung eines sehr hohen Grades wird der Dialektsprecher fast nie mit dem farblosen „sehr“ geben. Er hat dafür andere, weit anschaulichere Ausdrucksmittel. Z. B. statt sehr hoch: be-ichenhöch (buchenhoch); statt sehr rot: fierchteröt; statt sehr nass: bitsche oder fitschenas, klatschenas, batschenas; dann blitzblou (blitzblau), grasegreen (grasgrün), gitsgrou (geizgrau), ginselgaal (ginselgelb, von Ginsel – das Gänschen), schlösswis (schloßweiß, von Schloßen – Hagelkörner), klimperkläin, häilfroih (heilfroh), mordslang (mordslang), starbenskrank (sterbenskrank), britschbräit (britschbreit). Auch „schön“ wird gern als Steigerungsmittel gebraucht, z. B. scheene dumm, scheene drackit (dreckig), sogar scheene krank. Oder bei Verben: ich han scheene gefroren; dafür auch gefroren wie ä Schnieder. In ähnlicher Weise dienen als Steigerungspartikel barwaorsch (barbarisch) und hellsch (höllisch), besonders vor kalt, warm, frieren, schwitzen.
Als sicheres Zeichen dafür, dass mundartliche Texte unecht sind, muß man das Fehlen der so charakteristischen bildhaften Redewendungen bezeichnen, worüber gleich noch einiges zu sagen ist.
Sicher könnten auch die Volksschulen und höheren Schulen des Eichsfeldes viel dazu mithelfen, daß die heimische Mundart wieder mehr geschätzt und gepflegt wird. Im niederdeutschen Sprachgebiet gibt es staatliche Verordnungen, die die Pflege des Plattdeutschen den Schulen anempfehlen oder zur Pflicht machen, und die Lesebücher enthalten plattdeutsche Stücke. Das ist wohl auch im mitteldeutschen Sprachgebiet der Fall⁵). Wegen der großen Unterschiede zwischen den Mundarten der einzelnen Landschaften Mitteldeutschlands wird es hier jedoch notwendig sein, die mundartlichen Lesestücke jeweils in den örtlichen Dialekt zu übersetzen oder sie durch Proben aus der örtlichen Mundart zu ersetzen.
Zwei Besonderheiten der eichsfeldischen Mundart lassen sich in der Mehlerschen Sammlung gut erkennen. Sie finden sich auch in anderen Dialekten, haben aber doch, so will mir scheinen, im Eichsfeldischen ihre eigentümliche Färbung und verdienen auf jeden Fall weitere Erforschung. Es sind die Vorliebe des eichsfeldischen Dialektsprechers für bildhafte Worte und Sätze und der ungewöhnlich hohe Vorrat an Fremdwörtern, die entweder im Hochdeutschen gar nicht oder nur selten mehr gebraucht werden.
Einige Bemerkungen über den Standort und die Eigenart der südeichsfeldischen Mundart sind noch vorauszuschicken⁶).
Die südeichsfeldische Mundart gehört dialektgeographisch zum Westthüringischen, hat aber ihre besondere, mit den Grenzen des Eichsfeldes zusammenfallende Eigenart. Die vielhundertjährige politische und konfessionelle Trennung vom übrigen Westthüringen hat hier auch eine Sprachgrenze entstehen lassen. Den Beweis, daß dies die Ursache war, liefert das Dorf Wendehausen. Es hat bis 1333 zur Herrschaft und dann bis zur Säkularisation zur Ganerbschaft Treffurt gehört, blieb aber katholisch und wurde seit 1773 von Mainz allein verwaltet. Heute gehört der Ort mundartlich ganz eindeutig zum Südeichsfeld, nicht aber zum Gebiet der alten Ganerbschaft.
Unter südeichsfeldischer Mundart ist hier dasselbe verstanden, was Hentrich das Höheneichsfeldische nennt⁷). Es ist die Mundart der eichsfeldischen Höhe von Schierschwende und Katharinenberg bis Hüpstedt mit den zugehörigen Talortschaften Heyerode, Diedorf, Wendehausen, Faulungen, Hildebrandshausen, Lengenfeld und Großbartloff. Zwar gibt es hier Unterschiede von Ort zu Ort. „Auch“ heisst z. B. in Faulungen, Diedorf und Katharinenberg äu, in Lengenfeld und Hildebrandshausen ä; „Heinrich“ dort Häinrich, in Faulungen Hennerch; „gewesen“ in Diedorf und Katharinenberg gewaaft, in Faulungen gewaan oder altertümlich waan. Doch ist den südeichsfeldischen Dörfern gemeinsam die ausgiebige Verwendung der ö- und i-Laute für hochdeutsch o, u, au, z. B. Brööt für Brot, Briiüt für Braut, Schnüm’ für Schnupfen; ferner der Diphthonge ui, oi, äi und e-i (u und i, o und i, ä und i, e und i werden getrennt gesprochen), z. B. Huind für Hund, froih für froh, Schnäi für Schnee, Ve-ih für Vieh, Be-iche für Buche.
Die nachstehenden Dialektproben sind in der Mundart meiner Heimat Faulungen gegeben. Eine Eigenart des Faulunger Dialektes allerdings, die dieser mehr oder weniger mit der der eigentlichen Höhendörfer und Großbartloffs teilt, ist unberücksichtigt geblieben, um das Lesen nicht allzusehr zu erschweren. Es ist die Aussprache des Doppel-l, des l zwischen zwei Vokalen, des l vor Konsonanten und teilweise im Auslaut wie u, z. B. aues für alles, Tauer für Taler und Teller, Kaub für Kalb, ich wau für ich will, Haustaodt für Heiligenstadt, Haustock für Heiligenstock⁸). Diese Besonderheit ist unter dem Einfluss des Hochdeutschen und der Schule in starkem Rückgang begriffen. In Diedorf und Katharinenberg ist sie schon ganz verschwunden. Daß sie in Diedorf noch vor 70 bis 80 Jahren herrschte, zeigt ein Scherz, der vom alten Gastwirt Georg Völker in Faulungen (geb. 1819, gest. 1902) berichtet wird. Eines Tages saß in seiner Gaststube ein Mann aus Diedorf, der den Alten mit Faulunger Sprachgewohnheiten aufziehen wollte (z. B. dem altertümlichen, jetzt fast verschwundenen Wegfall des ge- im Perfekt, wie kaant, statt gekaant (gekannt), waan statt gewaan (gewesen), sinn statt gesinn (gesehen) usf.⁹). Da öffnete der Wirt das Fenster und rief hinaus, als wolle er einen kleinen Jungen draußen zurechtweisen: Karuchen, batsch nit in daos Grabujchen! (Karlchen, tritt nicht in das Gräbelchen!) Mit diesem Satz sollten die damaligen Eigentümlichkeiten des Diedorfer Dialekts verspottet werden. Daraus folgt, daß damals in Diedorf noch das l in manchen Wörtern wie u gesprochen wurde.
Der dunkle a-Laut, der zwischen a und o liegt, ist im folgenden mit ao (z. B. Haohn für Hahn), das helle, lange a mit Doppel-a wiedergegeben (z. B. Haamel für Hammel). Der j-Laut, der hinter hellem a vor ch geschrieben ist, z. B. Sprajchen (sprechen), zeigt an, daß a in diesem Falle vor ch nicht wie ch in acht, sondern so gesprochen werden soll, als ob ch hinter i stände, etwa wie Laich, doch ohne dass das i herauszuhören ist. Doppel-a bedeutet auch in solchen Wörtern ein langes a, einfaches a ein kurzes a, z. B. schlaajcht (schlecht), Schlajchter (Schlächter); überhaupt bedeutet die Verdoppelung eines Buchstabens seine Dehnung. Auch ie bedeutet gedehntes i. Die Laute b und p, d und t sind im Anlaut in der Mundart nicht unterschieden; g und k sind im Anlaut schwer auseinander zu halten, obwohl hier Unterschiede obwalten. Man muß dies bei der Lesung der mundartlichen Proben im Auge behalten.
1. Der Bilderreichtum der Mundart
Als die Bubiköpfe aufkamen und in einem Dorfe zwei Schwestern, die recht derbknochige Gesichter hatten, sich als erste ihr Haar hatten kurz schneiden lassen, bemerkte einer aus dem Dorf, das sähe ja ganz schön aus, „wann se nur nit sö re-indladder Gesichter bi hatten“ (wenn sie nur nicht so rindlederne Gesichter dabei hätten). Die Gesichter erinnerten ihn an die groben, rindledernen Schuhe. – Als vor einigen Jahren die Kartoffeln gut geraten waren und ich einen Landsmann nach seiner Ernte fragte, meinte er, die Kartoffeln wären so groß, „me kinn se glich in’n Orm gelaasen“ (man könnte sie gleich in den Arm lesen). Der Mann dachte an die „Schlitter“, d. i. das zerkleinerte Buchenholz, das man in den Arm liest. – Ein anderer meinte von zwei einander fremden Sachen, die törichter Weise zusammen gebracht worden waren: „Daos past binanger wie de Stom’ndeer uffs Arbsendippen“ (beinander wie die Stubentür auf den Erbsentopf), und ein andermal über einen, der mit besonders großen Händen begabt war: Dar het Pranken, dass a met Kammisbrödern Skaot speele kinn (daß er mit Kommisbroten Skat spielen könnte). Albert Fritsch sagt in seiner Diedorfer Dorfgeschichte „Marthchen“ von einem Mädchen: es war so vergnügt, als wenn’s auf den Anger ginge (d. i. auf der Kirmes zum Tanz). Wenn den schon genannten Georg Völker in Faulungen jemand wegen seiner stattlichen Glatze aufzuziehen versuchte, fragte er zurück: Wäiht dii an äu, was Bismark gesait het? (weißt du denn auch, was Bismarck gesagt hat?) Der andere erwiderte prompt: Bismarck het gesait: Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt. Darauf der alte Jerje: Jou daos het a gesait, abber äu nach waos veel Schenneres. (Ja, das hat er gesagt, aber auch noch was viel Schöneres). A het gesait: Wo viel wächst, da ist auch viel Mist. Als in Faulungen ein eben erst neugeweihter Geistlicher als Vikar angestellt worden war und seine erste Predigt gehalten hatte, äußerte beim Nachhausegehen ein Kirchenbesucher: Dar muss eert Fatt an de Daarmen krie (der muß erst Fett an die Därme kriegen). – In einem Dorfe war die Kirche neu ausgemalt worden. Einige Heiligenfiguren waren etwas expressionistisch geraten. Das gab einem Besucher vom Nachbardorf zu der Bemerkung Anlass: wenn einem einer von diesen Heiligen um Mitternacht im Gelde allein begegnen würde, „dou keem’me abber in Schwäiss“ (da käme man aber in Schweiz), d. i. vor Angst.
