Adam Richwien <p>Ein Lebensbild und eine Würdigung seines Schaffens

Adam Richwien

Infolge eines Herzschlags ist am Dienstag, 25. Septbr., nachmittags 3 Uhr, der eichsfeldische Volks- und Heimatdichter Adam Richwien in Lengenfeld u. St. aus diesem Dasein abgeschieden, – allzu früh für seine Angehörigen, allzu früh auch für die eichsfeldische Heimatliteratur, der er noch schöne Werke zu schenken vermocht hätte und für die eichsfeldische Heimatbewegung, deren Förderung ihm sehr am Herzen lag.

Die publizistische Pflicht fordert von uns, den Lebenslauf des Heimgegangenen zu schildern. Wir sind hier in der Lage, eine Selbstbiographie zu veröffentlichen, die der Dichter uns auf unser dringendes Ersuchen vor einigen Jahren zur Verfügung gestellt hat. Eine Veröffentlichung der Arbeit, die er schlicht „Erinnerungen aus meinem Leben“ betitelte, gestattete uns Adam Richwien in seiner Bescheidenheit nicht. Nun sollen die Zeilen ihn, den Leid- und Kreuzträger, wie er selbst sich nannte, nach seinem allzu frühen Ableben ehren.

Eichsfelder Heimatbote
Organ des Bundes der Eichsfelder-Vereine
Nr. 40, 7. Jahrgang
Heiligenstadt, Samstag, den 6. Oktober 1928

Erinnerungen aus meinem Leben

I

Am 25. April (St. Markustag) 1889 wurde ich als zwölftes und letztes Kind meiner Eltern zu Lengenfeld u. St. im Eichsfeld geboren. Elf Tage vor meiner Geburt war der Tod in unserer Familie eingekehrt und hatte meine Großmutter mütterlicherseits in die Ewigkeit abgerufen. Großmütterlein blieb es somit versagt, ihr erwartetes Enkelkind in ihren Armen zu wiegen. –So war ich unter den bei meiner Geburt nach lebenden neun Geschwistern das Nesthäkchen. An Gespielen wird es sonach an meiner Wiege nicht gefehlt haben. Diese Wiege war eine echt eichsfeldische Hotze von umfangreicher Dimension, mit Schaukelstegen. Dieselbe hat später, als Schaukeln und Wiegenlieder mehr und mehr überflüssig wurden, nach Entfernung der Stege noch gute Dienste als Kinderbett getan.

Mein Vater gehörte der Zunft der Raschmacher an. Neben diesem Beruf war er noch ein fleißiger, rühriger Hausierer. Schon als Sechszehnjähriger besuchte er die Märkte in Treffurt mit seinen Erzeugnissen. Endlich war er noch ein geschulter Wollkämmer. Während das Raschmachen in unserer Familie in den letzten Jahren meiner Schulzeit allmählich eingestellt wurde, blieb mein Vater den beiden genannten Berufen, Hausierer und Wollkämmer, bis zu seinem Tode treu. Fast alle alten, eichsfeldischen Hausierer waren früher auch Wollkämmer. Sie hatten somit Schulung in Werden und Entstehen der Waren vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat.

So mag sich wohl in das Schreien des letzten Familiensprösslings zumeist das rhythmische Klappern zweier Webstühle gemischt haben. Auf die „Nerven“ ist dies Klappern meines Wissens damals nicht gefallen. Dem Raschmacher geht es wie dem Müller, der das Wellenrauschen in den Radkrippen zuletzt nicht mehr hört.

Durch emsiges Schaffen und eiserne Sparsamkeit hatte es mein Vater zu einem eigenen Häuschen gebracht. Wegen seiner örtlichen Lage habe es die Dorfbewohner als „Spitze“ getauft und so heißt es heute noch. Gemeinsam mit Mutter hat er selbst schwere Handlangerdienste bei der Erbauung getan. Wie uns Mutter später erzählte, war der Einzug schon beendet, noch ehe Schloss und Riegel an den Türen waren. In der Zeit, als mein Vater in Ausübung seines Berufes „an der Elbe“ tätig war, legte sich Mutter in den Räumen des halbfertigen Häuschens mit ihren Kindern getrost in „Gottes Namen“ auf die Nachtlagerstatt. Gleichwohl war die vor derselben aufgestellten Axt Zeuge von der auch damals herrschenden Unsicherheit. Das Angeführte bezieht sich auf die „Eisenbahnjahre“ um 1870-80 herum (Bau der Kanonenbahn), also eine Zeit, als ich noch nicht geboren war.

Ich habe mich in der Absicht, eine getreue Schilderung meines Lebens bis auf den heutigen Tag zu schreiben, niedergesetzt. Ich gestehe, ich bin nicht allzu bereitwillig an diese Arbeit gegangen. Beim Schreiben kommen mit Erinnerungen in so reicher Fülle, dass ich es nicht gern unterlassen möchte, hier und da einige einzuflechten, zumal dieselben mit meinem Dasein in engem Zusammenhange stehen. Vielleicht, dass einer unserer Nachfahren einmal daran geht, eine Familienchronik aufzustellen und ihm diese Blätter dann eine willkommene Unterlage bieten.

