Naturhistorisches aus der Tierwelt des Eichsfeldes

Schon in grauer Urzeit, da unser Eichsfeld nach mit Meer bedeckt war, lebten in diesem unzählige Tiere, von denen noch die häufigen Überreste stammen, welche in unserem Muschelkalke erhalten sind. Auch später in der Trias, desgleichen im Tertiär und der hierauffolgenden Eiszeit (Diluvium) lebten hier Tiere, deren Überreste (Fossilien) wir heute in der Form sogenannter Versteinerungen bei uns finden (vgl. Neureuter, Unser Eichsfeld 1915, „Aus dem Leben der Vorzeit“). Leider sind bis jetzt viele dieser wissenschaftlich sehr wertvollen Funde für das Eichsfeld verloren gegangen; dieselben sind in „außereichsfeldische Museen“ oder Lammlungen gekommen. So erst vor kurzem der 1930 bei Bilshausen gefundene „Riesen-Elch“. Derselbe befindet sich heute in Göttingen. In den Jahren um 1890 wurde in Lengenfeld unterm Stein beim Tieferschachten eines Kellers ein Elch-Geweih gefunden. Dasselbe soll nach Eberswalde gekommen sein. Die Hauptschuld am Abgange dieser Funde ist wohl meistens darin zu suchen, dass wir „bisher“ auf dem Eichsfelde keine Stätte der Aufbewahrung und Bearbeitung, kurz kein Heimat-Museum hatten, und dass kein Geld für solche Zwecke zur Verfügung stand. Ein großes Verdienst, vieles für Erstehung, Erhaltung und Aufbewahrung eichsfeldischer naturhistorischer Seltenheiten getan zu haben, kommt dem Staatl. Kath. Gymnasium in Heiligenstadt zu. Manche Funde befinden sich jedoch noch privaten Sammlungen – so die schöne Sammlung diluvialer Hirschgeweihe des Oberförsters Pech in Heiligenstadt. Diese Geweihe wurden in den Mergelgruben Heiligenstadt gefunden.

Über diese Fundstätte handelt ein Aufsatz von Prof. Neureuter in dieser Zeitschrift 1907, Geweihe aus dem Mergel von Heiligenstadt (mit 8 Abb.).

Nach dem Ende der Eiszeit, welche den Übergang zur Gegenwart vermittelte, lebten in unseren eichsfeldischen Urwäldern zur Zeit der Germanen bis weit ins Mittelalter hinein Bären, Elche, Wisente, Auerochsen (Ur). Hirsche und andere, deren Ahnen noch aus der Eiszeit stammten. Durch das Verschwinden der Urwälder wurde den meisten von ihnen bei uns die Lebensmöglichkeit genommen. Nach „Brehms Tierleben“ wurde beispielsweise der letzte Ur- oder Auerochs im Jahre 1627 in Polen erlegt. Manche Flurbezeichnungen beweisen, dass diese und jene Tierart bei uns gelebt haben muss; da gibt es Wolfsschluchten, Saunester, Saupfützen, Schuhuklüfte (Uhu) und vieles andere.

Vieles wird vernichtet durch die schon im frühen Kindesalter bei vielen Menschen sich zeigende Neigung, Nester zu zerstören und Tiere zu quälen, ferner durch die Gier mancher Erwachsenen, alles Lebende, besonders in strengen Wintern die Not der Tiere ausnutzend, zu fangen und zu schießen, einerlei ob es sich um geschützte oder ungeschützte Arten handelt. Viele Jäger haben nicht eher Ruhe, bis das letzte Stück Wild in ihren Revieren erlegt ist. – Hierzu möchte ich nur die eine Frag stellen: Zu welcher Zeit war wohl das Eichsfeld wildreicher, zur Zeit des Luchses, der Wildkatze, des Uhu und des Habichts – oder heute, wo Luchs, Wildkatze und Uhu bei uns ausgerottet ist und sich der Habicht nur noch ganz einzeln und selten bei uns zeigt?