In Nordhausen starb 1891 der aus Breitenworbis gebürtige Pfarrer Georg Wand. Sein Kaplan war lange Zeit der 1915 als Dechant in Mühlhausen verstorbene Heinrich Gleitz aus Silberhausen. Er wohnte im Haushalt des Pfarrers. Über beide erzählte der alte Lehrer Fick in Faulungen († 1926) folgende Geschichte: Wand war groß und stark, Gleitz klein und schmächtig. Als sich Gleitz beim Stellenantritt dem Pfarrer Wand vorstellte und dieser die winzige Gestalt des neuen Kaplans sah, meinte er: „Mit Ihnen gehe ich aber nicht zusammen spazieren, sonst sagen die Leute: Üs dam Kläinen kanns dach nüscht gewaare; dar Größe frist am alles wagk“ (aus dem Kleinen kann doch nichts werden, der Große frisst ihm alles weg). Das ist ein jedem Dorfjungen geläufiges Bild vom ländlichen Viehhof¹⁰). Ein Vater urteilte über seinen Sohn, der es recht verstand, sich vor der Arbeit zu drücken: Unser Gehannnes kann dr Füülhäit’s schennste Geschicke gega (unser Johannes kann der Faulheit das schönste Geschick geben). Über einen, der aus irgendeinem Grunde den Beleidigten spielte und die Lippen fest aufeinander preßte, hörte ich einmal das Urteil: Dar macht äne Brappen, dou kunn zwei Paor Battelliete druff getaanze (der macht ein Maul, dass zwei Paar Bettelleute darauf tanzen könnten). Bettelleute brauchen anscheinend nicht viel Platz zum Tanzen.
Man sieht, daß die Komik in solchen Sprachbildern nicht nur in der geistreichen Verkoppelung sonst einander widerstrebender Vorstellungen, sondern auch in der gewollten grotesken Übertreibung liegt. Dieser eigenartige Humor ist bezeichnend für die frohmütige Naturanlage des Eichsfelders. Die Freude an Übertreibungen wird in manchen volkstümlichen Erzählungen gutmütig verspottet. Eine davon aus Faulungen sei hierher gesetzt: Der Vater ackert. Sein Junge muß die Kühe treiben. Auf einmal ruft der Kleine: Baoter, dou im Busch sin huinert Haosen (dort im Busch sind hundert Hasen). Der Vater antwortet: Mach dach käne Läien (mach doch keine Lügen). Der Junge: Abber fuchzig (50) sin drin. Der Vater: Äu käne fuchzig. Der Junge: Abber zwanzig. Der Vater: Nä! Der Junge: Abber fünfe. Der Vater: Nä! Der Junge: Abber äner (Einer) äs gewiß und wohrhaftig drin. Der Vater: Doas gläib ich äu nit (das glaube ich auch nicht). Der Junge: Es hät dach rüscht im Busch (es hat doch gerauscht im Busch).
Viele andere bildhafte Ausdrücke sind stereotyp und gehören in einen von altersher überlieferten Kanon. Sie sind sozusagen geflügelte Worte geworden und werden bei passenden Gelegenheiten immer wieder angewandt. Man kann dabei unterscheiden: bildhafte Redensarten, Bildwörter, Vergleiche und Sprichwörter.
a) Bildhafte Redewendungen
Auf welche früheren Verhältnisse der auf Langschläfer angewandte Ausdruck: a schlefft bis an de Pajchhitten (er schläft bis an die Pechhütte) anspielt, kann ich nicht aufklären¹¹).
Wenn man von einem schwerverschuldeten Menschen sagt: A kann kän Huind üs’m Öben gelock, un wann a ganz vorn sist, so ist an die immer mehr abkommenden großen Rachelöfen gedacht, die von der Küche aus geheizt waren. Die Feuerung war so groß, daß sich bequem ein Hund hinein verkriechen konnte. Sogar ein Mann konnte zur Not dort unterkommen. Eine mehr als achtzigjährige Frau aus Struth (Frau Sander, geb. Richardt in Mühlhausen) erzählte mir: Beim Sturm auf Kloster-Zella i. J. 1848 sei der Hauptanführer ein junger Mann namens Schmerbauch gewesen, der Sohn eines reichen Struther Bauern, Gastwirts und Fuhrwerksbesitzers. Als die Ulanen dann von Mühlhausen kamen und die am Sturm Beteiligten verhafteten, war Schmerbauch nirgendwo zu finden. Vergeblich durchsuchten die Soldaten das elterliche Gehöft und durchstachen mit ihren Lanzen die Heu- und Strohvorräte. Ebenso ergebnislos verlief die Durchsuchung der übrigen Häuser des Dorfes. Der Verschwundene hielt sich im Feuerloch des großen kupfernen Kessels in der Küche seines Elternhauses versteckt. Dort hatten ihn die Ulanen nicht gesucht. Als die Luft wieder rein war, floh er des Nachts nach Leinefelde, wohin ihm eine Magd im Tragekorbe ein Säckchen voll Taler nachtrug. Mit Hilfe befreundeter Frachtfuhrleute entkam er nach Hamburg und fuhr über nach Amerika. Einer seiner Söhne wuchs in Struth auf und erbte das Gut des kinderlos gebliebenen Bruders des Geflüchteten, das heutige Rulandsche Anwesen.
Licht hinger dim Schwinchen har (leuchte hinter deinem Schweinchen her), sagt die Frau zum Manne, wenn am Schlachtefest die Gäste, wohl gespeist, spät in der Nacht das Haus verlassen. Das Wort soll entstanden sein, als ein Lehrer, der nur ein kleines Schwein hatte schlachten können, so viel Gäste zum Schlachtekohl eingeladen hatte, daß am Abend vom Schwein nichts mehr übrig war.
Mäi wunn eert mo lack (wir wollen erst mal lecken), kündigt der Gastgeber an, wenn er seinen Gästen ein Schnäpschen einschenkt. Hat einer soviel getrunken, daß er schon anfängt, err je Schwatsen (irre zu reden), dann heißt es: A het uf’m Steppel gerochen (er hat auf dem Stöpsel gerochen). Der Betrunkene het sich än getütt (einen getutet) oder geblosen oder gepfeffen (gepfiffen). Das schlimmste Studium ist da, wenn er nicht mehr weiß, ob er Jung or Maichen äs (ein Junge oder ein Mädchen ist). Wer nur Alkohol trinkt und dann reichlich, wenn’s fermsist (für umsonst) geht, den trifft der Stich: Dou het Hanschen Dorscht (da hat Hänschen Durst).
Wen’s Gewissen drückt, sodass er anderen nicht in die Augen sehen kann, sondern mit niedergeschlagenen Augen umher geht, der se-icht Wermer (sucht Würmer). Der naseweise junge Bursche wird mit dem scharfen Hieb zur Ruhe verwiesen: Du bisje nanit drocken hingern Öhren (du bist ja noch nicht trocken hinter den Ohren).
Wer mit geheimnisvollen Medikamenten handelt, die angeblich gegen alle Krankheiten gut sind oder deren Vertrieb verboten ist, hannelt met Aobergläuben (handelt mit Aberglauben). Fast dieselbe Bedeutung hat das von Mehler S. 8 genannte Wort Balsenttrajer.
Hat einer einen andern, der besonders klug und vorsichtig sein wollte, schließlich doch überlistet, so rühmt er sich: Ich han’n uf’m Naaste kräin (ich habe ihn auf dem Neste gekriegt), wie ein Huhn, das man leicht umschleichen und fangen kann, wenn es auf dem Neste sitzt. – Hat man seinen Gegner mit einem Wort an der empfindlichsten Stelle getroffen, sodass er heftig aufbegehrt, so wird hinterher mit Befriedigung erzählt: Dou hott ich abber ’s Kalb in de Äuben geschloin (da hatte ich aber ’s Kalb in die Augen geschlagen). – Ein besonders raffinierter Mensch het ’n Schinger se-ih barbst läufe (hat den Schinder sehen barfuß laufen). – Wenn einer bei einem Unternehmen einen Misserfolg gehabt hat und es aufgibt, so het a ’n Schnümn gekräin (hat er den Schnupfen gekriegt). – War für eine Arbeit guter Lohn erwartet, aber nur ein Dankeschön gegeben worden, so folgt die entrüstete Erwiderung: Dou kann mi Schornstäin nit vuune gedampe (davon kann mein Schornstein nicht dampfen). – Ist ein stolzer Mensch arg gedemütigt worden und läßt es merken, daß er sich darüber grämt, so stellt sein guter Freund schadenfroh fest: Am äs der Schnipp genumm’n. Wer sich seiner Haut trefflich zu wehren weiß, der lässt sich de Worscht nit vum Brööte nahme (die Wurst nicht vom Brote nehmen). – War man auf ein Ereignis gut vorbereitet, hält es aber, nachdem es eingetreten ist, für geraten, den Überraschten zu spielen, so muss man auf die Vorhaltung gefasst sein: Dü brüchst’n Wuinersack nit aonsehencken (du brauchst den Wundersack nicht umzuhängen). Bei Verwunderung lautet der zünftige Ausruf: Däi Kinner un däi Liete! (ihr Kinder und ihr Leute!) – Ist’s gar zu ungewöhnlich, was du dem andern zu glauben zumutest, so kann’s geschehen, daß er bedeutsam an die Stirn tippt und spricht: He-il Im Summer un Jes? (hier, im Sommer und Eis?)
Wer gewohnheitsmäßig lügt, muss gewärtigen, daß sein Gegner ihm ins Gesicht schleudert: Was dü battst und bichst, sin Läien (was du betest und beichtest, sind Lügen). Ist ein junger Mann bei der Brautschau sehr wählerisch gewesen, hat aber schließlich doch eine Frau mitbekommen, die die Schönheit nicht umbringt, so tut man den Fall ab mit dem geradezu klassischen Wort, das auch Mehler verzeichnet: „A het so lange mang d’n Scheeten rimgesucht, bis a ä Werrbingel gefung’n het (er hat solange zwischen den Strohschütten rumgesucht, bis er ein Wirrbündel gefunden hat).
Kä Finger kamme in de Aschen getück, glich het dr Schinger’s Bäist dou (keinen Finger kann man in die Asche tauchen, gleich hat der Schinder das Biest da), brummt der Hausherr unwillig, wenn die neugierige Nachbarin alle paar Augenblicke mal herüber geschlichen kommt, um sich umzugucken.
Da hat einer sich einen guten Happen aufgehoben, um ihn später mit größerem Behagen sich zu Gemüte zu führen. Aber wie er dann an den Brotschrank kommt und das Verwahrte holen will, dou het’s dr Rats gelangt (da hat’s der Rats, der Iltis, geholt). So tröstet man in solchem Fall sich selber und so trösten die anderen, die inzwischen sich daran gütlich getan haben.
Soll in der Mundart gesagt werden, daß ein Bauer oder Kaufmann immer die höchsten Preise nimmt, so drückt sie das so aus: Bi daam äs de Abdeek’n (bei dem ist die Apotheke). – We-inzchen lautet der Ruf, mit dem man die Katze lockt. Jest mus ab We-inzchen mach, besagt, daß ein Hochnäsiger auf einmal von einem andern, den er sonst verachtete, abhängig geworden ist und demütig bei ihm um gut Wetter anhalten muß.
Der Lobredner der besseren alten Zeit muss damit rechnen, dass einer seiner Zuhörer sachkundig dazwischen wirft: Jou, ich wäify schuint, achzahnhuinert drizzen, wö de Sperlinge nach Kamaschen trugen (ja, ich weiss schon, 1813, als die Sperlinge noch Gamaschen trugen).
Einen Eierhändler aus Großburschla pflegte man in meinem elterlichen Hause, sooft er erschien, zu fragen, wie es Verwandten im Nachbardorf ginge, bloß um von ihm die Antwort zu erhalten, die dann auch nicht auf sich warten ließ: Se schniem’n, daß se nit er-schtick’n (sie schnaufen, daß sie nicht ersticken).