Meine Mutter stammte aus kleinbäuerlicher Familie (geb. Lorenz) und hing treu an der Scholle. Dagegen war mein Vater mit Leib und Seele Geschäftsmann und widmete sich ausschließlich seinem Berufe. So mag es wohl gekommen sein, dass die Mutter, als der eigene Herd, eben die „Spitze“, fertig war, den Vater drängte, als Betätigungsfeld für ihre schaffensfrohen Hände ein paar Stückchen Land zu kaufen. Diesem Drängen gab der Vater nach und kaufte bei einer sich bietenden Gelegenheit den „Heiligenberg“. Das war nun rechtes, echtes Armeleuteland. Aber mit Freude und Gottvertrauen hat Mutter da gerungen mit der spröden Scholle, gesät und geerntet.

Die ersten Jahre meines Lebens übergehe ich und komme mit meinen Ausführungen in die Jahre der erwachenden Vernunft. Da kam nun mehr und mehr die bewusste Freude am Leben. Die „Spitze“, eben mein Elternhaus und dessen nähere Umgebung, der breite Kirchbergrasen mit schattigen Bäumen, die nahe am Elternhause täglich mehrmals vorbeilaufenden Eisenbahnzüge, die ganz nahe gelegene Dorfkirche, die angrenzenden grünen Felder, ringsum die herrlichen Hänge und Wälder, „unser Heiligenberg“ mit dem im Hintergrunde liegenden „Kirchhölzchen“ – das alles war geeignet, echte Kinderfreuden zu bringen und tief wurzelnde Liebe zur Heimat zu wecken; diese Örtlichkeiten sind heute noch geeignet, zahllose kleine Erlebnisse aus der frohen Kinderzeit in meiner Seele wachzurufen. Alte originelle Gestalten tauchen auf – „Dortlieschen“, die „Märchengreisin“, welche ich in Prosa und Versen gewürdigt habe. Sorglos und froh gingen die Tage dahin und ich hatte das schulpflichtige Alter erreicht. Acht Jahre lang habe ich mit gemischten Gefühlen die Lengenfelder Dorfschule besucht. Dann war es vorbei und das Leben wurde meine Schule. An den von meinen Lehrern gestellten Hausaufgaben habe ich kein absonderliches Interesse gehabt. Ich tat meine Pflicht und manchmal auch etwas weniger. Gleichwohl kam ich so leidlich mit und wurde as ein mittelbegabter Schüler wohl hingenommen.

Der schöne Kirchbergrasen und die vorhin geschilderte verlockende Umgebung hatten aber auch ihre Gefahren. Auf dem „Rasen“ hatte ich Stellen schönen weißen Tons entdeckt. Das machte ich mir zu Nutze und bald hatte ich eine prachtvolle „keramische Kunstwerkstätte“ da errichtet. Die aus Tonerde geformten Sachen erregten die Bewunderung der Vorübergehenden. Ich gestehe selbst, manches Kunstwerk ist mir da gelungen. Mein ständiger Begleiter war eine gezähmte Krähe. (Eine solche besaß der Dichter auch bis zu seinem Lebensende. Daub Schriftleiter) Das anhängliche, zutrauliche Tierchen hat mir manche Freude gemacht, auch manchen Spott eingetragen. An Sonntagnachmittagen war die geschilderte Umgebung Zeuge manches tollen Streiches, dem am Montag in der Schule fast ausnahmslos die „Abrechnung“ folgte. Doch darin hatte ich viele Leidensgenossen.

Dann kam die Zeit, wo ich in die Schar der Messdiener aufgenommen wurde. Dieses „Regiment“ setzte sich zusammen aus sieben Paaren. In der Reihenfolge musste jedes Paar je eine Woche dienen. Als Entgelt erhielt der erste Messdiener 4 Mark pro Jahr in zwei halbjährigen Raten; der „Zweite“ bekam die Hälfte „Löhnung“. Durch jeweiligen Schulabgang des Partners rückte der „Zweite“ in die Charge des „Ersten“ und musste sich unter den jüngeren Jahrgängen wieder selbst einen „Zweiten“ wählen. Die Wahl meines älteren Bruders Wilhelm fiel auf mich. Schüchternheit hielt mich zuerst zurück. Mutter entschied; ich musste „dienen“. Als ich da nun zum ersten Male im schmucken Ministrantenröcklein am Altare kniete, kam auch schnell die Freude an der Sache. Später habe ich es sogar zu einer Art „Obermessdiener“ gebracht. Meine Anordnungen, die allerdings nur untergeordneter Natur waren, wurden zumeist gern und willig ausgeführt.

Inzwischen hatte ich mir in der Schule den ersten Platz erobert. Unser lieber, alter Lehrer Kruse versah den Organisten- und Küsterdienst. Ich ging ihm in manchen Sachen zur Hand und fungierte mit bei Taufen und Abendversehgängen. – Oftmals bin ich dem eucharistischen Heilande am frühen Morgen und am späten Abend als Page und Herold vorangeschritten. Das alles hat tiefe, unvergessliche Eindrücke geschaffen in meiner Seele und mir in späteren Tagen Veranlassung gegeben, in zwar nicht formvollendeten, aber aus tiefen Herzen quellenden Poemen meine Empfindungen ausklingen zu lassen (z.B. in den Gedichten „Heimat“ und „Jugendzeit“).