– Die Antwort hierauf wird nicht schwer sein. Was gibt es denn heute für traurige Treibjagdereignisse gegenüber denen zur Zeit meiner Kindheit! Und das ist erst vierzig Jahre her. Wie klein und selten sind die Hühnerketten geworden! Wer mit offenen Augen und Ohren heute die Natur beobachtet, muss bestätigen, dass der aus unserer Jugend so sehr bekannte und im Lied verherrlichte Wachtelruf zur Seltenheit bei uns geworden ist. Raubtiere und Raubvögel können den Sündenbock nicht gut mehr abgeben, denn die sind ja auch fast so gut wie verschwunden,

Noch mehr jedoch greift der Mensch „unbewusst" in das Sein oder Nichtsein der Tiere ein durch seine „Kultur“. Jede Veränderung des ursprünglichen Landschaftscharakters, z. B. die Trockenlegung feuchter Wiesen, die Abforstung jahrhundertalter Mischwaldungen und Neuaufforstung zu „reinen“ Nadelwäldern wird unbedingt einen Wechsel in der Tierwelt hervorrufen und viele Arten zum Aussterben oder zur Abwanderung zwingen und auch wieder anderen bisher in der Gegend nicht beheimateten Tieren Eingang und Lebensmöglichkeit verschaffen, die dann einen dürftigen Ersatz bilden. Auch können viele Menschen sich leider noch keinen rechten Begriff davon machen, wie viele verwerfliche Mittel dazu beitragen, unsere heutige Tierwelt immer ärmer zu machen: das Abbrennen der Raine und Grasflächen, das Ausroden der Schwarzdornhecken, Wachholders usw., das Fällen alter, hohler Bäume. Durch das Verschwinden der Raine und Hecken wird vielen Vögeln die Nistgelegenheit genommen und diese selbst zur Abwanderung gezwungen. Dasselbe geschieht durch das Fällen der hohlen Bäume. Kleiber, Spechte und Meisen werden weniger. Hohle Bäume fällen und Dornheckenroden möge als Naturnotwendigkeit hier und da vereinzelt berechtigt sein, dass man jedoch der Natur mit Feuer zu Leibe geht, ist unverantwortlich, sogar strafbar; und doch brennt es jedes Frühjahr an allen Wegen, Bahndämmen, Rainen und Grasplätzen.

Warum schafft man für die verloren gegangenen Wohnplätze der Tiere so wenig Ersatz und Ausgleich, wie Nisthöhlen an Stelle der fehlenden hohlen Bäume, lebende Zäune für die Raine? Weißdornzäune sind die idealsten Nistplätze für Singvögel und Tummelplätze für Igel und andere Tiere. Auch sie gehören zum natürlichen Landschaftsbilde unserer Heimat. Manche Schmetterlingsraupen, Blattläuse und Blattwespenlarven, welche zu ihrer Nahrung Schwarz- und Weißdorn nötig haben, müssen notgedrungen Schädlinge werden und auf Obstbäume und andere Kulturgewächse übergehen, da ihre ursprünglichen Futterpflanzen immer weniger werden. So lebt z. B. auf dem Obereichsfelde, wo stellenweise noch Schwarzdorn vorhanden ist, die Raupe des Wollafters (Eriogaster Ianestris) nur auf Schwarzdorn, seiner natürlichen Futterpflanze, während derselbe sonst in Deutschland als großer Obstbaumschädling bekannt ist.

Wie überall in Deutschland, so wurden auch auf dem Eichsfelde durch den Menschen gewisse Tierarten ausgesetzt (künstlich eingebürgert). Es sind nur ganz wenig Arten, nämlich zwei Fischarten, die Regenbogenforelle und der Backsaibling, (vergl. Neureuter, Eichsf. Heimatkunde S. 71). Neuerdings versucht man den Jagdfasan bei uns einzubürgern, doch wie es scheint, mit wenig Aussicht auf Erfolg. Das ist gut so. Denn der Fasan stammt aus Asien und gehört nicht in unsere deutsche Tierwelt. Warum versucht man es nicht mit echten deutschen Auer-, Birk- und Haselhühnern, die alle schon früher auf dem Eichsfelde heimisch waren?

Auch ohne das Zutun des Menschen und seiner Kultur finden gewisse Zuzüge von Tieren statt. Besonders sind es einige Arten von Schmetterlingen, welche aus südlicheren Ländern zu uns kommen, deren Nachkommen aber im Spätherbst regelmäßig zu Grunde gehen. Sie können anscheinend unsere strengen Winter nicht überleben, versuchen aber durch neuen Zuzug bei uns festen Fuß zu fassen. Manche Arten erscheinen nicht jedes Jahr, sondern nur zuweilen und dann wohl meistens in größerer Anzahl wie die „goldene Acht“ (Colias edusa). Dieses Tier hat das letzte Flugjahr 1928. Auch der Distelfalter (Pyrameis cardui) ist ein wanderlustiger Schmetterling. Derselbe erscheint jedes Frühjahr neu bei uns. Dasselbe gilt auch von einigen Nachtfaltern, dem Totenkopf (Acherontia atropos) und vom Windenschwärmer (Protoparce convolvuli).

