Altes Brauchtum auf einer obereichsfeldischen Kirmes

Eichsfelder Kirmes! – Wer denkt da nicht an Schmandkuchen, Hammel- oder sonstigen Braten, an Musik und Tanz auf dem Dorfanger? Eine höhere Weihe erhält das Fest durch die kirchliche Feier. Das ist ja schon in dem Namen Kirmes= Kirchweih enthalten. Damit ist aber der Umfang und die Bedeutung des Festes durchaus nicht erschöpft.

Die Wurzeln des Festes scheinen in eine ferne, vorchristliche Zeit zurückzugehen, trotz des Namens und trotz kirchlicher Feier. Es liegen keine Urkunden und keine Berichte über die älteste Bedeutung und Gestaltung des Festes vor. Wir erkennen aber ganz deutlich an gewissen Sitten und Gebräuchen bei der Kirmesfeier, dass wir es hier mit einem uralten germanischem Feste zu tun haben. Freilich nicht überall haben sich solche Gebräuche bei der Kirmes erhalten. Im Allgemeinen ist ja leider die „Verstädterung“ an derartigen ländlichen Festen soweit vorgedrungen, dass vielfach nur ein nichtssagender Festrummel mit Schmauserei und Tanz übriggeblieben ist. Will man noch einen Hauch der alten deutschen Vergangenheit bei einem solchen Feste verspüren, so muss man schon in ein eichsfeldisches Dörfchen wandern, das abseits vom modernen Verkehr liegt, wo man sich eben noch erfolgreich gegen allzu weit gehende Verstädterung gewehrt hat. Wer Augen hat zu sehen, der sieht da noch manches, was uns die uralte Kultur unserer Vorfahren schauen und erleben lässt.

Welches sind denn nun Kirmesbräuche solcher Art? – Ich denke da in erster Linie an die Sitte des „Hammelholens“: Am dritten Kirmestag machen sich die jungen Burschen, die zum „Gelage“ (=Mitgliedschaft für die Kirmesfeier) gehören, auf, wählen aus einer Herde einen Hammel aus, – sicherlich das größte und schönste Tier der Herde – schmücken das Tier mit Kränzen und Blumen und führen es in ihrer Mitte auf einem großen Leiterwagen unter Musikbegleitung und festlichem Jubel durch das Dorf. Darauf wird das Tier geschlachtet, ein festlicher Schmaus beschließt die ganze Kirmesfeier. Die feierliche Einholung des Tieres, seine Bekränzung, die darauffolgende Schlachtung und das sich unmittelbar anschließende Festmahl weisen ganz unzweifelhaft auf ein vorchristliches altgermanisches Tieropfer hin. Die Opfertiere wurden im Altertum immer bekränzt! Ob bei diesem der Kirmesfeier zugrunde liegenden altgermanischen Feste von jeher ein Hammel oder gelegentlich auch ein untadeliges Pferd geopfert wurde, ist für die Beurteilung der Sache unwesentlich. Es ist aber merkwürdig und höchst interessant, dass sich hier – trotz Christentum und moderner Zivilisation – ein altgermanischer Opferbrauch, bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Wir wissen, dass bei der Einführung des Christentums in Deutschland die christlichen Priester mit allen Mitteln versucht haben, die Sitte der Tieropfer auszurotten; denn an Schlachtopfern hatten sie ja wirklich kein Wohlgefallen. Durch Karl den Großen wurden solche Opfer sogar bei Todesstrafe verboten. Auch das „Kirmesopfer“, wie wir es der Kürze halber nennen wollen, ist sicherlich streng verpönt gewesen. Anscheinend ist es aber zunächst längere Zeit heimlich weiter betrieben worden. Später, als unsere Vorfahren gute Christen geworden waren, empfand man wohl nicht mehr den ursprünglichen „heidnischen“ Sinn dieser Sitte und man hat sie dann als nunmehr harmlos und ungefährlich geduldet.