An sonnigen Frühlings- und heißen Sommertagen bis in den farbenreichen Herbst hinein boten die heimatlichen Wälder, von denen ich immer dem nahe gelegenen Dünberg mit seiner bekannten großen und kleinen „Kuppe“ und seiner „Menschenhöhle“ und „Gänsetelle“ den Vorzug gab, reiche Gelegenheit, Gottes Natur zu bestaunen und zu bewundern. Aber auch an Werktagen, an den „Holztagen“, stieg ich mit Mutter an seinen steilen Hängen empor, um nach armer Leute Art „Leseholz“ zu sammeln (Gedicht: „Als ich mit Mutter Reisig sammeln ging“. Bei Manchen hat dieses Gedicht Gefallen gefunden. Ein lieber Freund sagte mir, es das Beste, was ich bis jetzt geschaffen hätte).

In meine Schuljahre fällt die Zeit, wo mir unter der Leitung des damaligen Kaplans Döring (später Pfarrer in Pfaffschwende) die am Dünbergshange gelegene Lourdesgrotte bauten. Ich sage – wir, weil wir mit ganzer Hingebung das Material, groteske Löchersteine vom hohen Geiberich, herabgetragen haben. Wir erhielten allabendlich für unsere Mühe ein schönes Heiligenbildchen. Einen hohen Anteil am Gelingen des Baues hatten die damals in den hiesigen Zigarrenfabriken arbeitenden jungen Mädchen des Dorfes. Allabendlich nach Feierabend stiegen sie, den eichsfeldischen Tragekorb auf dem Rücken, mit uns Schuljungens gemeinschaftlich hinauf und kamen schwer beladen mit Steinen zurück. Die Grotte ist mir bis heute ein liebes Plätzchen geblieben, wie sie es immer seit ihrer Erbauung war. Das rote „Frauenlicht“, welches von meiner Mutter betreut wurde, (Lampenöl und Kerzen wurden von den Dorfbewohnern immer reichlich gestiftet) konnte im Abenddämmern einen eigenen Zauber in die Seele senken. Oft habe ich an stürmischen Tagen diese Arbeit Mutter freudig abgenommen und die Lampe für die Nacht neu gefüllt.

Mit Vorliebe beschäftigte ich mich in den letzten Jahren meiner Schulzeit mit Zeichnen. Wenn ich am „Heiligenberge“ als Hütejunge saß und hinabschaute ins liebliche Friedatal und hinüber nach Schloss Bischofstein, habe ich es oftmals auch nicht unterlassen, das Geschaute auf einem Blatt zu skizzieren. In dieser Zeit war es oft mein stiller Wunsch, Maler zu werden. Noch heute vertreibe ich mir die Langeweile oftmals durch Aquarellmalereien. Als Motive wähle ich zumeist Berglandschaften mit einsamen Waldgehöften, Forsthäuschen und Waldkapellen. Aber noch vieles andere wollte ich werden. – Ich wollte ein „Robinson“, ein „Buffalo Bill“, – ein „Eremit“ werden. Ich muss noch heute über diese Träume lächeln. Nur eines wollte ich gewiss nicht werden, habe Gott nicht darum gebeten, mich das werden zu lassen, was ich nun bin: – ein Kreuzträger.

Nach dem in meiner Jugendzeit herrschenden Brauch wurde ich mit dem 12. Lebensjahr zur ersten hl. Kommunion zugelassen. Die holdseligen Klänge diese Tages hallen noch manchmal leise in mir: – sie hallten mächtig, als später mein erstes Kind dieses Glück hatte; ich hörte das Schellen des Glöckleins, hörte, – fühlte das: Domine nun sum dignus. – Da sind mir Einsamen, der – ans Krankenlager gefesselt – nicht der erhebenden Handlung beiwohnen konnte, stille Tränen des Glückes und der Wehmut geflossen, – hinein in ein Gebet der Ergebung: „Herr, Dein Wille geschehe.“

Nun noch einmal zurück in meine Jugendtage. In besonders lieber Erinnerung steht mir die Geschichte unseres Kaplans Iseke, der wohl ein Vetter des großen Hermann Iseke war (jetzt ist er Pfarrer im Magdeburgischen). Vorzüglich war es seine Art, einen Tadel über Ungebührliches auszudrücken, ohne zu verletzen. Mit kindlicher Liebe hing mein Herz an diesem edlen, jungen Priester. Leider wurde er in den letzten Jahren meiner Schulzeit versetzt und kam nach Witterda bei Erfurt. Er war ein tüchtiger Organisator. In Lengenfeld hatte er die männliche Jugend unter der Fahne des hl. Aloysius in einem blühenden Jünglingsverein gesammelt. Leider ist der Verein später eingegangen. Mit hätte dieser edle Mann noch manches sein können! Auch in den Pfarrstellen trat ein Wechsel ein. Pfarrer Großheim wurde nach Bischofferode, Pfarrer Kirchner von dort nach Lengenfeld versetzt.

Schnell vergingen nun die Tage. Als nun unser lieber, alter Lehrer Kruse am Schluss des letzten Schuljahres fragte, was ich werde wollte, war mein Los entschieden. Ich gab die Antwort: „Ich gehe auf die Ziegelei.“ – Der Schule war ich nun entwachsen und musste hinaus ins Leben. Ich freute mich auf meinen Beruf ebenso, wie sich mancher Schulkamerad freute, „auf Studien“ zu gehen.

