Der Wüstungsvorgang auf dem Mittel- und Südeichsfelde (Auszug zum Amt Bischofstein, 1986)
In meiner Veröffentlichung Tilman Riemenschneider, Ein Künstlerleben zwischen Mainzer Stiftsfehde (1462) und Bauernkrieg (1525) habe ich ausgeführt: »... Krieg und Fehden erschöpfen sich in gegenseitigem Erobern, Verbrennen, Verheeren. Auf die Bewohner der Dörfer und Vorstädte fiel die ganze Wucht des Krieges. Kein Kriegszug, keine Fehde, in denen nicht fünf, zehn und mehr Dörfer in Flammen aufgingen. Die Bauern ruinieren hieß ihre Herren schädigen. Welches Ausmaß die Zerstörung von Siedlungen hatte, zeigt eine vom Verfasser sehr zeitaufwendige Untersuchung der eichsfeldischen auf dem Gebiete der heutigen DDR liegenden Dörfer und Wüstungen. Hier erfolgte das Wüstwerden in der Zeit des Faustrechtes. Hier wurden nachweisbar 90% aller Ortschaften einmal, manche sogar zweimal niedergebrannt, nur eine fast verschwindende Zahl von Ortswüstungen ist aus anderen Ursachen entstanden. Der einzige sichere Ort für die Landbevölkerung war die Pfarrkirche mit dem Kirchhofe, wo es im Kirchenschiff und Kirchturm Kastenstätten und auf dem Kirchhofe Stall- und Hüttenstätten gab... Die Urkunden zeigen, daß die kleinen Siedlungen, die keine Kirche hatten, wüst liegen blieben, weil sich die Bauern in Kirch- und Pfarrdörfern ansiedelten, wo sie dem Schutz des Gotteshauses näher waren. Von Kirchhöfen aus wurden die Felder der wüstgewordenen Heimatorte bestellt...«
In der Eichsfeldliteratur sind die verschiedensten Ursachen und Zeitpunkte des Wüstwerdens in Erwägung gezogen worden, Erwägungen, die infolge des Fehlens einer systematischen Untersuchung Vermutungen bleiben mußten. Eine systematische Untersuchung war aber im Rahmen meines Riemenschneideraufsatzes nicht am Platze, was ich jetzt ergänzend mit diesem gesonderten Aufsatz nachhole. Allerdings muß auch hier auf die Auseinandersetzung mit älteren Meinungen verzichtet werden. Nur zu einer Frage muß ich Stellung nehmen: Innerhalb des geschlossenen christlichen Siedlungsgebietes waren die Kirchen Asylstätten. Kirchtürme mit Schießscharten erweisen sich nach gründlicher Untersuchung als ehemalige Warttürme. Nachdem sie ihre militärische Bedeutung verloren hatten, wurde fallweise ein Kirchenschiff an sie angebaut. Ich kann mich deshalb mit der Bezeichnung Wehrkirche wie sie für Siebenbürgen in Anspruch genommen wird, nicht befreunden. Von Wehrkirchen bei uns spricht und schreibt man erst seit der Hitlerzeit, als diese Bezeichnung gut in das pseudosideologische Konzept paßte.
Die folgenden Ausführungen gliedere ich nach den alten eichsfeldischen Ämter-Klöster- und Adelsbezirken.
1. Amt Bischofstein
- 1251 Der Mainzer Erzbischof gibt seine Burg Stein (seit 1409 Bischofstein genannt) dem Gottschalk von Plesse in Verwahrung, die dieser gegen den Willen des Erzbischof an den Herzog von Braunschweig veräußern mußte.
- 1252 verhängt Erzbischof Gerhard den Bann über die Räuber der Mainzer Kirchenlehen, Markgraf Heinrich und Herzogin Sophie.
- 1256 verlor der Erzbischof infolge des mißglückten Heerzuges gegen den Herzog Albrecht von Braunschweig die Schlösser Giselwerder und Stein.