Ist einer geizig – die Mundart sagt dafür „hungrig“ oder „gefahrlich“ (gefährlich) –, so hat man das prächtige Bild zur Hand: A spellt’n Reemel (er spaltet den Kümmel). – Hat man einem anderen unverblümt die eigene Meinung gesagt, ohne daß der merkbar begierig war, sie zu hören, so kann man sich hinterher rühmen: Dam han ich’s abber vern Schnurrbort geseit (dem habe ichs aber vor den Schnurrbart gesagt). Der allzu Sanfte und Nachgiebige het käne Kalinn (hat keine Kaldaunen). Der Feierliche und Förmliche macht äm Bräibort (einen Breibart) oder läit sim Müül in Faalen (legt seinen Mund in Falten). Der Weinerliche und Wehleidige het noh bi’s Wasser gebuibt (hat nahe ans Wasser gebaut). Wenn einem die Augen vor Müdigkeit zufallen, so wird geraten: Mach Stabbelchen unger de Auben (mach Stützen unter die Augen). Wer unbeholfen und undeutlich spricht, het Täigk gefrassen (hat Teig gefressen), ist ein „Täigkmärten“. – Wer bereits Erzähltes immer wieder erzählt, „knatt“ (von knaaten = kneten) oder „kaiwert“ (kaiwern = lange auf demselben Bissen herumkauen) oder „naatert“ (käut wieder: die Kuh naatert). Der Dicke het ä scheenen Ransel ver sich (hat einen schönen Ranzen vor sich). Die Reichen sind daos riche Geschlicker. Der Einfältige ist so dumm, daß’s än düürt (daß es einen dauert). Sagt man ihm eine plumpe Schmeichelei, so nimmt er sie für bare Münze un mäint, ’s Katschen lackt’n (und meint, daß Kätzchen leckte ihn). Der Prahler tut so, als werr dr größö Huind sim Paote (als wäre der große Hund sein Pate).
Hat ein Kind sich in den Finger geschnitten, so ziehen die Großen es auf: Dou kumm’n de Daarm’n rüß (da kommen die Därme heraus). Einem Kinde, das, auf einem Stuhl sitzend, die Unterschenkel frei hin und her schwingen läßt, ruft man zu: Was ver än Elel lüttst dii an hän? (was für einen Esel läutest du denn hin?) – Vermutet man, daß ein guter Freund in unserer Abwesenheit kräftig über uns schimpfen wird, so wünscht man sich: Dou mitt ich mo Mieschen Je-ih (da müsste ich mal Mäuschen sein). – Erstrebt einer, vielleicht ohne die Vorbildung dafür zu haben, eine gute Stellung oder bemüht er sich um ein besonders vorteilhaftes Geschäft, so urteilen seine Neider: Dou werr sin Reppchen gewoschen (da wäre sein Köpfchen gewaschen, nämlich, wenn er sein Ziel erreichte, was sie nicht wünschen). Ob man früher es als ein großes Glück ansah, wenn einem der Kopf gewaschen wurde?
Entfernte Verwandtschaft, an der einem nichts liegt, bagatellisiert man mit der Bemerkung: Vun drizzen Acker ’s Veereng (von dreizehn Acker das Vorende). Vorende ist der etwa drei Meter breite Randstreifen eines Ackerstücks, auf dem der Pflug umwendet. Gemeint ist: wer dreizehn Acker an einem Stück hat, d. i. an einem viel längeren als breiten Plan, wie solche vor der Separation auf dem Eichsfelde üblich waren, der gibt auf das Vorende nicht viel. So steht es mit dieser Verwandtschaft.
Die Flüchtigkeit der Zeit veranschaulicht das Bild: De Woch’n äs schwinger rimgegenn wie än gewasselter Daoler (die Woche ist geschwinder herumgegangen wie ein gewechselter Taler).
Wenn ein Verwandter, von dem man das bisher nicht gewohnt war, Geschenke bringt oder ungewöhnlich wertvolle Geschenke, so quittiert man erfreut und überrascht mit dem Wort: Dü witt wö staarbe? (du willst wohl sterben?) Der Sterbende erst pflegt sein Hab und Gut zu verschenken.
Der Kranke het’len saot (hat es satt, d. i. er hat soviel Krankheit geschluckt, dass er ganz satt davon ist und mehr davon nicht vertragen zu können glaubt). Der Sterbende het ’n Töd uf der Zungen (hat den Tod auf der Zunge); a heert ’n Suckuck nit werr rufe (er hört den Kuckuck nicht wieder rufen); a macht si letztes (er macht sein Letztes). In Faulungen jammert er wohl gar: Mit traojen se baale de Borgkassen naon (mich tragen sie bald die Burggasse, den Weg zum Friedhof, hinauf).
Aber wenngleich mit dem Tode nicht zu spaßen ist, so will doch mancher echte Eichsfelder auch angesichts seines letzten Stündleins auf die im Leben gewohnte humorvolle Bildersprache nicht verzichten. Alois Höppner erzählt vom Lehrer Diete aus Lengenfeld: Diete lag in seiner letzten Krankheit im Krankenhause zu Heiligenstadt. Sein Freund, Lehrer Tischbein, kam, um ihn zu besuchen, als eben P. Adolf vom Hülfensberge das Krankenzimmer verließ. Der Kranke wies mit dem Daumen über die Schulter: „Hast’n geseh’n? Hat mir eben die Hufeisen abgerissen“¹⁴).
Zu dem 1902 im Alter von 83 Jahren in Faulungen verstorbenen Georg Völker sagte kurz vor seinem Tode ein Mann aus Effelder: Däi se-iht abber schlaajcht üs! (Ihr seht aber schlecht aus!) Der Alte erwiderte: Jou, dr Habber äs schlaajcht gerott (ja, der Hafer ist schlecht geraten). Der Fremde nahm die Antwort ernst und gab verwundert zurück: Däi frakt dach kän Habber! (Ihr frest doch keinen Hafer!)
b) Bildwörter
Manche sind dem kirchlichen Leben entnommen: Üssainen (aussegnen) nennt man es z. B. wenn einer den andern tüchtig ausschimpft. Dieselbe Bedeutung hat salben, z. B. ich han'n abber gesalbt (ich habe ihn aber gesalbt). Davon das Hauptwort Salbung-Abriffelung. Sakramainter (Sakramenter) nennt man einen Gewohnheitsflucher, weil häufig das Wort Sakrament zum Fluchen missbraucht wurde. Ein kleiner Junge ist ä Steppel (ein Stöpsel) oder ein Breebstchen (Pröpstchen) oder, wenn die Mutter ganz böse ist ein Schingläich (Schinderleiche; dies schlimme Wort wird heute fast nur noch scherzhaft gebraucht), ein drolliges Kind äm Basschen, ein sehr lebhaftes än Gäierlits. Die Herkunft dieser beiden Worte ist mir nicht bekannt. Basschen (a kurz) kommt vielleicht von dem holländischen Bas - Herr, das nach Vilmar in den westfälischen Gegenden Hessens vorkommt 15). Ein Kind, das häufig krank ist, wird Biepelding genannt; das Bild stammt vom ängstlich piependen kranken Küken. Ein Mädchen, das sich ängstlich oder albern benimmt, ist än Richen (Küken). 's äs sö ä Schmilmchen, sagt man von einem zarten schwächlichen Mädchen (von Schmulme, dem eichsfeldischen Namen für Schmiele oder Schmielgras).
Eine zänkische oder gehässige Frauensperson ist eine Hernsen (Hornisse) oder äm Bisiding (Beisding). Ein steifer Mensch muß sich Staokelmann nennen lassen, ein leicht erregbarer, giftiger Boshäitsbacker (Bosheitsbäcker). Ein Schmeichler ist ein Spitzenlacker (Speichellecker), ein Hochmütiger ein Schwullskopp oder Blosenkopp, ein Eigensinniger ein Matsenkopp (Metsenkopf, nach der Metse, dem bekannten Hohlmaß) oder ein Eckkopp, ein Zanksüchtiger ein Katzenkopp. Unter Lumpenspinner versteht man einen hinterhältigen Menschen, ursprünglich offenbar einen, der statt guter Wolle Lumpen in das Garn hineinspann und dieses als gutes Wollgarn verkaufte. Ein Dippengicker (Topfgucker) ist ein Mann, der in jeden Topf in der Küche guckt, sich also um Angelegenheiten kümmert, die nur die Frau angehen, überhaupt eine allzu neugierige Mannsperson. Sperrschnüsten oder Sperrmüil schimpft man den, der einen heimlich zu belauschen versucht oder träge „herumsteht". Auch die Zwetschen, die von längerem Regenwetter aufgeplatzt sind, heißen Sperrschnüsten. - Mann im Meeschen (von Mäichen, dem kleinsten Trockenhohlmaß) sagt man, wenn ein großer Kerl sich auf einen Kinderwagen setzt oder sich in ähnliche Situationen begibt. Ein Klunker ist eine unordentliche Frauensperson (von den Klunkern, den Lumpenfasern, die an ihrer Kleidung herunterhängen). - Törichte Handlungen sind Gäukelmannssträiche (Gaukelmanns-Streiche). Schwinsstorjen sind unsaubere Erzählungen, Zoten. - Ein Blechschwätzer ist än Dracksterjer, dar än drackjt gestorje kann (einen dreckig schwätzen kann); ein Einfältiger än Dräihhaamel (Drehhammel; d. i. ein Hammel, der von der Drehkrankheit befallenen ist). Ein Matzgergang (Metzgergang) ist ein vergeblicher Weg, wie ihn der Metzger, der Vieh einkaufen will, oft machen muß. Batteltaanz (Betteltanz) nennt man einen laut lärmenden Vorgang, der allen, die ihn miterleben müssen, auf die Nerven geht, z. B. eine Schlägerei. Auch einen nächtlichen Fliegerangriff würde man so nennen. Battelding (Bettelding) ist eine wertlose Sache. Füüler Schaafer (fauler Schäfer) sagt man heute wohl nur noch halb scherzhaft zu einem trägen Kinde. Ein Derrladder (Dürrleder) ist eine sehr magere Person, ein langer Lainz (-Lenz, von Lorenz) eine übergroße.
Sagt man in Faulungen zu einem: Dü bist än Käiser (du bist ein Kaiser) oder zu mehreren: Däi Käiser (ihr Kaiser) so bedeutet das: Ihr seid nicht recht gescheit. Wie der ehrwürdige Titel des ehemaligen deutschen Reichsoberhauptes zu einer so verächtlichen Bedeutung gelangt ist, konnte nicht ermittelt werden.
Von einem Rinde, das sich nach einer Krankheit nicht recht wieder erholen kann, sagt man: äs trürt immer nach (es trauert immer noch). Ebenso von Topfpflanzen, die nicht recht gedeihen wollen, von der Saat, die etwa durch einen Spätfrost stark zurückgekommen ist, usw. Der Ausdrucksweise liegt die Beobachtung zu Grunde, daß wirkliche Trauer oder Traurigkeit den Menschen auch körperlich mitnimmt.
