Walter Bondy: Bischofsteiner Kriegsberichte (1915)

Walter Bondy schreibt am 12. Januar 1915 aus Königsberg:

Ich verließ Anfang Dezember das Artillerieregiment in Bahrenfeld, da ich von dort aus gar keine Aussicht hatte rauszukommen. Außerdem wollte ich auch wirklich den Krieg mitmachen: als Artillerist ist das langweilig, da erlebt man nichts. Immer in einem Geschützgraben sitzen und auf unsichtbare Feinde schießen, das wollte ich nicht. Hindernisse, die mich früher hinderten, in ein Reiterregiment einzutreten, waren nun nicht mehr vorhanden. – Leider dauerte das Versetzenlassen 6 Wochen, die verloren sind. Ganz zufällig kam ich zu den elften Dragonern in Allenstein. Wann ich herauskomme, ist ganz unbestimmt. Es kann in ein paar Wochen sein, kann auch Monate dauern. Mein einziger Wunsch und Gedanke jetzt ist der, möglichst bald ins Feld zu kommen. Das wird ein interessantes Leben, da man dann meistens Melde- oder Patrouillenreiter ist. Es wird aber auch Zeit, dass ich ins Feld komme, denn ich bin ja schon 5 Monate Soldat. Beim Lesen der Bischofsteiner Chronik habe ich wirklich alle die Kerle beneidet, die schon im Felde sind.

Ich führe jetzt ein sehr anstrengendes Leben. Außer täglichem 10 Minuten Zeitunglesen, beschäftige ich mich nur körperlich. Um 4:30 Uhr morgens geht‘s los und dauert bis 6 Uhr abends. Die Pausen sind sehr knapp berechnet. Hauptsächlich sind wir im Stall. Pferdeputzen und Derartiges. Dann natürlich Reiten, Ausbildung als Infanterist mit dem Karabiner, dann Degen und Lanzenfechten. – Ich muss in der Kaserne wohnen, doch sind nur Einjährige in der Stube, und wir essen mit den Unteroffizieren zusammen. Das ist noch ein Vorteil. Sonst ist das ganze Kasernenleben ziemlich unangenehm, doch es ist gut, dass man sich auch an so etwas gewöhnt. Unangenehm ist der wenige Schlaf in schlechter Luft ...

Am 13. März 1915 schreibt er aus Russland:

„Endlich bin ich nun in der Front; seit 3 Tagen liegt die Schwadron in einem polnischen Dorf auf Ruheposten. 12 Stunden habe ich schon im Schützengraben gelegen, leider aber keinen Russen zu sehen gekriegt, da die Infanterie gut vorgearbeitet hatte. Jetzt faulenzen wir den ganzen Tag und führen ein herrliches Leben. Ich freue mich schon auf meinen ersten Patrouillenritt. Man spricht von Friedensverhandlungen. Heil und Sieg!“

Bondy schreibt am 7. Oktober 1914 aus Hannover:

… Als Vorbereitung für den Krieg sind einige von uns ganz plötzlich nach Hannover geschickt worden, um von dort mit Pferden über Lüttich und Namur nach Noyon zu fahren. Wir kommen bis zur Front und liefern dort die Pferde ab. Dann fahren wir wieder nach Hause. Das Ganze macht mir großen Spaß und ich freue mich schon sehr auf die Reise. In 14 Tagen sind wir wieder zurück.

Am 16. Oktober schreibt er aus Noyon:

… Nach einem 18 km langen Ritt von hier aus haben wir unsere Hannoverischen Pferde abgegeben und nun geht‘s heim. Leider dürfen wir nicht hierbleiben. 10 km von hier ist die große Schlacht an der Aisne. Man hört und sieht die Kanonen. Hier geht alles in bester Ordnung und es wird wohl auch alles gut gehen. – Hungern und Strapazen aushalten, lernten wir auch tüchtig.