- 1263 mußte der bei Wettin gefangene Herzog Albrecht von Braunschweig die Schlösser und Städte an der Werra abtreten.
- 1268 versucht der Erzbischof vergeblich, die Burg Stein von Herzog Albrecht von Braunschweig zurückzuerhalten, Herzogin Sophie gewinnt für das Kind von Hessen das Land Hessen, muß aber an Thüringen die Städte und Schlösser an der Werra abtreten.
- 1298 verpflichtet sich der Landgraf von Thüringen und Graf Berthold von Henneberg, castrum dictum Steyn situm apud cenobium santimonialium dictum Celle an den Mainzer Erzbischof zu übergeben, wenn es diesem gelingt, König Albrecht zur Aufgabe seiner Ansprüche auf Thüringen zu bewegen.
- 1304 kaufen v. Hardenberg und v. Saldern die Hälfte des Schlosses Stein, die diese Hälfte an den Mainzer Erzbischof weiterverkaufen. Die andere Hälfte wird von thüringisch-meißnischen Burgmännern verwaltet.
- 1363 klagt der Mainzer Erzbischof gegen den Herzog von Braunschweig: Dieser sei in sein Schloß gestiegen und habe die Stadt Stein verbrannt.
- 1378 gibt der Mainzer Erzbischof dem v. Bültzingsleben die Genehmigung daß er das halbe Sloß zum Steyne zu yme selber losen mag.
- 1380 Erhält Siegfried v. Bültzingsleben die Ämter Harburg, Worbis und das halbe Schloß Steyn (Amt Bischofstein) zum Pfand.
- 1404 erlitten die Markgrafen von Meißen bei der Belagerung des Bischofstein so schwere Verluste, daß nicht nur die Einschließung dieser Burg, sondern auch die Belagerung Heiligenstadts aufgegeben werden mußte. Zahlreiche Dörfer wurden während der Belagerung zerstört. Seit
- 1409 wird das Schloß Bischofstein genannt, woraus zu schließen ist, das es sich wieder ganz in der Hand des Mainzer Erzbischofs befand.
- 1469 bekennt Erzbischof Adolf, daß Syfart v. Bültzingsleben das Schloß Bischofstein halb in Pfandschaft, die andere Hälfte amtsweise innehat. Das Gleiche bekennt Seyffart v. Bültzingsleben.
- 1574 erfolgte die Aufkündigung der Pfandschaft.
Die St. Georgskapelle in (Bischof)stein:
1440 ein Burglehen über der Kapelle, um 1600 werden von Ländereien in Lengenfeld u. St. Zinsen an die Kapel St. Georg zum Bischofstein gegeben. 1611 weihte der Mainzer Weihbischof capellum St. Georgii in vetero castro Bischofstein auf den alten Titel. 1664 stand noch die kleine Kapelle im Vorhofe, die 1695 noch zu Kindtaufen diente.
Die Ortschaften des Amtes Bischofstein
1. Die Stadt Stein
Am Fuße des Burgberges befand sich wie bei dem Hanstein und dem Rusteberg ein ummauerter Ort, die Stadt zum Steine genannt, der Wohnsitz der Handwerker, Wirte und Dienstleute der Burg. Wenige Mauerreste einer Kirche ließen 1850 den Platz erkennen, wo diese Stadt zum Steine gestanden hat.
1269 ist Sifridus, Pfarrer in Lapide genannt.
1355 castrum et oppidum Steyna,
1363 klagt der Mainzer Erzbischof gegen den Herzog von Braunschweig, dieser habe die Stadt Stein verbrannt.
2. Lengenfeld unterm Stein
1285 wird Mülschen Lengevelde von dem 1292 genannten »Duringeschen Lengevelde« unterschieden. Es ist die Zeit, in der die Burg und das Amt (Bischof)-Stein zu Thüringen gehörten. 1358 wird im Bischofsteiner Güterverzeichnis »villa Lengefeld« genannt. Die Flur der Stadt Stein muß demnach erst später in der Gemarkung Lengenfeld u. St. aufgegangen sein.