An einem der ersten Sonntage des Mai 1903 rüstete ich mich zur Reise. Die Beckmannsche Ziegelei in Dietzenrode war unser Ziel. Bei dunkler Abendzeit lief der Zug in Bad-Sooden Allendorf ein. Schwer bepackt mit Koffer und Decken schritten wir durch die schweigsamen Straßen des Werrastädtchens. Massig und dunkel ragten die Salinenwerke gegen den nächtlichen, sternenbesäten Himmel auf. – So schritten wir dahin, Witzels Anton und ich, der angehende Ziegelsteinbrenner, als zwei einsame Wanderer, teilend „Eichsfelder Los.“ – Bald hatten wir das Städtchen hinter uns und gingen vorüber an der raunenden Linde: „Am Brunnen vor dem Tore…“ Vom nahen Flussbette der Werra quakten die Frösche, an der Straße dufteten die Kirschbäume. Bald war Wahlhausen erreicht. Dunkel und still lag das Dörfchen da. In grauen Mauern Unkenklage, – irgendwoher der hässliche Schauerton einer Nachteule. – Am Ausgange des Dorfes schimmerten im Mondlichte die Leichensteine des Friedhofes. Ich drückte mich näher an meinen schweigsamen, stark ausschreitenden Begleiter. Um Mitternacht erreichten wir das Ziel und stiegen die primitive Stiege des Ringofens hinan. – Gasgeruch erfüllte die Luft. Da stand im Hintergrunde mein ältester Bruder Christoph. Schwach leuchtete das Licht einer Öllaterne über den geheimnisvollen Raum. Mein Bruder, der Brenner, hob gerade eine Verschlusskapsel und speiste die feurige unterirdische Glut. – Unter uns eine glühende Lavamasse. Das war nun für mich die Stätte meines zukünftigen Schaffens. –

Nach kurzer Begrüßung schritt uns mein Bruder mit der Laterne voran. Knarrige Stiegen ging es hinauf – eins – zwei – drei Stock höher. Zu beiden Seiten kohlenverstaubte Ziegelhürden. Endlich war unsere „Bude“ erreicht. Der Boden war in Lehm gestampft, die Tür fehlte gänzlich. Die Innendekoration bestand aus einer von den Zieglern selbst hergestellten Holzbank, drei selbst gezimmerten Lagerstätten aus wurmstichigen Brettern und einem ebenfalls selbst gebauten Tisch. Dieser Tisch war zwecks Verdeckung feiner Mängel mit Packpapier (Ofenschieberpapier) bedeckt. An den Wänden standen die Holzkoffer. Meine Eindrücke wurden abgeschwächt durch die Müdigkeit. Aus einer Ecke des Raumes kamen schnarchende Töne; dort lag ein Landsmann „mit froh Wanderblut“ süß schlummernd in Morpheus’ Armen. Mit nicht wiederzugebenden Gefühlen entkleidete ich mich. Wie schon erwähnt, hatte mich die ungewohnte Nachtwanderung recht müde gemacht und bald lag ich, in meine Decken gehüllt, in festem, traumlosem Schlaf.

Ein Rütteln weckte mich. Der Brenner, der meinen Bruder um 1 Uhr nachts abgelöst hatte, stand vor mir und gab mir Weisung, aufzustehen. Es war 5 Uhr morgens. Auf dem Tische stand der dampfende Kaffeekessel. Schnell kleidete ich mich an. – Als einziges Essgefäß besaß ich ein von Mutter eingepacktes „Kümptchen“. Dieses „Kumpts“ bediente ich mich zur Ausgießung des Morgenkaffees. Es war Bohnenkaffee und wurde ohne Milchzusatz getrunken. Um sparsam zu wirtschaften und recht viel „übrig“ zu haben, nahm ich mir meine älteren, verheirateten Arbeitsgenossen zum Vorbild und machte mir gleich diesen „Proklamation“. – Diese Bezeichnung ist in der Zieglersprache gängig. Zu Deutsch sind es „Brocken“ mit Kaffeeaufguss. Nach Beendigung dieser Stärkung ging es mit den anderen hinab.

Mein Bruder, der „erste Brenner“, bemühte sich, mit die Anfangsgründe der Tonbrennkunst theoretisch zu erläutern. Von diesen Ausführungen begriff ich zunächst sehr wenig. Meine praktische Arbeit bestand im regelmäßigen „Schmeißen“ der Kohlen in die Kapselöffnungen des Ringofens, wo in unterirdischen Kammern die glutzitternden Feuerwellen lohten. Zur pünktlichen Einhaltung der Feuerungspausen übergab mir der Bruder seine Taschenuhr.

Außerdem oblag mir noch das Kochen. Nebenbei bemerkt sei, dass der Lohn ganze 8 Reichsmark pro Woche für mich war. Trotzdem ich ja in der „Kochkunst“ keinerlei Ausbildung hatte, gelangen mir die Suppen zu Mittag und die Pellkartoffeln zu Abend „vorzüglich“. Das „Selbstgekochte“ schmeckte mir besser, als die ungleich besseren Mittags- und Abendgerichte an Mutters Tisch es getan hatten. Im Kochen hatte ich nun auch für Abwechslung zu sorgen. Der „Küchenzettel“ wurde deshalb „eingeteilt“. Der Verfasser desselben war Witzels Anton, der mit Folgendes nahe legte: „Erster Tag: Bohnen mit Kartoffeln und Schwarten, – zweiter Tag: ‚Böhnchen dito’, – dritter Tag: Erbsen dito, – vierter Tag: ‚Erbserchen’ dito. – Dann wieder wie erster Tag.“

Nachdem ich nun den Kommunekochtopf in „Schwung“ gebracht und zum ersten Male nach Vorschrift geschmissen hatte, sah ich mir die nähere Umgebung einmal genauer an. Durch das enge Tal rauschte ein Bach, ähnlich meiner heimatlichen Frieda. Aus den waldigen Berghängen schallten Amsellieder. Saftige Wiesenflächen schmiegten sich zu beiden Seiten des Bachlaufes, der sehr fischreich war. Das war noch mein Eichsfeld, meine Heimat; nur fehlte mir das traute Elternhaus.

