Als noch der Bauer die Rösslein anspannte – Alte Eichsfelder Bräuche um die Osterzeit (1980)
Gemäß dem alten Kinderlied konnten früher die Eichsfelder Bauern nicht immer ihre Rösslein oder Ochsen zur Frühjahrsbestellung anspannen, denn da lag mitunter noch viel Schnee auf den Feldern. Den Tag des Beginns bestimmte der sogenannte Bauermeister und auch der Anbauplan war für die Dorfgemeinde vorher schon beschlossen.
In der Hoffnung auf gutes Gedeihen vertraute man die Saat in den Tagen des zunehmenden Mondes dem Schoße der Acker an. Das gleiche galt für das Pflanzen von Obstbäumen. An einem vorher vereinbarten Tage gingen die Dorfleute auch gemeinsam zu den Weidekoppeln, die in jedem Frühjahr instandgesetzt werden mussten. Bei der ersten Ausfahrt zum Pflügen versuchten die Nachbarn und Freunde, den Bauern mit Wasser zu benetzen, damit seine Arbeit dem Boden Fruchtbarkeit verleihen sollte. Dieser Brauch rührt noch aus altgermanischer Zeit her.
In den Knoten des Saattuches, das er über die Schulter geschlagen hatte, steckte der Sämann einige geweihte Palmzweige. Unter das Saatgut mischte er geweihte Körner aus den Heilkräuterbunde, geweihtes Salz und Asche vom Osterfeuer. Vielfach wurde das Saatgut obendrein noch mit Weihwasser bespritzt. Am Palmsonntag steckte man Palmzweige auf die Äcker als Schutz vor Hagel und Unwetter.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde im Eichsfelder Kessel, einer fruchtbaren Niederung zwischen Ohm- und Düngebirge, viel Flachs angebaut. Beim Bestellen dieser Felder, die sehr guter Pflege bedurften, achtete man streng darauf, dass das Zugvieh kein „Wasser“ auf das Flachsland ließ, weil davon angeblich das Stroh zu holzig wurde.
Außerdem stellte man einen langen Weidenzweig mit gelöstem Bast, das im Frühlingswinde flatterte, sowie einen entrindeten Lindenzweig auf. Der Flachs sollte so lang wie der Zweig, die Faser so stark wie die Rinde und das Leinen so weiß wie Lindenholz werden.
Alljährlich zu Ostern wurde in den meisten Eichsfelddörfern ein Flurreiten veranstaltet, woran der Schulze, der Pfarrer und die gesamte männliche Einwohnerschaft teilnahmen. Dieser Umritt verfolgte den Zweck, der heranwachsenden Dorfjugend die Gemarkungsgrenzen handgreiflich – durch Ohrfeigen – anzudeuten und festzustellen, ob die alten Grenzsteine noch an ihrem Platz standen. Flurnamen wie „Zankspitze“, „Haderscheere“ und „Haderholz“ erinnern an einstmals strittiges Gelände.
Nicht selten kam es auch zu langwierigen Prozessen um das Besitz- oder Nutzungsrecht. Beispielsweise herrschte wegen der Weiderechte am Langenberg zwischen den Worbiser, Kirchworbiser und Breitenworbiser Hirten und Schafhaltern fortwährend Zank und Streit. Ein diesbezüglicher Prozess dauerte etwa 16 Jahre. Auch Schlägereien waren mitunter unvermeidlich, wenn beim Flurreiten die Vertreter zweier oder gar mehrerer Ortschaften aufeinandertrafen.
Besonders gefährlich ging es zu, als einmal die Struther mit den Bickenriedern eine wüste Prügelei veranstalteten. Derjenige Geistliche, der vermittelnd eingreifen wollte, musste sein Leben lassen. Man nannte diese Stelle später etwas respektlos „Pfaffenecke“, weil man dort einen Pfarrer „um die Ecke“ brachte.
Richard Linke
(Quelle: „Thüringer Tageblatt“, Nr. 85, vom 10.04.1980)