1319 wird der plebanus Th. in Lengevelt als Zeuge genannt,
1337 Pfarrer Rudolf. 1398, 1420 und später sind Kirchenstätte und Scheunen-und Hüttenstätte auf dem Kirchhof genannt.
1429 gestattete Erzbischof Konrad, Vikarien, welche zum Unterhalt der Inhaber nicht ausreichten, mit einander zu vereinigen. Unter diese Regelung könnte die Vereinigung der Kirchen der Stadt Stein mit der von Lengenfeld und den dazugehörigen Benefizien gefallen sein.
Wüstungen:
a) Unter-Lengenfeld um 1600 Wüstung genannt
b) Luttershausen, Lietershausen, 1420 als under dem Stein bezeichnet. 1558 berichtet der Vogt Kurt Gutjar: Der Hohe Stock unter Kühesdorf liegt an der Wüstung Litterhausen. 1357 trugen die Brüder v. Binsfort eine Hufe zu Lutterichshausen von Mainz zu Lehen. Flurname in der Gemarkung Lengenfeld: zu Löttershausen.
c) Amscherode. 1577 s'Amscherode, am westlichen Abhang des Entenberges. Ein Teil seiner Feldmark gehörte zu Geismar und dürfte das 1358 wüste Hersingerode sein, (siehe unter Großbartloff) - verkürzt »Im Herode« was schließlich zu »Am Scherode« wurde.
3. Ershausen
Stammsitz des Geschlechtes v. Erershusen, 1272 Fridericus de Ershusen, Pfarrer, 1293 Otto v. Erershusen Burgmann auf Stein. 1496 wird nach dem Aussterben des Geschlechtes einer v. Hanstein mit dem Erershuseschen Gütern belehnt. Von 1357 bis 1803 hat das Heiligenstädter Martinstift das Patronat über die Kirche. 1440 Kasten- und Huttenstete auf dem Kirchhofe, 1610 Ansitz bei der Kirche ufm Berg, die alte Kemnaden genannt, später als Schule verwendet, der Unterhof ist das jetzige Johannesstift und St. Josefs-Krankenhaus.
Wüstungen:
a) Hackental 1146 Occandal, 1174 villa que ockental nuncupatur, 1420 Ershausesches Lehen in der Wüstung zu Hackenthal, 1520 eine Wüstung zu Hakkental. Zur Flur Geismar gehört die Hackenmühle und Hackenbrücke.
b) Freßdorf. 1440 eine Wüstung zu Fromederode. Im Martinfelder Flurnamenverzeichnis ist vermerkt: »Wüstung Framelderode, auch Freßdorf genannt. (vergl. unter Martinfeld).
c) Hoprieden. Vor 1420 Wüstung. Flurname Hofrieden.
d) Silberrode. 1420 eine Wüstung zu Symrade, 1518 wüst.
4. Faulungen
1420 die Wustenunge zu Rudolffshusen, das nach dem Wiederaufbau Anfang des 16. Jahrhunderts Faulungen heißt, mit dem alle Lehnstücke von Rudolshausen identisch sind. Der Eintrag im Bischofsteiner Jurisdiktionalbuch ein newes bey menschen gedencken erbawet dorff und zuvor keine Wüstung ist irreführend. Vergleiche den gleichen Eintrag für Döringsdorf, das vor dem Wiederaufbau nachweisbar Wüstung war.
5. Großbartloff
1472 überfielen Hermann und Georg v. Rietesel Bartloff mit Feuer und Schwert. Zur Großbartloffer Kirche gehörten 1420 Scheunen und Kirchenstätten.