Unter den Singvögeln haben wir auf dem Eichsfelde Zugang erhalten durch den Girlitz (Serinus hortulanus). Er ist eine kleine Finkenart mit sehr kurzem, dickem Schnabel und gelbgrünem Gefieder. Er ist ein Zugvogel und hat sich erst in den letzten Jahrzehnten aus den Mittelmeerländern kommend bei uns eingebürgert. Prof. Neureuter erwähnt ihn in dieser Zeitschrift 1912: „Beobachtungen aus der heimatlichen Vogelwelt“.

So weit die nachweislich zugezogenen und eingebürgerten Tierarten. Nun folgt die leider viel größere Zahl der ausgestorbenen und gefährdeten Tiere, d. h. derjenigen Tierarten, welche früher viel häufiger bei uns waren, heute jedoch in ihrem Bestande so sehr dezimiert sind, dass auch mit ihrem baldigen Aussterben gerechnet werden muss.

Der Rot- oder Edelhirsch (Cervus elaphus) wechselt vereinzelt über das Eichsfeld, doch fällt er gewöhnlich dem Blei zum Opfer. An der Gobert wird derselbe noch im Wildgatter gehegt. Das Wildschwein (Sus scrofa) schien lange Zeit vom Eichsfelde verschwunden zu sein. Erst in den letzten Jahren macht es sich in einigen Stücken wieder bemerkbar, so in den Revieren nahe der Werra, am Hanstein und auf dem Obereichsfelde. Eigentümlich war, dass einer ihrer Wechsel stets vom Karrenberg kommend über die „Saupfützen“ in der Hildebrandshäuser Flur, dann über den Geiberg bis ins „Saunest“ nach Lengenfeld ging und von da wieder zurück. Als eigentliches Standwild können wir das Wildschwein für das Eichsfeld auch nicht mehr ansprechen.[1]

Der Luchs (Felis Iynx) ist heute in ganz Deutschland ausgestorben und lebt nur noch in Osteuropa, hat aber sicher vor 300 Jahren noch bei uns gelebt, denn von einem Luchs wird auf einem Bilde in der Rathaushalle zu Mühlhausen/Th. berichtet, der 1668 im Gehölz an einer Buche geschossen worden ist. Die Mühlhäuser Waldungen gehen weit in das Obereichsfeld hinein.

Die Wildkatze (Felis catus) ist bei uns ausgerottet. Es besteht die Möglichkeit, dass dieselbe vom Harze kommend noch hier und da auf dem Eichsfelde gespürt wird. Man sollte ihr allen möglichen Schutz angedeihen lassen, denn sie gehört von alters her zur freien Wildbahn und jetzt zu den wegen ihrer Seltenheit geschützten Tieren, deren Tötung strafbar ist, auch für den Jagdinhaber. Die überhand nehmenden verwilderten Hauskatzen jedoch sind viel größere Räuber unserer Jagd- und Singvögel. Ihnen sollte man erbarmungslos zu Leibe gehen. Eine Wildkatze duldet keine Rivalen im Revier. Wo sie lebt, können keine verwilderten Hauskatzen aufkommen. Die letzte von mir beobachtete Wildkatze war eine 1906 an der Plesse bei Hildebrandshausen erlegte.

Der Edelmarder (Mustela martes), sowie der Steinmarder (Mustela foina) sind beide sehr selten bei uns geworden. Noch vor 70 Jahren muss der Marder auf dem Eichsfelde häufig gewesen sein. So erzählte mir mein Vater, dass früher das sogenannte Marderklopfen auf den Dörfern bei jedem Neuschnee gang und gebe war. Ich selbst habe noch 1905 ein solches Marderklopfen in Hildebrandshausen mit ansehen können und will es kurz schildern.

