Die Straße entlang (1928)
Breit und behäbig liegt die Landstraße, besäumt von grünen Grasbändern, zwischen endlosen Baumreihen, die schirmend die Äste breiten über die weißgraue, in vielen Windungen sich schlängelnde Schärpe, an deren Rändern als aufgeschnürte Perlenzierrat in bestimmten Zwischenräumen die Meilensteine stehen.
Über dieses grünbebordete endlose Bandmaß der Landstraße zu wandern, ist, zumal in der heutigen schnelllebigen Zeit, die nicht Rast noch Ruhe kennt, besonderes Vorrecht der heimatlosen Handwerksburschen, der wirtschaftlich Schwachen, der von dem launenhaften Weibe Fortuna stiefmütterlich Bedachten und Enterbten.
Nicht etwa, dass den Vorgenannten die graue Landstraße einzig und allein als Tummelplatz und Asyl überlassen ist. Nein, auch die Begüterten können sie nicht entbehren. Auch sie passieren in schnelleilenden Fahrzeugen das weißgraue Straßenband, das sich zieht von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Die alte Landstraße kennt auch sie. Sie aber kennen die Landstraße nicht recht.
Die alte Landstraße hat viel Menschenkenntnis. Sie schaut allen, die sie passieren, prüfend ins Antlitz. Sie sind nicht alle gut, die vorüberrasen in stolzen, lackierten Kraftwagen. Sie sind nicht alle schlecht, die kommen mit zerrissenen Schuhen und schäbigem Wams. Daher kommt’s, dass die alte Landstraße oft so tiefen, tiefen Kummer haben muss. Daher ist ihr Antlitz wohl auch so gefurcht und grau. Darum geht sie auch so gekrümmt. Und Furchen hat sie von Schmerz und Weh, so tief und tiefer noch, als sie der Harm grub in manches Menschen Antlitz, der auf ihrem grauen Band daherwankt.
Aber schlecht ist sie nicht, die alte liebe Landstraße. Besser, viel besser ist sie als mancher, der des Weges zieht auf Schusters Rappen, oder der eilig vorüberhastet im stolzen Fahrzeug. Sie ist barmherzig, spendet Schatten und Labetrunk aus dem Quell, der am Wegrand hell und munter rieselt und rinnt. Und wenn der buntfarbene Gabenspender Herbst hinaufzieht in die Wälder, so kommt er immer die Landstraße entlang mit einem übermütigen Brausewind. Pups — fällt hier ein rotwangiger Apfel, Platsch — dort eine goldgelbe, saftige Birne in den Straßengraben. Dem schlau berechnenden „Pebster“ passen diese Herbststreiche, die manchmal recht, recht toll ausfallen, freilich nicht in den Kram. Aber dem fröhlichen, sorglosen Habenichts passen sie desto besser in Taschen und Magen, die beide mehr als ein Loch haben und infolgedessen viel aufnehmen können von dem „Guten von oben.“ — So tut die alte graue Landstraße, die doch keinen Lohn für ihre Landstraßenseele erhoffen kann, Barmherzigkeit den Armen, die vielleicht mit kalter, erbarmungsloser Geste von den Türen des Besitzes gewiesen wurden. — Oder wie ist das? Steht nicht an lindenbeschatteter Stelle am Wege das Bild des gekreuzigten Welterlösers? An unseren eichsfeldischen Straßen zumal …
„Ich war hungrig und du hast mich gespeist — war durstig und du hast mich getränkt.“ — Wäre nicht etwa, wenn wir und die Landstraße gemeinschaftlich zu Gericht kämen, die Straße, so grau und seelenlos, dennoch im Vorteil?
Solche und viele andere Besinnlichkeiten können einem kommen, der die Straße entlangwandert. Wer will behaupten, die Straße habe nichts und nochmals nichts. Das ganze Leben hat sie. Aber wer ihm auf die Spur kommen will, der darf freilich die Straße nicht im Raketenwagen durchrasen. Er muss wandern auf Schusters Rappen in Gemächlichkeit und Ruhe der einstigen idyllischen Postkutschenzeit. Jeder Meilenstein weiß ihm ein Geschichtchen. Jedes einsam träumende Ackergerät auf den angrenzenden Geländen erzählt von den Menschen, die dort im Dörflein wohnen, dessen Kirchturm schon Willkommen winkt.
Die Straße — sie ist Verbindungsmittel von Mensch zu Mensch. Darum sollen wir gut sein mit einem Menschen, der von der Landstraße kommt. Es ist wahr, die Landstraße sieht viel Schlechtes. Nehmt die Zeitung zur Hand und seht, wie viele Verbrechen auf der Landstraße verübt werden. Seht, wie viele erschütternde Unfälle in den Bereich der Straßen fallen. Es sind ihrer wohl so viele geworden, wie vor Jahrzehnten in verkehrsreichen Städten. Diese Unfälle liegen in der Natur unserer modernen Verkehrsentwickelung. Die Straßen, auch die Landstraßen, sind ärmer geworden an Poesie und Beschaulichkeit, sind reicher geworden an Gefahren. Dem sucht man durch Anbringung von Verkehrs-Warnungszeichen entgegenzuarbeiten. — Und die Verbrechen. — Die Straße, auch unsere Lebensstraße, ist gefahrvoller geworden. Darum lasst die Verkehrszeichen der Wegkreuze stehen an den Lebensstraßen. Die Verkehrszeichen der Religion.
An den Landstraßen aber lasst die paar Kreuzbilder, die noch stehen, ebenfalls und vermehrt sie noch, wo es angeht.
Denn es kann sein, dass sie Urheber manchen guten Gedankens sind für den Wegwanderer. Es könnte sein, dass sie Macht haben, gemeine Verbrechen zu verhindern. Es könnte sein, dass mancher dunkle Plan ihretwegen nicht zur Ausführung kam.
Darum lasst die paar Wegkreuze an den Landstraßen stehen. Sie sind gute, sehr gute Verkehrszeichen.
Adam Richwien
(Quelle: „Eichsfelder Volksblatt“, Ausgabe vom 27.08.1928)