Das Huhn gatst (schreit). Gatsen nennt der Eichsfelder aber auch das laute gefühllose Lachen des Oberflächlichen, des Schadenfrohen, des Wichtigtuers, der sich seinem Partner gegenüber im Vorteil glaubt. Der Speck, der in der Pfanne ausgebraten wird, krüscht (weint, von kreischen; krüschen und hielen (heulen) bezeichnen in der Mundart das bitterliche Weinen). Die Handlung des Ausbratens nennt die Mundart flennen: Der Speck wird geflennt. Das Wort flennen, das sonst im Dialekt soviel wie grinsend lachen bedeutet und intransitiv ist, wird in der genannten Redensart transitiv gebraucht. - Güddeln (fiedeln) wird gern für sägen gesagt, besonders für hastiges Sägen, wenn z. B. sich einer heimlich im Walde einen Stamm zur Güschel (Deichsel) obfüddelt (absägt). Inhucken (einhucken) ist unmäßiges Essen, von Hucke- Traglast, wovon aufhucken abgeleitet ist. Wer inhuckt, legt sich also, das ist die zugrunde liegende Vorstellung, die Last, die andere auf dem Rücken tragen, in den Magen. Aufhucken hat die Nebenbedeutung von einem etwas vorwerfen, z. B. ich han's am glich uffgehuckt (ich habe es ihm gleich vorgeworfen). Einen lange Gesuchten, den man endlich gefunden hat, het me uffgegabbelt (hat man aufgegabelt). Ein Mädchen, das sich unter seinem Stande und offensichtlich unglücklich verheiratet hat, het sich verplampert (verplempert). Klaiben heisst das Verputzen und Tünchen der Wände und Decken der Häuser mit Lehm-in Gaulungen lagt man dafür auch klatschen, davon Lühnsklatscher, weil lange Zeit Angehörige der Familie Luhn dies Handwerk ausübten; übertragen nennt man es kläiben, wenn einer beim Essen den Aufstrich allzu dick aufs Brot aufträgt.
Bach hebt den besonderen Reichtum der Mundarten (im Gegensatz zum Hochdeutschen) an Wörtern und Wortbildungsmitteln hervor, die irgendwie gefühlsverbundene Dinge, Zustände und Vorkommnisse bezeichnen 15a). Auf einem Fragebogen des rheinischen Wörterbuchs werden nach seiner Angabe für die verschiedenen Arten des Gehens und Laufens 100 Verba namhaft gemacht 16). Auch unsere heimische Mundart ist reich an Synonyma dieser Art, was gleichfalls ein Beleg für das bildhafte Denken des Mundartsprechers ist.
Ich nenne für Gehen und Laufen die folgenden:
- 1. unabgetönt: gen (gehen), läufen;
- 2. rasches Gehen und Laufen: breschen, semsen, wetsen, flitzen, kaloppen (galoppieren), jackern (meist gebraucht für rasches Fahren), quästen;
- 3. Gehen und Laufen in Wut: süsen, brüsen, beesen, fajen, Schnurren;
- 4. Schwerfälliges Gehen: dapsen, drapsen, drampsen, drämmeln, batschen (in Pfützen treten), dappen, Jacken;
- 5. müßiges, unnützes Gehen: lungern, kesseln, kalaschen, quaintern, trainteln, kaossaotern, klabastern;
- 6. nachlässiges, träges, unbeholfenes Gehen: Schleeren, (besonders durch hohes Gras oder Getreide) lootschen, walschen, graatschen, graatscheln, aongeschottscht oder geschomm'n kumm'n (geschoben kommen); hutschen, doltern.
- 7. nervöses, unsicheres Gehen: buppern, dappeln, düttern, wisseln;
- 8. Gehen mit schwerer Last: trecken;
- 9. nächtliches Gehen: wannern;
- 10. tänzelndes Gehen: dippeln, tainzeln;
- 11. ins Geld gehen, abreisen: ins Geld machen, furt machen.
Das sind 46 synonyme Ausdrücke für gehen und laufen. Die Liste ist sicher längst nicht vollständig 16a).
Für Weinen kenne ich 9 Ausdrücke: krüschen, hielen für das hochdeutsche weinen, das in der Mundart nicht vorkommt, büsten = beginnendes, noch nicht ganz zum Ausbruch gekommenes Weinen, kneeren, knaimen, gaoken, blärren, blääken verächtliches Weinen, neelen = weinerliches Reden. Die stärkste Form des Weinens: a het Rotz un Wasser gekreschen.
c) Vergleiche
Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, das nach Adolf Bach in dem Haften der Mundart an sprachlichen Formeln, wie wir sie in den hergebrachten bildhaften Redewendungen schon kennen lernten und jetzt in den Vergleichen wieder antreffen, und ihrer Vorliebe für Sprichwörter, der wir noch begegnen werden, auch logische Undiszipliniertheit und Bequemlichkeit liegt. „Gewiss geben diese Stilelemente der Sprache des Dialektes Farbe und Kern, aber sie geben dem Dialektsprecher auch ein bequemes Mittel an die Hand, das ihn eigener Gedankenprägung überhebt" (A. Hübner) 17). Man kann nicht bestreiten, daß diese Beobachtungen zutreffen. Doch darf nicht verkannt werden und die von uns angezogenen Beispiele aus junger und jüngster Zeit liefern den Beweis, das der eichsfeldische Mundartsprecher nicht nur die hergebrachten sprachlichen Formeln gebraucht, sondern durch den Reichtum seiner Mundart an solchen veranlasst wird, immerfort neue und lebensvolle bildhafte Redewendungen zu schaffen.
Auch die Vergleiche stammen zum Teil aus alter Zeit. Wer albern oder unnötig herumhüpft, hupst wie än Zinshaohn. Der Zinshahn war in früheren Jahrhunderten eine der häufigsten bäuerlichen Abgaben. Nach den Weistümern mußte der abzuliefernde Zinshahn so groß sein, daß er auf einen Wassereimer oder auf einen Stuhl oder gar auf das Stuhlgeländer springen konnte. Darauf spielt die Redensart an. Das Wort ist in der Form: he springt so ein Tinshan schon im Mittelalter gebraucht worden 18).
Einen immer unzufriedenen, immer kneeternden (heute sagen wir meckernden) Zeitgenossen charakterisiert man mit dem Wort: A breppelt wie än Gorendippen (er kocht wie ein Garntopf). Mit breppelt bezeichnet der Dialekt lautmalend den Zustand des Kochens einer Flüssigkeit. Im Garntopf kochte man früher das von der Rohwolle gesponnene Garn, um es zu entölen. Wahrscheinlich musste der Garntopf längere Zeit kochen, sodas man das Vergnügen, ihn breppelt hören, gründlich genießen konnte. Gleichfalls in alter Zeit muss entstanden sein der Ausdruck: A kriet Schläge wie än Nußlack. Vermutlich wurden die Walnüsse früher in einen Sack getan und im Sack solange geklopft, bis die grünen äußeren Schalen sich lösten. Oder die Redensart geht darauf, daß die Nüsse vielleicht in einem Sack zu Öl geschlagen wurden. Aus der Schmiede mag der Ausdruck stammen: druff kloppen wie uf aalt Isen (drauf klopfen wie auf altes Eisen).
Nicht weniger altes Sprachgut ist die Redensart: Sö sees wie äne Nuß. Sie geht in die Zeit zurück, als man, abgesehen vom Honig (weshalb man auch sagt: Sö sees wie Hannegk), nichts Süßeres kannte als Nüsse.
In der Sammlung der bereits angezogenen Lengenfelder sprichwörtlichen Redensarten ist angeführt: Waak wie's beese Gald. Ich kenne diese Redensart nur in der Form: Wagk wie's beese Wasen (weg wie's böse Wesen). Die epileptischen Anfälle nannte man noch in meiner Jugend 's beese Wasen 19). Es ist bekannt, daß in frühen Stadien dieser Krankheit, wenn ein Anfall vorüber ist, der Betroffene den Anschein eines völlig Gesunden erweckt. Die Anfälle sind außerdem im Anfangsstadium außerordentlich selten.
Von einem Schnarcher sagt man: A schnoarkt wie än Wetsaber. Auch hier hat, scheint's, ein alter, ungebräuchlich gewordener Ausdruck für Eber sich erhalten 20).
A lürt's ob, wie Frakklais de Kärmße (er lauert's ab, wie Fressklaus die Kirmes) wird auf eine wirkliche Person gehen, die auf die Kirmessen im weiten Umkreis alljährlich lauerte, um sich dabei liebegaot (liebesatt) zu essen. Mancher hat nämlich äm Moin wie än Feeze-ichen (einen Magen wie ein Bettkissenbezug) und ist wie än Holzhaiwer (Holzhauer), bis ha nit mäi geschnieme kann (bis er nicht mehr schnaufen kann); er ist vom vielen Essen dann sö dühne, dass me uf sim Büch än Glöch geknipse kann (so gespannt, dass man auf seinem Bauch einen Floh knipsen kann).
A lit dou wie än Kreepel am Johrmart (er liegt da wie ein Krüppel am Jahrmarkt), sagt man, wenn einer sich müde auf die Erde geworfen hat. Das Wort erinnert an die Zeit, wo die Zugangsstraßen zum Jahrmarkt mit Krüppeln besetzt waren, die die Jahrmarktsbesucher um Gaben anbettelten.
Die Mutter prahlt von ihrem Kinde: Ees äs gelenkig wie äne Wesel (kurzes e; es ist gelenkig wie ein Wiesel), gesund wie än Ackerchen (gesund wie ein Eckerchen), gemeint ist wohl die Buch- oder Eichelecker. Schenkt man dem Kinde was, so lacht's ebbers ganze Gesicht (übers ganze Gesicht) oder wie än Keenig oder wie än Schnäikennig (wie ein König, wie ein Schneekönig); die Form Keenig hat, sicher unter dem Einfluß der Schule, die ältere Form Kennegk fast ganz verdrängt. - Mitunter schreit das Kind, als wanns am Spiesze Stickte (als wenn's am Spieße steckte; Bild von der mittelalterlichen Jagd), oder wie än Zaohnbrajcher (wie ein Zahnbrecher). Der letzte Vergleich ist auffallend, da man doch meinen sollte, nicht der Zahnbrecher, sondern der, dem der Zahn gebrochen wird, müßte schreien. Oder waren die Zahnbrecher mittelalterliche Marktfiguren, die mit lautem Geschrei in der Öffentlichkeit ihre Kunst des Zahnbrechens anpriesen?
Wer sich tagsüber geschungen het wie ä Stick Be-ih (geschunden hat wie ein Stück Vieh), geschwitzt hat wie äm Baar (wie ein Bär; ob wohl die Bären viel schwitzen?) 20a), der ist am Abend meede wie a Huind (müde wie ein Hund) und schläft wie ä Rettel (ein Rüttel, d. i. ein starker Knüppel). Gefroren wie ä Rettel ist im Winter oft der Erdboden.
Dem groben Menschen kimmts üs'm Hals wie än Strump (kommts aus dem Halse wie ein Strumpf). - Eine Frau mit böser Zunge het äm Mül am Kopp wi ä Schlachtschwart (ein Maul am Kopf wie ein Schlachtschwert).
Der Redseligen getts Müül wie ä Schnurradchen (geht's Maul wie ein Schnurrädchen). Man behauptet von ihr: Wann ar's Müül zugenäiht werd, dou getts derchn Zwern (wenn ihr's Maul zugenäht wird, dann geht's durch den Zwirn). Hört solch ein Storjelieschen eine hübsche Neuigkeit, so jippert (bebt) sie vor Verlangen, sie weiterzutragen und versichert wohl gleich im Bewusstsein ihrer Schwäche: Derch mich sall's letzte nit üskumm (durch mich soll's nicht zuletzt auskommen).
