Die letzten Frachtfuhrleute von Struth

Ehe die Eisenbahn geschaffen wurde, war das Reisen selbst in der Postkutsche kein Vergnügen. Es war zumeist sehr zeitraubend und auch recht kostspielig. Der kleine Mann konnte damals kaum ans Reisen denken. Aus dieser Zeit stammt wohl auch noch der landläufige Ausdruck: „Er ist noch nicht weiter gekommen, wie der Bäckerkarren fährt.“ Das weit größere Übel war wohl damals die unzulängliche Beförderung der lebenswichtigen Frachtgüter. Daher bildeten sich damals ganze Gruppen von Frachtfuhrmännern.

Das Beförderungsmittel der alten Zeit bestand aus großen schwerfälligen Kastenwagen, deren gewölbtes Reifendach mit hellgrauen oder weißen, dazu wasserdichten Laken oder Planen überspannt war. Die Wagen fuhren wegen der Unsicherheit auf den Landstraßen meist nicht allein. Ganze Wagenzüge wurden zusammengestellt. Wandernde Handwerker, hausierende Krämer mit Tragkörben und Reffen, sowie lustige Spielleute schlössen sich gern den reisenden Frachtleuten an, waren sie doch dabei sicher vor Strauchrittern und Diebesgesindel.
Als die Eisenbahn Halle – Kassel im Jahre 1869 eröffnet wurde, trat eine grundlegende Besserung im Güterverkehr ein. Im Orts- und Nahverkehr zwischen der Kreisstadt und dem Land blieb den Fuhrmännern jedoch noch ein gutes Auskommen.

Die alten Fuhrmänner mit ihren Frachten an Branntwein aus Nordhausen, an Salz aus Bad Soden, an Wein und Kolonialwaren aus Kassel und Erfurt, waren stolz auf ihren Beruf. Es waren meist recht derbe Gestalten, deren Oberkörper der blaue Leinwandkittel bedeckte Die übrige Kleidung bestand aus Kniehosen und wasserdichten Stulpenstiefeln. Den Hals zierte und schützte ein buntes Tuch auf dem Kopf saß ein breitrandiger Filzhut mit allerlei bunten Schnüren Die Peitsche in der Hand, zeitweise laut knallend, die kostbare Porzellanpfeife im
Mund, gingen die wetterfesten Männer neben den ihnen anvertrauten Gefährten mit Frachtgut einher. Die schweren, starken Pferde stampften den Boden; das Geschirr glänzte von Messingringen und anderem Zierat, und Glöckchen und Schellen klingelten bei jeder Bewegung der Pferde. Überhaupt war das Geschirr der Pferde der Stolz eines jeden Fuhrmannes, und man pflegte zu sagen: „Wie der Herre, so’s Gescherre“.

Die Fuhrleute waren der Landbevölkerung meistens genau bekannt und überall gern gesehen. Sie hatten ja ein gutes Stück Welt gesehen und verstanden es, fließend zu erzählen. Sie waren zugleich auch die Bringer aller Neuigkeiten. So soll auch ein Struther Frachtfuhrmann 1848 die erste Kunde von der Revolution ins Dorf gebracht haben, und die Stürmung des Klosters Zella schloss sich dann an.

Einer der letzten und zünftigen Struther Frachtfuhrmänner war Johann Georg Schmer bauch. Nach einer Darstellung des Struther Ortschronisten Gatzemeyer standen im Schmerbauchschen Stalle 14 schwere Frachtpferde. Er hatte sich durch sein Fuhrgeschäft ein ansehnliches Vermögen erworben und galt als einer der wohlhabendsten Männer des Eichsfeldes. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Joseph das väterliche Geschäft. Der Sturm auf Kloster Zella brachte auch für ihn unangenehme Folgen. Er übertrug das Vermögen seinem Bruder Valentin Schmerbauch, dem damaligen Besitzer des Gasthofes „Grüne Eiche“ am Eigenrieder Landgraben und wanderte aus. Nach Jahren kam ein Sohn von ihm wieder in die Heimat zurück, stellte das Vermögen seines Vaters sicher und kaufte sich 1895 bei Hannover an.

Auf die Fuhrmannszeit deutet heute noch in unserer Flur die Bezeichnung „Im Ausgespann“ hin. Sie liegt oberhalb des Sälzerweges, ein Hauptverkehrsweg der Frachtfuhrleute, wenn sie das Salz in Bad Soden holten und nach Mühlhausen brachten. An besagter Stelle stand ein Gasthaus, und hier wurde den Frachtfuhrleuten Vorspann geleistet und dann zu längerer Rast ausgespannt. Daher der Name: „Ausgespann“. Das Frachtfuhrwesen mit der Kreisstadt wurde später noch in kleinerem Umfang aufrecht erhalten durch die Webereifaktoren und Milchfuhrmänner. Auch sie gehören längst der Vergangenheit an.

Vinzenz Hoppe (1957)
(Quelle: Eichsfelder Heimatborn, Pfingst-Ausgabe vom 13.04.1957)