Adam Richwien: Die Wiedereinweihung der Lengenfelder Lourdesgrotte (1926)
Ein wiederentdecktes Kapitel in der Geschichte der Lourdesgrotte am Dünberg
Ein bislang gänzlich unbekannter Beitrag des Lengenfelder Heimatdichters Adam Richwien (1889 – 1928) ergänzt die Geschichte der Lourdesgrotte am Dünberg um mehrere wichtige Facetten. Richwiens Beitrag fand sich in der wiederentdeckten Zeitungsbeilage „Hülfensberg-Glocken“, die von 1924 bis 1931 als Beilage zum Bonifatiusboten erschien.
In dieser heimatverbundenen Publikation veröffentlichte Adam Richwien bis zu seinem frühen Tod im September 1928 zahlreiche Erzählungen, Gedichte und humorvolle Anekdoten – sowohl unter seinem eigenen Namen als auch unter einem Pseudonym. Der nun wiederentdeckte Artikel zur Lourdesgrotte stellt eine bislang unbekannte Quelle zur Geschichte dieses Lengenfelder Kleinods dar.
Der Beitrag Adam Richwiens wird durch zwei weitere zeitgenössische Zeitungsmeldungen aus dem Jahr 1926 ergänzt, die den Hintergrund der damals erfolgten Instandsetzung der Lourdesgrotte beleuchten. Bereits am 8. August 1926 berichteten die „Hülfensberg-Glocken“:
„Die von den Unbilden der Witterung hart mitgenommene Lourdesgrotte soll wieder hergestellt werden; bis zum Feste Mariä Himmelfahrt sollen die Wiederherstellungsarbeiten beendet sein.“
Nur wenige Tage später erschien im Eichsfelder Volksblatt vom 19. August 1926 ein ausführlicher Bericht über den Abschluss der Erneuerungsarbeiten und die bevorstehende Neueinweihung der Andachtsstätte:
Lengenfeld unterm Stein, 18. August 1926
Die Erneuerungsarbeiten an der Lourdesgrotte sind nunmehr in der Hauptsache beendet. Die Neueinweihung der Andachtsstätte wird voraussichtlich am Feste Mariä Geburt, dem Tage des Kirchenpatrons, erfolgen. Wegen dieser Verlegung müssen die Vorbereitungen so getroffen werden, daß die Feier in allen Teilen erhebend und würdig gestaltet werden kann. Sicher wird uns dieser Tag wie früher viele Gäste aus der näheren und weiteren Umgebung bringen. Ohne Zweifel wird nach der Wiederaufstellung der Marienstatue dieser Platz geeignet sein, das religiöse Empfinden und Interesse zu wecken. Die Lage des Platzes ist überaus schön, da von der Südseite her die landschaftlichen Reize des Friedatales am besten auf den Beschauer wirken, besonders wenn er den Weg zur kleinen oder großen Kuppe nicht scheut. Die geringe Mühe wird reichlich belohnt. Wie gebannt ruht dort das Auge auf einem überaus wundervollen, malerischen Bilde. Die Grotte selbst ist vor etwa 30 Jahren von dem ehemaligen Kaplan Döring (jetzt Pfarrer in Pfaffschwende) erbaut worden. Auch Faulungen verdankt ihm eine Lourdesgrotte, die allerdings in einem anderen Baustile gehalten ist. Den Anlagen um die Grotte wird nunmehr wieder Pflege und Beachtung zugewandt werden. Die angepflanzten Linden- und Waldbäume haben im Laufe der Zeit weite Kronen gespannt und werfen reichen, kühlenden Schatten. Die würdige Ausgestaltung des Ganzen hängt aber ab von den zur Verfügung stehenden Mitteln. Wer an frühere Zeiten denkt, weiß, wieviel sich durch Opfersinn erreichen läßt. Darum gebe jeder, der mittun will, still und ungesehen sein Scherflein. Unsere liebe Frau wird’s sicher lohnen. (Quelle: Eichsfelder Volksblatt, 19. August 1926.)
Diese beiden zeitgenössischen Meldungen geben wichtige Hinweise auf die bislang kaum bekannte Phase der Wiederherstellung im Jahr 1926. Den eigentlichen Abschluss bildet der nachfolgend wiedergegebene Beitrag Adam Richwiens, der die Neuweihe der instand gesetzten Lourdesgrotte ausführlich schildert.
Adam Richwien berichtet darin zugleich über die Entstehung der im Jahr 1894/1895 errichteten Grotte am Dünberg und überliefert einen bislang unbekannten Abschnitt ihrer Baugeschichte. Die vorläufige Wiederherstellung im Jahr 1926 war im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit geraten und findet auch in der ausführlichen Kirchenchronik von Walther Fuchs aus dem Jahre 1984 keine Erwähnung.