War Neuschnee gefallen, so setzten sich schon in grauer Morgendämmerung die passionierten Marderjäger oder Spürer in Bewegung, durchstreiften die Dorfgärten, krochen durch Lücken der Zäune und Staketten, untersuchten gründlich den Schnee, um die Spuren des Marders festzustellen und nachzusehen, wo sich die Tiere festgesetzt hatten. In der Scheune, im Schuppen oder Backhäuschen, in welche die Spur hineinging, von wo sie aber nicht wieder heraus führte, da musste der Marder sitzen. Hatte man so einen festsitzenden Marder entdeckt, dann verbreitete sich schnell die Kunde davon und die halbwüchsige Jugend bewaffnete sich mit spitzen Stangen, andere mit Karfreitagklappern, Topfdeckeln und anderen Spektakelinstrumenten. Sie machten einen ohrenbetäubenden Lärm und stachen mit den Stangen in das Stroh und Heu, warfen Reißholzwellen und Scheitholzhaufen auseinander, um den oder die Marder aus dem Versteck zu treiben. Ehe der Radau begann, hatten schon Schützen die Gebäude umstellt und warteten mit mehr oder weniger Aufregung auf das Erscheinen des Marders. Da – blitzschnell erscheint er in einem Dachziegelspalt oder im Dachgiebeldreieck einer Scheune. Drei oder mehr Schüsse knallen und nun – selten lag er sofort tot am Boden – war er meistens zurück, die Gefahr witternd, in die Scheune oder er hatte sich durch einen kühnen Sprung in ein angrenzendes Gebäude gerettet. Dieser Augenblick der Jagd war das einzige Schöne für einen Naturfreund, das blitzschnelle Erscheinen, der gewandte berechnete Sprung des Marders meistens aus sehr beträchtlicher Höhe und das schnelle Finden eines neuen Verstecks. Nun fing der Spektakel von neuem an, bis dann der Marder endlich – es ist manchmal Nachmittag dabei geworden – doch zur Strecke gebracht war. Dann ging es zur Schänke und das Fell wurde „versoffen“. – Diese Art Marderjagd wurde später oder war eigentlich schon polizeilich wegen der damit verbundenen Lebens- und Feuersgefahr verboten. Heute erübrigt sich das Verbot, ein Marder ist eine Seltenheit bei uns geworden, aber es wäre viel besser, wir hätten noch mehr Marder, denn alsdann wären heute die Verordnungen der Behörden nicht nötig über Rattenvertilgungen. Es gibt keinen besseren Rattenvertilger als gerade den Stein- oder Hausmarder.

Der Fischotter (Lutra vulgaris) war wohl schon immer ein seltenes Tier auf dem Eichsfelde, da hier größere Flüsse fehlen. Doch kam derselbe dennoch auch bei uns vor. So sah ich einen solchen in meiner Jugend, der bei Großbodungen geschossen war. Auch ist in den 1890er Jahren einer bei Lengenfeld u. Stein an der Frieda erlegt worden. Man kann das Vorhandensein des Fischotters leicht feststellen an den Austrittstellen der Otter. Diese Austrittstellen liegen meistens auf einspringenden Landzungen oder seichten Ufern und sind kenntlich durch die Fußspuren, Fischgräten und die Losung. Trotz eifrigen Suchens habe ich in den letzten Jahren keine solchen Stellen mehr beobachten können.

Der Vachs (Meles taxus) muss früher viel häufiger auf dem Eichsfelde gewesen sein als heute. Denn vor ungefähr 50 Jahren wurde der Dachs noch bei uns von Berufenen und Unberufenen mit zwei besonders dafür abgerichteten Hunden gejagt. Ein alter Gewährsmann teilte mir selbst mit, dass jeden Herbst etwa 12 bis 15 Dachse in einer Feldflur allein erlegt wurden. Wann wird heute einmal bei uns ein Dachs gesehen?

Das Auerhuhn (Tetrao urogallus). Noch um die Jahrhundertwende bis 1903 wurden Auerhühner vom Förster Borkenhagen regelmäßig als Standwild an der Gobert beobachtet.

Das Birkhuhn (Lyrurus tetrix). Mit dem Verschwinden der Birken ist sicher auch das Birkhuhn vom Eichsfelde abgewandert, wenigstens aus den Gebieten des Eichsfeldes, wo Heide, Heidelbeere und Ginster wächst. Die Südhänge der eichsfeldischen Berge nach der Werra zu haben diese Flora und hier stoße ich auch auf die einzige Spur eines Birkhahnes. Derselbe wurde 1909 bei Großburschla erlegt und befindet sich dort noch ausgestopft in der Volksschule.