So gingen nun die ersten zwei Wochen vorüber und ich hatte den ersten freien Sonntag. Am Vorabend desselben hatte ich zum ersten Male „Löhnung“ auf Abschlag. Nach Abrechnung der Kommune erhielt ich ganze 5 Mark Abschlagszahlung. Das war zwar herzlich wenig; aber es war mein erstes Geld, das ich selbst verdient hatte und ein blankes Fünfmarkstück. So schritt ich mit Herzensfreude dahin, mit meinem Landsmann den Sonntag im Heimatdörfchen zu verbringen. Unser Weg führte über den Sickenberg hin nach Allendorf, wo wir den Zug bestiegen, der Heimat entgegen. – Den Weg über Wahlhausen hatte ich schon am Sonntag zuvor kennen gelernt, als mich die Erfüllung der sonntäglichen Pflicht in das kath. Kirchlein nach Allendorf führte. Dass ich in der kurzen Zeit meiner ersten Abwesenheit den Wert der Heimat und des Elternhauses erst recht schätzen gelernt habe, brauche ich wohl nicht näher zu betonen und zu begründen. – Schnell gingen die wenigen Stunden der ersten Heimkehr vorüber und am Abend führte uns der Zug wieder an unsere bekannte Arbeitsstätte. Mit dem „Übrighaben“ hatte es ja nach den vorhergehenden Erläuterungen gute Wege. Aber ich wollte „aushalten“.

Das kleine Dörfchen Dietzenrode wurde mir schnell bekannt. Das Dorf wurde auch von meinem Vater, der dort als der „Wollenmann“ bekannt war, auf der „Tour“ besucht. Die Bewohner waren alle „echte Leutchen“ und mit wohlwollend gesinnt. Bei „Rollfranz“ deckten wir unseren Bedarf an Kommunesachen, als Kaffee, „Titschen“ und „Hülsenfrüchten“. Meine Arbeitszeit währte von morgens 5 Uhr bis abends 8 Uhr. An Sonntagen, die nicht frei waren, begann meine Frühschicht um 3 morgens und währte bis 6 Uhr morgens, wo ich abgelöst wurde, um das Sonntagshochamt in Allendorf noch zu erreichen. Der nächstfolgende jeweilige Sonntag war frei und wurde regelmäßig in der Heimat verbracht. Nach Feierabend knetete ich, wie einst zu Hause, wieder Tonfiguren. Sie wurden mit gebrannt und kamen mit nach Hause.

II

Im Hochsommer wurde mein Heimatdörfchen schwer durch Typhus heimgesucht und manche junge Menschenblüte sank ins Grab (ich habe eine kleine Erzählung geschrieben, die diese Ereignisse streift.). So ging der Sommer dahin und der Herbst kam heran. Die „Campagne“ ging zu Ende und ich kehrte nach Hause zurück.

Inzwischen hatte ich zu meinem Schrecken entdeckt und eine ärztliche Untersuchung bestätigte es, dass ich als Folge einer im Frühjahr gehabten rheumatischen Erkrankung einen „Herzklappenfehler“ hatte. Ich machte mir daraus allerdings nicht viel, jedoch war dieser Umstand ausschlaggebend, dass ich die der Ziegelcampagne nachfolgende Zuckercampagne nicht mitmachte (das Leben und Treiben auf den Zuckerfabriken ist mir unbekannt. Es soll aber etwas angenehmer sein als das Ziegeleileben.). Es wurde mir geraten, einen leichten Beruf zu wählen. Was war nun zu beginnen?

Doch wozu waren hier am Orte zwei flott gehende Zigarrenfabriken? Da gab es „leichte Arbeit“ und so kam ich in eine solche Fabrik. Zumeist waren darin weibliche Arbeitskräfte beschäftigt; aber ich fand da auch einige Jungens und Burschen, die den gleichen weg eingeschlagen hatten. Anfangslohn war 50 Pfg. pro Tag und am Wochenschluss 6 Rauchzigarren (aber an Vatern abgeben!). Weitere Schilderungen des Lebens und Treibens in einer Zigarrenfabrik übergehe ich. Die Tabakbranche ist eine heute auf dem Eichsfelde allgemein bekannte Industrie. Die Bahndlung war mir gegenüber von den verschiedenen Werkmeistern gut. Schläge habe ich nicht bekommen, obwohl selbe auch bei der Ausbildung der Lehrlinge üblich waren. Mit gefiel das Fabrikleben nicht recht. Aber was nun beginnen?