Wüstungen:
a) Götzenrode 1433 zwen Wüstenunge genannt
b) Sindelbach Getzenrode und Syndelbach boben Bartolff gelegen
c) Luttershausen 1440 Wüstenung zu Luttirißhusen 1515 in der Wustenunge zu Luthershusen
d) Hersingerode 1358 desolato mit 6 1/2 Hufen, 3 Höfen, Das 1585 erwähnte Siechenhaus an der Heerstraße lag im Henninger Garten. Flurname: Im Herode.
6. Katharinenberg
1512 capella montis S. Catharinae. Vor 1525 wurde der Bau der großen Wallfahrtskirche begonnen, aber infolge gegen Klöster und Wallfahrtsorte feindlicher Strömungen im Bauernkrieg nicht vollendet. 1548 nennt das Türkensteuerregister 15 Steuerträger, darunter den Klewsener (Klausner, Einsiedler). Katharinenberg dürfte demnach auf eine ehemalige Einsiedelei zurückgehen.
7. Krombach
1367 wurde auf Befehl des Herzogs von Braunschweig der Kirchhof zu Krombach gebrandschatzt. 1577 wird es ein neu erbaut Dorf genannt.
8. Misserode
1420 die Wustenung zu Mißerode. 1420 uff dem Kirchhofe zu Misselrode. Vermerk im Jurisdiktionalbuch Bischofstein: Meissenroda ist eine Wüstung, welches die Rudera der alten Kirche bezeugen und neu erbaut. 1620 im Reuterschen Lagerbuch: Ist eine Wüstung gewesen und bei Menschengedenken neu erbaut.
Wüstungen:
a) Torental 1358 wüst, Einkünfte von 6 Hufen
b) Tarderode 1420 die Wüstung zu Tarderode
c) Wedelfreden 1420 die Wüstung zu Wedelfreden
9. Wilbich
1362 die Wüstungen Ober- und Mittel- Wildebeche. Um 1380 wurde Wilbich zerstört. Ab 1550 wird in dem wiedererbauten Dorf die Kirche als Filial von Ershausen genannt.
10. Wiesenfeld
liegt inmitten der Dörfer des ehemaligen Burgamtes Bischofstein. Von den frühesten urkundlich faßbaren Zeiten trugen es die v. Weberstedt zu Lehen. 1286, 1288 und 1293 werden Bruno und Aickhard v. Weberstedt als Zeugen genannt. Ein Bruno v. Weberstedt, Burgmann auf Bischofstein, besaß eine Hüttenstätte auf dem Hülfensberg. 1346 mußte ein v. Weberstedt auf dem Altenstein als Raubritter dem hessischen Landgrafen Besserung geloben. 1380 verkaufen Bruno und Ernst v. Weberstedt an die Hansteiner ihre Rechte, die sie am Altenstein und an dem Dorfe zu Wiesenfeld und an ihrem Schlosse im Dorfe, an Kirche und Kirchhofe hatten wie es Ernst v. Weberstedt innehatte.
Das Schloß in Wiesenfeld wurde 1622 von den Bewohnern der umliegenden Dörfer geplündert aus Rache für die Plünderungen der Schnaphahne Friedrich und Alex von Hanstein während des Raubzuges Christians von Halberstadt. 1669 war das Schloß verfallen, das Gut verschuldet, das Herrenhaus 1673 als wüst bezeichnet. Rassow war die Lage unbekannt, 1922 wird die ehemalige Wasserburg am Dorfeingang »Weberstedtsche Burg« genannt. Der Patronat des Heiligenstädter Martinstiftes über die Kirche Peter und Paul zu Wiesenfeld ist urkundlich von 1357 bis 1545 verbürgt. 1380 wird der Kirchhof und 1421 eine Scheunenstätte auf dem Kirchhof genannt.
