Der Naturschutz unserer Heimat

Unsere Eichsfelder Wälder, hervorgegangen aus den Urwäldern ferner Zeiten, bilden einen Mischwald. Es muss unser Bestreben sein, diesen Mischwald zu erhalten und nicht in den Fehler zu verfallen, nur einseitig mit Nadelholz aufzuforsten. Drei Viertel aller Forstschädlinge leben in Nadelhölzern. Die Waldvernichtungen erlebten wir z. B. durch die gefürchtete Nonne (Limantria monacha), durch die Forleule (Panolis griseovarigata) in nur mit Fichten und Kiefern bewachsenen Landschaften (Altmark, Brandenburg usw.) und durch die kleinen Borkenkäferarten aus der Familie Latreille (Bostrychus Fab.). Diese Familie zerfällt in mehrere Arten, die sich hauptsächlich durch ihre Fühler, durch die Verschiedenheit in der Form und Zahl der Zähnchen an dem Absturz der Flügel und den verschiedenen Fraßgängen unterscheidet und danach benannt wird. In diese Familie gehört die mehr bekannte Art „Buchdrucker".

Die Gänge seines Fraßbildes sind buchstabenähnlich. Außer den bis jetzt genannten will ich auf folgende Hauptschädlinge hinweisen: Der große Baumgärtner, der kleine Baumgärtner, der Riesenbastgärtner (Familie Ipidae), die Kiefernglucke, der Fichtenschwärmer und Kiefernspanner. Alle diese Schädlinge kommen auch mehr oder weniger auf und an unseren Nadelhölzern des Eichsfeldes vor.

In unseren Mischwäldern werden sie nie zu solch großen Massen auswachsen, dass sie den Wald vernichten könnten. Sie leben bei uns nur „artenhaltend“, d. h. die manchmal zu Tausenden von den Weibchen der Schädlinge abgelegten Eier werden im Laufe des Entwicklungsjahres schon teilweise selbst, dann später die aus den übriggebliebenen Eiern schlüpfenden Raupen oder Larven durch die noch in unseren Wäldern vorhandenen „natürlichen Gegengewichte“ wieder vernichtet, so dass höchstens so viele Tiere durchkommen, um die Art wieder neu fortzupflanzen. Günstige Witterungsverhältnisse und Zuzug aus anderen Gegenden begünstigt wohl vorübergehend jahrgangsweise diese oder jene Schädlingsart, aber unsere Natur kann sich noch selbst helfen und überwindet die Gefahr durch die „Nützlinge“.

In den letzten Jahrzehnten sind auf dem Eichsfeld (Südeichsfeld) zwei Fälle von größerem Streckenkahlfraß bekannt geworden: Einmal im Hainich, verursacht durch die Raupe des Buchenrotschwanzes und einmal am Südrand des Westerwaldes an Eichen durch den Eichenwickler. In beiden Fällen hat sich die Natur selbst geholfen, ohne dass das letzte, aber auch gefährlichste Mittel für die Erhaltung des Waldes zur Anwendung gebracht worden ist: das Bestäuben und Vergasen des Waldes mit Arsen. Bei diesem Vergasen sterben auch die Nützlinge. Die Eichenwickler im Westerwalde bekämpfte die Forstverwaltung früh genug durch Aufhängen vieler Nistkästen für Meisen.

Die breite Masse unserer Bevölkerung spricht nur von Schädlingen und weiß zu wenig von den Nutzungen. Sie kennen, wenn es hoch kommt, nur ein nützliches Insekt, die Biene, weil sie Honig gibt, und zertreten sie dennoch, weil sie sticht. In unseren Mischwäldern wimmelt es noch von nützlichen Insekten, die die Schädlinge kurz halten. Da sind die von der Natur so trefflich mit Waffen und Gliedmaßen ausgerüsteten Schlupfwespen aus der Familie der Ischneumoiden-Kryptienen und Pimplinen. Sie finden mit staunenerregender Sicherheit die Schädlingsraupen oder Larven, die in den Stämmen der Bäume ihr Wesen treiben. Die Weibchen dieser Schlupfwespen bohren ihre am Hinterleib befindlichen Legerohre tief durch Borke und Holz, um ihre Eier in diesen Larven abzulegen.

Weiter helfen mit an der Vertilgung der Schädlinge die vielen Arten der Raupenfliegen, die Raubkäfer wie Puppenräuber. Selbst die schönen Libellen helfen mit, andere Insekten und Schädlinge zu vertilgen. Auch die Erreger von Raupenkrankheiten, wie Wipfelkrankheiten, Flascherie, Gelbsucht in Form von Bakterien, Sporen und Pilze helfen besonders mit, dass die Schädlinge nicht überhand nehmen. Die vielen Arten insektenfressender Vögel, die noch in unseren Mischwäldern in hohlen Bäumen Nistgelegenheit finden und von den Schädlingen leben, wie Schwarz-, Bunt- und Grünspecht, Baumläufer, Kleiber, Meisen und besonders die nur den Wald bewohnenden Goldhähnchen, suchen im Winter scharenweise mit unermüdlichem Eifer die Bäume nach Insekteneiern ab. Erhalten wir unseren Wald in der heutigen Zusammenstellung und wir werden vor großem wirtschaftlichen Schaden bewahrt!