Es entstand allmählich der Plan, mich „selbständig“ zu machen. So kaufte ich mir von meinen kleinen Ersparnissen an Sonntags- und Rauchzigarrengeld zunächst einige Wickelformen und eine Presse, schaffte nach und nach alles weitere Erforderliche an, so dass ich 1910 herum meinen „Betrieb“ in kleinstem Ausmaße eröffnen konnte. Hier war ich Arbeiter, Meister, Geschäftsführer und Chef in einer Person. Die Sache wollte anfänglich nicht recht klappen. Aber ich hatte etwas von der Zähigkeit meines Vaters ererbt und 1914 hatte ich ein kleines, gut gehendes Geschäftchen mit einem regelmäßigen Abnehmerkreis.

Die folgenden Kriegsjahre übergehe ich in der Schilderung meiner Geschäftsentwicklung. Jeder weiß, was sie gebracht haben. Am allerbesten weiß es jeder kleine Geschäftsmann, der gerungen hat, sein Geschäft und seine „alte, bewährte Kundschaft“ zu erhalten und sich abgemüht hat, sein Geschäft auf reeller Grundlage, abseits von jedem Schieber- und Wuchertum, weiter bestehen zu lassen. – Es war für mich, wie für viele andere, vergebens. Gleich diesen habe ich es nicht verstanden, es „richtig“ zu machen. Ich weiß, auch mein Vater, wenn er diese schlimmen Zeiten erlebt hätte, wäre zu Grunde gegangen. – und doch – er war ein Geschäftsmann. Ich kann mich getrost zu den „Kriegsopfern“ rechnen, obgleich ich nicht vor dem „Feind“ gestanden habe.

– – Der geneigte Lese muss mir nun, nachdem ich das auf mein Geschäft Bezügliche erläutert habe, noch einmal zurückfolgen in die Jahre 1914 und 1915. Infolge des bestehenden Herzleidens war ich als D.U. (dienstunfähig) ausgemustert worden. Ich wurde also zu Beginn des Krieges nicht einberufen und konnte weiter meinen Geschäften nachgehen. Nach mehrmonatlichem Leiden starb am 28. Januar 1915 meine Mutter. Es war dieser Tag der schwerste meines Lebens. Meine Mutter, sie mochte für andere Menschen sein, was sie wollte, – für mich war sie eine Heilige. Wie oftmals hatte sie bei mir gesessen in der Zeit, als ich selbständig war, hat mir erzählt von ihrem Lebensweg, der wahrhaft ein dornenvoller Kreuzweg gewesen ist. An ihrem starken Geist habe ich mich, wenn Zagen und Klagen kamen, aufgerichtet. Ich habe sie nicht vergessen, ihre Erlebnisse aus der Jugend. Da musste auch sie hinaus, mit dem Spinnrocken, ins „Paderborn’sche“. – Und ihr erster sauer verdienter „Spinntaler“, – der wurde ihr auf dem Liborifeste in Paderborn vor einer Gauklerbude von einem Taschendiebe entwendet. Auch von ihrem Vater, ihrer Mutter, ihren Verhältnissen, von Bischof Konrad Martin und vielem anderen hat sie mir erzählt. – –

Mein Vater, der ebenfalls bei meiner Mutter Tod krank war, übergab mir das Häuschen durch Kauf. So war für mich die Zeit gekommen, an eine Lebensgefährtin zu denken. Eine solche fand ich in meiner früheren Arbeitsgenossin, welche mit mir am gleichen Arbeitstisch gesessen hatte, Eleonore Hahn, geb. 13. Nov. 1894. Am 13. November 1915 wurden wir in der Pfarrkirche zu Lengenfeld getraut. Dem Ernst der damaligen Zeit entsprechend, wurde von einer größeren, häuslichen Feier Abstand genommen. Am 30. Februar 1916 starb auch mein Vater. Die Geburtsdaten der unserer Ehe entsprossenen Kinder sind: 29. Juni 1916 Josef, 21. Mai 1918 Margaretha, 11. Mai 1920 Katharina.

Am 1. Nov. 1917 wurde ich als Landsturmmann einberufen und kam zur Luftschiffer-Ersatzabteilung 3 Darmstadt. Am 8. Nov. 1917 erfolgte sodann meine Versetzung zum Ersatz-Luftschifferbattl. 5 nach Schneidemühl. Am 30. Dezember 1917 wurde ich als „dienstunbrauchbar“ ohne Versorgung entlassen.

Der Weltkrieg war formell vorbei. Es kamen allerlei Verfügungen und Gesetze, welche die freie Betätigung des kleinen Geschäftsmannes unmöglich machten oder doch stark erschwerten. Der Wert des Geldes sank. Der Verband deutscher Zigarrenhersteller gab für Tabakerzeugnisse Richtpreise heraus, welche den schnell höher steigenden Rohstoffpreisen nicht folgen konnten. Zudem war das Banderolensteuergesetz geschaffen worden. Die stets wechselnden Preise für Tabakerzeugnisse bedingten, um sich nicht straffällig zu machen, einen Umtausch der gekauften Banderolenzeichen. Da das Zollamt nicht hier am Platze, sondern in Heiligenstadt war, entstanden Schwierigkeiten. Zudem erhob die Gemeinde zu der vom Steuerausschuss des Kreises festgesetzten Gewerbebetriebssteuer noch ungeheuerliche Zuschläge. Dies und anderes, das anzuführen schließlich zu langatmig würde, war geeignet, mir die letzte Lust an diesem mit so vieler Mühe und Ausdauer aufgebauten Berufe zu nehmen. Ich sah ein, die Zigarrenbranche bot für den kleinen Mann keine Zukunft und ich stellte, indem ich mich dem Handel mit Wollwaren, also dem Berufe meines Vaters, zuwandte, die Fabrikation von Tabakerzeugnissen ein. Mit der gleichen Hingebung widmete ich mich nun meinem neuen Berufe. Das Wandern in der frischen Luft tat mir körperlich und geistig wohl. Alte Lieferanten meines Vaters ließen auch mich nicht im Stich.