Wüstungen:
a) Oberhessel eine Häusergruppe westlich Wiesenfeld. 1421 verkaufen die v. Weberstadt an v. Keudel und v. Eschwege hesler mit aller seiner Zugehörung, zu denen Stätten in der Wiesenfelder Kirche gehören. 1539-79 beschweren sich die v. Keudel, daß die v. Bültzingsleben in die Wüstung Heßler und andere Lehen gewirkt, damit als ihre eigenen Güter gebaut....
b) Schnellrode. 1358 wird im Bischofsteiner Güterverzeichnis Snelnrode desolato genannt. 1420 in der Wustenunge zu Shellisroda und 5 Gulde an Gelde zu »Snelmanßhuus«. 1812 in Wiesenfeld eingeflurt, Flurname: Schnellesgrund.
c) Lichtenberg. Vor 1358 im Hardenberger Pfandbrief: im wüsten Dorfe Lichtenberg, 1358 im Bischofsteiner Güterverzeichnis item Lichtenberg desolato. 1812 zu Wiesenfeld eingeflurt. Flurname: Lichtmühle.
e) Rosterode. 1440 Wüstung zu Rosterode, 1583 Rustenrod Wüstung, zwischen Volkerode und Hessel, 1515 eine Hube Landes in der Wustenunge zu Rosteroda, 1664 Wüstung Rossrade in der Flur von Wiesenfeld.
1812 in Wiesenfeld eingeflurt.
II. Hülfensberg
- 1351: Konrad Lokern, rector parochiale ecclesie S. Salvatoris in Susenberg (verschrieben für Staufenberg)
- 1352: noch Pfarrkirche genannt.
- um 1357: erfolgt ein Austausch der Patronatsrechte und Benefizien der Gotteshäuser von Geismar, Hülfensberg, Büttstedt und Sunthausen. Die Kirche auf dem Hülfensberg ist seitdem Kapelle genannt.
- 1357: erwirbt das Kloster Anrode die Pfarrkirche in Geismar und die Kapelle in Staufenberg.
- 1360: wird von Einkünften der Wallfahrt zum Hülfensberg das Karthäuserkloster in Erfurt erbaut. Gegen die Annahme, daß erst durch das Kloster Anrode die Wallfahrten zum Hülfensberg ins Leben gerufen wurden, spricht die innerhalb dreier Jahre kaum solche Beträge aus Wallfahrtsgeldern zusammenkommen konnten, um ein Kloster damit zu erbauen. Die Wallfahrten zum Hülfensberg müssen viel älter sein.
- 1363: erhalten alle, die den Kirchhof auf dem Hülfensberg umgehen, einen Ablaß.
- 1364: überfallen Hansteiner bei Mengelrode Pilger, die zum Hülfensberg wollen.
- 1367: erfolgt ein Neubau des Gotteshauses auf dem Hülfensberg. Im Deckengewölbe dieses Neubaues befindet sich ein Stück Eichenholz aus dem Jahre 1000, etwa aus einer damals erbauten Holzkirche stammend. Das cymeterium (der Kirchhof) wird erwähnt.
- 1386: sind die Dörfer um den Hülfensberg verwüstet.
- 1404: flüchten während der Belagerung des Bischofstein die Einwohner von Geismar, Großtöpfer, Döringsdorf und Bebendorf auf den Hülfensberg. Das von den v. Keudel erhobene Stättegeld bezieht sich auf die Kasten-Hütten- und Stallstätten.
- 1421: v. Weberstedt verkauft an v. Keudel Döringsdorf mit Huttenstätte und Kirchstette auf dem Berge zu St. Geholfen.
- 1429: gerät das Kloster Anrode mit den v. Keudel in Streit wegen der Hüttenstätte.
- 1430: Wallfahrer aus Lübeck, die schon 1370, 1406, 1415 usw. nachweisbar sind.
- 1440: in Keudelschem Lehnbrief Kasten- und Hüttenstätten auf dem Hülfensberg genannt.
- 1447: Söldner Herzog Wilhelms plündern auf dem Rückzug von Soest beim Hülfensberg.