Die Stock- oder Wildente (Atnas boscas) ist bei uns nicht nur auf dem Seeburger See heimisch gewesen, wo dieselbe ja auch heute noch stark vertreten ist. Aber auch in den Flusstälern kam dieselbe früher häufiger vor, so im Luttergrund. Die Benennung Entenmühle ist nicht etwa auf die Hausente zurückzuführen, sondern auf die Wildente. Noch heute kann man einige Tiere dort beobachten, nicht nur im Herbst und Frühjahr, sondern den ganzen Sommer hindurch. Dieselbe wird also dort wohl noch brüten.

Ein immer seltener werdendes Tier bei uns ist die Hohltaube (Columba oenas). Schuld des Abwanderns ist der Mangel an hohlen Bäumen.

Der Uhu (Bubo maximus). Nach Beobachtungen des Försters Borkenhagen horstete ein Uhupärchen bis 1903 an der Gobert. Seit dieser Zeit kann der Vogel als ausgestorben für das Eichsfeld gelten (man vergl. Neureuter, Unser Eichsfeld 1918). Auch Professor Petry (Nordhausen) teilte mir mit, dass noch bis um 1850 der Uhu regelmäßig im Westerwalde (Wachstedt) horstete.

Die Gabelweihe (Nilvus reZalis). Welchem Naturfreund schlägt nicht das Herz höher beim Anblick dieses schönen, großen, harmlosen Vogels, wenn er in der Luft seine ruhigen Kreise zieht. Er stößt nicht auf Wild und dergl., sondern lebt meistens von Aas und nimmt auch wohl ein krankes oder kleineres Tier als Nahrung auf. Doch wie selten ist dieser Vogel auf dem Eichsfelde geworden. Zn meiner Jugend horstete jedes Jahr je ein Paar im Sachsenthal und auf dem Toten Mann bei Worbis. Lange Jahre schon horsten dort keine mehr. Bis 1907 horstete auf dem Obereichsfelde am Kohenstein (Verlängerung der Plesse) bei Hildebrandshausen ein Paar und ebenso am Hülfensberge ein Paar. Hier wurde das Weibchen von einem unglücklichen (nicht glücklichen, wie man meistens in den Tageszeitungen liest) Schützen vom Nest geschossen. Seit dieser Zeit waren dieselben auch aus diesem Gebiet des Obereichsfeldes verschwunden. Erst 1929 im Frühjahr siedelte sich ein Paar wieder bei Hildebrandshausen an. Dieselben haben 1929 und 1930 die Zungen glücklich hochgebracht und so ist zu erwarten, dass das Paar auch weiter dort horstet. Der Jagdinhaber Schulze Oberthür erhielt für die verdienstvolle Hege des schönen Vogels die von der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege im Verein mit dem Bund für Vogelschutz-Stuttgart ausgesetzte Prämie. Die Gabelweihe scheint sehr empfindlich für Störung des Horstes zu sein.

Der Wanderfalke (Falco peregrinus) horstet noch ab und zu, aber nicht jedes Jahr bei uns an der Plesse.

Der Hühnerhabicht (Astur palumbarius) ist ebenfalls kein Horstvogel auf dem Eichsfelde mehr.

Die Elster (Pica caudata). Was den Rückgang dieses Vogels bewirkt hat, ist mir unbegreiflich. Früher war die Elster bei uns sehr häufig und heute sehr selten, trotzdem die Lebensmöglichkeiten für dieselbe anscheinend die gleichen geblieben sind. Um 1880 und 1890 konnte man jedes Jahr im Hartholz bei Worbis allein 5 bis 8 Elsternester feststellen. Desgleichen wurde mir von Gewährsleuten bestätigt, dass auf dem Obereichsfelde in Lengenfeld, Faulungen und anderen Dörfern früher die Elstern in den Dorfgärten auf hohen Birnbäumen und auch Tannen (am Kirchberg in Lengenfeld) zahlreich nisteten. Heute ist sowohl in Worbis wie auch in Lengenfeld die Elster so gut wie verschwunden.

Von den Singvögeln konnte ich nicht beobachten, dass eine Art gänzlich bei uns ausgestorben wäre, nur sind dieselben nicht mehr so zahlreich wie früher, so z. B. nehmen die Schwalben an Zahl merklich ab, desgleichen die spechtartigen Vögel. Doch scheint der Schwarzspecht, die größte Spechtart in Deutschland, sich in neuerer Zeit gerade auf dem Obereichsfelde zu vermehren.