Die Zungenfertige kann geschwatse wie än Uffgaote (wie ein Advokat). Eine Schmierige, unsaubere Person sitt üs wie ä Schmeed ver Taoje (sieht aus wie ein Schmied vor Tage) oder wie ne Räuchschwalmn (Rauchschwalbe). Der Hitzige und ungebührlich Drängende tobt wie äm Blutschwaarn (tobt wie ein Blutgeschwür).
Der Hochgewachsene ist so lang wie Gehannestaogk (so lang wie Johannestag), der Starke än Karel wie äm Bäum (ein Kerl wie ein Baum). Der Schleicher geht umher wie ä Huhn, daos wagkläi wall (wie ein Huhn, das weglegen will). - Der Einfältige gückt gain Hemmel wie äne Gans, wanns dunnert (guckt gegen Himmel wie eine Gans, wenn's donnert). Der Verlegene gückt anr Naosen runger wie äne Ble-indschläichn (er guckt an der Nase herunter wie eine Blindschleiche). Der Überraschte steht da wie äne Kuh verm nuiwen Cor (wie eine Kuh vor'm neuen Tor), der Steife wie a helzer Mann (wie ein hölzerner Mann) oder wie geborgt oder wie ä Schniedbock (ein Sägebock). Der Erwachsene, aber klein Gebliebene wääßt wie riffe Garschtn (wächst wie reife Gerste). - Leute mit einem robusten Gewissen haben ein Gewissen wie ä Metzgerhuind (wie ein Metzgerhund), der stets nach dem größten Stück schnappt und nach mein und dein nichts fragt, oder wie ä Stroihsack (ein Strohsack), der in der Mitte ein großes Loch hat, durch das alles wieder herausfällt.
Der Dickfällige ist sö straab wie ä Stick Holz oder wie ä Schnitzebock. Straab kommt wohl vom selben Stamm wie das hochdeutsche straff, bedeutet aber hart, starrköpfig, grob, ungefällig. Der Gierige macht Augen wie Küllerredder (Kugelräder; ein Küllerraod ist ein dünner Abschnitt von einem runden Stamm) oder Külläuben (Kugelaugen). Auch krankhaft vergrößerte Augen und Personen mit solchen heißen Külläuben. Der Trinker süfft wie ä Stier (säuft wie ein Stier). Der Betrunkene ist besoffen wie ä Stier eine Ausdrucksweise, die ein Oxymoron ist, da ein Stier sich nie besäuft, oder macht Augen wie än obgestochenes Kalb.
Der Unbeholfene stellt sich an wie ä Sügke-ind (ein Saugkind). - Der Stolze bleest in de Backen wie än Trumpeter (bläst in die Backen wie ein Trompeter). - Der Dicke die Mundart sagt ä vullstanniger (vollständiger) Mann hat Backen, sei es wie än Trumpeter, sei es wie än Büstengel (Pust- oder Posaunenengel, wie sie auf manchen Barockaltären zu sehen sind), einen Kopf wie äne Matsen (wie eine Metze) und einen Specknacken wie Schusteraoden (Schusteradam, eine längst verflossene Persönlichkeit in Gaulungen).
Wem's Essen nicht schmeckt, kuibt wie uff Stalzen (kaut wie auf Stelzen). Was gar zu schlecht gekocht ist, schmeckt wie äne Widdenfiefen (wie eine Weidenpfeife). Wenn's heftig regnet, geest's wie met Scheppdippen (giest's wie mit Schöpftöpfen).
Der Kranke sieht aus wie än Dippchen vull Miese (wie ein Töpfchen voll Mäuse) oder wie's bittere Läiden (bittere Leiden), der Gesunde dagegen wie's ewige Laaben (ewige Leben).
Merkwürdig sind die Vergleiche: Wer gut gebettet ist, schlefft wie äm Prinz unger dr Hitt'n (schläft wie ein Prinz unter der Hütte). - Wer in der Unterhaltung zu sticheln versucht, sticht derch'n Züün wie än töter Französe (sticht durch den Zaun wie ein toter Franzose).
d) Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten.
Rühmt sich einer seines Reichtums oder seines Könnens, obwohl es damit nicht soweit her ist, dann antwortet man ihm wohl: Daos Gold, was dü an dr Axt häst, han ich am Steel (das Gold, das du an der Axt hast, hab ich am Stiel). Über einen dummen Menschen urteilt man: Wann Dummhäit wäih tät, dou kinn dar Taogk un Naocht gekrüsch (wenn Dummheit weh täte, könnte der Tag und Nacht weinen).
Einer verschwenderischen Frau gegenüber beruft man das Wort: Mann schaff, Fräube fris! (Mann schaff, Frau fris). - Lässt sich ein fauler Mann von seiner Frau ernähren, so heißt es: Holla, käift Bachollerbeeren, Fräube mus'n Mann ernehre (Holla, kauft Wacholderbeeren, die Frau muß ihren Mann ernähren). Der Reim stammt wohl aus einer Zeit, als die Frauen Wacholderbeeren sammelten und zum Markte in die Stadt brachten. Vielleicht hat mal eine Frau, um das Mitleid der Marktbesucher zu erregen, solch einen Vers auf dem Markt ausgerufen.
Wenn im Herbst die Bohnen reif sind, erschallt der Ruf: Flickt de Bittel, de Bonn sin riff (flickt die Beutel, die Bohnen sind reif).
Wasser het spitze Reppe, hörte ich einmal bei einem Dammbau. Das sollte heißen, wo nur ein Tröpfchen Wasser durchsickert, wird bald sich auch eine größere Menge durchzwängen.
Zwei in der Lengenfelder Sammlung genannten Sprüche haben in Faulungen den folgenden, etwas abweichenden Wortlaut. Der eine ist die Wetterregel: Wann's raint Suintaogks ver der Masse, daos kanns de ganze Wochen nit vergasse (wenns regnet Sonntags vor der Messe, das kann's die ganze Woche nicht vergessen), d. h. dann wird die ganze Woche Regenwetter sein. Der zweite ist das Kochrezept: Wann se singen: Wo ist das Kind so heut gebor'n, dou hun de Mehr'n 'n Geschmack verlor'n (wenn sie singen: Wo ist das usw. dann haben die Möhren den Geschmack verloren).
Wenn einer beim Essen schwitzt, so verfehlen die Tischgenossen nicht ihm kundbar zu machen: De-i bim Assen schwitzen und bi dr Arbäit freeren, daos sin de gesuinsten Mäinschen (die beim Essen schwitzen und bei der Arbeit frieren, das sind die gesundesten Menschen).
Den eingebildeten Kranken erledigt man mit dem Spruch: Meede, matt, marode, krank un äm bischen fül dermang.
Hat ein Vorsichtiger sich in einer schwachen Stunde in ein gewagtes Unternehmen eingelassen und dabei Schaden erlitten, dann bekommt er zu seinem Troste zu hören: Wann's äm Elel zü wöhl werd, gett a ufs Jes taanzen (wenn's einem Esel zu wohl wird, geht er auf's Eis tanzen). Oder man verrät ihm: än kluges Huhn läit äu mo in de Brennessel (ein kluges Huhn legt auch mal in die Brennessel).
Ebenso bösartig wie in seiner Verallgemeinerung ungerecht ist das Sprichwort, das offenbar mal jemand aufgebracht hat, dem ein Rotkopf übel mitgespielt hatte: Röte Hore un Bacholler waoßen uf käm guden Bon'n (rotes Haar und Wacholder wachsen auf keinem guten Boden).
Nicht weniger herzlos und nur gelegentlich wahr ist ein anderes Sprichwort: De-i dr liebe Gott gezäichnet het, ver daan muß me sich waohre (die der liebe Gott gezeichnet hat, vor denen muss man sich hüten). Gemeint sind diejenigen, die mit einer angeborenen äußerlich erkennbaren körperlichen Missbildung behaftet sind. Wahr ist an dem Wort dies: Solche arme Menschen werden leicht wegen ihres körperlichen Gebrechens verspottet oder sonst verächtlich behandelt und zurückgesetzt. Das macht manche von ihnen verbittert und heimtückisch. Sie suchen dann, wenn die Gelegenheit günstig ist, sich an den Gesunden und Wohlgestalteten für das, was ihnen versagt ist, auf irgendeine Weise, wenn es nicht anders möglich ist, dann wenigstens durch böse Nachreden und Hetzereien zu rächen. Doch mag man in solchen Fällen sich des Schiller'schen: „Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben" erinnern.
Aus einer Zeit großer Armut des Eichsfeldes dürfte der Spottvers stammen, der ursprünglich wohl auf eine wirkliche Person ging: Jerje gett im Howe naon, hett de Hosen linkcht aon, huindertduisen Flicken draon (Georg geht im Hof hinan, hat die Hosen links an, hunderttausend Flicken dran).
Gemütsroh scheint der aus dem Gesichtskreis des Totengräbers stammende Spruch zu sein: De ganze Woche sin se am Kusen, un wann's Suintag äs, het der Pfarr dach nüscht se begraoben (die ganze Woche sind sie (die Kranken) am Husten und wenn's Sonntag ist, hat der Pfarrer doch nichts zu begraben). Das Wort ist aber nur scherzhaft gemeint.
Über die drei Dörfer Katharinenberg, Diedorf und Heyerode urteilt der Volksmund: Waar derch Katterbagk kimmt ungeroppt, derch Diederf ungefoppt un derch Häirode ungekloppt, dar kimmt derch de ganze Walt furt (wer durch Katharinenberg kommt ungerupft das geht wohl auf die frühere Armut des Dorfes, die veranlasste, daß der Fremde dort angebettelt wurde durch Diedorf ungefoppt-Anspielung auf die Spottlust der Diedorfer-und durch Heyerode ungekloppt die Heyeröder gelten als sehr reizbar und zu Schlägereien geneigt, der kommt durch die ganze Welt fort).
De drätte Odder schlett uf'n Paoten (die dritte Ader schlägt auf den Paten) besagt, dass das Kind den dritten Teil seiner körperlichen und seelischen Erbmasse vom Taufpaten hat, was wo nicht verwunderlich ist, weil als Taufpate in der Regel Bruder oder Schwester von Vater oder Mutter genommen wird.
Über frühreife Kinder geht das Sprichwort: Veielchen, de-i zü fre-ih pfiefen, langt de Katz'n (Vögelchen, die zu früh pfeifen, holt die Katze). So sagt man auch bei anderen passenden Gelegenheiten, z. B. wenn bei unsicherer Witterung die Sonne sehr früh scheint.
Einem protzigen Reichen legt man das Wort in den Mund: Mäi huns je, mäi kunns je (wir habens ja, wir könnens ja); manchmal fügt man noch hinzu: un duens äu (und tun es auch). Stellt man an die Wohltätigkeit eines Reichen übermäßige Ansprüche oder stellt er sich so, als wenn zuviel von ihm verlangt würde, so ereifert er sich: Däi mäint wö, he-i sists un het de Bezel uff (ihr meint wohl, hier sitzt's und hat die Betzel auf)?
Wenn ein Wittmann dumme Streiche macht oder eine zweite Ehe eingeht, die Kopfschütteln erregt, so heißt es: Wann dr liebe Gott än Narren hao wall, dou lett ha de Fräube staarbe (wenn der liebe Gott einen Narren haben will, dann läßt er die Frau sterben). Das Wort gründet auf der Erfahrungsweisheit, daß in vielen Ehen, besonders auf dem Lande, die Frau die Führung hat und den vielleicht unselbständigen oder leichtsinnigen oder allzu gutmütigen Mann vor manchen Torheiten bewahrt. Ebendahin zielt es, wenn man von einem lockeren Burschen, der geheiratet hat, sagt: A het sin Herrn kräin (er hat seinen Herrn bekommen).