Aber auch auf die Schönheiten und Naturkostbarkeiten will ich hinweisen. Kostbarkeiten, die in den meisten Landschaften Deutschlands bereits fehlen und ausgestorben sind und um die wir von den wahren Naturfreunden und Kennern beneidet werden. Hier wachsen noch Eiszeitrelikte: Hundertjährige Eiben, Wacholder, Bärlappen und Farne, hier stoßen wir noch häufig auf. Elsebeerenbäume und Spindelbaum (strauchartiger Pfaffenhut). In diesen Wäldern leuchtet uns zur Pfingstzeit noch die einzige Orchidee, der goldene Frauenschuh entgegen, an mehr oder weniger schattigen Stellen wachsen noch die vielen Arten von Halborchideen, die Knabenkräuter (rahmgelbes Knabenkraut, Purpurknabenkraut, das gefleckte Knabenkraut, das angebrannte Knabenkraut, das Soldatenknabenkraut), dann die den Halborchideen verwandten Waldvöglein, die Fliegenblume, und wenn ein Pflanzenfreund großes Glück hat, so steht er um die Zeit der Steinpilze noch vor dem überaus seltenen Wiederbart, einer dem Fichtenspargel ähnlichen, farblosen Halborchis. Nach dem Volksmunde soll sie nur alle sieben Jahre einmal blühen. An anderen geschützten und seltenen Pflanzen treffen wir noch an: den blauen und den gelben Sturmhut, die Waldkalle oder den Aronstab, den Türkenbund und an den Waldrändern die Judenkirsche und Anemone. An den Kalkhängen wachsen auch Felsenbirne, Laserkraut (weißer Einzig), der blutrote Storchschnabel und die Scheidenkronenwicke. Hinzu kommen noch die vielen Arten Heilkräuter, wie Salbei, Tausendgüldenkraut, Sanickel usw.

Von den Insekten muss erwähnt werden, dass die südeichsfeldischen Wälder der einzige Flugplatz für die außenrandgeschwärzte Form des Nagelflecks sind. Außerdem fliegen noch in ihnen die schönen Weißband-falter und Schillerfalter. Von seltenen Käfern kann man an seinen Eichenstämmen noch den Hirschkäfer finden.

Im südlichen Teil des Eichsfeldes sind in die Landschaftsschutzkarte eingetragen: die Pfaffschwender Kuppe, der Hülfensberg, die Feuerkuppe mit Rollsberg bei Geismar, der Entenberg, der Uhlenstein, der Schlossberg, die Sperlingsköpfe, das Walperbühl, der Spreuwinkel, der Kälbergrund und die Keudelskuppe in der Umgebung von Lengenfeld u. Stein.

Viele Menschen glauben, Naturfreunde zu sein und geben sich dafür aus, weil sie vielleicht diese oder jene Blume oder Tiere lieben und besitzen zu müssen glauben. Sie haben Freude an der schönen Natur, tun aber nichts zu ihrer Erhaltung. Besonders häufig tritt uns das Wörtchen „naturliebend“ in Heiratsannoncen entgegen. Aber, was muss man dann erleben? Hat sich so ein naturliebendes Pärchen gefunden, kann man am Hochzeitstage eine wunderschöne Girlande von naturgeschützten Eiben um ihre Haustür finden. Später wird, je nach dem, was gerade die Jahreszeit bietet, das Zimmer geschmückt mit den seltensten Blumen der Heimat. Auf ihren Spaziergängen werden dann all die Schönheiten und Seltenheiten nicht etwa in kleinen Sträußchen, sondern bündelweise abgerissen, mitgeschleppt – und dann weggeworfen. Da wird im Frühjahr mit den Schneeglöckchen begonnen und im Herbst mit den Beeren der Judenkirsche aufgehört, um im Verein mit der Silberdistel im Winter das Zimmer zu schmücken. Diese Gruppe Menschen sündigt an der Natur bewusst, denn sie wissen, was schön und selten ist, kennen ihre Standorte und zerstören sie dennoch.

Der weitaus größte Teil der Bevölkerung, besonders unsere Jugend, frevelt in der Natur aus purer Unkenntnis und Teilnahmslosigkeit. Den allergrößten Schaden verursachen sie durch das immer mehr zur Allgemeingewohnheit werdende Abbrennen der Feldraine und größerer Grasflächen. Abgesehen von der großen Gefahr des Überspringens solcher Brände auf den Wald, vernichten solche Feldbrände unersetzliche Werte der Natur. Außer den Seltenheiten unserer Landschaft, wie den als Einzeltier geschützten Segelfalter und das kleine Nachtpfauenauge, werden Tausende und Abertausende von Marienkäfern verbrannt, die dem Landwirt, bei der Kurzhaltung der Blut-, Blatt- und Schildläuse helfen, desgleichen unzählige Moos- und Erdhummeln, die unsere Natur unbedingt haben muss zur Befruchtung der Kleeblüten. Auch die Schnecken und Mäuse vertilgenden Igel werden mit verbrannt, desgleichen die überaus nützlichen Eidechsen und Blindschleichen, sowie die zerstörten Gelege der erdbrütenden Singvögel. Und dann hört man noch von so manchem „weisen“ Erwachsenen, durch die Asche wachse das Gras besser; dabei handelt es sich meistens um Anraine und um wirtschaftlich ungenutzte Flächen, in welchen durch die Hitze der Boden sauer wird und vermoost, weil nichts anderes mehr als Moos wachsen kann, da mit der Zeit sämtliche Bakterien und Spaltpilze zerstört werden.

Lambert Rummel
(Quelle: "Lengenfelder Echo", Juni-Ausgabe 1958)