- 1465: bestimmt der Lübecker Bürger Jürgen Schal testamentarisch, daß man einen Pilger to sunte Hulpe uppe yensyt Gottinge sende. Auch Wallfahrer aus Braunschweig und Hildesheim sind geschichtlich überliefert. Eine Bruderschaftsurkunde von Lüneburg aus dem Jahre 1518 meldet von einer dort schon 1414 bestehenden sunte Hulpe gilde (St. Hilfensbruderschaft) und ihrer Beziehung zum Hülfensberge.
- 1493: schreibt der Chronist Wigand Gerstenberg (lebte 1457-1522) von der Eichenfällung des Bonifatius bei Geissmar uff der Edern in Hessen, und obwohl sein Bericht von vielen sagenhaften Zutaten entstellt ist, so wird gewichtig, was Wigand Gerstenberg außer über den Ort der Eichenfällung noch schreibt, nämlich: Vorters tzoch sent Bonifacius nach dem Eysfelde.... da buwete sent Bonifacius eyne kirchen unde nante dy sent Hulfen berck (Hülfensberg). Es ist dies die älteste chronikalische Erwähnung einer Anwesenheit des hl. Bonifatius auf dem Hülfensberge, die viele Jahre vor der Anwesenheit der Jesuiten, denen man die Erfindung der Hülfensbergtraditon zuschreiben wollte, geschrieben wurde. Es ist zu verwundern, daß in den zahlreichen leidenschaftlich geführten Streitschriften über den Hülfensberg die Chronik des Wigand Gerstenberg übersehen wurde, die von der Anwesenheit des hl. Bonifatius auf dem Hülfensberg berichtet, aber die Eichenfällung nicht von Hülfensberg berichtet. In seiner Inaugural-Dissertation (1959) schreibt Helmut Godehardt: »Die Eichsfelder dürfen nur annehmen, daß Bonifatius in späteren Jahren auch auf dem Eichsfelde missioniert hat. Auch wird er, falls diese Vermutung zutrifft, dem Hülfensberg einen Besuch abgestattet haben. Aber gleich seine bedeutende Tat (gemeint ist die Eichenfällung, Anm. W.P.) ohne jede historische Quelle nach hier zu verlegen, ist lediglich eine Ausgeburt der Phantasie.«
Was Vermutung ist, erhält durch folgende älteste urkundlich faßbare Punkte eine Stütze:
- Die Burg Stein (Bischofstein) mit ihrem Amtsbezirk, zu dem der Hülfensberg gehörte, war zur Zeit ihrer Ersterwähnung kurmainzisch.
- Die Kirche auf dem Hülfensberg besaß einen Kirchof mit Begräbnisrecht, die Kasten- und Hüttenstätten weisen sie als Zufluchtstätte in Fehden und Kriegen aus.
- Seit 1370 sind Wallfahrten zu Hülfensberg aus weit gelegenen Gegenden überliefert.
- Man muß die Frage stellen, wie eine Kirche, die nicht inmitten eines besiedelten Ortes liegt, sondern auf einem hohen Berge, zu diesen Auszeichnungen kommt. Die Antwort kann nur die urkundlich nicht mehr faßbare uralte Tradition geben.
Zur Hülfensbergkirche gehörten folgende Dörfer am Fuße des Berges:
1. Bebendorf
- 1352: verpfändet Proyse, wohnhaft zu Wanfried, der Kirche auf dem Hülfensberg einen Sattelhof.
- 1381: verkaufen die vier Junker Proyse ihr Drittel der Einnahmen an Kloster Anrode »in dem vorgenannten Dorfe in der Kirche uffe dem Kirchhofe und sunderlichen uffe dem Berge zu Sent Gehulfen und auf dem Kirchhofe«.
- 1402/04: flüchten die Einwohner auf den Hülfensberg.
- 1558: berichtet der Vogt, daß das Vorwerk eine Wüstung gewesen und das Dorf jetzt nur 10 oder 12 Häuser hat.
