Das Grab im Walde

Am Malbaum erwartet die Leiche
Der Ritter vom Bischoffstein.
Noch seh ich sein Stahlhelm funkeln
Im strahlenden Sonnenschein,

Noch seh ich den Streithengst steigen,
Noch hör ich das höhnende Wort:
"Im Bilstal flogen die Raben
Mir krächzend vom Galgen fort,

Sie witterten wohl die Ase
Von Hechts Adens freidigem Mund,
Drum nehmet ihn zurück und begrabet
Den Rammssack auf eigenem Grund,"

Und weil in geweihter Erde
Dem Verfemten die Ruhstatt versagt,
So zogen sie querfeldüber
Hierher in die Waldesnacht.

Dort unten an meinem Stamme
Sie schaufelten tief ein Grab
Und senkten den Vogelfreien
Unter düsterem Schweigen hinab.

Auf ein einsames Grab im Walde
Sah herab ich so manchen Tag,
Nur der Schmied kam zuweilen gegangen
Und kniete hier nieder im Hag.

Ganz leise seufzte der Starke,
Der Harte flehte so zart,
Und manche blinkende Träne
Rann über den rußigen Bart.

Sonst schien der Tote vergessen
Von der Menschen kurzleb'gem Geschlecht,
Da hab ich in Obhut genommen
Den Hügel von Adam Hecht:

Alljährlich aus grünem Maien
Ein neues Dach ich ihm gab,
Allherbstlich aus goldenen Blättern
Einen Kranz ich ihm streute aufs Grab.

Und nächtlich in meinen Zweigen
Sang der Sturmwind das Totenlied,
Der Waldkauz das Miserere
Vom Knickstock da draußen am "Riet".

Wie hab ich's verwirkt, dass die Menschen
Seitdem meiden mich friedlichen Baum,
Mit scheuen Blicken mich messen,
Am Abend mich fliehen voll Graun,

Als griff eine Faust in den Nacken
Als müssten sie schleppen so schwer?
Warum wurde der tote Aden
Zum Schlepphans mit Jagdrohr und Speer?

Wars etwa das böse Gewissen
Der Frevler am Holz und im Feld?
Draun! Wanderer, wandelst du schuldlos,
Schlaf ruhig in meinem Gezelt.

Der Schlapphanjesmann, dess' bin ich Zeuge,
Stieg niemals aus kühler Gruft;
Wen der Schmied von Effelder gedengelt,
Schläft bis die Posaune ruft.

Fern läutet die Abendglocke,
Die Buche erschauert und schweigt,
Ich schnelle aus schwellendem Grase,
Aus den Tälern der Nebel steigt.

Ein Igel raschelt im Laube,
Als talwärts tastet der Fuß.
Rotkelchen singet dem Schlehdorn
Den letzten Scheidegruß.

Die Mondsichel stand schon am Himmel,
Zu leuchten auf nächtlichem Gang;
Zu umweben mit linden Strahlen
Der Schlapphanjesbuchen-Gesang.

Schlapphanjes-Buche