Da kam das Jahr 1923 heran, das das Ärgste und nicht Geahnte im Verfall der Zahlungsmittel brachte. Schon zu Anfang des Jahres machte sich das alte Übel, Rheumatismus, wieder bemerkbar. Die Sorge um meine Familie, welcher ich gern die Not erspart hätte, ließ mich auf die warnenden Zeichen wenig achten. Da trat im Juni des Jahres 1923 ein neuer heftiger rheumatischer Anfall ein. Fieber gesellte sich hinzu. Die rheumatische Erkrankung dehnte sich über alle Glieder aus. Steif und hilflos musste ich annähernd 20 Wochen liegen. Entsetzlich stieg währenddessen die Geldentwertung. Ich, der ich gespart und geschafft hatte für die Tage der Not, war bettelarm geworden. Die Krankheit hatte das Herz angegriffen. Die damaligen Zustände brachten mich, wo mir Ruhe vor allen Dingen Not getan hätte, in eine Aufregung nach der anderen. Es kamen Mahnungen vom Finanzamt. Ungeheure Zahlen gingen mir im Kopfe herum, – Summen, welche mir abverlangt wurden für die Rhein- und Ruhrabgabe, „Vermögenssteuer“ und wie die Titel alle hießen. Dabei hätte ich für all’ mein Vermögen nicht ½ Zentner Brotgetreide kaufen können. Es kam nichts ein und die tolle Inflation ging weiter. Das vorher kompensierte Herzleiden, welches mir wenig oder gar keine Beschwerden machte, hatte sich bedeutend verschlimmert. Ich wusste nun, dass ich meinem Berufe nie wieder nachgehen konnte. Nun war ich Familienoberhaupt, sollte eine 5-köpfige Familie durchbringen und war schwer herzkrank. Was ich nun bei Erkennen meiner Lage gelitten habe, – und heute noch leide, – weiß Gott allein. Da sprang meine wackere Frau beherzt ein und nahm zu ihren schon vorhandenen Lasten noch die des Erwerbs für uns alle auf sich. Sie versieht bis heute diesen Posten, steht aber zur jetzigen Zeit des Geldmangels und der Arbeitslosigkeit auf recht undankbarem Arbeitsgebiet. –

Im Frühjahr 1925 machten sich die Folgeerscheinungen meines schweren Herzleidens mehr und mehr bemerkbar. Schlaflose Nächte waren mein und meiner Frau Anteil. Es trat Wassersucht ein. Um das Fest Peter und Paul herum war ich dem Tode nahe, den ich auch gottergeben als Erlöser erwartete. Mein Geist schwebte zwischen Himmel und Erde. Eigene traumhafte Empfindungen beherrschten mich; Furcht vor dem sicheren Tode hatte ich nicht. Ich kam mit zuweilen ganz glücklich vor, glücklicher wie in manchen gesunden Tagen. Der Hang und Drang zum Leben hatte aufgehört. Ich glaubte, nur tote Menschen könnten glücklich sein. Die guten Schwestern des hiesigen Elisabeth-Krankenhauses, arme Franziskanerinnen pflegten mich und wachten. Meine in Erfurt wohnenden Geschwister eilten an mein Schmerzenslager. Am Feste Peter und Paul war ich mit den Sterbesakramenten versehen worden. Acht Tage später war die Not aufs Höchste gestiegen. Ich bekam eine Einspritzung in den linken Unterarm. Der Arzt verabschiedete sich und eine halbe Stunde lag ich in todstarrem Schlaf. Wie ich später erfuhr, hat man während dieser Zeit die Sterbegebete an meinem Lager gebetet. Sieben Stunden währte dieser Zustand. Als ich erwachte, wusste ich von alldem nichts. Mein Befinden blieb einige Tage auf dem gleichen Stande, d.h., es wurde nicht besser und nicht schlechter. Da trat auf einmal eine Wendung ein. In wenigen Tagen verlor ich das Wasser völlig und konnte schon nach acht Tagen eine kurze Zeit auf meinem Hofe auf- und abgehen. Mein Herzleiden aber ist geblieben und wird bleiben. Ich bin am Ende. Ein Menschenschicksal habe ich geschildert. Dieses Schicksal geht weiter. Ich weiß nicht, was die Zukunft noch für mich im dunklen Gewande birgt. Aber ich ahne, – es ist noch viel Kreuz für mich vorgesehen. Sei dem, wie ihm sei. Ich bin ein Kreuzträger geworden. Meine treue, liebe Frau trägt das Meine mit und das Ihre ganz. Aber wir beiden danken Gott, dass er uns dazu auch Ergebung und Mut gegeben hat.