2. Döringsdorf
- 1402: werden während der Belagerung des Bischofstein Döringsdorf und Geismar verwüstet. Die Einwohner hausen jahrelang auf dem Hülfensberge.
- 1421: v. Weberstedt verkauft Döringsdorf an v. Keudel mit Kastenstätten auf dem Hülfensberge.
- 1539: Durch den Gemahl einer Tochter v. Keudel kam die Wüstung an das hessische Wanfried, 1558 beschwerte sich v. Keudel: »Nun hat der Landgraf (von Hessen) das Dorf wie obestet underhanden und den Fuß in meines gnädigen Herrn Obrigkeit gesetzt.«
- 1561: wird für die kalwinischen Einwohner eine Kirche gebaut.
- 1609: Die Eintragung im Jurisdiktionalbuch Bischofstein, Döringsdorf sei innerhalb von hundert Jahren von neuem aufgebaut und zuvor keine Wüstung gewesen, ist irreführend, da der Ort 1402 und 1421 genannt ist.
2. Geismar
Während der Belagerung des Bischofstein wurden 1404 Geismar und Großtöpfer verwüstet. 1429 sind die Dörfer um den Hülfensberg wüst. 1306 ist ein Dietrich, Rector der Pfarrkirche der 11.000 Jungfrauen genannt; Da die Kirche in Geismar St. Ursula geweiht ist und die Kasten- und Hüttenstätten auf dem Hülfensberg sind, darf angenommen werden, daß es sich hier um die gleiche Kirche handelt. Vor 1357 hatte das Martinstift den Patronat über die Hülfensbergkirche und die Kapelle in Geismar. Nach dem Austausch der Patronatsrechte und Benefizien erwirbt das Kloster Anrode die »Pfarrkirche in Geismar und die Kapelle auf dem Stauffenberg (Hülfensberg)«. Einwohner von Geismar flüchten 1402-1404 und 1429 auf den Hülfensberg, wo ihre Kasten- und Hüttenstätten waren. Für die Kirche in Geismar ließ sich keine Urkunde finden, daß dort Kasten- und Hüttenstätten waren.
Wüstungen:
- a) Polkendorf. 1358 im Bischofsteiner Güterverzeichnis 2 Hufen, 1420 Wüstung Pulchkendorff
- b) Wintweben. 1420 Mannlehen Philipps von Rodenberg: Die Wustenunge zu Weben. Flurnamen: In der Wintwehen, Windwehenmittelberg bei Geismar im Lagerbuch 1610; der Flurname kommt auch in der Gemarkung von Misserode vor.
- c) Wiesenbach. 1421 verkauft v. Weberstedt an v. Keudel...das Gut zu Wiesenbeche. 1440 besitzen die v. Keudel eine Hufe Land mit Zubehör zu Wiesenbeche. Flurname: »Im Wiesenbach, altes Ackerland an der Straße nach Sickerode bis zur Hochfläche bei der Thormühle.
3. Großtöpfer
- 1402: bringen sich die Einwohner auf dem Hülfensberg in Sicherheit.
- 1420: Das Dorf mit Wüstunge, ein Vorwerk zu Tophern.
- 1465: v. Topher verkauft das Dorf an Hansteiner.
- 1493: auf den Hülfensberg eingepfarrt und da seine Toten begraben, der Pfarrer wohnte auf dem Hülfensberg.
- 1813: im Anrodischen Lagerbuch Drei Acker, wovon ein Pfund Wachs gegeben werden mußte, gehörte zur alten Dotation der Hülfensbergkirche und dem dortigen Pfarrbenefizium.
- 1568: wurde eine evangelische Kirche in Großtöpfer erbaut.
Wüstungen:
- a) (Ober)-Frieda: 1358 in villa Fryden, Flurname »in Frieda«
Walter Prochaska
(Quelle: „Der Wüstungsvorgang auf dem Mittel- und Südeichsfelde“. In: Eichsfelder Heimatstimmen 1986, 30, S. 311 – 318)