W. Bondy schreibt am 4. November aus Bad Nauheim:

Anfang März kam ich als Gefreiter ins Feld. Die Russen waren gerade aus Ostpreußen vertrieben worden; an der ganzen Front hatte die Offensive aufgehört, und es entwickelten sich langwierige Stellungskämpfe. Mein Dragoner-Regiment lag hinter der Front in Ruhe. Abwechselnd lagen wir im Schützengraben oder in Quartieren bei unseren Pferden. Im Schützengraben bauten wir Unterstünde, besserten Gräben aus und faulenzten. Oft fanden ganz in unserer Nähe heftige Kämpfe statt, doch außer einigen Granaten, Schrapnells und pfeifenden Gewehrkugeln merkten wir wenig vom Ernst des Krieges. In den Ruhetagen putzten wir Pferde, legten Gärten an und taten sonst allerlei unnützes Zeug. Einige Wochen lang beschäftigten wir uns mit Straßenbau und ähnlichen Pionierarbeiten. Sehr froh waren wir, als unsere Schwadron einer neugebildeten Division als Divisionskavallerie zugeteilt wurde, als es endlich fortging aus der langweiligen, uninteressanten Stellung. Wir ritten nach einer kleinen ostpreußischen Stadt und wurden dort am Pfingstsonntag verladen. Es war am Tage der italienischen Kriegserklärung! Wir dachten sicher, wir würden nach Italien kommen, und uns aller bemächtigte sich ein bisschen die Stimmung der ersten Mobilmachungstage. – Mit der Karte und dem Kompass verfolgten wir unsere Reise. Unaufhaltsam ging‘s nach Süden. Wir kamen in die Nähe der Karpaten, und noch immer weiter fuhr der Zug in südlicher Richtung. Dicht an Wien ging es vorbei, dann, als wir auch an Budapest vorbeifuhren, war unser Ziel klar. Unweit der serbischen Grenze wurden wir ausgeladen. Drei lange Wochen verbrachten wir hier vollständig untätig, d. h. morgens putzten wir Pferde, dann ritten wir spazieren und dann putzten wir wieder Pferde. – Es war recht interessant, das Völkergemisch an der Grenze Südungarns kennenzulernen, aber die geistreiche Arbeit und die furchtbare Hitze machte uns schlaff und missmutig. – Endlich wurde die ganze Division wieder verladen, und nun ging‘s nach Galizien. Es folgten lange, lange Märsche, schwere Kämpfe am Dnjestr (Dnister= Zufluss des Schwarzen Meeres), zusammen mit der Armee Linsingen, bei der die Kavallerie wenig Beschäftigung und weite Ritte als Armee-Reserve hatte. Wir ritten durch Lemberg, überschritten die russische Grenze und wurden nun der Armee Mackensen zugeteilt. Jetzt begann der wundervolle, ununterbrochene Vormarsch auf Brest-Litowsk und weiter auf Pinsk zu. Aber gerade, als es wirklich losgehen sollte, Mitte Juli, als wir wirklich Patrouillen reiten sollten, die seit Kriegsbeginn mein höchster Wunsch waren, wurde ich krank. Mit hohem Fieber und schon wochenlang andauerndem Magenkatarrh wurde ich in einem Feldlazarett zurückgelassen, von wo ich bald ins Kriegslazarett zu Zamosc gebracht wurde. Meine Krankheit wollte gar nicht besser werden, und vier Wochen blieb ich dort. Ich beschäftigte mich als Krankenpfleger, Schreiber usw. und hatte wenigstens Gelegenheit, irgendwelche Arbeit zu leisten. Obwohl im Lazarett es mit meinem Magen gar nicht besser werden wollte, ließ ich mich endlich doch wieder gesundschreiben und versuchte, meine Schwadron, die mittlerweile 200 km vorgerückt war, einzuholen. Vier Tage trieb ich mich herum, wurde auch nach Lublin verschlagen, aber dann war es mit meiner Kraft zu Ende. Ich ließ mich in der Revierstube eines kleinen Ortes untersuchen, wurde für herzkrank erklärt und nach Hause geschickt. Fünf Tage später war ich in Allenstein, wo ich sofort Urlaub bekam. Vier Wochen lang ließ ich mich zu Hause pflegen und füttern. Leider war aber mein Herz noch immer nicht in Ordnung und ich bekam nochmals vier Wochen Urlaub, die ich jetzt in Bad Nauheim verbringe. Anfang November wurde ich zum Unteroffizier befördert.            

Walter Bondy
(Quelle: Bischofsteiner Chronik, Sommer – Herbst – Winter 1915)

Im November war Walter Bondy vierzehn Tage in Bischofstein zur Nachkur von Bad Nauheim. Jetzt ist er wieder bei der Ersatz-Schwadron seines Regiments. Seine Adresse ist: Unteroffizier Walter Bondy, Allenstein in Ostpreußen, Königstraße 82.