Ein anderes geflügeltes Wort: Wann ich je uffstie wull, dou hängt je min Braatsack (wenn ich ja aufstehen wollte, da hängt ja mein Brotsack), wird berufen, wenn einer sich ein besonderes erstaunliches Stück von Bequemlichkeit geleistet hat. Es soll folgenden Ursprung haben: Ein Bettler hat im Straßengraben geschlafen. Als er aufwacht, fängt er bitterlich an zu weinen. Ein Vorübergehender hat Mitleid mit ihm und fragt nach der Ursache seines Kummers. Der Bettler antwortet, er weine vor Hunger. Wenns weiter nichts sei, erwidert der andere, dann solle er mitkommen. Er wolle ihm zu essen geben. „Ach", sagt der Bettler, „wann ich je uffstie wull, dou hängt je mim Braatsack". Braatsack, statt Bröötsack wird hier gesagt, um deutlich zu machen, daß der Bettler einen fremden Dialekt sprach, also kein Einheimischer war.
Auf die mühevolle und oft wenig lohnende landwirtschaftliche Arbeit in den eichsfeldischen Bergdörfern geht der Spruch: An Ackermann äs an Plackermann. Der Ziegenbauer und der kleine Kuhbauer benötigen in der Regel ihre ganze Ernte an Stroh zur Viehfütterung. Zum Einstreuen in den Ställen holen sie sich im Herbst und Frühjahr das Laub aus dem Walde. Voll Verachtung schaut der wohlhabende Pferdebauer auf den Laubdünger, den der kleine Mann ins Geld fährt. Er selbst will solchen „Dreck" nicht auf's Land haben. Denn das Sprichwort sagt: Läub macht's Laand däub, Stroih macht's Laand froih (Laub macht das Land taub, Stroh macht das Land froh).
Die Sparsamkeit des Eichsfelders ist bekannt. Ist aber einer gar zu kniepig (geizig), so beruft man ein Wort, das ein ehrsamer Handwerksmeister zu seinem Lehrjungen gesagt haben soll: Im Kaller anr Brööthengen hängt än halber Haaring halb. Dou langste mich ä Stick drvuun und dich ä Stick, un daos anger lesßte henken (im Keller an der Brothänge hängt ein halber Hering halb. Davon holst du mir ein Stück und dir ein Stück und das übrige läßt du hängen).
Nur noch im humoristischen Sinne sagt man heute: Drack mäst (Dreck mästet), z. B. wenn in einem unsauberen Haushalt die Kinder trotzdem gut gedeihen. Auf Emporkömmlinge, die vergessen haben, woher sie sind, zielt das Wort: Wann de Lüüs in'n Greind kimmt, sö brett se sich (wenn die Laus in Grind kommt, so breitet sie sich). Ein ander Sprichwort, das der Laus gedenkt, lautet: Besser äne Lüüs am Köhl wie gaor kän Fläisch (besser eine Laus am Kohl wie gar kein Fleisch). Das ist Galgenhumor, der sich in der Not schnell zu trösten versteht. Auch ein Wortspiel kreist um dies unerfreuliche Tierchen: Wenn einer sagt; Dis Johr gitt's veel Nisse (dieses Jahr gibt es viel Nüsse), so folgt die Antwort: Dou gitt's äu veel Liese (dann gibt's auch viele Läuse). Nisse heißen nämlich auch die Eier der Laus. Ein handfestes Trostwort bei ärgerlichem Verlust lautet: Wann dr Battelmann nüscht hao sall, verleert a's Brööt im Sack (wenn der Bettelmann nichts haben soll, verliert er 's Brot im Sack).
Ullerich, dr Moin äs jeblatt (Ulrich, der Magen ist geplatzt) soll eine Frau aus Eigenrieden gerufen haben, als am Schlachttag der im Kessel kochende, mit Garwurst gefüllte Schweinemagen geplatzt war. Man kann sich vorstellen, welche Fröhlichkeit es jedesmal auslöst, wenn bei irgendeiner anderen Gelegenheit, wo etwas geplatzt ist, dieser Ausspruch erschallt. Die Form jeblast ist Eigenrieder bzw. Mühlhäuser Dialekt, während man in den eichsfeldischen Nachbardörfern geblatt sagt. Der Name Ulrich ist hier ganz ungebräuchlich. Ein Teil der Komik des Ausspruches liegt für den Südeichsfelder gerade in dieser Eigenriedener Sprachsonderheit und in dem fremdartigen Vornamen.
Es ist merkwürdig, welch zähes Leben derartige, leicht hingeworfene, aber originell oder naiv formulierte Äußerungen manchmal haben. Da saßen vor wenigstens 70 bis 80 Jahren die Mundart sagt ver ä Johrer sebzig zwei Treffurter Bettelleute in Faulungen im Wirtshaus und zählten die Bettelpfennige, die sie im Dorfe zusammenge-ihrt (ihren - ihren lesen, dann allgemein mühsam etwas zusammenlesen) hatten. Als sie fertig waren, meinte in einem Anflug von Galgenhumor der eine zum andern in unverfälschtem Treffurter Dialekt: Zisite, Kantewies, mäi zin dach am paor oormzaalige Karrel, vun uns kann nimo äner än Taoler keporje (Siehst du, Johann Tobias, wir sind doch ein paar armselige Kerle, von uns kann nicht einmal einer einen Taler borgen). Das Wort ist unvergessen geblieben und wird heute noch manchmal bei passender Gelegenheit angezogen.
Ebenso unsterblich erscheint die Wendung: Im Holze simme käne Gevatter. Das Wort ist, wie erzählt wird, auf folgende Weise entstanden: Vor langen, langen Jahren hatte ein Siestenmacher (Siesten werden die aus gespaltenem jungen Ahornholz, den sogen. Schann, geflochtenen Wannen genannt), um sich den Förster zum Freunde zu machen, diesen bei der Taufe eines Kindes zum Gevatter genommen. Er redete darauf den Förster nur noch mit „Herr Gevatter" an. Eines Tages erwischte ihn der Förster im Walde, als er sich einige Ahornstämmchen abhackte, und schrieb ihn zur Anzeige auf. Erschrocken stammelte der Ertappte: „Abber, Herr Gevatter!" Der Förster schnitt ihm das Wort ab mit dem Bedeuten: „Im Holze sind wir keine Gevatter."
Nur ein Beispiel einer sprichwortartigen Erzählung in der Fassung, wie sie der Niedersachse so sehr liebt, ist mir bekannt geworden. Sie lautet: Bi sö'ner Arnte kann äu waos verloren gegäih', säid jener, dou schläifte a äne Gaorben Korn an'n Storzen hinger sich haar an häim; a hotte Frucht vun äner Gaorben gesäit und äne Gaorben werr gearndt (Bei so einer Ernte kann auch was verloren gehen, sagte jener, da schleifte er eine Garbe Korn an den Storzen (d. i. an der Schnittfläche der Halme) hinter sich her nach Hause; er hatte die Frucht von einer Garbe gesät und eine Garbe wieder geerntet). Durch das Schleifen der Ähren am Boden, mußten unterwegs die meisten Körner verloren gehen.
In diesem Zusammenhang verdienen noch die scherzhaften Aufträge Erwähnung, mit denen man bei bestimmten Gelegenheiten Kinder und einfältige Leute anzuführen sucht. Ist das letzte Getreide aus der Scheune gedroschen, so schickt man ein Kind, das noch nicht gewitzt ist, zum Nachbar, um den Pansenfeger zu holen. In Wirklichkeit wird der Pansen nie gefegt. Beim Schlachten hat man eine harmlose Seele nötig, die sich fortschicken läßt, die Wurststöcke zu scheuern. Der Erfahrene weiß, dass diese überhaupt nicht gescheuert werden.
2. Fremdwörter in der eichsfeldischen Mundart
Spelle gehen heißt also gehen, um sich etwas zu erzählen. Im Wirtshaus fragt man einen Gast, der sich hinsetzt und mit den Wirtsleuten ein Gespräch anfängt, ohne sich etwas zum Trinken zu bestellen, scherzhaft: bistan spelle kumm'n (bis du denn spelle gekommen)? Das Wort spelle steckt übrigens auch in dem hochdeutschen Wort Beispiel. Das Wort spelle bedeutet also, wessen man sich auf dem Eichsfelde kaum noch bewusst ist, dasselbe wie das außerordentlich beliebte Dialektwort storjen sich gemütlich was erzählen. Davon ist das Hauptwort Sterjer abgeleitet, womit man allerdings einen lästigwerdenden Schwätzer meint. Das Wort hängt zusammen mit dem lateinischen historia Geschichte, Erzählung, wovon das deutsche Histörchen, das italienische storia Erzählung, das englische story = Geschichte, Märchen sich herleiten.
Italienischen Ursprungs ist das Adverb stank, von stanco müde, ermattet. Gebraucht wird es, soweit mir bekannt, nur in der Redensart: a het sich stank gefrassen (er hat sich müde gefr.) – Das Willjerholz, das beim Mangeln der Wäsche gebraucht wird, mag irgendwie mit dem italienischen volgere drehen zusammen zu bringen sein. – Das auch im Hochdeutschen gebrauchte Wort Bäias (Baias) soll vom italienischen bajazzo = Possenreißer herrühren.
A äs nit mack, sagt man von einem verwegenen Menschen, dem jede Schandtat zugetraut wird die Mundart nennt einen solchen auch kiem. In anderer Verbindung, auch in positiver Aussage kommt mack nicht vor. Man könnte meinen, das Wort habe irgendeine schlimme Bedeutung. In Wirklichkeit ist es ganz harmlos. Es kommt aus dem Niederdeutschen und dem heutigen Holländischen 24), wo mak still, sanft, geduldig ist. Er ist nicht mack, heißt also nur: er ist nicht sanft. Das Wort mag aus der Zeit der Sächsischen Besetzung des Mitteleichsfeldes (nach 531) stammen oder vom Untereichsfeld eingewandert sein. Gleichfalls aus dem Niederdeutschen stammt axtern, dort extern ärgern, meist etwas scherzhaft gemeint, z. B. dou kaosti mich nit meet geaxter (damit kannst du mich nicht extern).
Andere Wörter sind wahrscheinlich aus dem heutigen Hochdeutschen in die Mundart gelangt, wie apart, flajchmaodisch (phlegmatisch), forsch, Gisematainten, Rakau (Kakao), Kusenk (Cousin), strabzieren (strapazieren), reselit (resolut), Regemaint, womit man auf dem Eichsfelde häufig eine größere Schar Kinder in einer Familie meint, z. B. a het's ganze Regemaint bi sich (d. i. er, der Vater, hat seine ganze Kinderschar bei sich).
