Festpredigt zur Einweihung der Lengenfelder Lourdes-Grotte am Dünberg (Sonntag, 4. Mai 1980) - Pater Florentin
Erinnerungen an die Einweihung unserer Mariengrotte
am 4. Mai 1980
Festpredigt von Pater Florentin
Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar berichtet in seinem Aufsatz „Die wunden Stellen“ von einer aufschlussreichen Begebenheit: „Karl Barth – er ist ein bekannter evangelischer Theologe – in seinen späteren Jahren ein regelmäßiger Hörer der katholischen Sonntagspredigten – stellte mir gegenüber mit Befriedigung fest, er habe noch nie eine Predigt über Maria gehört. Also geht es auch bei euch ohne sie, sagte er. Die Erfahrung Barths wird sich kaum zufällig ergeben haben, es könnte sogar typisch sein für die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Nicht, dass dieses Konzil gegen die Marienverehrung sich ausgesprochen hätte. Die Zeit, wo man Maria voller Begeisterung geehrt hatte, hat einer marianischen Eiszeit Platz machen müssen. –Das soll heißen, dass die Marienverehrung unter den Katholiken stark zurückgegangen ist, dass ihre Marienliebe erkaltet ist.
Aber was wir hier sehen und warum wir hier oben zusammengekommen sind, um dieser Grotte die Weihe zu geben, da kann man nicht von einer marianischen Eiszeit sprechen, hier ist es wirklich angebracht, das, was hier an alter Marienstätte geschehen ist im letzten Jahr, als marianischen Frühling zu bezeichnen. Wenn Ihr Lengenfelder diese schöne, geschmackvolle, mit so vielen Opfern, Mühen und Arbeit gebaute Mariengrotte geschaffen habt, so ist das nur zu erklären, dass in Euch eine große, starke Liebe zur Mutter des Herrn lebendig ist.
„Warum von Maria reden, warum eine Mariengrotte errichten?“, fragen auch manche Katholiken. Am Grabe der einstigen Theatergröße Anna Luise Karchin in der Sofienkirche zu Berlin stehen die Worte: „Kennst Du, Wanderer, sie nicht, so gehe und lerne sie kennen.“ Wer Maria nicht kennt, wird sie auch nicht lieben, wer sie nicht liebt, wird sie auch nicht verehren.
Maria ist die Mutter des Herrn, unseres Erlösers. Mit Recht nennen wir sie Gottesmutter. Eine größere Würde konnte keinem Menschen zuteil werden. Nur durch den Gottessohn ist sie so groß geworden. Ist es darum nicht selbstverständlich, dass wir, wenn wir Christus grüßen, nicht an seiner Mutter grußlos vorübergehen? Wo in aller Welt gibt es einen Sohn, der die Ehrung seiner Mutter nicht wünschen und ja sogar als Beleidigung auffassen würde. Durch Maria ist Christus Mensch und damit auch unser Bruder geworden, so ist Maria auch unsere Mutter. Was brauchen wir mehr als eine Mutter, eine Mutter, die uns versteht, eine Mutter, zu der wir immer gehen können mit unseren Sorgen und Nöten und Anliegen, eine Mutter, die uns liebt, eine Mutter, die uns helfen will und helfen kann?
Darum brauchen wir eine Stätte, wo wir allein bei unserer Mutter mit all unseren kleinen und großen Anliegen ein offenes Ohr und ein hilfsbereites Herz finden, wo aber auch die ganze Gemeinde sich immer wieder trifft, um gemeinsam zu beten zur Mutter der Barmherzigkeit, zur Mutter des Schöpfers. Das ist, oder müsste es wenigstens sein, unsere größte Sorge, dass unser Gottesglaube in unserem Land immer mehr schwindet. So beten wir gern zur Mutter des Schöpfers. Wenn wir so beten, dann bekennen wir, dass wir noch glauben an den ewigen, außerweltlichen, unendlichen, allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, dem wir alle, wie die ganze Welt, das Dasein verdanken. Wir bekennen damit, dass wir wissen, dass wir sein Eigentum sind, ihm gehorsam sein müssen. Es gibt eine Irrlehre, die den wahren, großen, außerweltlichen Gott nicht anerkennen will und den Glauben aus den Herzen des seit über 1000 Jahren christlichen Volkes reißen will, die da sagt, nicht Gott ist der Urheber des Menschen, sondern der Mensch hat Gott erfunden und erdacht, er ist die Idee seines Geistes. So wollt ihr an dieser Stätte immer wieder zur Mutter des Schöpfers beten, dass sie uns, unsere Kinder, unsere Jugend, unsere Familien, unsere Gemeinde, unser Eichsfeld, unser ganzes Volk nicht fallen lassen möge in einen so gotteslästlerlichen Irrglauben, dass sie uns bewahren möge vor einem solchen Über- und Hochmut. Voll Vertrauen wollen wir immer wieder zur Maria beten, deren ganzes Leben getragen war von dem Glauben am den einen Gott. Sie wusste und lebte danach, dass wir Menschen Gottes Eigentum sind, dass wir uns als Eigentum Gottes bewusst sein müssen, dass das Eigentum dem Eigentümer gehört und nach seinem Willen sich zu richten hat. So sprach sie das so herrliche und doch demütige Wort: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“ Nie in ihrem Leben, auch nicht ein einziges Mal, ist sie diesem Wort untreu geworden, auch nicht in der schwersten Stunde ihres Lebens, als sie stand unter dem Kreuze ihres Sohnes.
Quelle: Pfarrarchiv