Auch Insekten sind auf dem Eichsfelde ausgestorben, welche nachweislich hier lebten, so der Alpenbockkäfer (Rosalia alpina). In einem Buche „Die Käfer Mühlhausens“ schreibt Möller auf Seite 81: „Rosalia alpina. Im Jahre 1836 soll dieser Käfer in großer Zahl von dem ‚Actuarius Mädler zu Nazza‘ im Werratal beim Gute Zella von Blüten Sambucus racemosus L., die dortselbst an den Felsenhängen wachsen, gesammelt worden sein. Vor einigen Jahren habe ich von Herrn Förster Zens in dem nahgelegenen Orte Falken 3 Stück und in diesem Jahre von dem Lehrer zu Lengenfeld bei Bischofstein, woselbst die Käfer unter dem Namen Himmelsziege im Dorfe an alten Säulen kriechen, 5 Stück erhalten. Sämtliche Exemplare besitzen ein dunkleres Kolorit als die von den Alpen.“ So weit Möller. Trotz eifrigen Suchens der Eichsfelder und Mühlhäuser Entomologen (Insektenkenner) ist dieser Käfer sowohl bei uns wie bei Nazza und Falken nicht mehr aufzufinden. Herr G. Fahlbusch, Senior der Mühlhäuser Entomologen, teilte mir mit, dass er selbst den Käfer nicht mehr bei uns aufgefunden hat, jedoch habe ihm ein Herr Dr. Claes, Sanitätsrat (Mühlhausen), mitgeteilt, dass er (Claes) als Student noch mit Möller zusammen dieselben bei Lengenfeld und Kloster Zella selbst gesammelt und auch durch Lengenfelder Schulkinder habe sammeln lassen und für jedes Stück einen Schieferstift gegeben habe. Später haben Prof. Neureuter (Heiligenstadt) und Prof. Dr. Petry (Nordhausen) trotz eifrigen Suchens denselben auch nicht mehr feststellen können. Prof. Petry hat nur erfahren können, dass noch ein Exemplar des Alpenbocks in den 1880 er Jahren in Lengenfeld gefunden und durch einen Lehrer aus Lengenfeld der Volksschule in Heiligenstadt geschenkt worden sei. Leider ist dasselbe dort nicht mehr vorhanden.

Mir selbst wurde von alten Lengenfeldern der Käfer so genau beschrieben, dass eine Verwechselung mit einem anderen Bockkäfer ausgeschlossen ist. Früher sollen in Lengenfeld die alten Häuser noch oft mit Buchenholz gebaut worden sein und in diesen morschen Buchensäulen und Schwellen habe die Larve und auch der Käfer gelebt (man vergl. oben Möller „an alten Säulen kriechen“). Himmelsziege wurde der Käfer genannt wegen seiner langen Fühler und wegen des Geräusches, welches derselbe durch Reiben seines Brustschildes hervorbringt. Das Geräusch ähnelt entfernt dem leisen Meckern einer Ziege. Es ist leider bedauerlich, dass keine Beleg-Stücke dieses Käfers mehr auf dem Eichsfelde vorhanden sind, da es sich scheinbar um eine Lokalform oder Rasse gehandelt hat, welche sich von der der Hochalpen durch ihre dunklere Färbung unterschied (Möller: dunkleres Kolorit).

Der Baumweißling (Aporia crataegi) ist ein Falter, welcher in meiner Jugend, besonders 1888, sehr häufig bei uns auftrat, sodass die Raupen mit Raupenfackeln bekämpft werden mussten. Derselbe ging in den 1890 er Jahren bis zur Jahrhundertwende stetig zurück, verschwand dann gänzlich, erst 1921 habe ich ein einziges Stück wieder auf dem Obereichsfelde beobachtet und gefangen. Im gleichen Jahre hat Prof. Neureuter auch 2 Puppen bei Rengelrode gefunden. Seit dieser Zeit ist er nicht wieder beobachtet worden. Er scheint nicht ständig bei uns zu sein, sondern zuzuwandern.

Zum Schluss meiner Ausführungen muss ich bemerken, dass dieselben keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können und wollen, denn es sind nur die Tiere aufgeführt, die zufällig beobachtet worden sind.

Lambert Rummel
(Quelle: „Unser Eichsfeld“ 1932, S. 87 – 95)

[1] Im Höheberg ist das Schwarzwild seit ungefähr 20 Jahren Standwild. (D. Schltg.)