Hierher gehören auch die meisten der von Konrad Hentrich 1906 in dieser Zeitschrift veröffentlichten Fremdwörter 25) aus dem Mitteleichsfeldischen. Von diesen waren außer den völlig eingedeutschten wie Kalk, Kork, Kamerad, Soldat, Galopp, Gamasche, Apotheke usw. die folgenden in meiner Jugend in dem mir bekannten südlichen Teil des Eichsfeldes in Gebrauch:
Akeraot (akkurat), balwieren, barwaorsch, basieren, Futterage, Hadjäi (Adieu), Kaonepee, Kammis, Karnickel, Karnalljen, Karsell (Karussell), Kattiin (Kattun), kollesaol (kolossal), kratlieren (gratulieren), kuinieren und Kujon, Kummode und kummode (bequem), Rumplemaint (Kompliment), kumzieren (kommunizieren), Meemel (Möbel), mokelen (mogeln), Backaosche (Bagage), Porzjon, profntieren (profitieren), prawieren (probieren), pussieren, ratnkaol (radikal), refntieren (revidieren), reterieren (retirieren), rowust (robust), rumoren, Salweeten (Servietten), Schanier (Scharnier), Skandal, schikenieren, Sekertär (Schreibtisch), Spikelieren, Spetaokel, Terine (Terrine), Uffgaote (Advokat), Fakepuind (Vagabund), Filla (Villa), fisntieren (visitieren), Ze-ihhamonikao (Ziehharmonika).
Außerdem sind zu nennen aus dem Lateinischen:
Aus dem Französischen sind noch folgende Wörter gekommen: Zunächst seien die Wörter genannt, die in der Mundart dieselbe Bedeutung wie im Hochdeutschen haben und deren Ableitung aus dem Französischen ohne weiteres klar ist:
Abdit Appetit; alou und alou marsch, statt allons; amsieren, statt amüsieren; blamieren; Filu; fermost, statt famos; Kuraoge, statt Kurage; lamtieren, statt lamentieren; marode, davon ist wohl das Wort „sich obmaoracken" sich müde arbeiten abzuleiten; Memelmang, statt meublement; dies Wort gibt es allerdings im Französischen nicht; Eduard Engel nennt es berlinfranzösisch 27); mischant, melchant-boshaft; propper; resenieren, statt räsonieren, schimpfen; schalu, von franz. jaloux eifersüchtig; die Mundart kennt schalu nur in der Bedeutung boshaft, heimtückisch; Scheese, statt chaise; das Wort wird in der Mundart auch als Schimpfwort für weibliche Personen gebraucht; schenieren, statt genieren 28); Schussäi, statt Chaussee; scharmant.
Näher zu besehen sind die folgenden:
Battrie, kommt nur vor in der Redensart: ich batsch dich äine in de Battrie (ich gebe dir eine auf den Mund); Battrie bezeichnet also die Zahnreihen. Das Wort ist wohl übernommen von der gleichnamigen Kampfeinheit der Artillerie (Batterie), nicht vom batterie in der Bedeutung Hammerwerk.
be a be- peu à peu, nach und nach; Blasier, vom franz. plaisir – Vergnügen. Davon Blasiersterjer - Maulschwätzer; Blasierspitzen - eine Person, die beim Essen „kehrsch" d. i. sehr wählerisch ist, also ein naschhafter Mensch; Blasierarbeiter - Gelegenheitsarbeiter.
Butaljen, vom franz. bouteille, hat in der Mundart nur die Bedeutung „kleine Schnapsflasche", die man in die Tasche stecken kann.
Hasard, vom franz. hasard – Glück, Glücksspiel. Die eichsfeldische Mundart kennt das Wort aber nur in der Bedeutung Haß, z. B. „daos het a nur üs Hasard geseit" (das hat er nur aus Haß gesagt). Dieser merkwürdige Bedeutungswandel hat seinen Grund wohl nur in der lautlichen Nähe der beiden Wörter Haß und Hasard.
Manschetten ha – Angst haben vor einem andern.
Kalettchen, kommt nur vor in der mütterlichen Drohung an das unartige Kind: Wort, dü kriest waost vers Kalettchen! Mehler leitet das Wort von calotte ab.
Presentür oder Bresentür-feierliche, besonders gezierte Haltung, von présenter, z. B. a sitzt sich in Bresentür (er setzt sich feierlich hin).
Schmusettchen-chemisette, das Vorhemdchen, auch Schmuschen.
Sich verdeffendieren sich mit Worten verteidigen, wehren, von franz. se défendre oder dem latein. defendere abzuleiten. Das Wort wird nur reflexiv gebraucht und niemals von tätlicher Verteidigung.
Aus der Studentensprache 29) stammen die Ausdrücke:
Schwittje Müßiggänger, der, gut gekleidet und wohl genährt, ohne ernstliche Beschäftigung umhergeht, der Lebemann. Das Wort ist die mundartliche Form der pseudofranzösischen Bildung suitier, von suite Folge. Davon wohl ist abgeleitet
Die folgenden Worte sind vermutlich Fremdwörter. Ich kann aber die Herkunft nicht angeben.
Ballasch-Mannweib, mit der Nebenbedeutung derb und unordentlich in Kleidung und Benehmen. Das Wort mag mit dem aus dem Slawischen übernommenen Pallasch-Schwerer Säbel zusammen hängen.
Haselante einer der den Kopf voll dummer Streiche hat, Leichtfuß.
kalaschen viel und unnötig im Dorf herumlaufen. Davon das Hauptwort äne Kalaschen, d. i. eine Frau, die das tut. Fast gleichbedeutend wird in übertragenem Sinne das Hauptwort Kamasche (Gamasche) gebraucht. Auch kleine Mädchen werden unter gleichen Voraussetzungen so genannt.
Matäng ist ein Umhang, den früher die Frauen trugen und der die Figur zu Dreiviertel bedeckte. Herwig kennt das Wort in der Form Medäng und als weiten Mantel für Männer.
presampeln – knuttern, undeutlich vor sich her schimpfen. z. B. die Frau zum Mann: Dü hest äu immer waos se presampeln (du hast immer was zu knuttern).
Schalüppentuch Umschlagtuch der Mädchen, das früher beim Kirchgang getragen wurde und fast die ganze Figur verhüllte.
Spargitzen Albernheiten. Ungefähr dieselbe Bedeutung hat Sperainzen, das nach Hentrich von dem französischen ésperance kommt.
üsklüfieren sich etwas aussinnen, ungefähr gleichbedeutend mit dem weitverbreiteten ausklamüsern.
zalieren eine Sache so umständlich behandeln, daß andere die Geduld verlieren, nicht fertig damit werden können. Davon auch das Hauptwort „äne Zalieren" - eine Person, die zaliert.
zwiselieren nach Mehler: fein auf der Orgel Spielen. Mir ist diese Bedeutung nicht bekannt. Ich meine, das Wort hieße: immer was auszusetzen haben, sich nie zufrieden stellen lassen, stets Kleinigkeitskrämereien unter der Hand haben und die wer weiß wie wichtig nehmen.
Erst nach Abschluß dieser Arbeit fällt mir das inhalt- und umfangreiche neue Werk von Martin Wähler, Thüringische Volkskunde" in die Hände. Der Verfasser schreibt über die Fremdwörter in Thüringen 30): „Mit den Sachsen und Rheinländern haben die Thüringer die meisten Fremdwörter in die Umgangssprache des Volkes aufgenommen". Unsere Untersuchung der Mundart des Südeichsfeldes bestätigt ebenso wie die ältere Studie von Hentrich für das Mitteleichsfeld diese Feststellung insoweit, als tatsächlich auch im thüringischen Teil des Eichsfeldes der Fremdwörterschatz ungewöhnlich groß ist. Man mag dies bedauern. Ändern lässt sich daran nicht viel. Denn der Mundartsprecher ist sich in der Regel garnicht bewußt, daß er ein Fremdwort verwendet. So unkenntlich für ihn sind die Fremdwörter in die Mundart eingeschmolzen. Der Fremdwörterreichtum hängt mit der geistigen Beweglichkeit unseres Volksschlages zusammen, der sich fremden Einflüssen gern öffnet.
Wählers Ausführungen über die Volkssprache in Thüringen 31) bieten in mancher Beziehung eine Ergänzung zu dem hier Vorgetragenen. Nicht wenige der von ihm zusammengestellten „Vergleichenden Redensarten und Sprichwörter", die er für nichteichsfeldische Orte belegt, werden in derselben oder wenig veränderten Fassung auch in den Dörfern an der Südgrenze des Eichsfeldes gebraucht.
Augustin Wibbelt, der bedeutende westfälische Dialektdichter, hat einmal geschrieben: „Der Geist der Sprache ist auch der Geist eines Volkes. Die Seele baut sich ihren Leib und spiegelt sich auch im Antlitz wieder, sie schaut aus den Augen heraus und gräbt ihre Züge um den Mund, auf die Stirn. So hat die Denkungsart, der Charakter, der Genius eines Volkes auch die Sprache aufgebaut und gibt sich selber in ihr kund. Die Sprache ist ein guter Schlüssel zur Psychologie des Volkes". 32)
Sind wir sonach nicht berechtigt, die buntbewegte humorverklärte Bilderwelt der eichsfeldischen Mundart in Verbindung zu bringen mit dem lebhaften und fröhlichen Temperament des Eichsfelders, in seiner Freude an bildhafter Ausdrucksweise das Bedürfnis zu erkennen, die Härten des Daseins zu mildern, die rauhe Wirklichkeit zu verklären, sie in schönerem Lichte sich vorzuführen, als sie sich dem nüchternen Blick darbietet? So wird in der Tat diese Eigentümlichkeit unserer heimischen Sprache ein Kennzeichen der optimistischen Grundhaltung der Seele des Eichsfelders sein. Andrerseits zeugt die scharfe Beobachtungsgabe, wie sie sich in der oft so erstaunlich treffenden Auswahl der Bilder immer wieder offenbart, von seinem gesunden Wirklichkeitssinn.
Beide Eigenschaften schließen einander nicht aus. Denn der Optimismus der Eichsfelder ist nicht Schönfärberei aus schwächlicher Selbsttäuschung, sondern stammt aus einem starken Lebens- und Kraftgefühl, das sich auch widrigen Verhältnissen gegenüber wenigstens seelisch überlegen weiß.
Dialektproben
's Markklees'chen inr Kärmhensoppen
Vetter Jerje verzehlt,
„Ich waor drin bi mim Sohn,
Wie's Assensziet äs,
Ich nahm min Leffel har,
Däi kuut's gegläibe oder nit,
Rift än Pflasterstäin rüs.
Min Klees'chen springt draon höch,
Däi kuut's gegläibe oder nit,
Vetter Jerge ist der in der Arbeit mehrfach erwähnte Georg Völker aus Faulungen, der zur Verspottung der dem Eichsfelder eigenen Freude an grotesken Übertreibungen dies lügenhafte, an Münchhausen gemahnende Erlebnis erzählte. Die Stadt ist Mühlhausen.
Wie dr Häilige Gehannes mo in schlajchten Verdacht kumm'n äs
Unser Viermann Jöb, am büschen ifällig waore,
Ver dr Melhis'schen Kärmße het sich's zugetroin,
Dr Woin stung gepackt ver dr Pfortendeer,
Dou kaomen geschlechen zwäi beese Jungen
Daos leere Dippchen staalten de kiemen Kujone
Wagk waoren de Schläppse wie's beese Waasen.
Abber dr Schmaandboort ims Mül un dr leere Pott,
A macht'm häil'gen Gehannes äne Füst:
Wamm' mich dine Häiligkäit nit düürte jetzt,
Uff dr Kluft bebber dr Fülung
Verzig Johre sin wie wagk,
Kerchen, Schulen un de Bricken
Barge rings un Fald un Holz!
Un jest singt un schuucht dar Junge
Werr wie äinst ver verzig Johren
Vaoter! Mutter kimmt mich's Reden ...
Kluft ist die südliche Felswand des Steins, unter der Faulungen liegt. Lingeniewer (Lindenufer) und Ziehborn heißen zwei Ortsteile in Faulungen. Ze-ihbornslicken ist eine Weglücke im Zaun am Ziehborn.