Bislang galt lediglich als gesichert, dass die erste Lourdesgrotte am Dünberg im Jahr 1928 infolge eines durch unterirdisches Wasser entstandenen Hohlraums am Fundament endgültig beschädigt wurde und zerfiel. Der wiederentdeckte Beitrag Adam Richwiens schließt damit eine Lücke in der überlieferten Geschichte der Anlage und erweitert die Kenntnisse über die letzten Jahre der ursprünglichen Grotte.
Die besondere Verbundenheit des Heimatdichters mit diesem Ort zeigt sich bereits in seinem 1927 erschienenen Buch „Dorfheimat – Erinnerungen eines Dorfjungen“. Darin widmete Adam Richwien der Entstehung der Grotte ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Wie sie die Grotte am Hang bauten“.
Nach dem Verlust der ersten Lourdesgrotte im Jahr 1928 vergingen mehr als fünf Jahrzehnte, ehe der Gedanke an einen Neubau wieder verwirklicht wurde. Im Jahr 1979 begann nach einem Entwurf des Kirchenmalers Joseph Richwien die Errichtung der heutigen Lourdesgrotte. Im Oktober desselben Jahres war die Anlage vollendet; die feierliche Einweihung erfolgte am 4. Mai 1980. Im Jahr 2030 blickt dieses Bauwerk somit auf 50 Jahre Geschichte zurück.
Oliver Krebs (Lengenfelder Ortschronist)
im Juli 2026
Der wiederentdeckte Beitrag des Lengenfelder Heimatdichters Adam Richwien aus den „Hülfensberg-Glocken“, wird nachfolgend im originalen Wortlaut wiedergegeben.
Die Lourdesgrotte von Lengenfeld
Am Sonntag den 5. September fand, vom herrlichsten Wetter begünstigt, die Neuweihe der neu instand gesetzten Lourdesgrotte statt. Nach beendetem Hochamt zog die Gemeinde in geschlossener Prozession unter Absingung herrlicher alter Marienlieder hinauf zum Dünbergshaupt zur sinnig geschmückten Grotte, wo die Statuen der Unbefleckten Empfängnis und der Bernadette wieder Aufstellung gefunden hatten.
Der Grottenglöckleins Geläut begrüßte den heraufsteigenden Zug. Oben angelangt sangen Schüler und Schülerinnen der ersten Klasse unter Leitung unseres Herrn Hauptlehrers Jünemann einige mehrstimmige Marienlieder.
Es folgte eine kurze Andacht. Sodann bestieg Herr Pater Hilarius Hosbach, ein Sohn unserer Gemeinde, der gegenwärtig hier zum Besuche in seinem Elternhause weilt, den Sockelvorbau der Grotte und hielt eine erhebende Festansprache. An liebe Heimatjugenderinnerungen anknüpfend, zeigte er, wie vor etwa 30 Jahren die Grotte unter Opfern entstand, was sie ihm selbst und uns allen – und auch denen gewesen, die nun schon drüben im Schatten des Friedhofskreuzes ruhten.
In warmherzigen Worten legte er der Gemeinde die Erhaltung der Grotte ans Herz, wandte sich an die manchmal zu Mutterwillen neigende Jugend, ermahnend, die Andachtsstätte als ein Erbe der Alten nur mit Ehrfurcht zu betreten.
Seine Worte waren von glühender Heimatliebe getragen. Ein echter Eichsfelder — der die Eigenheiten der Heimat — ihre Nöte kennt, stand im schlichten Ordenskleide des hl. Franziskus vor uns.
An Maria wies er alle, die uns beten lehren könne. Insbesondere wies er aber die Kreuzträger, von denen er wisse, daß sie eine große, ja die allergrößte Ordensgemeinschaft der Erde seien, zur Gottesmutter und schloß mit dem Weihegebet: Maria Mutter Gottes mein — laß mich ganz dein Eigen sein …
Sodann segnete Herr Pfarrer Kirchner die Andachtsstätte unter Gesängen und Gebeten neu ein. So möge nun die Grotte, die nun wieder in alter Schönheit erstanden ist, uns wieder sein, was sie war. Dank allen, die zur Erhaltung der Andachtsstätte durch irgend ein Opfer beitrugen und noch beitragen werden!
– Auswärtigen Vereinen, besonders den Jungfrauen- und Jünglingskongregationen, die ein Ausflug nach dem schönen Lengenfeld führt, ist ein Aufstieg zur Grotte zu empfehlen.
Adam Richwien
(Quelle: „Hülfensberg-Glocken“, in: Beilage zum „Bonifatiusboten“, Nr. 38/1926, vom 19. September 1926)