Das Christentum ist heute dieser alten Sitte nicht mehr feindlich gesinnt, aber ein anderer Feind könnte hier Gefahr bringen – die Verstädterung oder Zivilisation. Man hat nämlich auch schon in dem Kreise der urwüchsigen und unverbrauchten Jungmannschaft auf dem Dorfe herausgefunden, dass frischgeschlachtetes gebratenes Hammelfleisch etwas zähe ist. Man holt nun zwar nach wie vor den Hammel feierlich ein, gibt ihn aber dann der Herde wieder zurück und lässt sich ein Mahl von anderem Fleisch, das schon einige Tage „abgehangen“ ist, nach allen Regeln der Kunst bereiten. Hoffentlich geht dadurch nicht später einmal die alte schöne Sitte des „Hammelholens“ überhaupt zugrunde.

Noch auf einen anderen, sicherlich schon vorchristlichen Brauch bei der Kirmesfeier möchte ich hier kurz eingehen: Die Kirmes ist ein Fest nicht für die gesamte Dorfgemeinde, sondern eigentlich nur für die unverheiratete heranwachsende Jugend beiderlei Geschlechts. Nur unverheiratete junge Männer werden zu dem Gelage zugelassen und Jungfrauen, und zwar solche, die es wirklich geblieben sind, sollen an dem Fest teilnehmen. Man sieht da heute noch auf strenge Zucht und Sitte.

Auf dem Dorfanger, auf dem sich wohl ursprünglich das ganze Fest abgespielt hat, dürfen auch heute nur noch Jünglinge und Jungfrauen tanzen, jedenfalls keine Verheirateten und keine Dorfschöne, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat. Sollte es dennoch einmal vorkommen, dass gegen diese strenge Sitte verstoßen wird, was sich ja im Laufe des Jahres wohl oder übel herausstellen muss, so muss vor Beginn der nächsten Kirmesfeier der Anger „gereinigt“ werden; und zwar geschieht das in der Weise, dass die jungen Burschen den Anger „abbrennen“, indem sie ein brennendes Bund Stroh rings um die Angerlinde herum über den Anger ziehen. Das geschieht sogar, wenn gegen das alte Herkommen verheiratete Leute auf dem Anger getanzt haben. Das Christentum übt die Reinigung durch geweihtes Wasser; die Reinigung durch Feuer weist sicherlich wiederum zurück auf die vorchristliche Zeit. Also man legte auch in der vorchristlichen Zeit großen Wert auf die Reinhaltung der unverheirateten Jugend und rügte einen Verstoß gegen die gute Sitte in der oben geschilderten Weise. Die christlichen Priester werden gegen diesen heidnischen Brauch nichts unternommen haben, weil er ganz in ihrem Sinne zur sittlichen Erziehung der Jugend beitrug. Auch heute noch dürfte einer Dorfschönen der Gedanke unangenehm sein, dass sie unter Umständen nicht an dem Tanz auf dem Anger teilnehmen dürfte oder dass ihretwegen der Anger „abgebrannt“ werden müsste.

Die Kirmes gehört also der unverheirateten Jugend. Die ältere Generation freut sich an dem Fest der Jugend und darf ehrenhalber auch einmal beim Tanze (freilich nur auf dem Saal, nicht auf dem Anger) mittun, wenn ein Reigen für die Verheirateten angesagt wird. Leider hat sich in dieser Hinsicht hie und da schon die „Verstädterung“ in übler Weise bemerkbar gemacht, indem – ganz im Gegensatz zu früheren Zeiten – neben der „Burschenkirmes“ (freilich getrennt davon) eine „Männerkirmes“ inszeniert wird, auf der man sogar allerhand sinnlosen Mummenschanz treibt, der gar nicht in den Rahmen das Festes hineinpasst.

A. Richwien, Nordhausen
(Quelle: „Eichsfelder Heimatborn“ 1957, Ausgabe unbekannt)