Dr. Christoph Völker
Fußnoten:
2) Adolf Bach, Deutsche Mundartforschung, ihre Wege, Ergebnisse und Aufgaben (Germanische Bibliothek Abt. 1 Reihe 1 Bd. 18), Heidelberg 1934, S. 161.
3) Das hier genannte Wörterbuch der nordwestthüringischen Mundart des Eichsfeldes von Hentrich konnte ich leider nicht einsehen, da die Univ.-Bibliothek in Göttingen es nicht ausleiht. Für das dem Südeichsfeld benachbarte Gebiet der Vogtei Dorla liegt vor: Martin Herwig, Idiotismen aus Thüringen, Eislebener Programm 1893; für Nordhausen: Martin Schulze, Idioticon der nord-thüringischen Mundart, Nordhausen 1874. Für Hessen das große Werk von A. F. C. Vilmar, Idiotikon für Kurhessen, Marburg-Leipzig 1868; dazu die beiden Ergänzungshefte von Hermann von Pfister: Idiotikon von Hessen durch Vilmar und Pfister, Marburg 1889 (auch dies Buch konnte aus dem gleichen Grunde nicht benutzt werden) und Zweites Ergänzungsheft, Marburg 1894.
4) Das von Mehler und F. A. in Lengenfeld gesammelte Sprachgut ist in dieser Arbeit, abgesehen von dem Abschnitt der Fremdwörter in der Mundart und gelegentlicher Anführung eines schon von ihnen gebrachten Wortes oder Ausdrucks, nicht noch einmal erwähnt, sodass im Bezug auf den mundartlichen Wortschatz unsere Arbeit eine Ergänzung zu den Sammlungen der beiden Genannten darstellt. Wenn an verschiedenen Stellen schwankartige alte Volkserzählungen eingeflochten sind, so ist es geschehen, einmal weil sie in der überlieferten Fassung Sprachdenkmäler sind, die hier als Belege dienen, sodann weil in ihnen sich das Denken und Fühlen des Eichsfelders und des Eichsfeldes zur Zeit unserer Väter und Großväter ebenso spiegelt wie in der Mundart, schließlich um diese alten Volkspoesien – als solche muß man sie ansprechen, aus denen das herzhafte Lachen längst versunkener Geschlechter noch zu hören ist – vor dem Vergessenwerden zu bewahren.
5) Einen Erlaß des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 17. Dezember 1919 über die Pflege der Mundart in den Schulen bei B. Jäger, Meine Mundart, Ein Handbüchlein für den Obereichsfelder, Teil I, Die Laute der obereichsfeldischen Mundart, Heiligenstadt 1925, S. 5. Leider hat Jäger sein Werk nicht fortgesetzt. Auf S. 6–14 bei Jäger treffliche Ausführungen über den Wert der heimischen Mundart.
6) Verfasser ist weder Germanist noch Mundartforscher. Die dem Fachmann auffallenden Mängel der Arbeit mögen darin ihre Entschuldigung finden.
7) Konrad Hentrich, Die Mundarten des thüringischen Eichsfeldes und ihre Bedeutung für die Besiedlungsfrage. U. E. Jhg. 29 (1934), S. 204 ff. Ebd., S. 213 eine Karte. In einem älteren Aufsatz: Dialektgeographie des thüringischen Eichsfeldes und seiner Nachbargebiete, Ztschr. für Deutsche Mundarten Jhg. 1920, S. 136 ff. spricht Hentrich vom Hocheichsfeldischen. Auch dieser Arbeit hat er eine Sprachkarte beigegeben. Genau genommen müßte man nach diesen Karten Hentrichs vom Südosteichsfeldischen sprechen.
8) Weiteres über diese Eigentümlichkeit bei Hentrich in U. E. 1934, S. 206. Leider ist der von Hentrich dort geäußerte Wunsch, daß diese interessante Erscheinung eine Sonderstudie verlange, „ehe es zu spät ist“, bisher nicht in Erfüllung gegangen.
9) Aus ihrer Heimat Katharinenberg erzählte meine Mutter folgende Geschichte, die diese Eigenart der Faulunger Mundart gut veranschaulicht. Ein Faulunger Tüncher steht in Katharinenberg in der Nähe des Rappelborns und tritt mit nackten Füßen den nassen Lehm, um ihn für seine Arbeit zu bereiten. Die Hosen hat er hoch aufgekrempelt. Seine Frau, die gerade einen Eimer Wasser aus dem Rappelborn geholt hat, schleicht sich heimlich von hinten heran und schüttet dem Faulunger das ganze Wasser an die nackten Waden. In demselben Augenblick tritt Pfarrer Jakobi († 1895), der die Messe eben beendet hat, aus der Kirche. Die Frau sieht ihn und ist spurlos von der Bildfläche verschwunden. Jakobi tritt auf den Faulunger zu und fragt: „Was war das denn für eine Frau?“ Der Faulunger aber stellt sich dumm: Han nit kaant, Herr Pfarr (ich habe sie nicht gekannt, Herr Pfarrer).
10) Diese Fußnote existiert nicht im Originaltext.
11) Von demselben Pfarrer Wand erzählte Lehrer Fick folgendes: Eines Tages kam er in ein eichsfeldisches Dorf – ich glaube es war Lengenfeld –, wo ein Lehrer namens Elend amtierte. Dieser Lehrer schaute gerade zum Fenster heraus, als Wand am Schulhaus vorbeiging. „Da bin ich ja in eine schöne Gegend gekommen“, rief Wand zum Lehrer hinauf, „hier schaut ja’s Elend schon zum Fenster heraus!“ Doch Lehrer Elend war nicht weniger schlagfertig und gab in Anspielung auf den Namen des Pfarrers zurück: „Da soll doch gleich eine alte Wand wackeln“. Auch das ist ein alter eichsfeldischer Kraftspruch.
12) Der Aufsatz von B. Oppermann, Die Pechindustrie in Lindau (U. E. Jhrg. 28 (1933), S. 15 ff.), erwähnt zwar die Pachhütten, gibt aber keine Anhaltspunkte zur Deutung unserer Redensart.
13) Diese Fußnote existiert nicht im Originaltext.
14) Alois Höppner, Amt Bischofstein, Südeichsfelder Land und Leute, Treffurt 1924, S. 52.
15) Vilmar, Idiotikon a. a. O., S. 26.
15a) Bach a. a. O., S. 143. Das ist wohl auch der Grund, weshalb die Mundart so reich an lautmalenden Wörtern ist.
16) Bach, S. 144.
16a) Hentrich, Wörterbuch der nordwest-thüringischen Mundart des Eichsfeldes, S. 16 f. nennt noch einige andere, die aber meiner Kenntnis nach in den mir bekannten Teil des Südeichsfeldes in dieser Bedeutung nicht vorkommen. Durch die Freundlichkeit des Herrn Pfarrvikars Hunold in Wilbich ist mir das Hentrich'sche Buch nachträglich zugänglich geworden. Es könnten daraus mancherlei Ergänzungen zu meinem Aufsatz, besonders zu den Teilen a und b gewonnen werden.
17) Bach, S. 140.
18) Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer Bd. 1, 4. Aufl., Leipz. 1899, S. 135.
19) Herwig a. a. O., S. 32 kennt diese Bedeutung ebenfalls.
20) Herwig, S. 31 hat die Vogteier Form Wayaawr und deutet Weyeber auf Gemeindeeber. Nach Vilmar a. a. O., S. 442 bedeutet Way u. a. in ganz Mittelhessen, d. h. in der Fulda und Werragegend, das männliche zahme Schwein, den Eber. Auf diese Angabe gestützt meint Herwig, der Ruf koomas, mit welchem die Schweine gelockt werden, sei entstanden aus komm Way, woraus sich dann der übliche Lockruf mahkoom gebildet habe. Wezeber würde mithin Tautologie sein. Ich vermag nicht zu entscheiden, ob diese Ableitung zutrifft.
20a) Statt a schwiht wie am Baar sagt man auch a schwist wie äm Brooten (er schwitzt wie ein Braten).
21) Vgl. auch Bach, S. 134.
22) Herwig a. a. O., S. 27; Vilmar, S. 391. Schulze nennt es nicht.
23) Ernst Gamillscheg, Romana Germanica, Sprach- und Siedlungsgeschichte der Germanen auf dem Boden des alten Römerreiches Bd. 1 (Grundriß der germanischen Philologie, begründet von H. Paul Heft 11/1), Berlin und Leipzig 1934, S. 233.
24) Bei Fr. Woeste, Wörterbuch der westfälischen Mundart, Norden und Leipzig 1882, fehlt das Wort. Dagegen ist es bei Lübben Walther, Mitteldeutsches Handwörterbuch, Norden und Leipzig 1888, vertreten.
25) Das Fremdwort im Mitteleichsfeldischen, US Jg. 1 (1906), S. 152–156. Hentrich betont, daß seine Liste keine erschöpfende Aufzählung der „ungeheuer großen Zahl der Fremdwörter in unserer Mundart beabsichtige. Auch meine Ergänzungen erheben nicht diesen Anspruch.
26) Vgl. z. B. L. S. 2. Schücking, Christoph Bernhard von Galen, Fürstbischof von Münster (1606–1678), Emsdetten 1940, S. 91.
27) Ed. Engel, Entwelschung, Verdeutschungswörterbuch für Amt, Schule, Haus, Leben, Leipzig 1918, Sp. 334.
28) Daß das Wort sich schenieren nicht erst in jüngerer Zeit in die Mundart gekommen ist, beweist eine hübsche alte Geschichte, an der sich schon unsere Großväter erfreut haben: Ein Schulze schickt seinen Jungen mit zwei jungen Hähnchen in die Stadt zum Landrat. Er sagt dem Bengel, der etwas einfältig ist, vorher genau vor, was er beim Landrat ausrichten soll: Wann dü bin'n Herrn Laandraot kimmst, so sprichste Kum Moin, Herr Laandraor. Mi Vaoter schickt üch äm Paor junge Haohnemanner". Wann nun der Herr Laandraot, fährt der Vater mit seiner Belehrung fort, dich än Trinkgald ga wall, dou schenierst de dich eert äm bischen un noochten nimmstes dach. (Wenn du zum Herrn Landrat kommst, dann sprichste Guten Morgen, Herr Landrat, mein Vater schickt euch ein Paar junge Hahnemänner". Und wenn dir der Landrat ein Trinkgeld geben will, dann schenierst du dich erst ein bischen und dann nimmst du es doch). Der Junge geht los, fällt aber unterwegs einem Spaßvogel in die Finger, der ihn aushorcht und ihm klar macht, daß er den Vater nicht ganz richtig verstanden habe. Der Junge nimmt Lehre an und wie er zum Landrat kommt, lautet seine Ansprache folgendermaßen: Kum Moin, Herr Haohnemann! Mi Vaoter schickt üch äm Paor junge Laandreete (Landräte). Un wann däi mich än Trinkgald ga wullt, so schenier ich mich eert am bischen un noochten nahm ich's dach.
29) Bach, S. 134 f.
30) Jena 1940, S. 225.
31) Ebd., S. 205–225. Das Material Wählers von Eichsfeld ist allerdings sehr dürftig. Das reiche volkskundliche Schrifttum des Eichsfeldes ist ihm nahezu völlig unbekannt geblieben.
32) Heimatbuch, Leipzig 1931.