Um die Zeit meines 16. Lebensjahres herum fiel mir ein Blatt der „Eichsfelder Volkszeitung“, Dingelstädt, in die Hand. Dies Blatt war hier noch wenig bekannt. Ich setzte mich mit dem Redakteur und Verleger desselben in Verbindung und fragte an, ob ihm meine Mitarbeit an seiner Zeitung erwünscht wäre. Die Antwort fiel bejahend aus und wurde ich um Einsendung einer Probe ersucht. Ich schrieb darauf einen kleinen Artikel über die Lindenfällungen am Klüschen und über den Bildstock selbst. Daraufhin wurde ich als Mitarbeiter angenommen. In diese Zeit fällt die Abfassung meiner ersten Gedichte, welche aber nicht veröffentlicht wurden und verschwanden, wie sie gekommen waren. Bei Eintritt unseres alten Lehrers Kruse in den Ruhestand ließen wir als seine ehemaligen Schüler es uns nicht nehmen, ihm eine kleine Ovation zu darzubringen. Aus diesem Anlass verfasste ich damals (in der Zigarrenfabrik) ein Gedicht, welches dann auch von einem Mädchen bei der Ovation vorgetragen wurde. Dasselbe machte unserem lieben, alten Lehrer sichtlich Freude. Um diese Zeit schrieb ich dann außer kleinen Gedichten, welche ich aber wieder vernichtete, zwei Novellen, die aber nicht veröffentlicht wurden. –

Ich habe immer gern auf Vereinsbühnen mit Theater gespielt und habe mich oftmals mit dem Gedanken getragen, ein Theaterstück heimatlichen Charakters zu verfassen. Vielleicht versuche ich es noch einmal! – Nach den „tollen Flegeljahren“, also als ich über 20 Jahre alt war, habe ich die Dichterei gelassen, dem Grundsatz huldigend: „Schuster, bleib bei deinem Leiste!“… Erst im Winter und Frühjahr 1925 erwachte die alte Neigung wieder. Um Himmelfahrt 1925 herum wurde meine erste Dichtung im „Eichsfelder Heimatboten“ veröffentlicht. Selbige war betitelt „Der vergrabene Klosterschatz“. Als mir die Veröffentlichung zu Gesicht kam, habe ich mich gefreut, sah aber auch Mängel meiner Arbeit ein. Durch Anregungen meiner Freunde und Bekannten in Heimat und Fremde sah ich mich veranlasst, einige weitere kleine Sachen einzusenden, die ebenfalls veröffentlicht wurden. Was ich veröffentlicht habe, wurde von mir in der Absicht geschrieben, meinen lieben Landsleuten in Heimat und Fremde ein wenig Freudenbringer zu sein. In dieser Absicht hoffe ich, noch weitere Sachen bringen zu können. Sie sollen in ernster und auch heiterer Art Ausdruck dessen sein, was mir in der Seele klingt und singt. Und so sollen sie mir das wenige Gute sein, was ich noch tun kann, selbst ein Leid- und Kreuzträger, andern noch ein wenig Sonne zu geben.

Adam Richwien,
im Sommer 1926

Soweit das, was Adam Richwien von sich selbst und seinem Schaffen schrieb. Nicht ohne innere Ergriffenheit kann man heute, nach seinem Tode, lesen, wie bescheiden und doch auch wie groß er von einer Dichtkunst dachte. Seit er im Sommer 1926 die obigen Sätze schrieb, sind 2 Jahre für ihn gekommen, die er aufs Beste ausgenutzt hat. Skizzen, Erzählungen, Gedichte in reicher Fülle, sowie dem Entwurf eines Theaterstückes, betitelt „Szenenbilder aus dem Leben der hl. Elisabeth“, hat er geschaffen. Wie er uns am 18. September – 7 Tage vor seinem jähen Ableben – schrieb, wollte er den beiden Szenen eine dritte anfügen, – „St. Elisabeth im Elend, – ihr seliger Tod“ – aber er ist nicht mehr dazu gekommen. Eigentlich sind es nur drei Jahre – 1925-1928 – gewesen, in denen Richwien durch seine allseits geschätzten, von außerordentlicher natürlicher Begabung zeugenden, dichterischen Beiträge, die in den heimischen Zeitungen erschienen, mit der weiteren Öffentlichkeit in Berührung kam. Sein Büchlein „Dorfheimat“, offenbar das Beste seiner Feder enthaltend, hat ihm viele Freunde und aufrichtige Anerkennung eingebracht. Fritz Fuldner, der mit größtem Interesse die Arbeiten der heimischen Volksdichter Albert Hörning, Albert Fritsch (Diedorf) und Adam Richwien verfolgte, schätzte vor allem die religiöse Lyrik des Letzteren. Hier gab derselbe wirklich sein Innerstes, sein Tiefstes. Wer denkt nicht an Luise Hensel oder Guido Görres, wenn er Adam Richwiens Verse liest, die der Dichter zur „Jahreswende“ schrieb:

„– – Wie rennen schnell des Jahres bange Tage,
Wo ich des Leids gefüllte Becher trank!
Vorbei! – Was in des neuen Jahres dunklem Schleier liegt. –
Ich weiß es nicht.
Doch eines weiß ich: – Gott Vaterhände
Regieren weisheitsvoll das ganze Weltgescheh’n,
Und so vertrau’ auch ich an des Jahres Wende,
Dass er nur Gutes für uns vorgeseh’n,
Dass alle wohl in seinem Plane liegt,
Drum zag ich nicht…“

Zum Tode Adam Richwiens

Ein Dichter starb,
Ein Freund ist heimgegangen.
Nun, mit seinem Genius vereint
Klagt um den Toten noch
Erinnerungsvolles Bangen,
Die Heimat weint.

Albert Fritsch